Karl Philipp Moritz
Reportagen

NACH ROM! NACH ROM?

Der 20. November war in Chemnitz ein kalter Spätherbsttag.  Der kommende Winter ließ seine Muskeln spielen und jagte schon einmal erste Schneeschauer durch die Stadt. Auf den Straßen wurde es glatt und ungemütlich. Doch alle Chemnitzer, die sich mit dem Herzen zum kulturellen Erbe bekennen, kamen trotz dieser widrigen Umstände in die „Neue Sächsische Galerie“. Die „Goethe-Gesellschaft Chemnitz“ hatte zu einem Vortrag über das Verhältnis Johann Wolfgang von Goethes zu Karl Philipp Moriz eingeladen. 

Karl Philipp Moritz

Siegfried Arlt, der Vorsitzende, begrüßte voller Freude den Referenten Franz Josef Wiegelmann. Der war den Mitgliedern gut bekannt. Zwischen der Goethe-Gesellschaft in Bonn und der in Chemnitz, bestehen seit vielen Jahren sehr gute Beziehungen. Wiegelmann hatte seinen Vortrag mit einem Goethe-Zitat über Karl Philipp Moritz überschrieben: „Er ist wie ein jüngerer Bruder für mich“.  

Karl Philipp Moritz

Zunächst machte der Referent das Publikum mit Moritz’ außergewöhnlichem Lebenslauf bekannt. Der wurde am 15. September 1756 in Hameln als Sohn eines einfachen Militärmusikers geboren und hatte acht Geschwister. Die Eltern gehörten unterschiedlichen protestantischen Strömungen an und trugen ihre Religionsstreitigkeiten vor den Kindern aus. In Kindheit und Jugend war Moritz oft ernsthaft erkrankt, u.a. an Tuberkulose. Moritz nutzte die Krankenlager um zu lesen. Eine Hutmacherlehre scheiterte am pietistischen, hartherzigen Lehrherren. Die Eltern ließen darauf den Vierzehnjährigen bei ihrem Umzug zum nächsten Dienstort des Vaters einfach in Hannover zurück. Es war der Gemeindepfarrer, der den Jungen auffing und zu einer höheren Schulbildung verhalf. Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ und Winckelmanns Schriften begeisterten damals den Jugendlichen. Es folgte ein Studium in Erfurt und Wittenberg. Ohne Abschluss wurde er Lehrer am Militärwaisenhaus in Potsdam, am Berliner Grauen Kloster und im Philantropinum in Dessau bei Johann Bernhard Bassedow. 1779 holte er seine Magister-Prüfung in Wittenberg erfolgreich nach und wurde Konrektor am Grauen Kloster. Sogar die Berliner Freimaurerloge nahm ihn in Ihre Reihen auf. Mit einem Freund unternahm er Fußwanderungen durch Norddeutschland und schließlich durch ganz Deutschland. Nach einer England-Reise veröffentlichte er im Verlag von Johann Heinrich Campe ein Reisebuch, das wurde ein Verkaufserfolg. Bei Verleger Heinrich Voß übernahm Moritz die alleinige Redaktion der „Berlinischen Zeitung“. Schließlich hatte Moritz Geld aufgespart, um im September 1786 einen Traum zu verwirklichen und nach Italien zu reisen. Aus Rom schrieb er an Freunde, dass er in der „Hauptstadt der Welt“ angekommen  sei. Der Zufall wollte es, dass nahezu gleichzeitig Johann Wolfgang von Goethe, der aus Weimar und seinen Verpflichtungen geflüchtet war, in Rom eintraf. Wie Moritz schrieb er an Freunde, dass er in der „Hauptstadt der Welt“ eingetroffen sei. Die beiden Geister begegneten sich während ihres etwa zweijährigen Aufenthaltes in Rom fast täglich. Moritz wurde in den Freundeskreis aufgenommen. Nach Goethes Rückreise folgt ihm Moritz nach Weimar. Herzog Karl August empfahl ihn am preußische Königshof und Moritz wurde Professor an der Akademie der Künste, hielt bis 1792 Vorlesungen und veröffentlicht ständig weitere Bücher. Als er am 26. Juni 1793, mit 37 Jahren verstarb, hatte er etwa 50 veröffentliche Bücher auf seinem Konto. In diesen Büchern lebt sein Geist weiter.

Karl Philipp Moritz

Die Zuschauer waren von dieser Lebensgeschichte sichtlich beeindruckt. Franz Josef Wiegelmann verwies auf dies oder jenes Buch Moritz’. Er hatte sogar einige Anschauungsmuster mitgebracht. Den Roman „Anton Reiser“ hob er besonders heraus. Altmeister Arno Schmidt verwies darauf, dass Balzac, Dostojewski, Strindberg u.a. auch große psychologische Romane schufen: „Aber was sind sie alle, Alte und Neue, gegen den Größten unter ihnen, dieses seelische Hochland für sich, unseren Einundeinzigsten Deutschen Karl Philipp Moritz ?! Messieurs, wir erheben uns von den Plätzen ! –“

Von Schmidt erhielten wir noch einen anderen Hinweis: Johann Karl Wezel, Karl Philipp Moritz, Johann Heinrich Voß, Johann Bernhard Basedow u.a. lasen alle den Auswanderer-Roman von Johann Gottfried Schnabel „Wunderliche Fata einiger Seefahrer, absonderlich Alberti Julii, eines gebürtigen Sachsen …“, um in den unsäglichen politischen Verhältnissen des Absolutismus Trost zu finden. Kein anderer als Ludwig Tieck, der in Berlin gemeinsam mit Alexander von Humboldt die Vorlesungen Moritz’ hörte, brachte Schnabels Buch 1823 unter dem heute geläufigen Titel „Die Insel Felsenburg heraus“.

Karl Philipp Moritz

Siegfried Arlt war sichtlich berührt von der Darstellung des Bonner Goethe-Freundes. Er erinnerte an gemeinsame Veranstaltungen und das gute Verhältnis zwischen den Gesellschaften. Wie gewohnt habe er Franz-Josef Wiegelmann am Nachmittag durch Chemnitz geführt. Bei einer Tasse Kaffee im traditionsreichen „Chemnitzer Hof“ habe man Erinnerungen ausgetauscht. Der heutige Vortrag sei ohne Zweifel ein Ereignis gewesen. Die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft hätten das Privileg, an solchen Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen.

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Auf der Heimfahrt ging uns, wie immer, die Veranstaltung noch einmal durch den Kopf. Im Nachhinein beeindruckt der ungeheure Wissensdurst Moritz’. Bemerkenswert erscheint aber auch die soziale Mobilität jener Zeit, die es einem Kind aus ärmsten Kreisen ermöglichte eine Professur zu erlangen.

Eine andere Sache war es, dass Moritz und Goethe der Vergangenheit anhingen, wenn sie Rom als „Hauptstadt der Welt“ bezeichneten. Das mochte in der Renaissance so gewesen sein. Spätestens 1789 war nicht mehr zu übersehen, dass diese Rolle an Paris übergegangen war. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gab es dort Persönlichkeiten, die zu neuen geistigen Ufern aufbrachen. Die wissenschaftlich-literarische Doppelbegabung Denis Diderots sei hierfür ein Beispiel. Sowohl Autor faszinierender Erzählungen wie „Rameaus Neffe“, als auch erfolgreicher Wissenschaftsorganisator des großen Enzyklopädie-Projektes. Melchior Grimm lieferte Informationsbulletins aus dieser Szene für viel Geld an höchste Kreise in ganz Europa. Abonnenten waren zum Beispiel Katharina die Große in St. Petersburg und Prinz August von Sachsen-Gotha. (Von dem erhielten auch Wieland, Herder und Goethe Einblick.) Die entscheidende Frage für uns ist: Wo brechen heute Menschen zu wirklichen, neuen geistigen Ufern auf? 

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Information

http://www.goethegesellschaft-chemnitz.de

An den Wänden der Neuen Sächsischen Galerie konnte man eine Werk-Ausstellung des großen Schriftgestalters Heinz Schumann (1934–2020) unter dem Titel „In Deinen Träumen reist Dein Herz“ erkennen. Die Ausstellung ist noch bis Ende Januar 2026 zu sehen.

https://www.neue-saechsische-galerie.de/willkommen.html

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