Reportagen

Fernsicht

»Die Landschaft, in welcher mein Geburtsort: Hohenstein im Sächsischen Erzgebirge liegt, steht zwar an Schönheit und Erhabenheit der Natur weit hinter den Gegenden in der Nachbarschaft der Alpen oder den Küstengegenden des Meeres; sie hat nicht die Naturfülle der ebenen Landstriche des mittleren Deutschlands, durch welche ein Fluss seinen Lauf nimmt, denn nur ein kleiner Bach schlängelt sich unten im Tale durch die grünen Wiesen; dennoch hat sie der eigenthümlichen Schönheiten so viele, dass selbst der weitgereiste Fremdling mit Vergnügen, länger vielleicht als es seine Absicht war, in ihr verweilen mag. Die Kirche liegt etwas höher, die Stadt selber mit ihren Gassen tiefer am Abhang eines Berges, dessen Felsart vorherrschend der Glimmerschiefer ist. Schon aus weiter Ferne fällt deshalb die kleine Wohnstätte eines arbeitsamen, fleißigen Völkleins in das Auge des Vorüberreisenden und von den höher gelegnen Häusern, noch mehr aber von dem Berge aus, an dem Hohenstein liegt, genießt man eine Fernsicht, die nach Westen hin über die Gegend des Muldenthales bis an die Berge des Voigtlandes reicht, nach Süden aber den größten Theil des Höhenzuges umfasst, welcher unter dem Namen Erzgebirge zwischen Sachsen und Böhmen verläuft. Nach Norden schaut man weithin über die große, fruchtbare Ebene, aus der sich tief am Horizont die Porphyrberge bei Rochlitz und der Petersberg bei Halle erheben. Eine große Zahl von Dörfern und mehrere Städte werden, zum Theil schon mit bloßem Auge, noch mehr aber durch das Fernrohr auf der Fruchtbaren Ebene um Altenburg und gegen Leipzig hin gesehen.«

So beschrieb ein großer Sohn einst seine Geburtsstadt.

Der Abend des 18. Januar 2012 war nass und kalt. Der Normalbürger schaltete reflexartig Fernseher und Heizung an, und schlief ein. Die anderen – zogen schweigend ihre schweren Wettermäntel an, setzten die dunklen Hüte auf und gingen durch die winterkalten Straßen und Gassen. Wie von Geisterhand gelenkt trafen sie sich alle in einer ehemaligen Textilfabrik. Im städtischen Textil- und Rennsportmuseum warteten bereits Kerstin Beck und Gerhard Klußmeier. Alle wussten dem Anschein nach Bescheid, was hier gespielt wurde. Das Licht verlosch langsam und schon warfen Frau Beck und Herr Klußmeier Karten, Fotos und Fotomontagen an die Wand. Minutiös verfolgten Sie die Reise, die ER Anfang Mai 1898 unternahm. Es ging mit der Bahn über Salzwedel ins Wendland. ER wollte sich die Orte und Landschaften besehen, um ein Theaterstück fertig zu stellen. Beck und Klußmeier hatten Fahrpläne gewälzt, Gasthöfe aufgespürt, Karten und Telegramme zugeordnet, Menschen ausfindig gemacht, die damals mit IHM sprachen. Selbst Nachfahren SEINER Gesprächpartner kamen noch zu Wort. Der Typ der Eisenbahnwagen, in denen ER reiste, wurde gezeigt, ebenfalls die in Chemnitz gebaute Lokomotive. Die Beweislast, die uns in den zwei Stunden vorgetragen wurde, wirkte erdrückend: ja, ER muss die Reise wirklich unternommen haben!

Welch einen Aufwand mochten die beiden Autoren betrieben haben? Der Dank den die Leiterin des Textil- und Rennsportmuseums Frau Beck und Herrn Klußmeier aussprach, kam von Herzen. Die Zuhörer dankten mit Applaus. Es war ohne Zweifel DAS Ereignis in diesem Jahr 2012. Wir bedauern alle, die nicht dabei waren.

Selbst nach zwei Stunden waren zwischen den Fachleuten noch nicht alle Fragen beantwortet, nicht alle Details gezählt.

 

 

Kommentar

Wenn in unserer Zeit Menschen versuchen Größe zu ehren, dann ist das schon eine Seltenheit. In der Massenkultur werden tagtäglich geistige Größen der Vergangenheit auf »Normalmenschniveau« herunterprojiziert. Größe ist dem heutigen »Verbraucher« nicht mehr begreiflich, und wird deshalb auch nicht vermittelt.

Damit kann man sich, wenn man wirklich demokratisch gesinnt ist, nicht abfinden.

Gerade deshalb muss man die Frage stellen, was Größe ist und wie diese darstellbar ist.

Zunächst verwundert es etwas, dass gerade bei einem Geist wie IHM, der selbst im Genre der Unterhaltungsliteratur einen Stil pflegte, der heute noch durch Wortwahl und Satzbau beeindruckt, der zudem ein Vollbluterzähler, ein Fabulierer war, Größe in den allerkleinsten Lebensdetails gesucht wird.

Kann man Größe wirklich im realen Leben finden?

Einer SEINER Zeitgenossen, Henry James, meinte, dass das nicht möglich sei. Da die Kunst, die er wesentlich mit Literatur gleichsetzte, die Aufgabe habe, uns gerade von jenem Leben, in dem die kurzsichtigen Kleingeister eben immer am lautesten blöken und immer nur die langfristig falschen Entscheidungen treffen, zu erlösen; gerade deshalb habe die Kunst die Pflicht, Größe zur Not auch zu erfinden. Allerdings, so James, sei Größe eben nicht »Sterben für das Vaterland usw.«, sondern Denkversessenheit und Wachheit. Diese Eigenschaften gab ER den Helden seiner Erzählungen, die stets Größe und Fernsicht vereinten.

Johannes Eichenthal

 

PS. Der Eingangstext stammte nicht von IHM, sondern von Gotthilf Heinrich Schubert (1780–1860). Es verwundert etwas, dass die Literaturwissenschaft bislang noch nicht einmal auf die Idee kam, nach dem Einfluss der Schubertschen Abenteuererzählungen auf IHN zu fragen.

 

 

Information

Gerhard Klußmeier/Kerstin Beck: »Sitz im Hotel ich weltverloren …« Karl Mays Reise 1898 nach Gartow, Kapern, Lenzen, Lanz und Schnackenburg.

 

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One thought on “Fernsicht

  1. WoW – eben gerade noch letzten Papierkram erledigt – da klickte auf dem Bildschirm auf – eine neuer Artikel von litterata ! Na dann – obwohl die Augen schon müde sind ….. und erst konnte ich gar nicht erfassen , Wer ER denn ist , vermutete beim krabbeln über die und durch die Zeilen des Beitrages K.M? – dann nach etwas suchen ja!
    Und dann Richtig munter, wobei schon die Worte Salzwedel und Wendland mein Interesse weckten – Mensch, der war ja (auch ) in Lenzen, Gartow und Lanz ….da warst Du ja auch schon, ohne das zu wissen oder zu vermuten…!!!
    „Wir bedauern alle, die nicht dabei waren.“ Na, wenigsten etwas Mitgefühl für den Schreiber, der wohl wirklich eine Veranstaltung verpasst hat, bei der womöglich Heimatgefühl aufgekommen wäre, dort in Hohenstein(?)

    Ich verbleibe mit Dank an JoEi, wenigstens ein Wetterleuchten von Ereignis vermittelt bekommen zu haben!

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