Reportagen

Wielands Schreibtisch

Auf der Autobahn geht es an diesem Nachmittag nach Weimar. Es ist Freitag, der 13. Juni. In der Gegenrichtung stauen sich die Fahrzeuge am Hermsdorfer Kreuz und nahe der Abfahrt Magdala kilometerweit. Wir treffen pünktlich, fast zu pünktlich in Weimar ein.

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Im Studienzentrum der Anna-Amalia-Bibliothek beherrscht noch die Generalprobe einer Veranstaltung zum 100. Geburtstag des Universalschriftstellers Arno Schmidt (1914–1979) den Raum.

Die zwei, beide etwa gleichaltrigen Leser des heutigen Abends, Rechtsanwalt Joachim Kersten und Professor Jan-Philipp Reemtsma, proben ein Hörspiel von Arno Schmidt. Kersten (Schmidts Rollenbeschreibung: »jung, feurig-ungeduldig, Dazwischenredner«) und Reemtsma (Schmidts Rollenbeschreibung: »ältlich, zum Dozieren geneigt«).

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Nach der Probe ziehen sich die beiden »Schauspieler« noch einmal zurück. Im »Bücherkubus« ist es wieder ruhig. Dann füllt sich der Saal langsam mit Besuchern. Am Ende sind alle etwa 120–150 Stühle besetzt.

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Und schon geht es los. Die beiden Akteure betreten den Saal. Jan-Philipp Reemtsma erklärt mit wohltuendem norddeutschen Understatement, dass Sie heute das Hörspiel »Wieland oder die Prosaformen« von Arno Schmidt mit einer Dauer von anderthalb Stunden läsen. Das Hörspiel sei 1956 geschrieben und erstmals gesendet worden und habe eine große Resonanz erhalten. In der Folge sei das Interesse an Christoph Martin Wieland gestiegen. In den letzten dreißig Jahren sei mehr über Wieland geschrieben und von ihm verlegt worden als in den hundert Jahren davor.

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Joachim Kersten spricht den ersten Satz: »So; das tägliche Brot wäre wieder einmal verdient. Die Abendnachrichten abgehört – oh, diese Abendnachrichten. Lassen sie uns irgend ein Theorem bestreiten, daß ich wieder Mensch werde!«

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Reemtsma antwortet: »Warum so ungehalten?

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Wieder Kersten: »Man kriselt im nahen Osten. Es wehrpflichtet sehr. Die Großmächte poltergeistern. Politikerfräcke fledermausen: es wird wieder einmal Nacht.«

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Reemtsma: »Sie glauben nicht an Entwicklung? Menschheit? Weltvernunft?«
Kersten: »Bei mir kommen Sie an den Rechten mit ihrer Weltvernunft: 6 Jahre Soldat und Kriegsgefangener, Monsignore! – Und Entwicklung?: moralisch und künstlerisch ist die Menschheit nicht einen Deut weiter als zur Zeit des ‹Proconsul›!«

Man einigt sich, dass sich nicht die Menschheit, dafür aber der einzelne Dichter entwickeln könne. Als Beispiel für diese These schlägt Reemtsma schließlich Christoph Martin Wieland vor. Reemtsma (»mit 60 hält man sich leicht für unfehlbar«) gerät über Christoph Martin Wieland ins Schwärmen: »durch dessen Schreibtisch wir Schriftsteller unseren ersten Meridian ziehen müssten«.

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Der Dialog, in dem Kersten (jung-feurig) immer wieder die skeptischen Einwände formuliert, und Reemtsma (ältlich) seine Thesen doziert, endet mit dem Satz Reemtsmas über den Wielandschen Briefroman mit dem Titel »Aristipp«: »… Hier, als Berechner der äußeren Form, hat Wieland Vorbildliches, und bisher noch längst nicht Gewürdigtes geleistet. Bücher wie dieser gigantische Briefroman vom ‹Aristipp›, die dem Fachmann reinlich das Stahlskelett der Trägerkonstruktion zeigen, und gleichzeitig dem Leser eine Fülle intrikatester ziseliertester Geistigkeit und schönster Menschlichkeit geben, eine Bereicherung im wahrsten Sinne der tria corda des Ennius, gehören in allen Literaturen zu den größten Seltenheiten, und sollten von jeder Generation immer wieder studiert werden.«

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Die Zuhörer spenden herzlichen Beifall für die Leistung der beiden Akteure.

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»Eine Zugabe haben wir leider nicht«, meinte Reemtsma im Verabschieden.

Kommentar
Wir sitzen mit einem Literaturkenner an diesem Sommerabend noch lange vor dem Weimarer ACC. Viele junge Leute an den Nebentischen. Drinnen sieht ein Gast Fußball.
Die Lesung zieht noch einmal an uns vorüber. Den beiden Akteuren und den Organisatoren der Anna-Amalia-Bibliothek ist zu danken. Wo gibt es das heute noch, dass so viele Menschen der szenischen Lesung eines anspruchsvollen Textes lauschen? Und das über 90 Minuten.
Arno Schmidts dialogischer Text ermöglichte eine Vergegenwärtigung der Zeit, in der Wieland in Weimar lebte, wie auch der Rezeptionsgeschichte. Was will man in Weimar mehr?
Zugleich wird uns bewusst, dass das allgemeine Kulturniveau seit 1956 keinen »Fortschritt« erlebte. Was muss das für eine Zeit gewesen sein, in der solche Texte entstanden, als Hörspiel gesendet und massenhaft gehört wurden?
Aber ist es nicht Ironie, dass der bekennende Schmidt- und Wieland-Verehrer einen »ältlichen, zum Dozieren geneigten« Wieland-Verehrer sprach, und mit einer Aufforderung zur Wieland-Lektüre endete (Man konnte sich hier den erhobenen Zeigefinger deutlich vorstellen)? Hatte in diesem Dialog nur einer Recht? Hatte Schmidt etwa ein pädagogisches Anliegen?
Wohl eher nicht.
War nicht Arno Schmidt 1956 auch in der Rolle des »jungen, feurigen Dazwischenredners«? Brach er nicht in jugendlicher Weise eine Bresche für eine Überwindung der erstarrten humanistischen Tradition, für eine neue, andere Aneignung des kulturellen Erbes der deutschen und englischen Sprache?
Wir müssen also beide Personen ernst nehmen. Den traditionsbewussten Wieland-Verehrer wie den jungen Erneuerer.
Aber warum die ganze Mühe, gibt es nicht einen allgemein gültigen Literaturkanon? Nein, einen solchen Kanon kann es nicht geben. Für jeden Menschen ist zu verschiedenen Zeiten ein anderes Buch das wichtigste (Klaus Walther). Wir müssen deshalb unsere Tradition von Zeit zu Zeit durch einen neuen Zugang zum Erbe erneuern, wenn sie nicht erstarren soll.
Arno Schmidt machte deutlich, dass wir uns die Arbeit der Neuaneignung unseres kulturellen Erbes nicht entziehen können. Fünfzig Jahre später endeten Erneuerungsversuche im schlichten Spektakel. Zum Beispiel dicke »Romane« über Alexander von Humboldt statt der Anregung zur Neulektüre von dessen Werken.

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Es ist daher von großer Bedeutung, an das Werk von Arno Schmidt zu erinnern, das ganze Universitäten ersetzt. Arno Schmidt widmete den Geistern von Weimar Hörspiele. Die dramatisch Form war einem solchen Versuch angemessener als die Epik. Das Hörspiel zogen damals deshalb viele junge Autoren einem Roman vor. Als Autor von Hörspielen wurde man aber nicht ernst genommen. Deshalb gaben große Autoren diese Form leider nach und nach wieder auf.
Ist die »Prosaformen« wirklich die entscheidende Frage? Die Hörspiele jener Zeit waren für bedeutende Autoren die Vorstufen einer »Dramatisierung des Romans«, wie sie Henry James und Thomas Mann vorgedacht und schließlich praktiziert hatten. Als »abgeschlossene Darstellung einer abgeschlossenen Epoche« war ein Roman in epischer Tradition nach 1945 nicht mehr zu schreiben. Daran ändert nichts, dass bis heute alles als Roman bezeichnet wird, was garantiert keiner ist (Thomas Mann). Gerade die »kleine Form« des Hörspiels war damals der Keim des Neuen. Arno Schmidt stand nicht allein. Wir erinnern hier nur an den großen Gert Hofmann (1931–1993). Das Hörspiel ermöglicht uns die Vergegenwärtigung der Geschichte in unserem Kopf. Daher ist es sehr verdienstvoll, dass Jan-Philipp Reemtsma im Reclam-Verlag in diesem Jahr die wichtigsten Hörspiele Arno Schmidts neu veröffentlichte. Dagegen steht eine Veröffentlichung solcher Hörspiele Gert Hofmanns leider noch aus.
Johannes Eichenthal

Information
Schmidt, Arno: Na Sie hätten mal in Weimar leben sollen!« Über Wieland – Goethe – Herder. Stuttgart 2013. VP 6,40 €

ISBN 978-3-15-018979-5

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Im Wieland-Gut Oßmannstedt wird bis 17.8.2014 eine Sonderausstellung zum Werk Arno Schmidts gezeigt. (99510 Oßmannstedt, Wielandstraße 16, Mi–Mo 10–18 Uhr)
Zugleich empfehlen wir die Dauerausstellung in Oßmannstedt zu Leben und Werk Christoph Martin Wielands. Hier ist auch Wielands Schreibtisch zu sehen.

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