Der 12. Februar war ein lauer Spätwintertag. Immer wieder einmal nieselte leichter Regen hernieder. Im Dresdner Lingnerschlosspark, oberhalb der Elbe, konnte man bereits annehmen, der Vorfrühling habe begonnen. Am frühen Abend war hier für kurze Zeit fast eine einsame Caspar-David-Friedrich-Atmosphäre spürbar. Doch dann besuchten die ersten Gäste den Park. Sie folgten der Einladung des Fördervereins Lingnerschloss e.V. zu einer Abendveranstaltung der Donnerstagsreihe im ehemaligen Kinosaal. An diesem historischen Ort war bereits 1957 eine Begegnungsstätte für Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und für darstellende und bildende Künstler entstanden. Diskussionsabende besitzen hier eine Tradition.

Frau Prof. Elisabeth Knust begrüßte die interessierten Gäste im Namen des Fördervereins und stellte den Referenten Dr. Andreas Eichler vom Mironde-Verlag vor. Eichler machte darauf aufmerksam, dass die Aneignung des sprachlich-literarischen Erbes heute kein Thema mehr sei, das sich allgemeiner Aufmerksamkeit erfreue. Auch sei es heute in der universitären Forschung nicht mehr üblich, dass sich eine Person mit 800 Jahren Überlieferungsgeschichte befasse. Aber es handle sich um eine existenzielle Thematik. Gotthold Ephraim Lessing habe am 1. August 1777 die Metapher einer „Wanderung durch Mitteldeutschland“ von Friedrich Gottlieb Klopstock aufgenommen, um die Notwendigkeit der Aneignung des sprachlich-literarischen Erbes literaturgeschichtlich zu begründen.
Dann stellte Eichler die nach den Geburtsjahren angeordneten Reihenbände der „Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland“ vor: von den Minnesängern bis Herder, von Goethe bis Rathenau und von Thomas Mann bis Gundermann. Ausdrücklich wies er auf Personen hin die ständig oder zeitweilig in Dresden lebten: auf den Mediziner und Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert, den Schriftsteller und Historiker Kurt Arnold Findeisen, den Journalist und Schriftsteller Edgar Hahnewald, den Theologen und Philosophen Paul Tillich, den Literaturhistoriker und Kultursoziologe Victor Klemperer und die Formgestalterin Marianne Brandt. Bei Ehrenfried Walther Freiherr von Tschirnhaus, dem ersten Deutschen, der zum Mitglied der Königlichen Akademie in Paris gewählt wurde, und der für August den Starken die Ressourcen für die Porzellanherstellung erfasste, die Gründung einer Glasmanufaktur in Dresden und die Gründung einer Porzellanmanufaktur vorbereitete, verweilte er etwas länger. Anfang Oktober 1708 gelang Tschirnhaus in seinem Labor im Dresdner Festungsbereich tatsächlich die Herstellung des ersten Bechers in Hartporzellan, nachdem er erstmals „Schnorrsche Erde“, d.h. Kaolin aus Aue verwendet hatte. Von von Tschirnhaus schlug Eichler eine geistige Brücke zu dem Erfinder Manfred Baron von Ardenne, der in Dresden 1955 eine neue Heimat fand. Bei ihm sei einerseits die Unabhängigkeit seines Bildungsweges hervorzuheben. Ardenne habe sich autodidaktisch gebildet und gleichzeitig das Gespräch mit Kollegen gesucht, Fachliteratur mit unterschiedlichen Positionen systematisch ausgewertet und experimentiert. Andererseits sei Ardenne 1959 in der Lage gewesen den eingeschlagenen Forschungsweg, der alle Erscheinungen auf physikalische und chemische Gesetzte reduzierte, zu verlassen, um sich der Erforschung von organischen Lebensprozessen zu widmen.

Frau Prof. Knust dankte dem Referenten am Ende und überreichte als Dank ein Buch über Karl August Lingner. Bereits in der Pause war es zu regen Gesprächen gekommen. Das außerordentlich interessierte Publikum konnte dem Ansatz des Vortrages folgen und interessierte sich für Details der Entstehung der mittelhochdeutschen Sprache.

Der Vortrag fand in einem original restaurierten Kinosaal statt, der eine Bauphase des Schlosses aus den 1950er Jahren repräsentiert. Die Holzvertäfelung wurde von den Werkstätten Hellerau angefertigt, jedoch durch Vandalismus Anfang der 1990er Jahre zerstört. Es waren die Werkstätten Hellerau, die die originale Wandvertäfelung wiederherstellten. Finanziert wurde die originale Restaurierung dieses Saales, wie des gesamten Lingnerschlosses durch den Förderverein Lingnerschlosss e.V. Insgesamt waren mehr als 15 Mio. Euro notwendig, um das nach dem Odol-Erfinder Karl August Lingner benannte Kulturdenkmal, zu bewahren.

Auf unserer Heimfahrt ging uns gegen Mitternacht durch den Kopf, dass Manfred von Ardenne 1957 im Lingnerschloss eine interdisziplinäre Begegnungsstätte aufbaute, weil der Fortschritt der Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert mit einer immer stärkeren Spezialisierung verbunden war. Spezialisierung allein ist eine Sackgasse, wenn man sie nicht mit einer breiten Bildungsbasis verbindet. Genau das war das Anliegen Ardennes. Der Förderverein versucht mit seiner Donnerstagsreihe diesen Ansatz, die Vielfältigkeit von Kultur und Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, in heutiger Zeit weiterzuführen.
Die dem Anschein nach alternativlose Spezialisierung in den Wissenschaften ist heute noch weiter fortgeschritten. In Deutschland gibt es mehr als 45.000 Ausbildungsrichtungen im Hochschulbereich. Wenn man aus dieser Sackgasse zurückfinden will, dann müsste man ein interdisziplinäres Begegnungszentrum schaffen. Den idealen Ort dafür gibt es bereits.
Johanns Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Information
Förderverein Lingnerschloss: http://www.lingnerschloss.de/foerderverein
Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3
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