Reportagen

DER WELTBUCHTAG 2024

Der 23. April, der von der UNESCO zum Welttag des Buches erklärt wurde, ließ trotz niedriger Temperaturen die wärmere Jahreszeit erahnen. Auf der Autobahn in Richtung Freiberg reihten sich LKW an LKW, als ob es keine Schienen gäbe. Aber schon waren wir in Freiberg. Rechts und links der Straße die Gebäude der TU Bergakademie, vorbei an der Zeche „Alte Elisabeth“ führte unser Weg zur „Reichen Zeche“ und zum Silberbergwerk Freiberg. Ein Verein betreibt die Anlage mit großem Engagement. Bereits im Umfeld ist historische Fördertechnik zu sehen. Die Gebäude werden bei laufendem Betrieb saniert. Ein Fördergerüst kront das Ensemble des auch für Besucherführungen genutzten Forschungs- und Lehrbergwerks der TU Bergakademie. Besondere Mineralien-Fundstücke schmücken den Versammlungsraum.

Im Empfangsraum des Museums steht ein Modell traditioneller Bergwerkslandschaft im Mittelpunkt. Hier ist das ganze Gewerk konzentriert dargestellt. Auf Knopfdruck setzt eine Maschinerie die Figuren in Bewegung.

Jens Kugler, der Technische Leiter des Museums, begrüßte im Namen des Vereins die Gäste im Alten Fördermaschinenhaus zur Buchlesung mit Michael Schuster.

Michael Schuster stellte sein Projekt „Der Zwerg aus dem Berg. Einer Zeitreise in die Montanregion Erzgebirge/ Krušnohoří“ vor. Eben erschien eine Fassung des Kleinkinderbuches „Vom Zwerg aus dem Berg“. Im Dezember 2023 war eine Hörbuchfassung dazugekommen und  die zweite Auflage seines Buches mit der Geschichte vom Zwerg Wurzelchen sowie Literaturhinweisen und Erläuterungen für die Eltern, erscheint im Mai 2024.

Michael Schuster hob hervor, dass er aus dem Annaberg-Buchholzer Ortsteil Buchholz stamme und zu Beginn seines Studiums der Hüttentechnik in Freiberg, vor mehr als 40 Jahren, auf den in Annaberg geborenen Gelehrten Lazarus Ercker (1530–1594) stieß. Dessen Bücher hatten ihn fasziniert. Gleichzeitig habe er sich darüber gewundert, dass der Name in Annaberg kaum bekannt war. Er wollte das ändern. Aber wie das Leben so spielt, es vergingen einige Jahre, bis er seinen Vorsatz in die Tat umsetzen konnte.

Michael Schuster vermochte es in dieser eindrucksvollen Umgebung, seine Geschichte für Kinder und Erwachsene gleichzeitig zu erzählen. Der Hauptstrang war die Geschichte für Kinder. Ab und zu trat er beiseite, um einen kleinen Kommentar für die Erwachsenen anzufügen. Es zeigte sich wieder einmal, dass Kinder Zwerge gern haben und sich sofort selbst als Zwerg fühlen, ihre Kapuze aufsetzen usw. So vermochte Michael Schuster, wie nebenbei, auch ein Lebensbild von Lazarus Ercker, des Begründers der analytischen Chemie im Hüttenwesen, zu vermitteln. Die fachkundigen Zuhörer nahmen das Engagement Michael Schusters dankbar auf.

Auswahl der ausgestellten seltenen Mineralien-Fundstücke

In der Diskussion fügte ein junger Wissenschaftler an, dass die TU Bergakademie in der Nähe zwei Kindergärten betreibt, in denen sich die Kinder mit dem Bergmannsberuf identifizierten. Jens Kugler fügte an, dass er als Kind viele Bücher gelesen habe, dass ihn jedoch die Sagen von Zwergen, die Schätze behüteten, am meisten begeisterten. Er habe in seiner Fantasie innere Bilder von den Zwergen aufgebaut und nie an deren Existenz gezweifelt. Andreas Eichler, vom Mironde-Verlag, fügte an, dass das Genre Kinderbuch für Michael Schusters Projekt aus mindestens zwei Gesichtspunkten gewählt wurde. Er wollte verständlich schreiben. Verständlichkeit sei auch für die Akzeptanz von Wissenschaft notwendig, genauso für die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen. Aber das Genre Kinderbuch wurde auch gewählt, um auf den vielseitigen Renaissance-Menschen Lazarus Ercker aufmerksam zu machen. Der sei kein eng-spezialisierter Fachgelehrter gewesen, sondern habe sich neben Gestein, Erzen und Mineralien auch für Menschen, Pflanzen, Tiere und Sterne interessiert. Ercker sei eben so offen gewesen, wie es auch die Kinder immer wieder sind. Diese Weite des Blicks brauche es, wenn sich die Menschheit wieder in den Naturkreislauf einfügen wolle.

Jens Kugler übergab Michael Schuster als Dank ein Buchgeschenk.

Kommentar

Auf der Heimfahrt erinnerten wir uns an den Welttag des Buches. In den großen Medien spielt das Buch als Kulturträger dem Anschein nach kaum noch eine Rolle. Es ist aber vielleicht kein Zufall, dass Michael Schuster im Silberbergwerk Freiberg, das das Erbe des Bergbaus, der wirklichen, gegenständlichen Arbeitserfahrung bewahrt, auf den UNESCO-Welterbestatus der Montanregion Erzgebirge/ Krušnohoří aufmerksam machte und gleichzeitig versuchte vergessenes Erbe neu zu erschließen. Lazarus Ercker wurde für zweihundert Jahre neben Georgius Agricola (1494–1555) und Vannoccio Birringuccio (1480–1537) die wissenschaftliche Autorität im Montanwesen. Er wirkte am königlich-kaiserlichen Hof in Prag. Dort war Ende des 16. Jahrhunderts das geistige Zentrum Europas. Große Gelehrte trafen hier zusammen. Lazarus Ercker war einer der wichtigsten wissenschaftlichen Ratgeber von Kaiser Maximilian und Rudolf II. Das geistige Lebenswerk Erckers liegt in Form von wirklichen Büchern vor. Das Verstehen eines solchen Buches erfordert ein langsames Lesen. Dabei erschließt sich der Leser Querverbindungen im Kopf. Er stößt im Text mitunter auch auf wichtige Dinge, nach denen er gar nicht suchte. Dieses „langsame“, nahezu meditative Lesen muss man von Kindheit an trainieren. Digitale Texte sind mit einem „schnellen Lesen“ verbunden. Der schnelle Leser sucht nach Überschriften, Worten und Zitaten. Die elektronischen Suchsysteme zeigen ihm jedoch nur das an, wonach er sucht, also nur das ihm schon Bekannte. Ein wesentlicher Widerspruch unserer Zeit liegt deshalb zwischen „wirklich“ und „digital“ oder „virtuell“. „Analog“ ist nicht der wirkliche Gegensatz zu „digital“. Gerade das „schnellen Lesen“ digitaler Texte zerstört unsere Fähigkeit zum Aufbau innerer Bilder, zur Fantasie.

Dem Verein und Michael Schuster ist für die Veranstaltung zu danken. Auf der Reichen Zeche in Freiberg wurde am Welttag des Buches daran erinnert, dass das UNESCO-Welterbe auch die Verpflichtung enthält, unsere Erbschaft an die nächste Generation weiterzugeben. Unser Erbe liegt in wirklicher, gegenständlicher Arbeitserfahrung und wirklichen Bücher vor.

Johannes Eichenthal

Information

Förderverein Himmelfahrt-Fundgrube Freiberg/Sachsen e.V.

Silberbergwerk, Fuchsmühlenweg 9, 09599 Freiberg

Michael Schuster: Der Zwerg aus dem Berg. Bildergeschichte einer Zeitreise in die Montanregion Erzgebirge/ Krušnohoří. Für Kinder ab 3 Jahre. Klammerheftung, 14,8 × 14,8 cm, 16 Seiten, Illustration von Birgit Eichler VP 5,95 Euro; ISBN 978-3-96063-058-6

Bestellbar in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/p/der-zwerg-aus-dem-berg-bildergeschichte-einer-zeitreise-in-die-montanregion-erzgebirge-krusnohori

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert