Essay

Unsere Fahrt ins Jahr 2012

Liebe Leserinnen und Leser der Litterata,

am 16. Dezember fuhr ich mit Dr. Andreas Eichler, dem Vorsitzenden des Freundeskreises Gert Hofmann und Herausgeber der Litterata, auf der Inntal-Autobahn durch die Alpen. Das von uns geführte Gespräch wollen wir Ihnen in der Folge wiedergeben.

Herr Eichler, mit Bezug auf einen alten Maya-Kalender, der 2012 endet, wird von vielen Zeitgenossen 2012 ein Weltuntergang erwartet. Von Ihnen auch?

Die Frage ist zunächst, was das Wort »Weltuntergang« bedeuten soll. Wenn man es mit dem Ende der Existenz unserer Erde gleichsetzt, dann wird dieses Ereignis mit Sicherheit nicht eintreten. Wäre es anders, dann müssten auf einen Schlag alle Kräftebeziehungen unseres Sonnensystems außer Kraft gesetzt werden. Das ist nicht möglich.

Man kann diese kursierenden Gerüchte aber als Indiz dafür werten, dass viele Menschen ahnen, dass sich in ihrem Leben gravierende Änderungen vollziehen werden.

Wieso beunruhigt die Menschen eine Aussicht auf Veränderungen?

Es ist uns schon am angenehmsten, wenn alles bleibt, wie es ist. Diese Haltung verstärkt sich, wenn wir Vermögen, Einfluss, öffentliche Anerkennung usw. besitzen. Das wollen wir gern für immer und ewig festhalten. Die Formulierung vom »Ende der Geschichte«, die der Mitarbeiter des US-Außenministeriums Francis Fukuyama im Frühsommer 1989 prägte, er meinte damit, dass die westliche Kultur im Kalten Krieg gesiegt habe, und das höchste Stadium der Menschheitsgeschichte darstelle, ist inzwischen zu einer Metapher für diese Haltung geworden.

Aber es gibt doch die kritischen Wissenschaften …

Sicher gibt es die. Aber auch hier haben wir die vorherrschende Retrospektive. Die Idee vom »kulturellen Gedächtnis« geht davon aus, dass soziale Erinnerung im staatlichen Rahmen erfolge und ein »Kanon« gebildet werden müsse. Es geht hier weniger darum, dass damit Erinnerung ideologisiert wird, und dass Erinnerung heute vielmehr auf individuelle Weise praktiziert wird. Der entscheidende theoretische Fehler dieser Konzeption ist aus meiner Sicht, dass Erinnerung, unser kulturelles Erbe hier statisch fixiert wird, so, als ob unsere Traditionen ein-für-alle-Mal unveränderlich seien.

Sind sie das nicht?

Nein. Als Mensch wie als Gesellschaft müssen wir uns regelmäßig erneuern, weil auf unserer Erde alles in Bewegung ist. Die sich im Kosmos drehende Kugel unseres Planeten gibt gewissermaßen den Rhythmus vor. Nichts bleibt, wie es ist. Deshalb müssen wir uns immer wieder selbst in Frage stellen und unser Erbe neu erschließen. Einen »Kanon« gibt es in der lebendigen Wirklichkeit nicht (Klaus Walther). Zum Erbe gehört unsere gesamte Geschichte und Kultur. Unsere Erneuerung ist möglich, wenn wir durch eine neue Sicht, einen neuen Blick auf das Erbe die Tradition neu »zusammensetzen«, neu konstituieren. Tradition ist der Teil des Erbes, den wir bewusst weiterführen wollen. Eine andere Frage ist, ob uns diese Weiterführung auch gelingt. Wichtig ist aber, dass wir unser europäisches Erbe und Tradition auch als offenes Verhältnis begreifen. Eine geschlossene Gesellschaft wird jedoch kaum die eigene kulturelle Erbschaft als offen begreifen können.

Wieso europäisches Erbe?

Weil wir seit etwa 5000 Jahren in einem europäischen Zusammenhang leben. Alle regionalen Kulturen in Europa entstammen diesem allgemeinen Zusammenhang. Nur die Hochkulturen wanderten von Mesopotamien nach Ägypten, Kreta, Phönizien, Griechenland, Rom, Mitteleuropa usw.

Aber ist nicht Europa gerade in einer Krise?

Die Krise wird von der großen Finanzwirtschaft und deren verschuldeten Staaten-Großkunden verursacht. Der Staatenbund »Europäische Union« und ihre Gemeinschaftswährung ist von der Krise dennoch mittelbar betroffen. Diese zwei Aspekte muss man unterscheiden.

War die Gründung dieser Europäischen Union aber nicht ein historischer Fortschritt?

Sicher war sie das. Zumal sie ja auch nach dem Zweiten Weltkriege eine Zivilisierung der zwischenstaatlichen Beziehung darstellte. Das darf man nicht unterschätzen. Zugleich ist »Fortschritt« aber immer ein Prozess der Spezialisierung, unter Verlust der Grundlagen.

Also würden Sie sich dem »Fortschritt« verweigern?

Nein. Das ist gar nicht möglich. Wir müssen uns im Leben von Zeit zu Zeit mit aller Kraft auf einzelne Ziele konzentrieren. Wenn man so will, ist dass der Fortschritt. Christa Wolf hatte Anfang der 1980er Jahre, in der Zeit der Eskalation der wechselseitigen militärischen Bedrohung, in den Kassandra-Vorlesungen diesen Fortschritt auf »männlichen Rationalismus« zurückgeführt: »Bedenkenswert, auch heute: wie die Kritik an der Einseitigkeit des männlichen Rationalismus Gefahr läuft, als Irrationalismus, Wissenschaftsfeindlichkeit missverstanden, auch missbraucht zu werden; und dies besonders in restaurativen Epochen (…): dies bringt wiederum die Frage auf, was von heute aus und aus den Voraussetzungen dieser Zivilisation (überhaupt noch) ‹Fortschritt› sein könnte, da doch der männliche Weg, alle Erfindungen und Verhältnisse und Gegensätze auf die Spitze zu treiben, bis sie ihren äußersten negativen Punkt erreicht haben: jenen Punkt, der dann alternativlos bleibt, beinahe an sein Ende gelangt ist.«

Christa Wolf verwies auf einen wichtigen Aspekt: die mangelnde Reflexionsfähigkeit der in Europa vorherrschenden Staats-Vernunft.

Hegel, der die Vernunft hoch schätzte, hatte seinerzeit nicht nur herausgefunden, dass sich-selbst-reproduzierende-Systeme zunächst eigene Grundlagen schaffen, ehe sie das Wesen stiften, und damit die Fähigkeit zur Selbstreproduktion erlangen. Das Wesen ist etwas Gewesenes – gewesenes Sein. So brauchte der Kapitalismus etwa 300 Jahre, um die Fähigkeit zur Selbstreproduktion zu erlangen. Aber das Wesen ist auch kein statisches Verhältnis. Es gibt selbst auf ontologischer Ebene eine Reflexion, eine Er-Innerung, ein Nach-Innen-Gehen. Hegel meint, dass das Wesen des Systems mehrfach in seinen Grund zurückgehen müsse, um sich zu erneuern.

Man muss also in der Lage sein den lange »erfolgreichen Weg«, den »Fortschritt« an einem bestimmten Punkt abzubrechen, um zum »Basislager«, zu den Grundlagen zurückzukehren, und nach einem neuen Weg zu suchen.

Sie würden also mit der europäische Einigung heute neu beginnen?

Ja. Die Grundlage, das ist die Vielfalt des kulturellen Erbes und der Traditionen. Hier ist die Stärke Europas zu sehen. Diese Stärke ist seit 5000 Jahren in den Regionen, in Kommunen und Familien verwurzelt. Auf dieser Grundlage hat sich Europa schon mehrfach erneuert. Palingenesis, Renaissance, Wiedergeburt wurde das genannt.

Der französische Historiker Fernand Braudel nannte die Schicht von Familien, Kommunen und Region »Civilisation matèrielle«. Über Jahrhunderte sei diese Schicht relativ konstant geblieben, wie der Wasserspiegel eines Ozeans. Hans Freyer meinte, dass man sich die Hochkulturen wie Inseln vorstellen müsse, die aus dem Ozean der Geschichte emporsteigen, und nach Ablauf ihrer Zeit wieder überspült werden. In diesem Bild stützte er sich auf Wilhelm Dilthey. Dieser nahm es von Johann Gottfried Herder auf, ohne diesen zu erwähnen.

Ich nahm bisher an, dass sich die Menschheit vom Niederen zum Höheren entwickelt. Unsere westliche Kultur ist die derzeit höchste Stufe der Entwicklung, das »Ende der Geschichte«. Fortschritt besteht doch darin, dass alle Menschen und Völker irgendwann so leben werden, wie wir. Oder?

So dachte ich auch einmal. Für das marxistische Denken meiner Lehrer war Hegel prägend gewesen. Auch Fukuyama ist ein Schüler eines großen Hegelianers, nämlich Alexandre Kojève.

Aber Hegel konzentriert sich nur auf die Herausbildung der jeweils dominierenden Denker und Gesellschaften. Also der »Inseln«. Er vernachlässigt dass, was subsummiert wird, jedoch gleichzeitig existiert, also den Ozean, die Vielfalt. Am Ende läuft alles auf das System Hegels und auf den preußischen Staat zu. Dort trat für Hegel das »Ende der Geschichte« ein. Er nahm an, dass es weiter Ereignisse gäbe, doch keine weitere Entwicklung über den preußischen Staat hinaus.

Aber ist nicht das Dominierende entscheidend und das andere überholt, überlebt, unterkomplex, vormodern, vernachlässigbar, dem Untergang geweiht?

Nein, weder Ideen noch Kulturen sind irgendwann überlebt. Als Heinrich Heine Immanuel Kants Kritik am christlichen Gottesverständnis erwähnte, fügte Heine an, dass Kant zwar so radikal vorgegangen sei, wie Maximilian Robespierre gegen die Monarchie, dass aber das Christentum unsterblich sei, weil es eine Idee sei. Ideen sind also nie überlebt. Wir stellen unser Denken regelmäßig in Frage und beziehen bei unserer Neukonstituierung die Ideen ein, die schon vorhanden sind. Unser Blick auf die Geschichte der Ideen ändert sich immer wieder. Die Substanz der Ideenvielfalt bleibt aber.

Aber bei Kulturen ist das doch anders …?

Eben nicht. Der »Ozean der Geschichte« – dass ist das Allgemeine, die Vielfalt der Kulturen. Aus dieser Vielfalt erwächst die Stabilität der Menschheitsexistenz. Das, was bisher als »Fortschritt in der Geschichte« gesehen wurde, dass sind im Grund Herausbildungen von Besonderem aus dem Allgemeinen. Man kann in gewissem Sinne von Spezialisierungen sprechen. In der alten Bundesrepublik wurde das Schlagwort »Ausdifferenzieren« sehr populär, mit dem Niklas Luhmann die reale soziale Spezialisierung systemtheoretisch beschrieb. »Ausdifferenzierung« wurde zu einem Synonym für Fortschritt. Damit wurden dem Anschein nach die Stärken des System beschrieben. Die Allgemeinbildung, die Grundlagen wurden in diesem Zusammenhang vernachlässigt. Aber an einem bestimmten Punkt schlagen die Momente, die bislang Stärken des Systeme waren, in Schwächen um. Die gleichen Faktoren, die einst zum Aufstieg, zum »Auftauchen« führten, bewirken nun das Gegenteil. Es folgt ein Niedergang und ein Wiederaufgehen im Allgemeinen.

Aber ist nicht mit der Globalisierung ein Prozess in Gang gesetzt worden, der die Merkmale der westlich-kapitalistischen Kultur auf alle anderen Kulturen überträgt, ob diese wollen oder nicht?

Richtig ist, dass erstmals in der Geschichte eine Kultur auf alle anderen Kulturen gleichzeitig direkten Einfluss ausübt (Handel, Medien, Finanzsystem usw.). Wenn man den Prozess aber näher betrachtet, dann wird nur ein abstrakter Zusammenhang konstituiert. Das, was Globalisierung genannt wird, ist streng genommen nur der Versuch weltweit einheitliche Bedingungen für große Konzerne, d.h. einheitliche Produkte für einheitliche Konsumenten herzustellen. Dieser Prozess der weltweiten Vereinheitlichung stößt aber an eine Grenze. Einerseits sind nicht einmal mehr Billigprodukte die in Billiglohnländern hergestellt wurden unbegrenzt absetzbar. Andererseits ist das Leben auf unserer Erde zum Glück außerordentlich vielfältig, komplex. Die derzeitige Form der Globalisierung, die ja mit dem Versprechen Wohlstand für alle Menschen schaffen zu wollen gestartet wurde, ist gescheitert. Eine kleine Gruppe häuft unsinnigen Geldreichtum an während die Mehrheit der arbeitenden Menschen unter Existenzproblemen leidet.

Ist das nicht die Krise des Kapitalismus?

Ja und nein. Einerseits führt die Rationalisierung der kapitalistischen Produktion zur Erhöhung der Produktivität, aber damit zum sinkenden Wert der Produkte. Man kann zwar den Verbrauchern eine gewisse Zeit überhöhte Preis abverlangen, aber nicht ewig. Bislang versuchte man über Produktionsverlagerungen und Unternehmensfusionen Auswege aus dem Dilemma zu finden. Aber eine Trendumkehr ist hier nicht möglich. In letzter Zeit müssen gerade die größten multinationalen Wirtschaftsakteure mit nie gekannten Steuermittel-Summen unterstützt werden.

Andererseits ist der private Kapitalismus die Basis bürgerlicher Demokratie. Diese Eigentumsform, in der der Firmeninhaber selbst im Unternehmen arbeitet und seine Mitarbeiter persönlich kennt, der sich in seiner Kommune sozial und kommunalpolitisch engagiert, diese Eigentumsform wird es immer geben. Aber seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie vom Finanzkapitalismus dominiert und existiert nur noch als untergeordnete Eigentumsform.

 Sie gehen von der gleichzeitigen Existenz mehrerer Eigentumsformen aus?

Ja. Es existieren Schichten von Eigentumsformen. Die historische Folge der Entstehung dieser Eigentumsform ist, wie bei Bodenschichten, ablesbar. So existieren heute auch noch vorkapitalistische Eigentumsformen: etwa Genossenschaften, kleine Warenproduktion u.ä.

Andererseits hat die Dominanz des Finanzkapitalismus auch zu einer Benachteiligung der anderen Eigentumsformen geführt. Wichtig wäre heute zunächst die steuerliche Gleichbehandlung aller Eigentumsformen. Warum gibt es z.B. keine Transaktionssteuer für den Aktienhandel?

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann hat der Wandel in Europa schon begonnen und die Sachzwänge werden die Menschen zu den vernünftigen Lösungen in Wirtschaft und Recht führen. Oder?

Ja und Nein. Einerseits ist unsere Welt in stetigem Wandel. Die Kontinente, die seit 1500 von Europa dominiert wurden, haben sich zurückgemeldet, um ihr Gewicht in die Waagschale zu legen. Damit sinkt die Waagschale Europas, verändern sich die Existenzbedingungen Europas, ohne dass in Europa etwas falsch gemacht wurde.

Andererseits führen wirtschaftliche und existenzielle Zwänge den Menschen nicht zwangsläufig zum vernünftigen Denken. Es ist auch möglich, dass Menschen diesem Druck nicht standhalten, vor ihm zu flüchten versuchen, mit Abschottung antworten oder zu gewaltsamen Mitteln greifen wollen …

Nach Hegel arbeitet die Vernunft als Maulwurf und setzt sich gerade über die egoistischen Ziele der Menschen durch, hinter deren Rücken praktisch …

Ja, Hegel dachte so. Aber der Preis dieser Entwicklungsform war hoch. Hegel sah ja Napoleon als Verkörperung des Weltgeistes seiner Zeit an. Im Grunde war Napoleon jedoch ein Massenmörder, der gleichzeitig das Bürgerliche Gesetzbuch in Europa verbreitete. Hier wird ein Dilemma sichtbar: man kann Vernunft nicht mit gewaltsamen, mit militärischen Mitteln verbreiten. Christa Wolf erinnerte in ihren Kassandra-Vorlesungen daran.

Aber Hegel ist zusammen mit Kant heute eine unumstrittene Autorität?

Das ist richtig. Hegel konstituierte sein System im wesentlichen in der Auseinandersetzung mit Kant. Hegels Kritik war ein Verfahren des Aufhebens, d.h. des kritischen Weiterführens der Stärken des Vorgängers. In der Retrospektive haben wir die Linie von Kant zu Hegel und in gewissem Sinne auch zu Marx. Einflussreiche Gesellschaften begründen die Bedeutung dieses Weges und der Erinnerung daran für unser heutiges Denken.

Aber diese Erinnerung wird auf hegelianische Weise praktiziert. Wir sehen nur den Weg, der auf Hegel/Marx zuführt. Alternativen gerieten aus dem Blick.

Gab es denn Alternativen zu dieser Linie?

Selbstverständlich. Es gibt immer Alternativen. Ich nenne hier nur Johann Gottfried Herder …

Ich hatte es befürchtet …

Sie hatten mich ja gefragt.

Inwiefern war das eine Alternative?

Herder setzte die Linie von Plato bis Leibniz fort. Philosophie war für ihn die Weisheit, die über den Gegensatz von Glauben und Vernunft hinausgeht. Kant und Hegel dagegen setzten, wie viele ihrer »aufgeklärten Zeitgenossen« Philosophie mit Vernunft gleich. Zudem entwickelten Kant und Hegel noch die Fiktion einer »reinen Vernunft«.

Und Herder?

Herder sah sich in der Weisheits-Tradition als ein religiöser Philosoph, als gläubiger Jünger der Vernunft, als vernünftiger Gläubiger. Glauben und Vernunft bezeichnete er auf dieser Grundlage als die zwei Säulen, auf denen die menschliche Kultur steht.

Ist das nicht ein freimaurerisches Bild?

Das kann durchaus sein. Aber Herder hatte einen weiten Horizont, er blickte über Konfessionen und Gemeinschaften. Jedenfalls wusste Herder, dass Glauben und Vernunft Gegensätze sind, die nicht aufeinander reduzierbar sind, die aber auch nicht ohne den anderen existieren. Also weder eine einfache Identität noch ein beziehungsloser Unterschied.

Glaube versteht Herder im Sinne menschlicher Existenz. Wir haben als Menschen alle einen Glauben, weil wir Hoffnung benötigen. Hoffnung ist aber nicht die Erwartung eines guten Ausganges, sondern wir brauchen Hoffnung als Sinngebung in einer Welt ohne Sinn. Dies auch, um Krankheit, Tod, Katastrophen bewältigen zu können.

Vernunft ist für Herder im Kern Skepsis, die Fähigkeit aus unseren Fehlern zu lernen. Unter diesem Aspekt wird deutlich, dass skeptische Vernunft nicht zur Sinnstiftung fähig ist. Dazu ist nur der Glaube fähig.

Praktisch kommen nach Herder Glaube und Vernunft in der Poesie zusammen.

Philosophie, Weisheit ist für Herder so etwas, wie der Geist von Poesie.

Hat nicht Herder eine Buch mit dem Titel »Vom Geist der ebräischen Poesie« veröffentlicht?

Herr Eichenthal, ich staune über Ihre Kenntnisse …

Naja …

Herder sah die Arbeit »Vom Geist der ebräischen Poesie« und »Die älteste Urkunde des Menschengeschlechtes« als seine Hauptwerke an. Hier handelt es sich um solide und originelle Bibelkommentare. Herder beherrscht das Handwerk der Hermeneutik. Zeitgenössische Orientalisten (Michealis, Heyne, Eichhorn u.a.) lieferten Herder das Material für eine historische Darstellung der Verwurzelung des Alten und Neuen Testamentes in der Geistesgeschichte des Vorderen Orients. Indem er die Bibel überkonfessionell kommentiert, vermag er die Aktualität dieser alten Schrift zu begründen und gleichzeitig auch allen christlichen Konfessionen, allen anderen Religionen und auch Menschen verständlich zu machen, die Religion ablehnen.

Sie meinen, dass der überkonfessionelle Ansatz eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Verständigung mit anderen Religionen ist? 

Davon gehe ich aus. Der Preis für Herders Weitsicht besteht freilich darin, dass die philosophische Bedeutung des Weimarer Generalsuperintendenten heute, so weit ich das überblicke, nicht einmal mehr von der evangelischen Theologie angemessen gewürdigt wird.

Worin besteht denn die philosophische Aktualität Herders?

Herder sagte einmal, dass die größten Feinde der Philosophie die Sekte der Mathematiker und die Sekte der Theologen seien. Er meinte hier die so genannten orthodoxen Theologen, die, die Bibel zu verstehen versuchten, indem sie getreu nach den Buchstaben des Textes, nach den einzelnen Zeichen gingen. Jeder Text steht aber in einem kulturellen Kontext. Wer kein hermeneutisches Grundwissen besitzt, nicht auch »zwischen den Zeilen« lesen kann, der versteht den Sinn des Textes nicht.

Und die Sekte der Mathematiker?

Er meinte damit Philosophen, die die Methode der Mathematik verabsolutierten und der Fiktion anhingen, man könne die Wirklichkeit allein mit mathematischen Zeichen und Formeln erfassen. (Das Verfahren ähnelt auf andere Weise dem der orthodoxen Theologen.) Herder sah hier aber zuerst Descartes und Kant. Bei beiden diagnostizierte er die Fiktion eines von der Sprach getrennten »reinen Denkens«, dem eine Reduktion von Vernunft auf Mathematik und mathematische Logik folgte. Herder stellte in seiner Kant-Kritik fest, dass Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« zwar zunächst behauptete, dass er den Apparat der Logik nicht zu Erkenntniszwecken einsetzen wolle, dies aber dann doch tat. Die so genannten Aporien der reinen Vernunft, die Feststellung, dass man z.B. mit den Mitteln der Logik sowohl die Existenz Gottes als auch dessen Nichtexistenz nachweisen könne, sind den Mängeln formaler Systeme zuzurechnen. Kurt Gödel wies dies mehr als 100 Jahre später nach. Diese Logik eignet sich nur zur folgerichtigen Darstellung bekannten Wissens. Die Logiker verwechseln diese Folgerichtigkeit mit Wahrheit.

Heute bringt diese Anmaßung der Logiker durch die wirtschaftliche Nutzung der auf dieser Basis hergestellten Computer-Programme katastrophale Folgen hervor.

Wie ist das möglich?

Z.B. der globale Aktienhandel wird heute auf der Basis von Computerprogrammen getätigt. Die Programme werden von der Elite des Mathematiker- und Physiker-Nachwuchses geschrieben. Man konstruiert Algorithmen, die von den verantwortlichen Bankiers, den Managern und den Politikern nicht mehr begriffen werden. Dazu kommt die Geschwindigkeit und die Masse der Transaktionen. Robert Harries sagte in einem Interview mit der TAZ, dass an einem Crash-Tag 2010 an den US-Börsen 18,4 Mrd. Aktien verkauft wurden. Das seien so viele, wie in den gesamten 1960er Jahren gewesen. An diesem Tag geriet ein großer Hedge-Fond außer Kontrolle. Die Crash-Entwicklung wurde verstärkt, weil die Reaktionen auf negative Entwicklungen auch wieder von Computern ausgehen. Es ist fast vergleichbar mit der Situation der Raketenbedrohung in den 1980er Jahren. Sobald eine negative Nachricht eintrifft wird der »Gegenschlag« gestartet.

Aber die Entwickler der Programme betonen doch, dass ihre Programme lernfähig seien?

Das höre ich auch immer wieder. Aber die Frage ist, was hier unter Lernen verstanden wird. Mathematik kann immer nur quantitative Verhältnisse erfassen, keine Ursachen von Prozessen. Das ist die Crux der Computerprogramme. Man ist zwar heute in der Lage mit Suchmaschinen gigantische Datenmengen, Spuren, die wir im Internet hinterlassen auszuwerten. Aber die gewonnen Algorithmen erfassen eben immer nur quantitative Zusammenhänge. Damit wird die Wirklichkeit bloß abstrakt erfasst. Man wendet in dem Verfahren praktisch immer wieder einen abstrakten Zusammenhang an, um die geschichtliche Wirklichkeit zu verstehen. Man geht davon aus, dass Lernen darin besteht, die Wiederholung gleicher Situationen in der Geschichte herauszufinden.

Aber Geschichte wiederhol sich zwar, nie jedoch auf gleiche Weise. Jeder Börsenkrach, jeder Reaktorunfall ist anders. Selbst die besten Programme können nicht angemessen auf Krisen reagieren.

Die Finanzwirtschaft, wie Manager und Politiker, halten das Maschinendenken jedoch für objektiv und dem menschlichen Denken überlegen. Praktisch ist es aber der Weg in die Großkatastrophe.

Aber sind diese Supercomputer nicht dem menschlichen Denken überlegen?

Es kommt darauf an, wie man menschliches Denken begreift. »Rechner« – das deutsche Wort für »Computer« – finde ich zutreffender. Es sind Rechenmaschinen. Auf dem Gebiet des Rechnens sind diese Maschinen dem Menschen völlig überlegen.

Aber menschliches Denken ist mit Sprache verknüpfter Aufbau innerer Bilder. Herder führte in seiner von der Berliner Akademie prämierten Schrift zum »Ursprung der Sprache« an, dass viele Tiere dem Menschen in einzelnen Eigenschaften völlig überlegen sind. Die Tiere können besser hören, sehen, riechen, laufen usw. In diesem Sinne formulierte Herder etwas zugespitzt, dass der Mensch ursprünglich das schwächste Tier gewesen sei, dass er ein »Mängelwesen« sei. Aus diesem Grund mussten die Menschen alle Sinne gleichzeitig gebrauchen lernen, um ein inneres Bild aufzubauen. »Besonnenheit« nennt Herder diese Eigenschaft. Verstand und Sprache seien als innerer Zusammenhang der Sinneswahrnehmung zu verstehen.

In einem Abendvortrag im Frühjahr 1799 für seinem Sohn Emil und Gotthilf Heinrich Schubert formulierte Herder, dass der Mensch mit der Sprache Sinneswahrnehmungen festzuhalten und wieder aufzurufen gelernt habe.

Das ist der Punkt. Unser menschliches Denken entsteht bei Kindern aus Sinneswahrnehmungen, Sprechen und Bewegung. Das menschliche Denken existiert nur in Verbindung mit Sprache, mit Gefühl und Empfindungen.

Das sahen Kant und Hegel aber anders …

Ja, die Fiktion vom »reinen Denken« von der »reinen Vernunft« hat die Philosophie in eine Sackgasse geführt und den Anmaßungen der mathematischen Logik Tür und Tor geöffnet. Zudem führte diese Reduktion dazu, dass die Philosophen sich nicht mehr mit dem Glauben befassten.

Ich habe selbst erst in den letzten Jahren begriffen, dass Johann Gottfried Herder seine Schrift von 1798 »Vom Geist des Christentums« als eine Art Lebensfazit und Hauptwerk verstand. Er fasste sein Credo auf etwa 130 Seiten sehr konzentriert, beinahe in Form von Thesen. Es schmerzte ihn sehr, dass er gerade von theologischer Seite unsachlich kritisiert wurde. Herder hatte in dieser Schrift versucht den Geist des Christentums für den einzelnen Menschen verständlich und fassbar darzustellen. Nach Herder ist das Credo des Christentums die Einsicht, dass, wenn es unserem Nachbarn schlecht geht, uns auch nicht gut gehen kann.

Das sagt Pfarrer Friedrich Schorlemmer so ähnlich …

Ein so verstandenes Christentum wäre heute die Basis für eine lange fällige Verständigung.

Worauf freuen Sie sich im Jahre 2012?

In Weimar wird 2012 die Veröffentlichung des Briefwechsel von Johann Gottfried Herder vollendet. Es liegen bereits 14 Bände vor. Seit 1971 arbeitete eine Gruppe renommierter Wissenschaftler an diesem Jahrhundertwerk. Die letzten Bände stellte Günter Arnold, ein promovierter Germanist, bereits allein fertig. Er ist es auch, der die Arbeit der letzten Bände leistet. Der kommentierte Briefwechsel ist gewissermaßen die »Seele« des Herderschen Werkes. Es ist zu hoffen, dass Herder mit dieser Veröffentlichung endlich als der Philosoph anerkannt wird, der die Alternative zur Sackgasse darstellte, die Kant und Hegel (und in gewissem Sinne auch Marx) beschritten.

Sehr geehrter Herr Eichler, vielen Dank für das Gespräch.

Johannes Eichenthal

 

Drucken & PDF

Hier Klicken um den Artikel Unsere Fahrt ins Jahr 2012 von als PDF zu erhalten.


3 thoughts on “Unsere Fahrt ins Jahr 2012

  1. Lieber Jo Ei – manchmal könnte ich neidisch werden, dass Sie so gebildeten Mann wie den Herrn Dr. Eichler so nah haben – da kann man sich doch über viele Gedanken die einen bewegen, sich unkomppliziert austauschen.
    Aber, wie sehe ist das auchnicht ganz so einfach – für die „Lesung“ zum Jahreswechsel habe Sie sogar eine Reise in die Alpen machen müsen!

    Ausdrücklich Danke, dass Sie sich aber die Mühe machen, die wertvollen Gedanken einer hoffentlich genauso interessierten Öffentlichkeit zur gefälligen Kenntnis zu geben!

    Wer hat denn da das Lenkrad in der Hand gehabt – schließlich ist es nicht ungfährlich, mit solchen „kopfzerbrechenden“ Gedanken auch noch das schnell dahingleitende irdische Geschehen im Griff zu haben?
    Und übehaupt – war es die erdrückende Größe der Alpenberge – die dann den Menschen so klein erscheinen lassen – , die den Herrn Dr. Eichler so filosophisch stimmten?
    Wobei er den Bogen ja ziemlich weit spannt – von Mesopotanien bis zur Finanzkrise – und dann läßt der Meister zwischendurch noch schnell ein paar Inseln aus dem Meer aufsteigen und nd untergehen? Na, da werde ich wohl über den Text noch eine Weile grübel müssen!
    Mhh….er – der Herr Dr. schriebt (oder lässt schreiben) beim Abschnitt europäisches Errbe „Nur die…“ – können Sie sich nichtmal vorsichtig – quasi so rein zufällig, damit er nicht über vermeintliche Dummheit den Kopf nur schweigend schüttelt, warum er hier an dieser Stelle das Wort nur benutzt – nur einfach so? Oder weil …. Danke!

    Ja lieber Jo Eies ist nicht ganz einfach für kleine Geister Große Gedanken zu verstehen… aber wenn ich Ihre Nachricht deuten darf, kritisiert der Herr Dr. , zum einen dass durch eine völlig einseitige „vernunftgemäße“ Betrachtung und Handlung in der der Welt der Glaube – die Verpflichtung nach dem Sinn meines Handelns aus dem Focus geraten ist. Sprich, dass der Mensch des Menschen Freund sein ganz und gar aus dem Sinn von Erziehung und Bildung genommen – erst wollte ich sagen verschwunden, bleibe aber bei dem Wort „genommen“ ist.?!
    Ich hoffe, Sie kommen nicht zu der Erkenntnis, dass es sicht lohnt für solch ein Puplikum die Worte des Herrn Dr. Eichlers zu notieren .. Aber wenn er gut verstanden werden wollte, könnte er doch mehr (wie der berühmte Redner Jesus von Nazareth in Bildern sprechen! Bei den Inseln hat hat er doch solch schönes, leicht sich (nicht nur auf der Verstandesseite des Gehirns) fetsetzendes benützt!

    Nun aber Schluss mit meinen Zeilen – Bleiben Sie wie Sie sind – oder wandeln sich ein wenig – doch bleiben Sie immer in Ihrer Art – Grüße an den Herrn Dr. seine fleissige Frau, Gesundheit und ein gutes Jahr 2012!! n

    nun, 130 Seiten des Herrn Herder könnte man sich ja noch versuchen zu erschließen …

  2. Lieber, sehr verehrter Herr Dr. Eichler,
    ein herzliches „Glückauf!“ zum Neuen Jahr und ebensolchen Dank für Ihr köstliches, ja herzerfrischendes
    Interview – allerdings – von nahzu biblischem Ausmaß.
    Ich gehe nicht davon aus, dass selbiges während der Fahrt ins Alpenland entstand, als vielmehr in einer an-
    gemessenen Denkpause. Ich hatte großen Spaß beim Lesen, denn das Gesagte sprudelt gewissermaßen
    aus Ihnen heraus, will sagen: Das mußte einmal gesagt werden!
    Wir stimmen überein: Ein Ende gibt es nicht, es gibt immer wieder nur einen neuen Anfang! In eben dieser
    Gesetzmäßigkeit liegt jegliche Chance begründet, individuell, wie weltpolitisch. Die Irrtümer und die daraus
    resultierenden Fahler liegen dazwischen – sie verursachen das Ende und machen den neuen Anfang not-
    wendig! Deshalb ist es auch nie zu spät – das sehen wir an den weisen Prophezeiungen, der großen Ideen,
    für die die Zeit reif sein muß – üben wir uns also in Geduld und lernen Gelassenheit. Dass Sie den großen Herder bemühen ist höchst erquicklich – ich glaubte vernommen zu haben, dass man eigentlich schon am
    Ende des Jahres 2011 ein Zusammentreffen führender Vertreter der Weltreligionen ins Auge gefaßt hatte,
    die in der Verantwortung für die Wohlfahrt von 10 Milliarden Menschen, ungeachtet ihrer religiösen oder
    politischen Überzeugungen stehen. Und so erinnere ich an jenes prophetische Wort Goethes zu Eckermann
    am 14.03.1830:“Überhaupt ist es mit dem Nationalhass ein eigenes Ding. – auf der untersten Stufe der Kultur werden sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden, es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbar-volkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet.“
    Dann zählt nur noch das einzig Entscheidende: Das Humanum!

    Auf das der Mensch das Maß aller Dinge bleibt, grüße ich Sie mit vorzüglicher Hochachtung
    Ihr
    Siegfried Arlt

Schreibe einen Kommentar