Rezension

DIE VERSTÖRUNG DES ROBERT MUSIL

Der österreichischen Wissenschaftler und Schriftsteller Robert Musil ist vor allem mit seinem unvollendeten Großprojekt »Der Mann ohne Eigenschaften« bekannt geworden. Peter de Mendelssohn, der Autor des 1500-Seiten-Werkes »S. Fischer und sein Verlag. Frankfurt 1970« stützt sich in seiner Bewertung der Philosophie des wichtigen Fischer Autors Walther Rathenau als »Mystik«, allein auf Robert Musil (ebenda, S. 594), ohne diese Kritik zu hinterfragen. 

Die Rathenau-Kritik Musils erschien in der Zeitschrift des S. Fischer Verlages »Neue Rundschau« im April 1914 unter dem Titel »Anmerkungen zu einer Metapsychik« (In: Essays, Reden, Kritiken. Berlin 1984, S. 89 ff.) Man ist zunächst vom Stil Musils irritiert, irgendwo sagte er zwar, dass er nicht rezensiere, sondern Zeiterscheinungen beschreibe, dennoch fällt uns eine Diskrepanz sofort auf: Musil bemängelt bei Rathenau, dass er nicht »die Analyse« vor die Ideale gesetzt, und »wenig Verständnis für die Tugend scharfen Denkens« habe, beschränkte sich gleichzeitig aber auf Gefühlsäußerungen: »… in Rathenaus Buch spüre ich …«. Das reicht, um Rathenau mit dem Brandzeichen »Mystiker« zu versehen, wie seinerzeit der Papst einzelne Sätze Meister Eckharts aus dem Zusammenhang riss, um ihn zu verurteilten. Rathenau wurde von Musil 1914 wegen Abweichung vom Dogma »der« Wissenschaft verurteilt. In einem Interview aus dem Jahre 1926, in dem Musil erstmals über sein Großprojekt sprach, das damals noch »Die Zwillingsschwester« hieß, ging er noch einen Schritt weiter. Der Autor »erklärte« dem Leser sein Buch und wies ausdrücklich darauf hin, dass er mit der Figur des »Dr. Paul Arnheim« Walther Rathenau darstellen wollte. Dieser trete unter der Legende eines Erholung suchenden »Schöngeistes« auf, es gehe ihm aber in Wirklichkeit nur um die Aneignung von Erzschürf- und Holzeinschlagrechten für seinen Konzern in Bosnien. (S. 404) Diese Zuschreibung, die mit der wirklichen Person Rathenaus nichts zu tun hat, sagt mehr über den Charakter Musils als den Rathenaus aus. Musil, der Rathenau in der »Donnerstagsgesellschaft«, einer Art Freundeskreis des S. Fischer Verlages, der sich als Tischgesellschaft aus Literaten, Malern und Musikern im Weinrestaurant Steinert in der Joachimsthaler Straße in Berlin traf, kennen lernte, muss von dieser Begegnung schwer verstört worden sein.

Was erwartete Musil von literarischen Texten? Der studierte Mathematiker Musil erwartete von der Dichtung eine präzise Argumentation, wie in der mathematischen Logik: »Dichter sind analytisch.« (S. 79) Homer und viele große Erzähler der Literaturgeschichte bleiben Musil daher ein Greul. 

Auf die Problematik seiner philosophischen Methode kam er, ohne es zu ahnen, selbst zu sprechen: Wie bei den Kantischen Antinomien der reinen Vernunft, seien sowohl der Satz: »Es gibt heute kein Genie« als auch »Es gibt heute nur noch Genies« folgerichtig beweisbar. Ein geringerer Denker würde angesichts des Dilemmas vielleicht stutzig. Nicht aber Robert Musil. Er bringt in einem Artikel auch noch das zum Problem gehörige Bild von Buridans Esel, (S. 133 f.) ohne eine Verbindung zu seiner eigenen Methode herstellen zu können.

Kurt Gödel fasste das Problem dieser Logik in einem Satz zusammen: Jedes System formal-folgerichtiger Sätze enthält mindestens einen Satz, der mit den Mitteln des Systems nicht beweisbar ist.

Dieser eine Satz geht dem »Beweis« voraus. Oder anders: mit den Mitteln der mathematischen Logik kann man nahezu alles, selbst gegenteilige Behauptungen »beweisen«, eben weil es hier nur um die Folgerichtigkeit, nicht um die Wahrheit geht.

Musil wollte mit seiner Methode Ordnung in die »logiklose Unordnung des Lebens« (S. 82 f.) bringen. Tatsächlich bleibt er der Mann ohne Entscheidungskraft. So verhungerte der Esel bei Buridan, weil er sich beim Fressen nicht zwischen zwei gleichgroßen Heuhaufen entscheiden konnte. Ulrich, das Alter ego Musils im »Mann ohne Eigenschaften«, kann sich zwischen Frauen nicht entscheiden, sein Hauptwerk vermag Musil nicht zu vollenden …

Es geht hier nicht um die Frage, ob der Ruf Musils als Erzähler wegen oder trotz seiner philosophischen Grundsätze entstand. Doch seine »analytische Methode« ist ungeeignet, um Walther Rathenaus, oder irgend eines anderen philosophischen Ansatz‘ verstehen zu können. 

Letztlich vertritt Musil gerade den Typ der »Intellektualphilosophie«, die nach Rathenaus Erkenntnis mit ihrem Beharren auf »reiner Vernunft« den Menschen nicht nur keinen Halt gibt, sondern mit ihrem Wirken im Industriezeitalter die blinde Gewalt der globalen Mechanisierung auch noch beschleunigt. Damit üben diese Intellektualphilosophen Verrat an der Humanität, auch wenn sie sich selbst für die konsequentesten Verteidiger von »Aufklärung« und »Fortschritt« halten. Vielleicht war das der Punkt, der Musil verstörte und zur moralischen Diskreditierung verleidete?

Johannes Eichenthal

Information

Robert Musil: Essays, Reden, Kritiken. Volk und Welt. Berlin 1984

Umschlaggestaltung: Lothar Reher

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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