Reportagen

SÄCHSISCHE KULTURGESCHICHTE DES 18. JAHRHUNDERTS

Am 19. April hatte die TU Chemnitz zu einer Buchvorstellung eingeladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Seniorenkollegs statt, in dem jeden Freitagnachmittag, wenn sich keine Studenten mehr im Hörsaalgebäude aufhalten, sachkundige Referenten vor geistig aktiven Seniorinnen und Senioren auftreten. Der Wissenschafts-, Technik- und Hochschulhistoriker Prof. Dr. Friedrich Naumann stellte sein Buchprojekt „Sächsische Bergbaukunst im 18. Jahrhundert auf dem Weg nach Russland“ vor. Naumann entwarf ein faszinierendes historisches Panorama. Durch die Annahme der polnischen Königskrone durch August I., der Starke, waren Sachsen und Russland ab 1697 Nachbarn geworden. Wir schweigen lieber über die Kosten, die mit der meistbietenden Versteigerung der Krone durch den korrupten polnischen Adel verbunden waren. Sachsen wurde damit praktisch  bereits vor dem siebenjährigen Krieg mit Preußen ruiniert. Somit war die Kooperation mit Russland eine Möglichkeit in beiderseitigem wirtschaftlichen Interesse. Peter I., der Große, und August I., der Starke, die beiden Regierungschefs, packten die Chance beim Schopfe.

Professor Naumann füllte nun, wie wir es von ihm gewohnt sind, den weit gespannten Rahmen mit unendlich vielen Fakten: Namen, Gewichte, Entfernungen. Die Entsendung von sächsischen Fachleuten nach Russland war ein eigenes Kapitel. Die wichtigste Delegation von 15 ausgesprochenen Fachleuten traf am 31. Mai 1736 unter Leitung des Sächsischen Oberberghauptmanns Curt Alexander von Schönberg in St. Petersburg ein. Bis 1777 kamen 30.000 ausländische Fachleute nach Russland. Etwa ein Viertel des ingenieur-technischen Personals waren Deutsche. Sämtliche Bergbaufachbegriffe wurden vom Deutschen buchstäblich ins Russische übertragen. Nach der 1765 erfolgten Gründung der Bergakademie Freiberg wurde in Petersburg 1773 eine Bergakademie nach deutschem Vorbild gegründet. Nach der Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaft im Jahre 1700, auf Empfehlung von Gottfried Wilhelm Leibniz, wurde 1724 in St. Petersburg ebenfalls das Konzept von Leibniz umgesetzt, und eine Akademie der Wissenschaften gegründet. 

Ein weiteres Kapitel war die Aufnahme russischer Studenten in Deutschland. Eine erste Delegation mit drei Studenten kam bereits 1736 nach Deutschland und absolvierte zunächst in Marburg bei Christian Freiherr von Wolff (1679–1754) ein Grundlagenstudium. Wolff war 1723 vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. wegen des Vortrages über die Religion der Chinesen von der 1694 gegründeten Universität Halle religiert worden. In Marburg hatte man ihn als „Helden der Aufklärung“ empfangen. (Friedrich II. holte Wolff 1740 wieder zurück nach Halle.) Wolff war es auch, der dem Anschein als Vermittler im akademischen Austausch mit Russland auftrat. Nach dem Grundlagenstudium folgte in Freiberg ein Fachstudium bei Bergrat Johann Friedrich Henckel (1678–1744). Die Bergakademie existierte noch nicht. Henckel unterrichtete praktische Arbeit im Labor und vor Ort im Schacht, jedoch noch in lateinischer Sprache. Der wohl berühmteste der drei russischen Studenten war Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711–1765). Er ging 1740 im Streit mit Henckel nach Marburg und 1741 nach Russland zurück. Lomonossow wurde Professor, Akademiemitglied, Mitbegründer der Moskauer Universität und Pionier in der Chemie, der Geographie, der Sprachwissenschaft u.a. Er hielt, wie Christian Thomasius in Leipzig, in deutscher, in St. Petersburg Vorlesungen in russischer Sprache.

Die Hörerinnen und Hörer waren von dem Panorama, das Professor Naumann vor ihnen entfaltete, sichtlich beeindruckt. Erst nach Veranstaltungsende fanden einige ihre Sprache wieder und diskutierten mit dem Referenten.

Am Anfang des Vortrages war Professor Naumann nach seinem Vorschlag befragt worden, die Chemnitzer Universität mit dem Namen Georgius Agricola (1494–1555) auszuzeichnen. Naumann teilte mit, dass die Führung der Universität den Vorschlag abgelehnt habe. Er konnte sich jedoch einige Ausführungen zu Leben und Werk des großen Wissenschaftlers nicht enthalten: Agricola wurde als Georg Bauer am 24. März 1494 in Glauchau als Sohn eines Tuchmachers und Färbers geboren. Mit Zwölf Jahren besuchte er die Chemnitzer Lateinschule, die der Rektor Paul Schneevogel/Paulus Niavis (1460–1517) mit neuen Lehrmethoden bekannt gemacht hatte. Nach der Wanderschaft wurde Bauer 1514 an der Universität Leipzig immatrikuliert und studierte bis 1518 Alte Sprachen bei Petrus Mossellanus (1493–1524), einem Anhänger Erasmus von Rotterdams, der ihn auch zur Lateinisierung seines Namens anregte. Sein Lehrer vermittelt ihn als Konrektor an die Zwickauer Ratsschule, deren Rektor er 1519 wurde. Hier schuf Agricola eine neue Unterrichtsmethodik: die Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein wurden immanent in der Gewerbekunde unterrichtet. 1522 studierte Agricola Medizin, Physik, Chemie und Philosophie an der Leipziger Universität. 1523 ging er an die Universitäten Bologna, und Padua. 1524 bearbeitete und übersetzte er in Venedig für den berühmten Buchdrucker Aldus Manutius, der das Buchformat auf das Maß der venezianischen Satteltasche verkleinert hatte, die Werkausgabe des griechischen Arztes Hippokrates (460–370 v.u.Z.) und des griechisch-römischen Arztes Galenos (um 200). Auch leistete er Vorarbeiten für die  erst 1528 erschienene Ausgabe der  Werke des Paulos von Aegina.

1527 heiratete er die Witwe Anna Meyer aus Chemnitz und wählte den Bergbauort Joachimsthal (Jáchimov) als Wohnsitz. Dort arbeitete er als Arzt und Apotheker. 1531 wechselte er auf die frei gewordene Stelle des Stadtarztes in Chemnitz. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Agricola 1540 ein zweites Mal. Seine Frau war die Tochter von Ulrich Schütz, des ehemaligen Besitzers einer Chemnitzer Saigerhütte. Chemnitz gehörte damals selbstverständlich zur Bergbauregion Erzgebirge. Hier wurde frühkapitalistisches Kapital aus Süddeutschland investiert. Hier fanden weltweit beachtete technischen Innovationen statt.

In Chemnitz wurde Agricola vom Rat der Stadt auch vier Mal zum Bürgermeister gewählt (1546, 1547, 1551, 1553. Er war als Hofhistoriker im Dienst des Kurfürsten tätig und forschte gleichzeitig auf vielen Gebieten. 

1530 veröffentlichte Agricola ein Buch über Erzsuche, 1533 eines über griechische und römische Maße und Gewichte, 1544 ein Buch über die Elemente im Erdinneren, 1545 ein Buch über Mineralien und 1546 ein Kompendium über Gesteine und Versteinerungen. 1556 erschien postum sein Hauptwerk über Bergbau und Hüttenwesen in zwölf Büchern  „de re metallica libri XII“ in Basel in lateinischer Sprache. Philipp Bechius (1521–1560), Freund Agricolas und Professor an der Universität Basel, veröffentlichte das Buch 1557 unter dem Titel „Vom Bergwerk XII Bücher“. Das Buch wurde sofort in ganz Europa rezipiert. 1640 entstand im Jesuitenorden gar eine Übersetzung ins Chinesische auf Grundlage der Erstausgabe von 1556. Georgius Agricola wurde für zwei bis drei Jahrhunderte, gemeinsam mit Vannoccio Birringuccio (1480–1537) aus Italien und dem in Annaberg geborenen Lazarus Ercker (1528/30–1594) zur Autorität im internationalen Bergwerks- und Hüttenwesen. 

Titel des Exemplars des Hauptwerkes Agricolas, in der Erstausgabe von 1556, der National Lbrary of China. Das war die Grundlage für die Übersetzung ins Chinesische.

Dennoch verweigerte der Rat der Stadt Chemnitz seinem großen Sohn, der am 21. November 1555 verstarb, die Beerdigung, weil er, im inzwischen protestantisch gewendeten Chemnitz, beim katholischen Glauben geblieben war. Julius von Pflugk, der Bischof von Zeitz/Naumburg, ermöglichten darauf die Beisetzung Agricolas in der Zeitzer Schlosskirche St. Peter und Paul.

Im neuen Hörsaalgebäude am Freitagnachmittag.

Heute ist Georgius Agricola dem Anschein nach in Chemnitz nicht mehr bekannt. Seine Person war zwar eine entscheidende geistige Voraussetzung für die Verleihung des UNESCO Welterbetitels an die Montanregion Erzgebirge-Krušnohoří, aber Chemnitz fühlt sich heute nicht mehr als „Tor zum Erzgebirge“. Das muss man einfach konstatieren. Ebenso können heutige Studenten dem Anschein nach mit einem Agricola, der sämtliche Wissensgebiet beherrschte, und auch noch die Zusammenhänge darzustellen vermochte, nichts mehr anfangen. Mit dem 19. Jahrhundert begann die Zeit der Spezialisten und in unserem Jahrhundert macht die Ersetzung der Bildung durch Spezialwissen gigantische Fortschritte. 

Was ist ein Spezialist? Ein Mensch, der von immer weniger Dingen immer mehr weiß. – Und zum Schluss, weiß er von nichts alles. (Friedrich Nietzsche)

So ist die Lage, Herr Professor. Ihr Buch leuchtet, gemeinsam mit ein paar anderen, als heller Stern am dunklen Nachthimmel.

Clara Schwarzenwald

Information

Am morgigen Sonntag, dem 21. April 2024, wird Prof. Naumann mit Georgius Agricola im Kulturzentrum Erzhammer in Annaberg-Buchholz von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr diskutieren. Die Veranstaltung findet im Rahmen des 28. Tages der Heimatgeschichte statt. Die Akademie der Wissenschaft kann mit den allerneuesten medizinischen Methoden historische Persönlichkeiten für 24 Stunden wiederbeleben. Goethe und andere Größen waren schon da. Für Agricola fand sich bisher kein Diskussionspartner.

Friedrich Naumann: Sächsische Bergbaukunst im 18. Jahrhundert auf dem Weg nach Russland

Fester Einband 23,0 × 23,0 cm, 256 Seiten, zweisprachig Deutsch/Russisch; 88 z.T. farbige Abbildungen und Fotos. VP 39,90 Euro ISBN 978-3-96063-045-6

Beziehbar in der Buchhandlung oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/p/saechsische-bergbaukunst-im-18-jahrhundert-auf-dem-weg-nach-russland

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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