Der 15. März 2026 war ein trüber Vorfrühlingstag. Im Stauraum des Erzgebirges sammelten sich die Wolken, die ohne die Kraft des Windes den Erzgebirgsübergang nicht schaffen. Die Natur zwitscherte in all der Nässe voller Freude. Wir zogen unsere Regenmäntel an und gingen ins Heinrich-Hartmann-Haus nach Oelsnitz/Erzgebirge. Das hatte im Rahmen seiner laufenden Ausstellung „Wegzeichen 26 – Inspiration Natur: Otto Müller-Eibenstock, Gabriela Schlenz, Carl-Heinz Westenburger, Axel Wunsch“ zum Bildvortrag „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Von den Minnesängern bis Gundermann“ eingeladen. Erfreulich viele Gäste nutzen die Möglichkeit des gleichzeitigen Ausstellungs- und Vortragsbesuches an diesem Sonntagnachmittag.

Galerieleiter Alexander Stoll begrüßte voller Freude die Gäste und den Referenten Andreas Eichler vom Mironde-Verlag. Eichler dankte, und verwies darauf, dass Gotthold Ephraim Lessing am 1. August 1777 ein Projekt zur Geschichte der sprachlich-literarischen Überlieferung von den Minnesängern bis zu Luther begonnen habe. Johann Gottfried Herder setzte das Projekt fort und hob dabei die Rolle der bezeichnenden Sprache für die Menschwerdung heraus. Die bezeichnende Sprache sei, so Eichler, das Wesen der spezifisch-menschlichen Intelligenz. Zu diesem Schwerpunkt wolle er in seiner historischen Betrachtung hinführen. Im Alltag werde die spezifisch-menschliche Intelligenz leider immer mehr verdrängt. Bildung und Fantasie würden gering geschätzt. Dennoch, so betonte Eichler, habe diese Thematik existenzielle Bedeutung für unser Leben. Er entwarf dann vor dem Publikum ein Bild von 800 Jahren sprachlich-literarischer Überlieferung in Mitteldeutschland. Den Prozess, so Eichler, wolle er über herausragende Personen versuchen fassbar zu machen. Dabei gehe es um das Wirken der Personen, nicht um Mythisierung oder Verurteilung. Mythisierung, die Erfindung von historischer Größe, finde oft in ernsten Zeiten, unter Armuts- und Kriegsbedingungen statt. Verurteilung und Demontage von historischer Größe sei dagegen ein Phänomen der Wachstums- und Wegwerfgesellschaft. Historische Größe werde dabei von Idolen der Unterhaltungsindustrie abgelöst.

In seinem Ansatz bezog sich Eichler ausdrücklich auf Gotthold Ephraim Lessing und Johann Gottfried Herder. Er pointierte seinen Ausgangspunkt dahin: das Wesen der spezifisch-menschlichen Intelligenz ist die bezeichnende Sprache. Tiere können schneller denken als Menschen und beherrschen eine Sprache der Emotionen. Maschinen können schneller rechnen als Menschen. Allein der Mensch verfüge über bezeichnende Sprache. Er nehme die Welt mit allen Sinnen, mit dem ganzen Körper wahr: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten (Ge-Fühl). Die SprachVernunft (Logos) fasse die Sinneseindrücke zu inneren Wort-Bildern zusammen, die in der Regel körperlich sind. Die Sinneseindrücke werden durch diese Bezeichnung festgehalten und wieder aufrufbar. Die bezeichnende Sprache sei das verbindende Medium aller psychischen Prozesse, also unserer Seele. Selbst das sogenannte „Unbewusste“ habe eine sprachliche Struktur. Bezeichnende Sprache ist zugleich die Zusammenfassung der Sinneseindrücke, Kommunikationsmittel und innere Handlungssteuerung. Nicht Denken oder Denk-Bewusstsein, sondern die bezeichnende Sprache ist das Wesen der spezifisch-menschlichen Intelligenz. Der Preis für den Unterschied zu Tieren bestehe darin, so Eichler, dass Menschen nur mit Anlagen geboren werden und sich die Fähigkeit der bezeichnenden Sprache lebenslang aneignen, dass sie erst zu Menschen werden müssen

Bei der in Chemnitz geborenen Formgestalterin Marianne Brandt verweilte Eichler etwas länger. Er hob deren „Brief an die junge Generation“ heraus. Im Rückblick auf die Bauhaus-Zeit formulierte Brandt: „Damals war ich der Überzeugung, dass ein Ding, zweckdienlich in seiner Funktion und materialgerecht schön sein müsse. Später kam ich jedoch zu der Einsicht, dass die künstlerische Persönlichkeit den letzten Ausschlag gibt.“ Zwischen Technik und Kunst, so Eichler, existiert ein Gegensatz-Verhältnis, dass man in eine Form bringen muss.
Bei dem in Annaberg geborenen Carlfriedrich Claus verweilte Eichler auch etwas länger. Er hob hervor, dass uns Claus zur Selbstaktivierung in einer Welt im Umbruch anregen wollte. Unsere Erde taugt nicht für die Wachstums- und Wegwerfgesellschaft. „Resurrektion (Wiederauferstehung) der Natur, des Universums auf einem kommunistisch gewordenen Stern Erde dürfte ihren Ort im menschlichen Hirn haben, das mit dem Herz als Impulskern eine Bewußtseins-Union bildet. Mensch-Natur-Maschine-Mensch-Symbiose, eine radikal neue Technik und Industrie können dann realisiert werden. Die die gesamte Erde nicht nur als Lebensbasis erfassen, sondern darüber hinaus in einen komplexen Erkenntnis- und Aktionskörper des Universums verwandeln.“ (Aurora, 1995, S. 145) Abschließend verwies Eichler darauf, dass der letzte Satz in Walther Rathenaus Hauptwerk „Von kommenden Dingen“ einen ähnlichen Gedanken entwickelte: „Wir sind nicht da, um des Besitzes Willen, nicht um der Macht willen, auch nicht um des Glückes willen; sondern wir sind da zur Verklärung des Göttlichen aus menschlichem Geiste.“ Es geht beiden, so Eichler zu Rathenau und Claus, um die verantwortungsbewusste Wahrnahme unseres Platzes im Kosmos.

Alexander Stoll dankte dem Referenten und den Gästen und lud zur Besichtigung der Ausstellung ein.
Wir können nur einzelne Eindrücke vermitteln.

Otto Müller Eibenstock. o.T. (Ausschnitt)

Carl-Heinz Westenburger: Grenzkammlandschaft (1997, Ausschnitt))

Axel Wunsch: Ziegen o. J. (Ausschnitt)

Gabriele Schlenz: Himmelsblick. Hommage an Carlfriedrich Claus (Zu: Der Schamane tanzt/Aggregat K, Ausschnitt)

Auf der Heimfahrt ging uns noch einmal durch den Kopf, dass ausgerechnet eine kleine Galerie eine Ausstellung organisiert, die die Seele der Region trifft. Die Kombination von Otto Müller-Eibenstock (1898–1986), Carl-Heinz Westenburger (1924–2008), Axel Wunsch (geb. 1941) und Gabriele Schlenz (geb. 1963) machen zudem die Generationenfolge deutlich. Die Arbeiten vermitteln uns ein inneres Bild der Erzgebirgs-Region. Alexander Stoll und seinen Mitstreiterinnen im Heinrich-Hartmann-Haus gebührt Dank. Noch bis 29. März besteht die Möglichkeit zur Besichtigung der repräsentativen Ausstellung.
Clara Schwarzenwald
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Information
Galerie Heinrich-Hartmann-Haus: www.heinrich-hartmann-haus.de
Literarische Wanderung
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3
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