Reportagen

GERT HOFMANN ZUM 95.

Lesern dieser Zeitschrift ist der Name Gert Hofmann (1931–1993) nicht unbekannt. In gewissem Sinne stand dieser Schriftsteller am Anfang der Litterata. Der Freundeskreis Gert Hofmann wollte an seinen Namensgeber erinnern, jedoch im Zusammenhang mit der literarischen Überlieferung. So entstand die Litterata-Idee über Technik und Poesie in Mitteleuropa zu berichten, zunächst in einer gedruckte Ausgabe. Seit 2004 existiert die Litterata ausschließlich in digitaler Form. Im Anhang finden Sie Links zu Artikeln der letzten fünfzehn Jahre, die wir zur Erinnerung an Gert Hofmann veröffentlichten. Ältere Artikel können leider nicht mehr aufgerufen werden. Die Namensverleihung „Gert Hofmann“ an die Stadtbibliothek Limbach Oberfrohna, die der Stadtrat anlässlich des 90. Geburtstages im Jahre 2021 vornahm, war für den Freundeskreis eine wichtige Errungenschaft. 

Die Gaststätte „Stadt Wien“

Wer war Gert Hofmann? Er wurde am 29. Januar 1931 in Limbach geboren. Sein Geburtshaus  auf der Paul-Seydel-Straße 1 wurde inzwischen abgerissen, obwohl wir es auf die sächsische Landesdenkmalliste gebracht hatten. Hofmann lernte seinen Vater nicht kennen und die Mutter verließ ihn früh. Der Großvater verstarb bereits 1944, so dass die Großmutter bis zu Hofmanns Aufnahme in die Leipziger Sprachschule im Jahre 1948, seine wichtigste Bezugsperson war. Die Großmutter stammte aus Wien. 

Die Gaststätte „Stadt Wien“ in Limbach-Oberfrohna, nur wenige Meter von seinem Geburtshaus entfernt, ist einer der wenigen verbliebenen authentischen Erinnerungsorte. Hier war Gert Hofmann nicht nur als Kind oft zu Gast, auch bei seinem einzigen Besuch in seiner Geburtsstadt, am 24. Juli 1990, kehrte er hier ein. Die Einrichtung der Gaststätte entspricht noch dem Originalzustand von 1929, wie sie im Stil eines Wiener Beisls eingerichtet wurde. 

Wenige Meter vom Geburtshaus Gert Hofmanns entfernt befindet sich die Konditorei Hörning (früher Cafe Dietrich). Im Hinterhaus der Konditorei entstand vor dem Ersten Weltkrieg eines der ersten Stummfilmkinos der Stadt mit dem Namen „Apollo“.

Gert Hofmann konnte, trotz zahlreicher Hindernisse, an der Leipziger Sprachschule 1949 die Prüfungen in Russisch, Französisch und Englisch sowie das Abitur ablegen. Sein in Leipzig begonnenes Germanistik- und Slawistik-Studium brach er ab und wechselte nach Freiburg im Breisgau. Hier wurde er nach dem Studienabschluss mit dem lapidaren Thema „Interpretationsprobleme bei Henry James“ in Anglistik promoviert. Über viele Jahre war Hofmann in Frankreich, England, USA und Jugoslawien als Germanistik-Dozent tätig. Er war u.a. mit dem Hörspielchef der BBC Martin Esslin, mit dem Hölderlin-Übersetzer Michael Hamburger, dem Literaturwissenschaftler Christopher Middleton an der Universität in Austin/Texas, befreundet. 

1979 entschloss er sich fortan als freier Schriftsteller zu arbeiten. Bis 1993 veröffentlichte Hofmann vierzehn Romane oder Erzählungsbände. Er selbst sagte, dass er einen Zwang zum Schreiben spürte. Hofmann schrieb zudem mit größter Intensität. Die Helden seiner Texte waren Außenseiter, oft in der Stunde ihrer Niederlage. Beispielhaft steht dafür seine Lenz-Novelle. Diese wird mit der des großen Georg Büchners verglichen. Hofmanns letzter Roman, der die Liebe zwischen Georg Christoph Lichtenberg und einem zwölfjährigen Mädchen thematisierte, an dem er bis zu seinem Tod arbeitete, erschien postum. Hofmann verstarb in der Nacht zum 1. Juli, dem Geburtstag Lichtenbergs.

Blick in die Helenenstraße

Seine Geburtsstadt tauchte in vielen Texten Hofmanns als die Stadt „L.“ auf. Aber immer in verfremdeter Form. Der erste Satz des Romans „Der Kinoerzähler“ lautet: „Mein Großvater Karl Hofmann (1873–1944) arbeitete lange im Apollo-Kino in der Helenenstraße in Limbach/Sachsen … mein Großvater war der Kinoerzähler und -klavierspieler von Limbach.“ Es gelingt Hofmann der Leserschaft Glauben zu machen, dass sein Großvater gegen die Einführung des Tonfilms und seiner damit verbundenen Entlassung kämpfte, und dass er selbst – als dessen „Enkel Gert“ – den Großvater dabei begleitete. Aber im Geburtsjahr Hofmanns war der Tonfilm bereits mehrere Jahre präsent und einen Kinoerzähler mit dem Namen „Karl Hofmann“ hat es wahrscheinlich nie gegeben. Dennoch erzählt uns Hofmann eine Fabel, wonach der Großvater, mit seinem Enkel an der Hand, die Helenenstraße auf und ab geht, die Leute mit seinem Künstlerhut grüßt, und sich auf seine Vorstellung im Apollo-Kino vorbereitet. Ja, es hätte so gewesen sein können – das ist nach Hofmann das Grundthema alles Erzählens.

„Der Kinoerzähler“ ist der einzige Roman Hofmanns, der verfilmt wurde. Die Hauptrolle spielte kongenial Armin Mueller-Stahl. In der Rolle von Gert Hofmanns Vater sehen wir den legendären Gojko Mitić als Zirkusreiter.

In diesem Gebäude befand sich das Kino „Capitol“

Heimathistoriker hatten früh zu Bedenken angemeldet, dass sich das Apollo-Kino nicht auf der Helenenstraße befand. Sie glaubten, dass Hofmann sich in der Erinnerung irrte. Doch auf der Helenenstraße befindet sich heute noch das Gebäude, das in den 1920er/30er Jahren bereits das Kino „Capitol“ beherbergte. Das war das eigentliche Roman-Kino.

Hofmann lässt den Kinoerzähler beständig über den Tonfilm schimpfen. Wenn man die Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer aus den 1920/30er Jahren liest, dann  stößt man auf den gleichen Ton: Setzt endlich den Stummfilm wieder in seine Rechte ein! Beim Vergleich wird deutlich, dass Hofmann seinem Großvater mitunter Zitate in den Munde legte, die auch von Victor Klemperers hätten stammen können.

Aber der Großvater spricht auch Dinge aus, die von Henry James stammen könnten: Die Kunst darf keine aktuellen und keine autobiographischen Sujets wählen. Die Kunst muss Größe darstellen. Da diese im Leben oft nicht zu finden ist, muss sie diese notfalls erfinden. Größe war für James Denkversesenheit und Wachheit. Erst die Kunst kann einen Sinn in unser Leben bringen, und uns von dem langweiligen, banalen, traurigen Leben erlösen. Diese konservative Sichtweise machte sich Hofmann bereits in seiner Jugend zu eigen. Zugleich nahm er die Anregung von Henry James und Thomas Mann auf, dass man einen Roman nicht mehr rein episch anlegen könne. Vielmehr geht es um die „Dramatisierung“ des Romans, den Aufbau einer tragenden Dialogstruktur. So schuf Hofmann seinen Roman „Der Kinoerzähler“ als großen Dialog.

Porträt Gert Hofmanns (© Ursula Hasenkopf)

Gert Hofmann gelang mit der Dramatisierung des Romans die Erneuerung des Erzählstils. Mit dem Verzicht auf breite, „realistische“ Epik ermöglichte er dem Leser über die Dialogstruktur die Vergegenwärtigung der Geschichte in seinem Kopf. Darüber hinaus verwendete Hofmann, der auch Malerei und Grafik liebte, eine assoziationsreiche Sprache, die die Entstehung innerer Bilder besonders anregt. Hofmann selbst schaute sich vor einem Roman-Projekt intensiv zeitgenössische Bilder an. Im Kinoerzähler-Roman lässt er den Großvater sagen: „Jeder Mensch trägt … ein Kino in seinem Kopf … Und dieses Kino nennt man Phantasie.“ Damit wird deutlich, dass der Kinoerzähler Karl Hofmann, wegen seiner Fähigkeit Geschichten zu erzählen und zu erfinden, erzählerische Fantasie zu entwickeln, der Held des Romans wurde. In seinem Hörspiel „Autorengespräch“ lässt Hofmann alle Hoffnungen auf den „Literaturbetrieb“ fahren. Er setzte dagegen auf Fantasieübungen als Gegengewicht zur Macht der Wachstums- und Wegwerfwirtschaft. Im Zeitalter digitalen Bildungsabbaus“ können wir vielleicht erst die eigentliche Bedeutung Gert Hofmanns erahnen?

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Hinweis. Die Funktion „Ausdruck als PDF-Datei“ ist im Moment nicht fehlerfrei möglich. Wenn Sie den Artikel ausdrucken möchten, dann markieren sie bitte den Inhalt (Text und Fotos) und fügen diesen in ein Textprogramm ein. Danach können Sie den Artikel ausdrucken.

Information

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga: https://buchversand.mironde.com/p/gert-hofmann-die-rueckkehr-des-verlorenen-j-m-r-lenz-nach-riga

Im dritten Band der Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland finden Sie ein Kapitel zur Einführung in das Werk Gert Hofmanns.

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

Artikel zu Gert Hofmann in der Litterata

Zum 80. Geburtstag 2011: https://www.mironde.com/litterata/18/reportagen/gert-hofmann-zum-80-geburtstag

Lenz-Lesung 2011 im Stadt Wien: https://www.mironde.com/litterata/276/reportagen/gert-hofmann-in-stadt-wien

Lesung Casanova-Novelle im Stadt Wien 2012: https://www.mironde.com/litterata/1715/reportagen/gert-hofmann-im-wien

Zum Geburtstag 2013: https://www.mironde.com/litterata/2168/reportagen/gert-hofmann-zum-geburtstag

Zum 20. Todestag 2013: https://www.mironde.com/litterata/2641/essay/gert-hofmann-zum-20-todestag-2

Lesung des Hörspiels „Autorengespräch“ im Stadt Wien 2014: https://www.mironde.com/litterata/2328/essay/gert-hofmann-zum-20-todestag

Lesung Lenz-Novelle im Wien 2014: https://www.mironde.com/litterata/3586/reportagen/lenz-im-stadt-wien-2

Zum 85. Geburtstag 2016: https://www.mironde.com/litterata/5132/essay/gert-hofmann-zum-85-geburtstag

Szenische Lesung „Unser Mann in Madras“ in der Stadtbibliothek 2016: https://www.mironde.com/litterata/5184/reportagen/unser-mann-in-madras

Zum 25. Todestag 2018: https://www.mironde.com/litterata/7147/reportagen/gert-hofmann-zum-25-todestag

Zum 90. Geburtstag 2021: https://www.mironde.com/litterata/9174/reportagen/gert-hofmann-zum-90

Zum 30. Todestag 2023: https://www.mironde.com/litterata/11068/reportagen/gert-hofmann-zum-30-todestag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert