L.O.s gehts e.V.
Reportagen

DISKUSSION IM ESCHE

Die Bürgerakademie des Vereins „L.O.s gehts e.V. – Netzwerk des guten Willens“ lud zu einer Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Wir sollten miteinander reden. Welche Zukunft hat der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk?“ ein. Im Einladungstext heißt es weiter: „In der Öffentlichkeit gerät der ÖRR von verschiedenen Seiten zunehmend unter Druck. Im Zeitalter des Internets wird das klassische Rundfunk- und Fernsehmedium zunehmend von alternativen Medien herausgefordert. Hinzu kommt, dass sich ein Teil der Bevölkerung von ÖRR nicht mehr repräsentiert fühlt. Staatsnähe und mangelnde Meinungsvielfalt sind häufige Vorwürfe. Das auf gesetzlichen Pflichtabgaben beruhende Gebührenmodell stößt auf Widerstand. Andererseits sind viele Sendungen des ÖRR nach wie vor sehr populär. Dazu gehören u.a. auch die regional geprägten Sendeformate. Für unsere Region nimmt diese Rolle der MDR wahr. Ein eventueller Wegfall des ÖRR würde empfindliche Lücken reißen.“

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Peter Siegel (Mitte) vom Verein „L.O.s gehts“ begrüßte am Abend des 9. April, um 19 Uhr, erstaunlich viele Gäste im Saal des Esche-Museums in Limbach-Oberfrohna. Entgegen der Gepflogenheit stand kein einzelnes Referat auf der Tagesordnung, sondern eine Diskussion zweier Akteure. Peter Siegel begrüßte die freie Journalistin Annekatrin Mücke, die viele Jahre im ÖRR tätig war und jetzt für die „Berliner Zeitung“ arbeitet, und Michael Naumann, den Unternehmenssprecher und Leiter der Kommunikationsabteilung des MDR. 

Peter Siegel stellte beide Diskutanten kurz vor und erinnerte daran, dass das Konstrukt „Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk“ in der Frühzeit der alten Bundesrepublik entstand und sich auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes stützt. Noch einmal nannte er das Diskussionsthema: „Wir sollten miteinander reden. Welche Zukunft hat der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk“.

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Dann begann eine „Talk-Show“ mit einer atemberaubenden Wortfrequenz. Frau Mücke, die betonte, dass sie grundsätzlich für einen ÖRR sei, versuchte ihre Forderung nach Reformen mit dem Hinweis auf einzelne Fehler zu begründen. Herr Naumann schmetterte alle diese Forderungen mit dem Hinweis ab, dass das System bereits die notwendigen, auch unabhängigen Kontrollinstanzen besitze. Wie beim Wettrennen zwischen Hase und Igel rief Herr Naumann stets: „Bin schon da“. Lediglich beim Thema Rundfunkbeiträge verließ er die Igel-Rolle und stellte selbst die Forderung nach Erhöhung. Der Moderator versuchte mehrmals die Kontrahenten auf inhaltliche Kernpunkte des Reformbedarfs hinzulenken, allerdings mit mäßigem Erfolg. Nach mehr als anderthalb Stunden wurden Fragen der Besucher zugelassen. Ein Zuhörer wollte wissen, wieviel Prozent des jetzigen Etats der MDR in Zukunft einsparen wolle. Ein Besucher fragte zunächst, warum im Publikum so wenige jungen Menschen seien. Dann kritisierte er am Beispiel einer konkreten Überschrift die Wahl-Berichterstattung des ÖRR. Ein Gast fügte an, dass für ihn die schönste Sendung, die mit der Maus sei. Der Haupt- und Rechtsamtsleiter der Stadt Limbach-Oberfrohna, Dittrich Oberschelp, ergänzte, dass 80 Prozent der Bürger auf Nachfrage angaben, die Informationen über ihre Lebenswelt dem Amtsblatt, dem „Stadtspiegel“ zu entnehmen. Gegen 21.35, nach mehr als zweiundeinhalb Stunden, endete die Veranstaltung.

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Auf dem Heimweg gingen uns noch einmal die Veranstaltung durch den Kopf. Den Mitgliedern des Vereins „L.O.s gehts“ ist für ihre ehrenamtliche Initiative zu danken. Die große Besucherzahl kann man als größtes Lob werten. Es zeigte sich, dass das gewählte Format keine Annäherung an die zur Diskussion gestellte Frage brachte. Auch zeigte sich, dass man miteinander reden kann ohne miteinander zu kommunizieren. Die in der Einladung genannten „alternativen Medien“ bieten über das Internet heute den Zugang zu einer ungeheuren Medien-Vielfalt. Aber es bestehen tiefgreifende Qualitätsunterschiede. Von boulevardesken Akteuren bis hin zu Profis mit höchstem Qualitätsniveau reicht das Spektrum. Man muss also auswählen können. Voraussetzung dafür ist Bildung. Dieser Begriff kam an dem Abend leider nicht vor. Das ist bedauerlich, doch auch die Bildung ist heute ein Problemfeld. Selbst herausragende Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen keine Bedeutung mehr hätten. Bildung könne man dank „KI“ „per Knopfdruck“ erwerben. Die Resultate dieser missverstandenen „Digitalisierung“ sind bereits sichtbar: 40 bis 50 Prozent der Achtjährigen beherrscht keinen Mindestwortschatz mehr, die Zahl der Analphabeten steigt, die Zahl der Ingenieurstudenten geht dramatisch zurück, der Intelligenzquotient in den westlichen Ländern ging von 115 auf 85 Punkte zurück u. a. Entscheidend ist aber, dass wir erst durch lebenslange Bildung zu Menschen werden (Johann Gottfried Herder). 

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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2 thoughts on “DISKUSSION IM ESCHE

  1. Zu dem Thema war heute in Essay und Diskurs ein Beitrag von Mathias Greffrath:
    https://www.deutschlandfunk.de/essay-und-diskurs-100.html
    „Das Radio zwischen enttäuschter Liebe und neuem Aufbruch“
    Ein anderes Radio ist möglich, eines, das wie zu seinem Beginn die Welt erschließt, Bildung nicht nur für Eliten verspricht und als akustischer Marktplatz gemeinsamer Erfahrung fungiert…..nicht als bloßer Sender, sondern als Ermöglicher von Öffentlichkeit im emphatischen Sinn – als Ort, an dem Menschen sich begegnen, streiten, denken. Die Zukunft liegt nicht im Rückgriff, sondern im Aufbruch: weniger Beschallung, mehr gelebte Öffentlichkeit.

  2. Ich bin der Meinung, dass KI die Allgemeinbildung nicht ersetzen kann, im Gegenteil. Und lebenslanges Lernen ist so wichtig, manchmal zwangläufig. (mir gefällt z.B. nicht, daß dies jetzt mit ss geschrieben werden muß wie so vieles für mich unsinniges mehr.

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