Reportagen

DIE KULTURSTAATSIDEE

Am 17. Februar legte ein stürmischer Westwind, zum Teil in Orkanstärke, das öffentliche Leben weitgehend lahm. Aber trotz Sturm und Corona kamen etwa 20 Gäste zur Veranstaltung der Chemnitzer Goethe Gesellschaft in die NEUE SÄCHSISCHE GALERIE im Kulturkaufhaus Tietz. Dort stellte der Mironde Verlag den zweiten Band der Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland mit dem Titel VON GOETHE BIS RATHENAU, der von Johannes Eichenthal verfasst wurde, vor. Das Zusammentreffen von Goethe-Freundinnen und Goethe-Freunden stiftete an diesem Abend eine unvergleichliche Atmosphäre. 

Frau Stein vom Vorstand der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft begrüßt die Gäste

Dr. Andreas Eichler, der Programmleiter des Mironde-Verlages, musste den Autor Johannes Eichenthal erneut vertreten. Eichler stellte an diesem Abend bei der Darstellung der Überlieferung des literarisch-sprachlichen Erbes in Mitteldeutschland die Goethe-Rezeption in den Mittelpunkt.

Er begann das Kapitel über Johann Wolfgang Goethe, im Buch mit dem Titel DER STÜRMER UND DRÄNGER überschrieben. Aus Goethes Jugendwerk hatte Eichenthal den Briefroman DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS, so der Titel der Erstauflage von 1774, ausgewählt. Neben der rührenden Liebesgeschichte, so Eichler, habe der Roman auch einen Subtext. Goethe, der die Arbeitsweise des Reichskammergerichtes in Wetzlar aus der Sicht eines Referendars kennen lernte, nutzte die Möglichkeit zur Kritik der alten Eliten: lebensfremd, arrogant, die ganze Energie darauf beschränkt, an der Tafel einen Stuhl weiter zu rücken, vermochte die Funktionselite nicht einmal mehr ihre elementaren Dienstpflichten zu erfüllen. Goethe gab mit dem Buch, des ersten deutschen Prosawerkes, das in ganz Europa erfolgreich wurde, dem aufbrechenden Generationskonflikt eine Stimme. In Weimar rüstetet Goethe als Minister die Weimarer Armee bis auf 16 Mann ab. Die verbleibende Mannschaft wurde vorwiegend zu Botengängen eingesetzt. Außenpolitik gründete das kleine Herzogtum fortan auf Kultur. 

Das Kapitel über Bettina von Arnim, geb. Brentano, wurde mit DIE MYTHOS SCHÖPFERIN überschrieben. Mit dem Buch Goethes Briefwechsel mit einem Kinde von 1835 entwickelte sie ein geistiges Denkmal. Von der Hand Bettina von Arnims stammt auch ein plastischer Goethe-Denkmalentwurf, der deutlich macht, dass sie ihn zu einem griechischen Göttersohn stilisierte. In den Berliner Salons von Bettina von Arnim und Rachel Varnhagen van Ense verband sich dieser Goethe-Mythos mit dem Mythos um den preußischen Reformer Reichsfreiherrn Karl von und zum Stein zur Kulturstaatsidee. Die Reichsgründung wäre mit noch so viel »Blut und Eisen« nicht möglich gewesen, wenn es Weimar und Goethe nicht gegeben hätte. (Volker Caysa)

Das Kapitel über Walther Rathenau wurde mit DER PROPHET überschrieben. Die Großeltern Rathenaus hatten die Salons der Bettina von Arnim und Rachel Varnhagen van Ense besucht und überlieferten ihrem Enkel den Goethe-Stein-Mythos. Rathenau eignete sich eine breite und tiefe Bildung an. Er hatte nicht den Anspruch ein Musterschüler zu sein oder in einem Fach zu brillieren. Ihm ging es um Zusammenhänge. Er nannte Plato, Jesus, Buddha und Goethe als die wichtigsten Menschen der Weltgeschichte. 

1913 veröffentlichte Rathenau einen Zeitungsartikel, in dem er darauf verwies, dass Krieg kein Mittel der Politik mehr sein und dass die Politik mit Kriegen nichts mehr entscheiden könne. Es gehe allein um die Wirtschaftskraft eines Landes. 

Ebenso polemisierte Rathenau gegen den neureichen Berliner Größenwahn, der sich nach dem Sturz Bismarcks breitmachte und der Aufrüstung und Kolonien forderte.

Am 31. Juli 1916 vollendet Rathenau in Freienwalde sein drittes philosophisches Hauptwerk mit dem prophetischen Titel VON KOMMENDEN DINGEN. Seine Analyse der Weltwirtschaft setzt noch heute Maßstäbe. Die Industrie sei eine notwendige Verbindung mit Vernunft eingegangen. Im Ergebnis durchdrang das Streben nach finanzieller Effizienz das gesamte menschliche Leben.

Walther Rathenau nannte diesen Prozess MECHANISIERUNG. Wenn kein Gegengewicht gefunden werde, dann versklavt die Mechanisierung die Menschen unter dem Deckmantel äußerlicher Freiheiten. Die herrschende Intellektualphilosophie helfe nicht nur nicht, uns gegen die Mechanisierung zu behaupten, sie fungiere sogar als Motor der Mechanisierung. 

Bei den Kirchen sei der Glaube erstarrt. Man habe nicht die Sprache gefunden, um einen zeitgemäßen Zugang zum Evangelium zu schaffen.

Aus der menschlichen Seele sah Rathenau dagegen jene Kraft hervorgehen, die die Gegensätze Glaube und Vernunft vereinige, und die die Mechanisierung humanisieren kann. 

Auf den Schultern Goethes, Steins und Bismarcks entwickelte Rathenau ein Kulturstaats-Reformprogramm für das 20. Jahrhundert, mit dem allen Menschen die Möglichkeit zur Erlangung von Bildung erschlossen, der Reichtum verflüssigt und die vererbte Spaltung der Gesellschaft überwunden werden sollte.

Heute zeige sich die Weitsicht Rathenaus auch hinsichtlich seiner Einschätzung der herrschenden Intellektualphilosophie. Deren Vertreter suchten z.B. mit sprachliche Mitteln die Moral zu verändern. Selbst wenn man den Akteuren gute Absichten unterstelle, könne man die verheerenden Folgen des Reinheitsstrebens nicht übersehen. Die Suche nach Korrektheit in der Sprache sei verbunden mit der Reduktion auf die Bedeutung der Zeichen/Buchstaben. Man erreiche damit möglicherweise Eineindeutigkeit und Maschinenlesbarkeit, verliere aber mit dem Ausschluss von Mehrdeutigkeiten, Homonymen, Synonymen die Entwicklungsfähigkeit der Sprache und vernichte am Ende sogar die Poesie. Letztlich beschleunigten solche Verfahren die Vereinheitlichung der Welt durch die Mechanisierung.

Die Besonnenheit im Umgang mit dem vielstimmigen sprachlichen Erbe verbietet solches Reinheitsstreben, ebenso wie andere Vereinnahmungsversuche, Dominanzstreben, Kanonbildung und Traditionsbildung.

Eichler erinnerte am Ende daran, dass alle im Buch genannten Wirkungsorte innerhalb einer Tagesreise erreichbar und alle zitierten Bücher antiquarisch erhältlich sind.

Frau Stein vom Vorstand der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft dankte dem Mironde-Verlag

Der Neuen Sächsischen Galerie ist für die Kooperation mit der Goethe-Gesellschaft zu danken. Der Goethe-Gesellschaft Chemnitz und ihrem Vorsitzenden Siegfried Arlt ist für die langjährige Organisation solcher Veranstaltungen in Chemnitz zu danken.

Clara Schwarzenwald

Information

Johannes Eichenthal: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau

23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche Abbildungen 

VP 29,90 €  

ISBN 978-3-96063-026-5

Lieferbar

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 1. Von den Minnesängern bis Herder

23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche Abbildungen 

VP 29,90 €  

ISBN 978-3-96063-025-8

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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One thought on “DIE KULTURSTAATSIDEE

  1. Liebe Clara Schwarzenwald,
    für diese in Wort und Bild vortreffliche Reportage bedanke ich mich sehr herzlich – konnte ich doch auf diese Weise regen Anteil am
    Auftakt des Jahresprogramms 22 unserer Gesellschaft nehmen.
    Hoffe bald wieder fit zu sein und verbleibe bis zum Wiedersehen als
    Ihr Siegfried Arlt
    Vorsitzender
    Ehrenmitglied der Goethe-Gesellschaft Weimar

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