sächsische Bergbaukunst
Reportagen

SÄCHSISCHE BERGBAUKUNST

Der 5. Februar  2026 war in Chemnitz ein nebliger, nasskalter Donnerstag. Zwei Luftmassen waren vor dem Erzgebirge aufeinandergestoßen und erzeugten einen Stau. Viele Menschen befürchteten Weg- und Straßenglätte – und blieben zu Hause. Dennoch kamen am Abend aktive Menschen in die Stadtbibliothek Chemnitz. Eingeladen hatte der Geschichtsverein Chemnitz zu einem Vortrag von Prof. Dr. Friedrich Naumann über sächsische Bergbaukunst auf dem Weg nach Russland im 18. Jahrhundert.

sächsische Bergbaukunst

Der heutige Leser stutzt bei dieser Themenstellung. Die Ursachen für diese bilaterale Zusammenarbeit im Bergwesen liegen im 17. Jahrhundert. Der Krieg zwischen Großmächten wurde auf deutschem Boden von 1618 bis 1648 ausgetragen. Religiöse Differenzen bildeten einen Vorwand. Doch dahinter standen Großmachtambitionen. Das katholische Frankreich finanzierte den protestantischen schwedischen König Gustav Adolf gegen das katholisch regierte Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Schweden entwickelte im 17. Jahrhundert einen eigenen Großmachtanspruch. Dagegen bildete sich eine Koalition aus Dänemark, Sachsen, Polen und Russland. Doch das schwedische Heer siegte unter König Karl XII. im sogenannten Nordischen Krieg zunächst gegen Dänemark 1700 (Traudendal), gegen Russland 1700 (Narwa) und gegen Sachsen/Polen 1706 (Alt­ranstädt). Das russische Herr siegte jedoch 1709 unter Zar Peter I. bei Poltawa gegen die Schweden und beendete damit deren Aufstieg. Die Schweden konnten sich mit der Niederlage nicht abfinden. Aber mit dem Tod Karls XII. bei der Belagerung von Frederikshald verloren sie ihren charismatischen Anführer. Der Friedensschluss verzögerte sich bis 1721 und 1741/43 gab es noch einmal vergeblichen Versuch Schwedens einen Krieg gegen Russland zu gewinnen. 

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Besuche Zar Peters I. in Dresden, am 1. Juni 1698, im Zusammenhang mit der Herstellung eines militärischen Bündnisses zu sehen ist. Die Vereinbarungen zum Transfer von Bergbautechnologie, die zwischen Kurfürst August I. und Zar Peter I. getroffen wurden, waren Teil einer strategischen Zusammenarbeit in beiderseitigem Interesse. (Sowie wir auch Eheschließungen sächsischer Thronfolger mit dänischen und russischen Partnern in diesem Lichte sehen müssen.)

sächsische Bergbaukunst

Professor Naumann berichtete dem Publikum nun im Detail, wie der Transfer von Bergbaupersonal abgewickelt wurde. Aus dem sächsischen Erzgebirge entschloss sich eine große Zahl von Fachleuten, nach Russland zu gehen. Aus anderen Teilen Deutschlands kamen kaum Bergleute. Das hängt vielleicht mit der Mentalität der Sachsen zusammen. Im Erzgebirge hatte man lernen müssen, mehrfach von vorn zu beginnen und sich etwas einfallen zu lassen. Am 31. Mai 1736 traf die erste Bergbaudelegation unter Leitung des Sächsischen Oberberghauptmanns Curt Alexander von Schönberg in Moskau ein. Der Einfluss der Sachsen war letztlich so groß, dass mehrere Hundert Fachbegriffe 1 : 1 ins Russische übernommen wurden.

sächsische Bergbaukunst

Ein weiterer Aspekt des Vortrages Professor Naumanns war die Entsendung von russischen Studenten nach Deutschland. Unter den ersten drei Studenten, die 1736 ihr Studium antraten, war auch Michail Wassiljewitsch Lomonossow. Geplant war ein „Grundlagenstudium“ bei Christian Wolff. Dieser war kein Schüler Gottfried Wilhelm Leibnizens, versuchte jedoch an dessen Erkenntnisse anzuknüpfen. Wolff war auch der Vermittler der Kontakte nach Russland. Er hatte 1721 eine Vorlesungen über „die praktische Philosophie der Chinesen“ an der Hallenser Universität gehalten und wurde darauf von August Hermann Francke beim Landesherrn in Berlin wegen „Abweichung vom einzig wahren Glauben“ denunziert. Wolff musste Halle 1723 binnen 48 Stunden verlassen und ging nach Marburg, wo er als „Held der Aufklärung“ begeistert empfangen wurde. (Friedrich II. holte Wolff 1740 zurück nach Halle.) Die russischen Studenten absolvierten ihr Grundlagenstudium bei Wolff noch in Marburg und gingen 1739 nach Freiberg.

Das Labor Bergrat Johann Friedrich Henckels war in ihrem Spezialstudium ein wichtiger Ausbildungsort. Aber gleichzeitig fuhr Henckel mit seinen Studenten auch in die Schächte der Umgebung Freibergs ein. Im Nachhinein meinte Lomonossow, dass diese Befahrungen für ihn am wichtigsten gewesen seien. Er habe die Arbeit der Hauer und Steiger kennengelernt und ein Gefühlt für die Erdgeschichte bekommen.

sächsische Bergbaukunst

Das fachkundige Publikum war tief beeindruckt vom Gehörten. Friedrich Naumann beleuchtete in seinem Vortrag einen Abschnitt der sächsischen Geschichte, der heute weitgehend im Dunkeln liegt. Den Organisatoren, dem Geschichtsverein Chemnitz und Professor Friedrich Naumann, und den Zuhörern ist zu danken. Es war ein Ereignis. Mancher Besucher mag sich daran erinnert haben, dass Chemnitz selbst eine nicht unwichtige Rolle im erzgebirgischen Bergbau spielte. Über Jahrhunderte bezeichnete sich die Stadt als „Tor zum silbernen Erzgebirge“.

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Bücher von Prof. Dr. Friedrich Naumann im Mironde-Verlag

Friedrich Naumann: Sächsische Bergbaukunst im 18. Jahrhundert auf dem Weg nach Russland

Fester Einband 23,0 × 23,0 cm, 256 Seiten, 88 z.T. farbige Abbildungen und Fotos

VP 39,90 Euro ISBN 978-3-96063-045-6 

Bestellbar unter: https://buchversand.mironde.com/p/friedrich-naumann-saechsische-bergbaukunst-im-18-jahrhundert-auf-dem-weg-nach-russland

Friedrich Naumann: Georgius Agricola – ein Riese an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Chemnitz 2018,116 S. 14,7 × 21,0 cm, 33 s/w-Abb., 

14,90 €, ISBN 978-3-96063-015-9

Bestellbar unter: https://buchversand.mironde.com/p/friedrich-naumann-georgius-agricola

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