Brigitte Reimann
Reportagen

IN BRIGITTE REIMANNS GEBURTSSTADT

Der 20. Februar war ein sonniger und kalter Wintertag. Die Burger Stadtbibliothek „Brigitte Reimann“ hatte an diesem Tag zu einer Buchvorstellung eingeladen. Anlass war der 53. Todestag der in Burg geborenen Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933–1973). Ihr Geburtshaus wurde abgerissen und der Giebel des Nachbarhauses mit einem Reimann-Wandbild versehen. Die Stadtbibliothek ist heute der Ausgangspunkt aller Erinnerungen an das Werk der Schriftstellerin. Hier werden die Bücher der Autorin bewahrt und für die Ausleihe vorgehalten. Hier kennt man das Werk und kann die interessierten Leser sachkundig beraten.

Brigitte Reimann

Michael Dümche begrüßte im Namen der Stadtbibliothek die Gäste und den Mironde-Verlag mit seinem Projekt „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“. Er verwies darauf, dass ein Kapitel darin Brigitte Reimann gewidmet ist.

Brigitte Reimann

Die Pestalozzi-Schule in Burg. Hier wurde Brigitte Reimann eingeschult und hier war sie nach dem Abitur auch zwei Jahre als Neulehrerin tätig.

Andreas Eichler, ein promovierter Philosoph, hob zur Erklärung des Begriffes „Mitteldeutschland“ zunächst die Entstehung der mittelhochdeutschen Sprache und der Sprachlandschaft von Braunschweig bis Görlitz im 10. Jahrhundert hervor. Dann deutete er mit Hilfe herausragender Literaten den sprachlich-literarischen Überlieferungsprozess zwischen dem 11. und dem 20. Jahrhundert in dieser Region an. Er verwies darauf, dass es nur um die Andeutung der Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Prozesses gehen könne, nicht um die Vollständigkeit der präsentierten Autoren. Dabei fasste er mit Johann Gottfried Herder „Literatur“ sehr weit. So waren in dieser Reihe auch Naturwissenschaftler, Techniker, Mediziner, Juristen, Landwirte u.a. vertreten. Als Repräsentantin des 20. Jahrhunderts hatte er auch Brigitte Reimann ausgewählt und mit einem Kapitel bedacht. Er fügte an, dass im Buch zu jedem Autor eine kurze Werkbiografie zu einem Originaltext hinführe, den man empfehle. Zudem wird der Besuch von Wirkungsorten angeregt, die uns das Verstehen der Textes erleichtern.

Brigitte Reimann

Das Burger Gymnasium. Hier erwarb Brigitte Reimann die „Mittlere Reife“.

Obwohl Eichler seinem Grundsatz folgte, dass in der Literatur nicht die Gesinnung eines Autors, nicht seine politische Überzeugung o.ä. zählt, sondern allein der Text, und obwohl das Publikum die Biographie der Schriftstellerin kannte, ging er kurz auf die Werkbiografie ein. Er verwies darauf, dass Brigitte Reimann keine „Ehefrau“ sein wollte, die sich „an die Brust und die Brieftasche des Ehemanns anlehnte“. Sie wollte ihr Leben selbst bestimmen. Rauchen und Trinken in öffentlichen Gaststätten war in der Kleinstadt Burg damals allein Männern vorbehalten, das war für sie inakzeptabel. Der Leiter des Schriftstellerzirkels, den Brigitte Reimann zuerst besuchte, war Otto Bernhard Wendler (1895–1958). Von diesem schriftstellerischem Tausendsassa, der als KPD-Mitglied den SS-Staat überlebte, in dem er unter falschem Namen Drehbücher für die UFA schrieb, der grandiose Kinderbücher verfasste u.v.a. wurde Reimann dem Anschein nach mehr geprägt als später bekannt.

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Das Burger Kino. Der Film war für Brigitte Reimann das wichtigste Medium. In den italienischen und französischen Schwarz-Weiß-Filmen jener Zeit rauchten und tranken Frauen selbstverständlich in Gaststätten.

Der große Architekt Hermann Henselmann (1905–1995), der in Berlin als Kulturmäzen wirkte, der auch Außenseiter wie den Dramatiker Heiner Müller unterstützte, meldete sich per Brief am 31. Mai 1963 bei Brigitte Reimann im Namen seiner ganzen Familie, die von der Lektüre des Buchs „Die Geschwister“ beeindruckt war. Von da an begann ein mehr oder weniger regelmäßiger Briefwechsel. In dessen Verlauf wurde deutlich, so Eichler, dass Henselmann ein sehr wichtiger und kluger Ratgeber in Sachen Literatur war. Von Henselmann erhielt Reimann dem Anschein nach auch das Buch „Megalopolis“ des New Yorker Architekten Lewis Mumford (1895–1990), bei dem Reimann die Kritik der Illusion, das menschliche Leben sei mit bloßer Berechnung zu gestalten, kennen lernte. Henselmann, der wie Mumford ein Literaturkenner war, begleitete Reimann auch bei der Arbeit an ihrem wichtigsten Werk, den Roman „Franziska Linkerhand“. In diesen Originaltext, so Eichler, wird im Reimann-Kapitel der „Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland. Teil 3“ auch eingeführt.

Brigitte Reimann

In diesem Haus wohnte Brigitte Reimann mit ihren Eltern lange Jahre zur Miete in der oberen Etage.

Am Ende verwies Eichler darauf, dass Reimann nicht so leben wollte, wie ihre Eltern. Aber die Alternative zum Bildungsbürgertum gab es kaum. Was „Sozialismus“ genannt wurde, war eigentlich nur die Kopie der westlichen Wachstums- und Wegwerfwirtschaft. Brigitte Reimann, so Eichler, habe sich in einer ähnlichen Situation befunden, wie Heinrich von Kleist zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der wollte nicht mehr zum preußischen Offizierschor gehören, doch das Wirtschaftsbürgertum seiner Zeit war auch keine Alternative. Letztlich, so Eichler, sei der Generationenkonflikt für Reimann dem Anschein nach die entscheidende Motivation gewesen. Zwischen 1965/75 erfolgte ein tiefer Umbruch. Der Kondratjew-Zyklus, der 1920/30 begonnen habe, sei mit der dritten Generation zu Ende gegangen. Ein neuer Zyklus habe begonnen. Reimann sei eine Pionierin dieses Umbruchs gewesen. So könne man „Franziska Linkerhand“ auch verstehen. In Egon Günthers Film „Der Dritte“ sei Jutta Hoffmann als Frau aufgetreten, die nach zwei Kindern von verschiedenen Männern beschloss, sich den Mann für Leben selbst auszusuchen. Sie konnte das, weil sie als Technische Zeichnerin arbeitete und ein eigenes Einkommen hatte, wie die Mehrzahl aller Frauen in der DDR.

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Die Burger Stadtbibliothek „Brigitte Reimann“ ist der Erinnerungsort an das Werk der Autorin.

Am Ende des Vortrags dankte Michael Dümche den Gästen und dem Referenten. Der Kreis verlor sich in der kalten Nacht. Auf der Heimfahrt mussten wir daran denken, dass Eberhard Panitz (1932–2021) das Werk Brigitte Reimanns vielleicht poetisch am besten würdigte. Panitz veröffentlichte 1972 sein Buch „Die sieben Affären der Doña Juanita“. Er verfremdete die Gestalt Brigitte Reimanns mit ihrer Roman-Figur Franziska Linkerhand zur Architektin „Anita“. Diese arbeitete nicht in Hoyerswerda, wie die Linkerhand, sondern in einem ähnlichen Neubauprojekt einer fiktiven Stadt. Die unverheiratete Architektin lebt allein mit ihrer Tochter. Zunehmend gab es Beschwerden, vor allem von Frauen, über den Lebenswandel, die „Affäre“ dieser Frau. Eine Untersuchung wurde angesetzt und kam zu dem Ergebnis: es gab gar keine Affären. Die junge Frau war eine besonders verantwortungsbewusste Architektin. Eberhard Panitz überstieg mit seiner poetischen Würdigung die Grenzen der bloß klassifizierenden Literaturkritik und brachte uns das Hauptwerk der Brigitte Reimann, den Roman „Franziska Linkerhand“, nahe. Er führt uns an den Originaltext heran. Allein darum geht es. 

Den zwei Mitarbeiterinnen und dem Mitarbeiter der Stadtbibliothek Burg ist für ihr langjähriges Engagement für das Werk der großem Tochter der Stadt zu danken. Es war ein Ereignis. Wir bedauern alle, die nicht da waren.

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Stadtbibliothek Burg: https://www.stadtburg.info/stadtbibliothek.html

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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