Essay

Die Erben eines Universalgenies

 

Aufgrund eines aktuellen Anlasses muss ich mich zu Wort melden. Die Größen der internationalen Herderforschung schweigen. Mein Chef ist im Ski-Urlaub. Mir bleibt also keine Wahl: Mit dem Ansehen des universalen Geistes Johann Gottfried Herders ist es bei Deutschlands akademischen Philosophen noch immer nicht gut bestellt. Am 7. Oktober 2006 schrieb Dieter Henrich, einer der heute wichtigsten Kenner der klassischen deutschen Philosophie, in der FAZ: »Die Sprache des Menschen ist das große Thema der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. Zum ersten Mal wurde die sprachliche Verfassung des Denkens nicht mehr nur als ein Argument gegen eine Grundlegung der Philosophie vorgebracht, welche für die Zeit maßgebend war – sowie im Fall von Herders Kritik an Kant.«

Aufschlussreich ist, dass nicht auf wichtige Einsichten Herders verwiesen wird, sondern Herder wird unterstellt, das Thema »Sprache« »nur« als Argument »gegen« die Kantische Philosophie gebraucht zu haben.

Sprache gegen eine Grundlegung der Philosophie?

Thema verfehlt?

Wir halten fest: eine der wichtigsten akademischen Größen unserer Zeit betrachtet Herder nicht als Philosophen von Rang.

Aber wenn Herder kein wichtiger Philosoph war, wie soll dann eine Kritik Herders an der Kantischen Philosophie überhaupt möglich gewesen sein?

(Kant hatte sich Kritik an seiner »Kritik der reinen Vernunft« übrigens ausdrücklich verbeten.)

Eine angemessene Kommentierung von Herders »Metakritik«, wie sie etwa Oswald Bayer zu Hamanns Kant-Kritik vorlegte, steht noch aus.

Eine unbefriedigende Situation.

Um so freudiger heißen wir Artikel willkommen, in denen auf das Werk des großen Weimarer Philosophen eingegangen wird. Die FAZ veröffentlichte am 13. Januar 2013 einen Artikel von Stefan Weidner mit dem Titel »Orientalische Gedichte. Im Morgenland des Gefühls«. Der Autor nennt erfreulicherweise auch Johann Gottfried Herder. Unsere Freude wird aber sogleich gedämpft, denn die Wertschätzung Herders ist dem Anschein nach nicht ernst gemeint.

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Foto: die dunkle Vorderseite des Herderschen Amtssitzes in Weimar

 

Weidner nennt den »Fall« Ossian. Er resümiert: »Einfühlung hieß das von Herder in diesem Zusammenhang geprägte Zauberwort. Aus den Dichtungen der Bibel glaubte Herder dieselbe Ursprünglichkeit echten Gefühls herauszuspüren wie aus dem Ossian. Denn die Poesie war nach einem berühmten Wort von Johann Georg Hamann zufolge die Muttersprache des menschlichen Geschlechts. Die orientalischen Völker galten in dieser Hinsicht als Quellen von nicht zu übertreffender Authentizität.«

Wir sind überrascht. Ein »Zauberwort« gab es bei dem studierten Theologen und Hermeneutiker Herder nicht. Sein Leben lang setzte sich Herder mit der Sekte der Theologen und mit der Sekte der Mathematiker auseinander, die nur die Bedeutung der Buchstaben sahen, nicht deren Sinn.

Wer schon einmal in Herders Kommentaren zum Alten Testament geblättert hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass es Herder für unmöglich hielt, die Gedankenwelt der Autoren des Alten Testamentes jemals authentisch verstehen zu können. Er konstatierte, dass man nur versuchen könne und müsse, die Texte und deren Kontexte zu verstehen. Er empfahl zur Unterstützung die Lektüre von Reisbeschreibungen nach Arabien. »Morgenländische Archäologie« nannte er sein Verfahren. Als Hamann Kant davon berichtete, wusste der damit nichts anzufangen.

Festzuhalten ist, dass Herder mit Hilfe und Unterstützungen der großen Orientalisten aus Göttingen die Verwurzelung der Bibel im Orient thematisierte.

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Foto: die helle Rückseite des Herderschen Hauses

 

Herr Weidner zitiert Herder weiter aus der Volksliedersammlung »In den sogenannten Pöbelvorurteilen, im Wahn, der Mythologie, der Tradition, der Sprache, den Gebräuchen, den Merkwürdigkeiten aller Wilden ist mehr Poesie und Poetische Fundgrube, als in allen Poetiken …« ohne Zitatangabe. (Herder, Sämtliche Werke Suphan SWS Bd. XXV, S. 88)

Die Schlussfolgerung von Herrn Weidner: »Der antiaufklärerische Gestus dieses Statements ist unüberhörbar. Es hat zwei Seiten. Die schöne Vorderseite besteht darin, dass Herder hier jegliche fremde Dichtung gegen eine Kritik nach rationalistischen oder anderen Engstirnigkeiten in Schutz nimmt. Das ist nichts weniger als der Anfang vom Ende des Ethnozentrismus.« Aber: »Aber diese Offenheit hat ihren Preis, eine dunkle Rückseite. Jede Dichtung, die nicht aus dem europäischen Kulturraum kommt, läuft Gefahr, mit all den Arten des Wahns etikettiert zu werden, sobald sie den von Herder geöffneten Raum betritt. Die fremde Dichtung ist damit zwar willkommen, aber zugleich ausgesperrt von der Teilhabe an der abendländischen Vernunft. Für den Verstand ist das Abendland zuständig, für das Gefühl das Morgenland.« Fazit: »die von Herder aufgemachte Dichotomie von Gefühl und Verstand«.

Wir sind verwundert.

Aber der Reihe nach, woher stammt das Zitat.

Wir zitieren Herder etwas ausführlicher: »Wenn Leibniz den Menschen Witz und Scharfsinn nie würksamer fand, als beim Spiel: so wird würklich menschliche Einbildung, Leidenschaft und Dichtungskraft der Seele nirgends reger und sichtbarer, als auf dem Punkt, wo Wahrheit und Ergetzung sich antreffen und umarmen: das ist beim Gesange. In den sogenannten Pöbelvorteilen, im Wahn, der Mythologie, der Tradition, der Sprache, den Gebräuchen den Merkwürdigkeiten des Lebens aller Wilden ist mehr Poesie und Poetische Fundgrube, als in allen Poetiken und Oratorien aller Zeit: Und wers unternähme, unter allen Völkern diese Arten des Wahns, der Dichtung, der Hirngespinste und Vorurteile nur mit etwas praktischem Kopf zu sammeln: ich bin gewiß, daß der dem Menschlichen Verstande einen Dienst erwiese, den zehn Logiken, Aestethiken, Ethiken und Politiken ihm wahrlich nicht erweisen werden.

Wie angenehm es endlich sei, ein Volk in seiner nackten Einfalt, angebohrnen Lustigkeit und in der ganzen Natur roher Seelenkräfte zu sehen – wird der am besten wissen, der mit Tand, Kopf- und Herzbeklemmungen all‘ unsrer höflichfalschen, bürgerlich Menschenfeindlichen Verfassung beladen, einmal entkommt und frei atmet. Regeln und Jochgebräuche mühn sich zuzuschließen und zu vermauern das Menschliche Herz: wohl allem, das es nur Augenblicke öffnet.«

(Herder, Sämtliche Werke Suphan SWS Bd. XXV, S. 88)

Der Titel des Buches: »Alte Volkslieder«. Später wurde die Sammlung »Stimmen der Völker in Liedern« genannt. Band XXV  SWS umfasst nahezu 700 Seiten.

Nocheinmal der Titel: „Stimmen der Völker …«

Wir finden im Buch Volkslieder aus aller Welt, aber eben auch aus Europa und Deutschland einträglich nebeneinander. Die Kritik an der Veröffentlichung der Volkslieder kam von »Aufklärern«, wie Friedrich Nicolai.

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Herder als Philosoph

Das Herdersche Werk selbst ist auch unter dem Einfluss von Johann Georg Hamann von Anfang an der Tradition verpflichtet. Beide fassen Weisheit als widersprüchliche Einheit von Vernunft und Glauben. Eine »reine« Vernunft/Verstand kann es für Hamann und Herder nicht geben, weil Vernunft/Verstand immer an Sprache gebunden ist.

Vernunft/Verstand/Sprache drücken in der Nachfolge Leibnizens den inneren Zusammenhang unserer Sinneswahrnehmungen (Besonnenheit) aus. Sprache hält Sinneseindrücke fest und macht sie wiederaufrufbar. Herder begründet also gegen die kopflastige Sicht Kants den Zusammenhang von Sinnen, Verstand/Vernunft und Sprache. Den Zusammenhang!

Hätten wir die Sprache nicht, zögen die Sinneseindrücke an uns vorüber, wie ein Traum, meinte Herder.

Den Herderschen Essay über den »Ursprung der Sprache«, die literarischen Aufsätze und die verschiedenen Fassungen des Aufsatzes mit dem Titel »Plastik« kann man mit Gewinn auswählen, wenn man nicht gleich alle 33 Bände der Sämtlichen Werke zur Verfügung hat.

Herder begründet gerade, dass wir die Welt nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allen Sinnen erkennen. Deshalb besteht er auf dem Begriff der Seele. Gefühl, Herder nennt es Ge-Fühl, der Tastsinn, wurde damals gerade von empirisch tätigen Ärzten als Grundlage für den Aufbau des räumlichen Sehens entdeckt.

Sicher liegt Herders Rezeption der Stimme der Völker in Lieder auch die eine oder andere Illusion bei. Grundsätzlich wollte er aber die in Manierismus erstarrte höfisch Kultur erneuern, um eine demokratische deutsche Nationalkultur stiften zu helfen. Das war die offen erklärte Zielstellung.

Herder die Begründung einer »Dichotomie von Verstand und Gefühl« anzulasten  kommt einer Fehlleistung gleich. Der Artikel trägt also leider nicht zur notwendige Erneuerung der Herder-Rezeption bei. Man sollte Herder nicht als Popanz missbrauchen, um die Schwächen des westlichen »Multikulturalismus-Konzeptes« anzubrangern. Es gäbe bessere Möglichkeiten zu zeigen, dass die westliche Welt im großmütig tolerierten »Fremden« immer nur sich selbst wahrnimmt.

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Zum Schluss noch ein Hinweis für die Orientalisten. 1771 veröffentlichte ihr französischer Kollege Anquetil du Perron Texte der alten Parsenreligion in französischer Sprache. Herder nahm die Veröffentlichung sofort zur Kenntnis. Seine Arbeitshypothese war: Es gibt eine Urerzählung der Schöpfung, die von den Völkern nur auf eigene Weise erzählt, quasi »nationalisiert« werde.

Auf Anregung Herders publizierte der Kieler Theologie-Professor Johann Friedrich Kleuker die deutsche Übersetzung der von Perron überlieferten Texte unter dem Titel »Zend-Avesta« bei Friedrich Hartknoch 1786/89 . Kleuker brachte es bei diesem Projekt leider fertig, Herder nicht ein einziges Mal zu erwähnen.

Das Buch wurde seither nicht wieder aufgelegt.

Wäre es nicht heute des Schweißes der Edlen wert, nach all den normativen Sackgassen, einem genetischen Zusammenhang der Religionen nachzugehen?

Johannes Eichenthal

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