Rezension

AUF DER SUCHE NACH FAMILIE

Viel hatte  die Großmutter nicht erzählen wollen, wenn es um die Frage nach der Herkunft des Kindes ging. Irgendwann fragte es auch nicht mehr. Der Vater war wohl einer dieser Kriegsflüchtlinge gewesen. Er hatte der Mutter nur seine Liebe bieten können, die nach kurzer Zeit zerbrach. Die Mutter setzte sich über Westberlin in die Bundesrepublik ab. Durch den Mauerbau waren die persönlichen Kontakte beendet. In der Geburtsurkunde des Vaters stand der Ort Oppeln.

Im Januar 1945 war der Familie Ochmann gerade noch die Flucht aus Hinterwasser gelungen. Die Zugfahrt endete, wie für viele andere Flüchtlinge in Chemnitz. Das Rote Kreuz sorgte für Unterkünfte, doch in der Bombennacht vom 5. März 1945 verloren sie diese. In Mühlau wurden sie später ansässig. Das erfuhr das Kind erst viele Jahre später.

Aus der Sicht des Mädchens, meist wird es nur „das Kind“ oder „sie“ genannt, wird uns die weitere Geschichte erzählt.

Die Mutter lebte in Kassel, heiratet einen US-Soldaten und wandert in die USA aus. Ab und zu schickte sie Grüße oder ein Paket. Vom Vater kommen Unterhaltszahlungen und einmal Spielzeug.

Das Mädchen lebt bei den Großeltern, doch die Großmutter erkrankte und starb bald.

Mit umgetauschten „sieben Dollar“ in der Tasche, die Staatsbank der DDR in Karl-Marx-Stadt konnte ihr nur 15,– DM aushändigen, konnte sie schließlich die Mutter in den USA besuchen.

Die fremde Welt war beeindruckend, doch Heimweh begann. Einen Zugang zur Mutter fand sie nicht.

Inzwischen hatte sie selbst ein Haus gebaut und war doch einsam. Sie hörte vom frühen Tod des Vaters. Sollte ihre Suche vergebens gewesen sein?

Eine auf den ersten Blick nebensächliche Äußerung in einer Begegnung führte zur novellesken Wendung in der Erzählung: sie fand endlich die Familie ihres Vaters, dessen Namen sie in ihrer Jugend trug, und damit ihre Familie.

Erst jetzt schloss sich der Kreis. Bis dahin dauerten die Verwerfungen, die der Krieg im Leben der Familie Ochmann, wie im Leben aller Menschen, auf allen Seiten anrichtete.

Die Autorin beschreibt ihre Suche nach Familie und die dabei entstehenden Gefühle vorbildlich lapidar.

Sie zeigt kein Selbstmitleid an der Oberfläche und macht gerade dadurch die Größe ihrer inneren Gefühle fassbar. Dieser Erzählstil lässt das Buch aus der Flut heutiger Neuerscheinungen hervorragen.

Clara Schwarzenwald

Information

Annette Ochmann: Mit sieben Dollar in New York. 

Eigenverlag 2021

ISBN 978-3-00-068790-7

https://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783000687907

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