Der 22. März 2026 war ein sonniger Frühlingssonntag. Die Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. hatte anlässlich ihres 100. Gründungsjubiläums zu einer Festveranstaltung in die Chemnitzer Villa Esche eingeladen. Das Gebäude wurde 1902/03 nach Plänen des großen Henry van de Velde für die Familie des Chemnitzer Fabrikanten Herbert Esche erbaut. Mit dem Haus verbindet die Goethe-Gesellschaft viele gemeinsame Veranstaltungen (Konzerte, Ausstellungen, dramatische Aufführungen u.a.). An diesem Sonntagnachmittag strömten die geladenen Gäste in den Tagungsraum der Villa. Bereits an der Pforte wurden sie von einem Mitglied der Gesellschaft empfangen. Im Saal war alles von fleißigen Helferinnen und Helfern liebevoll vorbereitet. Dr. Andrea Pötzsch, die Objektleiterin der Villa Esche, sorgte persönlich für einen angenehmen Verlauf der Veranstaltung.

Siegfried Arlt, der langjährige Vorsitzende der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft, begrüßte die Gäste im Saal. Er verwies darauf, dass der frühere Hausherr, Herbert Esche, Mitglied der Goethe-Gesellschaft Chemnitz gewesen sei. Siegfried Arlt hob hervor, dass die Gesellschaft seit ihrer Gründung den Mitgliedern eine geistige Heimat geboten habe.

Anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der Gesellschaft verlieh der Vorstand der Gesellschaft an Max Bombor, der am 1. April 2026 seinen 100. Geburtstag begehen wird, die Würde eines Ehrenmitgliedes.

Sven Schulze, der Oberbürgermeister der Stadt Chemnitz, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass das Bürgertum der aufstrebenden Industriemetropole Chemnitz, die von Manchester, der ehemaligen „Werkstatt der Welt“, den Ehrentitel „Sächsisches Manchester“ übernommen hatte, im Jahre 1926 eine Goethe-Gesellschaft gründete. Der Oberbürgermeister verwies auf die gesicherte Erkenntnis, dass Johann Wolfgang von Goethe am 28. September 1810 die Stadt Chemnitz besuchte, um die Bernhard’sche Spinnerei in Chemnitz-Harthau, eine der ersten maschinellen Spinnereien in Deutschland, zu besichtigen.
Man kann hier anfügen, dass gleichzeitig mit der Goethe-Gesellschaft die von Albert Soergel und Kurt Oxenius gegründete „Gesellschaft der Bücherfreunde“ und die „Naturwissenschaftliche Gesellschaft“ existierten. Ein Städtisches Opernhaus und eine bedeutende Kunstsammlung wurden gegründet. Max Klinger schuf ein Wandbild für den Chemnitzer Ratssaal zum Thema „Arbeit, Wohlstand, Schönheit“. Henry van de Velde entwarf die Pläne für die Villa Esche, die Körner-Villa und den Chemnitzer Tennisklub. Die Architekten Richard Möbius, Hans Poelzig, Erich Basarke, Erich Mendelsohn, Friedrich Wagner-Poltrock, Heinrich Straumer, Fred Otto u.a. errichteten beeindruckende Bauwerke in Chemnitz. Das war die geistige Atmosphäre, in der 1926 die Gründung der Goethe-Gesellschaft Chemnitz erfolgte.

Die Malerin und Grafikerin Dagmar Ranft-Schinke, deren Vater, der Sprachwissenschaftler und Schriftsteller Dr. Walter Schinke, Mitglied der Goethe-Gesellschaft war, ergriff spontan das Wort und trug ihre Gedanken zum Jubiläum vor.

Der Paläobotaniker Prof. Dr. Ronny Rößler, der Direktor des Museums für Naturkunde Chemnitz, das besonders durch die von Johann Traugott Sterzel begründete Sammlung versteinerter Bäume internationale Berühmtheit genießt, hielt den Festvortrag. Sieben Tage vor seinem Tod, am 15. März 1832, habe Goethe in einem Brief an Bernhard Cotta an die Folgen des Vesuv-Vulkanausbruchs für die Stadt Pompeji verwiesen. In der Region um Chemnitz hatten vor 291 Millionen Jahren mehrere Vulkane mit ihren Ausbrüchen die Versteinerung oder Verkieselung eines ganzen Waldes verursacht. Die Funde aus dieser Zeit ermöglichten Erkenntnisse über das Klima jenes Erdzeitalters, wie auch über pflanzliches und tierisches Leben. Er arbeite in der Forschung, weil er mit der Schönheit der Natur in Berührung komme, weil er das Archiv des Naturwissens kennenlerne und weil er Einblicke in frühere Ökosysteme erhalte. Unter seinen Lehrveranstaltungen seien die der Kinderuniversität, so Professor Rößler, die anstrengendsten und schönsten Erlebnisse.

Der erste Teil der Veranstaltung schloss mit musikalischen Beiträgen von Schülerinnen der Musikschule Chemnitz ab.

Sophie Zidar und Fanny Schwarz trugen Werke Wolfgang Amadeus Mozarts vor. Danach folgte eine kleine Pause für einen Imbiss.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung präsentierte Siegfried Arlt als Höhepunkt der Veranstaltung die anlässlich des Jubiläums verfasste Festschrift „100 Jahre Goethe-Gesellschaft Chemnitz“. Neben den Geleitworten des Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, des Präsidenten der Weimarer Goethe-Gesellschaft Professor Matuschek und des Chemnitzer Oberbürgermeisters Sven Schulze werden transdisziplinäre Beiträge von Prof. Dr. phil. habil. Friedrich Naumann, Mag. Dr. phil. Thomas Schmuck, Dr. jur. Manfred Osten, Prof. Dr. Christof Wingertszahn, Prof. Dr. Dr. Christoph Cremer, Prof. Dr. phil. habil. Peter Arlt und Franz Josef Wiegelmann wiedergegeben. Die Rückseite der Publikation ziert die Kalligrafie eines Ausspruchs Goethes: „Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.“

Aus der Feder Birgit Eichlers, der Buchgestalterin der Festschrift, stammt auch die Kalligrafie eines Goethe-Zitates aus „Maximen und Reflexionen“. Sie trat schlussendlich mit dem Original ihrer Handschrift vor die Mitglieder – und begann das Blatt zu zerreißen. Die Gäste mögen, so ihre Worte, je ein Teil mitnehmen – und zu gegebner Zeit, ob geistig oder physisch, die Teile wieder zusammenzusetzen oder daraus etwas neues entstehen lassen.

Siegfried Arlt erinnerte am Ende noch einmal in einer szenischen Lesung an das dramatische Werk Goethes. Die Gäste dankten ihm mit herzlichem Beifall.

Vorstandsmitglied Christine Stein dankte an dieser Stelle dem langjährigen Vorsitzenden für seine zuverlässige und integrierende Tätigkeit. Die poetische Art ihrer Dankesworte brachten eine zauberhafte Atmosphäre hervor: „Ach, die Stein.“ Siegfried Arlt nahm dem Anschein nach die Rolle Goethes an und Frau Stein die der Frau von Stein. Beide kokettierten auf hinreißende Weise mit dem Verhältnis. Nur wenige Sekunden war diese unvergessliche Szene sichtbar. Es war „buchenswert“, wie sich Oberkellner Mager im Roman „Lotte in Weimar“ ausgedrückt hätte. Auf großartige Weise ging der Festakt damit zu Ende.

Mit der meisterhaften Interpretation von „Recuerdos de la Alhambra“ des Komponisten Francisco Tárrega (1852–1909) durch die Gitarristin Anna Günther, von der Städtischen Musikschule Chemnitz klang der Festakt zum 100-jährigen Jubiläum der Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. aus.
Bei der Verabschiedung erhielten die Mitglieder zur Erinnerung ein Exemplar der Festschrift.

Kommentar
Auf der Heimfahrt erinnerten wir uns an die Worte Birgit Eichlers, die Mitglieder mögen, je ein Teil der zerlegten Handschrift mit sich nehmen und zu gegebner Zeit, ob geistig oder physisch, wieder zusammenzusetzen.
Hier wurde uns ein poetisches Bild für das uralte Prinzip aus Wissenschaft und Kunst sichtbar gemacht: Zerlegen und Zusammensetzen. Kein anderer beherrschte dieses Prinzip besser als der universalen Dichter, Literat, Literaturwissenschaftler, Naturwissenschaftler, Dramatiker, Theaterdirektor und Minister Johann Wolfgang von Goethe. In dessen Geist wurde 1926 auch die Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. gegründet.
Doch Goethes Erkenntnisse zur Farbenlehre hätten heute wohl keine Chance mehr zur Veröffentlichung in wissenschaftlichen Zeitschriften, weil sie nicht mit dem „Mainstream“ übereinstimmen.
Die heutige Wissenschaftswirklichkeit wird durch 46.000 Studienrichtungen in Deutschland charakterisiert. Immer mehr Spezialdisziplinen entstehen und der allgemeine Zusammenhang wird dabei nur zerlegt. Die Strukturen verhindern das Zusammensetzen zur „Bildung zur Humanität“ (Johann Gottfried Herder).
Eine Rückbesinnung auf Goethe und das klassische Weimar könnte helfen, aus der heutigen Sackgasse zurückzufinden. Wir hoffen also, dass die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. mit dem „Zusammensetzen“ ihrer Manuskript-Teile nicht zu lange warten.
Johannes Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
Information
Goethe-Gesellschaft Chemnitz: http://www.goethegesellschaft-chemnitz.de
Museum Villa Esche: https://www.chemnitz.de/de/kultur/museen/museen_museale_einrichtungen/kunstsammlungen_chemnitz-henry_van_de_velde_museum_villa_esche
