Reportagen

Lessing zum Geburtstag

Seit Jahrzehnten wird in Kamenz, der Geburtsstadt von Gotthold Ephraim Lessing (22.1.1729 bis 15.2.1781), zwischen Geburtstag und Sterbetag des großen Sohnes erinnert. Lange Zeit nannte man die Veranstaltungsreihe »Lessingtage«. Seit einigen Jahren gibt es diese nur noch alle zwei Jahre, dazwischen nennt man diese Reihe »Lessing-Akzente«.

Der klassische Bau des Lessingmuseums lag am Abend des 8. Februar in eiskalter Dunkelheit.

Von seinem Denkmal herab, am Eingang des Museums, überblickt der große deutsche Dichter und Philosoph nüchtern und kühl die Lage.

Prof. Dr. Martin Bollacher, emeritierter Prof. für Geschichte der neueren Deutschen Literatur der Ruhr-Universität Bochum, stellte an diesem Abend dem vorwiegend weiblichem Publikum seine Gedanken zum Thema »Dichterliebe(n)« vor. Dazu bemühte er einen Vergleich zwischen Goethes später Liebe zu Ulrike von Levetzow und Lessings Liebe zu Eva König.

Das Jahr 1774, so meinte einst Georg Lukacs, sei ein sehr bedeutsames für die deutsche Literatur gewesen. In diesem Jahr erschien Goethes Roman »Die Leiden des jungen Werthers«.

In der jungen Generation wurde das Buch begeistert aufgenommen.

Lessing vermochte als Repräsentant des aufklärerischen Rationalismus keinen Zugang zu diesem Ausdruck einer literarischen Jugendrebellion zu finden. Bekannt sind Lessings Äußerungen in einem Brief an einen Freund, dass sich in Griechenland kein Jüngling wegen einer Frau das Leben genommen habe. Goethe müsse ein verändertes Schlusskapitel schreiben, je zynischer, um so besser.

Hier ging der Referent auf entsprechende Äußerungen zum »Zynismus« in der »Hamburgischen Dramaturgie« ein. Lessing habe in seinen Dramen durchaus das Phänomen »Liebe« berührt, dieses aber eher als Tugend, nicht als subjektivistische Schwärmerei dargestellt. (Hinter Lessings Haltung sind hier vielleicht Spinozas Gedanken zu suchen, wonach man Leidenschaften, Affekte unter Kontrolle bringen müsse, um tätige Tugend leben zu können? – je.)

Ausführlich ging der Referent nun auf die Beziehung zwischen Lessing und Eva König, der Witwe eines engen Freundes Lessings ein. Die Beziehung der beiden führt zunächst in eine Verlobung und einen siebenjährigen Briefwechsel. Mitunter verweigert Lessing, der im ersten Brief darauf verwiesen hatte, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe, eine Antwort. Im Jahr 1774, sieht es fast so aus, als ob die Beziehung gescheitert sei. Lessing erwies sich in dieser Situation als Mensch, der nicht einmal selbst wusste, was er wollte. Zudem begann er noch eine Beziehung mit einer anderen Frau. Doch 1776 heirateten die 40-jährige Eva König und der 47-jährige Lessing. Wenig später starben Lessings Frau und ihr gemeinsames Kind bei der Geburt.

Lessing ist erschüttert. Seine Briefe an Freunde von 1777 dokumentieren Hilflosigkeit und Trostlosigkeit. Bis zu seinem Tod im Jahr 1781 ist seine Schaffenskraft ungebrochen, wie das reiche Spätwerk bezeugt. (Lessing schrieb u.a. noch den »Nathan« und »Die Erziehung des Menschengeschlechts«.)

Der Referent verwies an dieser Stelle auf Goethes Liebe zur jungen Ulrike von Levetzow. Der 71-jährige Goethe lernte die 17-jährige junge Frau während seines Sommeraufenthaltes von 1820 in Marienbad kennen. 1823 überbrachte der Großherzog von Weimar einen Heiratsantrag Goethes an die Eltern. Dieser wurde ausgeschlagen. Goethe sah die junge Frau nie wieder, wurde aber durch das Erlebnis literarisch derartig beflügelt,  dass er einen Produktivitätsschub erlebte.

Die Zuschauer dankten dem Referenten mit Beifall. Im Gespräch bekundete der Wissenschaftler, dass ihn Martin Walsers Goethe-Roman »Ein liebender Mann« zu seinen Überlegungen angeregt hatte.

 

 

Kommentar

Auf der langen Heimfahrt durch die sternklare Winternacht überlegen wir, ob uns Lessing heute noch etwas zu sagen hat. Immerhin war nicht einmal ein Lokalpolitiker zum Lessing-Vortrag erschienen. Prof. Bollacher ist ein international anerkannter  Literaturhistoriker (u.a. Mitherausgeber der Herder-Werkausgabe im Deutschen Klassiker-Verlag Frankfurt/Main). Aber aus dem nahen Dresden hatte kein Wissenschaftler Bollacher und Lessing die Ehre erwiesen. Ist vielleicht nur noch das Denkmal vor dem Museum geblieben? Man muss übrigens aufpassen, viele Blitzer-Fallen sind hier bis zur Autobahn aufgestellt. Im Autoradio wird der Berliner Sprachkünstler Dr. Jürgen Kuttner vorgestellt. Dieser betreibt an diesem Abend im Deutschlandfunk Sprachkritik in bester Lessingscher Tradition. Ja, das ist es. Lessings Werk hat bleibende Bedeutung für uns, weil er Literaturkritik immer als Sprachkritik betrieb. In einer Zeit, in der der deutsche Adel zum großen Teil nicht mehr die eigene Muttersprache beherrschte, sondern auf manieristische-höfische Weise ein schlechtes Französisch sprechen zu müssen glaubte, in einer solchen Zeit mühte sich Gotthold Ephraim Lessing um die Begründung eines Kommunikationsraumes der deutschen Sprache.

Ähnlich wie Johann Gottfried Herder war Lessing klar, dass ein Volk von Analphabeten und Wortschatz-Zwergen nicht zu hohen Denkleistungen fähig sein wird. Ähnlich wie Herder sah Lessing die Nationalsprache und die Nationalliteratur als Moment des Inter-Nationalen. Das Inter-Nationale kann nur verstanden werden als Beziehung zwischen den Nationen. Durch freiwillige Selbstaufgabe, durch eine quasi-Übernahme des Höfisch-Französischen, wäre kein nationales Selbstbewusstsein möglich geworden. Hier muss man einfügen, dass Nationalismus in der Regel nicht als Ausdruck von wirklichem Selbstbewusstsein, sondern auf der Basis von Minderwertigkeitsgefühlen, als Kompensationsversuch entsteht.

Lessings Werk ist daher untrennbar verknüpft mit der Stiftung des deutschsprachigen literarischen Kommunikationsraumes. Dies ist nicht hoch genug zu schätzen. Können wir doch, wie es der Lessing-Verehrer Herder formulierte, nur denken, was wir auch sprechen können.

Heute wächst die Zahl der funktionalen Analphabeten wieder. Ein Viertel der Achtjährigen beherrscht nicht einmal mehr den Mindestwortschatz. Führende Manager und Politiker pflegen das so genannte »BSE« (bad spoken english). Ein hoher Prozentsatz führender Wissenschaftler publiziert nur noch in englischer Sprache. Spezialisten der Philosophie der Sprache berufen sich heute allen Ernstes nur noch auf Ludwig Wittgenstein, der aber lediglich formalisierte Sprachen kannte, usw. usf. Letztlich war die Lessingsche Sprachkritik vielleicht nie so aktuell wie heute. Wir sollten deshalb einfach wieder einmal die verstaubten Bände aus dem Regal nehmen, auch wenn Lessing im Verhältnis zur hochgebildeten und menschlich großen Eva König unendlich viele unverzeihliche Fehler begangen hat. Stärken und Schwächen eines Menschen hängen oft miteinander zusammen.

Johannes Eichenthal

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