Am 14. März 2026 verstarb der emeritierte Soziologie-Professor Jürgen Habermas (Jg. 1929). Bereits zu Lebzeiten genoss Habermas hohe öffentliche Anerkennung. In seiner Laudatio auf die Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ an Jürgen Habermas sagte Jan Philipp Reemtsma im Oktober 2001, das Habermas „der“ Philosoph „der“ Bundesrepublik Deutschland sei. (Reemtsma, Jan Philipp: Laudatio. In: Habermas, Jürgen: Glauben und Wissen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2001, S. 35) Habermas gehörte nach 1990, im Fahrwasser von Francis Fukuyamas hegelianischem „Ende der Geschichte“, zu den ideologischen „Begründern“ einer Vorreiterrolle des Westens in der Welt mittels Selbstermächtigung zur Universalität. Der Westen sei dort, so Habermas, wo die anderen noch hin müssten. Allen nichtwestlichen Gesellschaften bescheinigte er nur noch zu „nachholenden Revolutionen“ fähig zu sein. Mit dieser Sichtweise prägte Habermas große Teile der linksliberalen Funktionselite der Bundesrepublik. Seine früheren Theorien von einer „herrschaftsfreien Kommunikation“ traten dadurch in den Hintergrund. In den Nachrufen wurde kaum auf eine Diskussion zwischen Jürgen Habermas und Kardinal Joseph Ratzinger (1927–2022), dem späteren Papst Benedikt XVI., vor ausschließlich geladenen Gästen in München im Jahre 2004 eingegangen. Den Ergebnissen der Diskussion wurde bereits 2004 leider nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die ihnen gebührt. Deshalb möchten wir daran erinnern. Zur Diskussion stand damals die Frage, ob der „freiheitliche Staat vorpolitischer moralischer Grundlagen“ bedürfe. Aufgeworfen hatte diese Fragestellung Mitte der 1960er Jahre der Verfassungsrechtler Ernst W. Böckenförde.

1. Professor Habermas spricht in der Diskussion zuerst. Er verändert die Fragestellung leicht. Sein Beitrag ist überschrieben mit „Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates?“ (In: Habermas, Jürgen: Zwischen Naturalismus und Religion. Suhrkamp Verlag. Frankfurt 2005, S. 106 ff.) Professor Habermas verneint die von Böckenförde gestellte Frage. Er ist sich der Weltlage durchaus bewusst. So nennt er als Probleme das „Abbröckeln staatsbürgerlicher Solidarität“ und die „politisch unbeherrschte Dynamik von Weltwirtschaft und Weltgesellschaft“ (S. 112). Weiter: „Märkte, die ja nicht wie staatliche Verwaltungen demokratisiert werden können, übernehmen zunehmend Steuerungsfunktionen in Lebensbereichen, die bisher normative, also entweder politisch oder über vorpolitische Formen der Kommunikation zusammengehalten worden sind …“ (S. 112) „Angesichts der Konflikte und der schreienden sozialen Ungerechtigkeiten einer im hohen Maße fragmentierten Weltgesellschaft wächst die Enttäuschung mit jedem weiteren Fehlschlag auf dem (nach 1945 zunächst eingeschlagenem) Wege einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts“. (S. 112) Diese und andere Probleme will Habermas mit der „Positivierung des Rechts“ lösen. Dabei geht er von der Annahme der Existenz einer nach dem Muster der okzidentalen Rationalität aufgebauten „universalen Rechtsordnung“ als der politischen Grundlage jedes demokratischen Rechtsstaates aus. Wie definiert er sein Prinzip? „Der politische Liberalismus (den ich in der speziellen Form eines Kantischen Republikanismus verteidige) versteht sich als eine nichtreligiöse und nachmetaphysische Rechtfertigung normativer Grundlagen des demokratischen Verfassungsstaates. Diese Theorie steht in der Tradition eines Vernunftrechts, das auf die starken kosmologischen oder heilsgeschichtlichen Annahmen der klassischen und religiösen Naturrechtslehre verzichtet.“ (S. 107) Habermas grenzt sich also von „Religiösität“ und „Metaphysik“ strikt ab. Er spricht stets nur vom Verhältnis Glaube und Wissen, in dem Glaube als „unvollständiges Wissen“ gefasst wird (S. 118). Allein die „okzidentaler Rationalität“ ist die Voraussetzung des von Professor Habermas formulierten normativen Prinzip zur Schaffung eines „Weltrechts“. Von dessen weltweiter Durchsetzung erwartet er die Lösung wesentlicher Menschheitsprobleme (S. 118).

2. Kardinal Ratzinger überschreibt seinen Diskussionsbeitrag „Was die Welt zusammenhält. Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates.“ (In: Ratzinger, Joseph Kardinal: Werte in Zeiten des Umbruchs. Herder Verlag 2005, S. 2 ff.). Ratzinger bejaht die von Böckenförde gestellte Frage. Mit wenigen Worten skizziert er die durch Beschleunigung geprägte Herausbildung gegenseitiger Abhängigkeiten und gleichzeitiger Konflikte der Weltgesellschaft. Kulturen und Religionen seien heute durch Nichteinheitlichkeit und innere Spannungen geprägt. An die Analyse fügt er die zentrale Fragestellung an: „Wie können die sich begegnenden Kulturen ethische Grundlagen finden, die ihr Miteinander auf den rechten Weg führen und eine gemeinsame rechtlich verantwortete Gestalt der Bändigung und Ordnung der Macht aufbauen?“ (S. 28).
Im Unterschied zu Professor Habermas hebt Kardinal Ratzinger heraus, dass die Menschenrechte das tiefste Element des Naturrechts seien, nicht verständlich ohne die Voraussetzung, dass der Mensch selbst Subjekt von Rechten ist, „dass sein Selbst Werte und Normen in sich trägt, die zu finden, aber nicht zu erfinden sind.“ Er fügt an, dass man die Lehre von den Menschenrechten heute vielleicht um die Lehre von den Menschenpflichten und die Grenzen des Menschen ergänzen müsste (S. 36).
Im Unterschied zu Habermas hebt Ratzinger hervor, dass der Westen zwar den Anspruch auf universelle Geltung der „okzidentalen Rationalität“ und des Christentum erhebe, diese aber faktisch nicht vorliegt (S. 36 f.). Zur Erklärung fügt Ratzinger an, dass Rationalität immer an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden ist, die man anerkennen müsse: „Mit andern Worten, die rationale oder die ethische oder die religiöse Weltformel, auf die sich alle einigen, und die dann das Ganze tragen könnte, gibt es nicht“ (S. 38).
Mit der Anerkennung der faktischen Nichtuniversalität der okzidentalen Rationalität und des Christentums wird erhellt, dass der Weg der Verständigung zwischen den besonderen Religionen und Kulturen nur über ein Gespräch führen kann: „Ein solches Gespräch müsste heute interkulturell ausgelegt und angelegt werden. Für Christen hätte es mit der Schöpfung und dem Schöpfer zu tun. In der indischen Welt entspräche dem der Begriff des Dharma, der inneren Gesetzlichkeit des Seins, in der chinesischen Überlieferung der Idee der Ordnung des Himmels“ (S. 36).
Voraussetzung für die Kommunikationsfähigkeit unterschiedlicher Kulturen und Religionen ist die Anerkennung der notwendigen Korrelationalität von Vernunft und Glaube (S. 39). Das ist die traditionelle Definition von Weisheit. Diese verbietet das Eingreifen in andere Religionen und Kulturen, wie auch in das Leben anderer Menschen.

3. Kommentar
Der Vortrag von Professor Habermas zeigte einen typischen Vertreter der Intellektualphilosophie in der Tradition von Kant, Hegel und Marx. Er deduziert die abstrakte Annahme, dass die westliche Rationalität universellen Charakter trage streng folgerichtig. Aber Kardinal Ratzinger wendet dagegen ein, dass die „okzidentale Rationalität“ keinen universellen Charakter besitze. Eine besondere Kultur, wie die westliche, kann auch das Universelle, das Allgemeine nicht repräsentieren. Grundsätzlich existiert das Allgemeine nicht „rein“, sondern nur als innerer Zusammenhang des Besonderen, hier der besonderen Kulturen. Deshalb ist auch die Folgerung von Professor Habermas falsch: die „Verrechtlichung“ der Welt nach westlichem Muster kann die Lösung heutiger Probleme nicht leisten.
Für die westliche Gesellschaft ist die Erhellung Ratzingers eine große Herausforderung, weil sie in den letzten 500 Jahren einen Sonderweg beschritt. Im Unterschied zu allen anderen Kulturen und Religionen reduzierte der Westen Weisheit auf Vernunft, Vernunft auf berechnenden Verstand und trennte die beiden Gegensätze der Weisheit.
Aus der zeitlichen Distanz wird deshalb der Beitrag Joseph Kardinal Ratzingers noch interessanter. Die Mehrheit der Menschheit ist religiös gebunden. Ein Friede im Glauben ist die Voraussetzung zur Lösung vieler heutiger Probleme. Die Gespräche zwischen den Weltreligionen sind unabdingbare Voraussetzungen für die Herstellung des Friedens. Damit sind Annäherung und gegenseitiges Verstehen möglich.
Wir leben, um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen, alle von Voraussetzungen, die wir nicht selbst geschaffen haben. Unsere Erde entstand nicht aus sich selbst, sondern ist das Resultat des Wirkens kosmischer Kräfte. Selbstverständlich basiert das menschliche Zusammenleben auf Voraussetzungen, die wir nicht selbst geschaffen haben. Weder unsere physische noch unsere geistige Existenz als Menschen verdanken wir uns selbst.
Johannes Eichenthal
Information
Habermas, Jürgen: Zwischen Naturalismus und Religion. Suhrkamp Verlag. Frankfurt 2005
ISBN 978-3-518-58447-7
Ratzinger, Joseph Kardinal: Werte in Zeiten des Umbruchs. Herder Verlag, Freiburg 2005
ISBN 978-3-451-05592-8
Beide Diskussionsbeiträge in einem Band:
Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion. Herder Verlag, Freiburg 2018
ISBN 978-3-451-03119-9
Vor über 100 Jahren erforschten die Orientalisten, Alttestamentler und Neutestamentler der „Religionsgeschichtlichen Schule“ bereits den Zusammenhang der Weltreligionen. Die Ergebnisse der Forschung sind u.a. in einem fünfbändigen Lexikon zugänglich: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch in gemeinverständliche Darstellung. Tübingen 1909. (= 1. Auflage/ 1927 zweite Auflage)
Im Jahre 2007 begann der Suhrkamp-Verlag das Projekt „Verlag der Weltreligionen“. Anlässlich der Eröffnung des Verlages wurde das Konzept veröffentlicht: „Die Religionen der Welt. Ein Almanach zur Eröffnung des Verlages der Weltreligionen“. ISBN978-3-458-72000-3

