Bodenreform
Reportagen

ZU GAST IN KOHREN-SAHLIS

Der 19. Mai war ein Frühsommertag, wie er im Bilderbuch steht. Der Himmel blaute auf. Die Sonne erwärmte die Luft und die Natur vollzog einen Wachstumssprung. Wiesen und Felder der leichten Hügellandschaft des Kohrener Landes dufteten um die Wette. Kohren-Sahlis zeigte sich als reizende mittelalterlich geprägte Kleinstadt. Die Heimvolkshochschule der evangelischen Landeskirche, im ehemaligen Pfarrhof gelegen, war unser Ziel.

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Der Christophorus-Veranstaltungsraum füllte sich. Zusätzliche Stühle wurden herangetragen – jeder Besucher bekam einen Platz. Um 19 Uhr begrüßte Dr. Dirk Martin Mütze, der Direktor der Heimvolkshochschule, die Gäste zu einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel »Herkunft + Zukunft. Bodenreform und LPG-Gründung in der Region Chemnitz-Rochlitz-Glauchau-Borna«. Besonders begrüßte er den Sächsischen Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft Georg Ludwig von Breitenbuch, einem gelernten Landwirt und Diplom-Volkswirt, der im Ort einen Landwirtschaftsbetrieb führt. 

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Eingeleitet und begleitet wurde die Veranstaltung musikalisch. Der Akkordeon-Virtuose Kay Engel entlockte seinem Instrument erstaunliche Töne. Er begann mit einem Titel der Klaus-Renft-Kombo »Unsre LPG hat 100 Gänse«. Mit nahezu stürmischem Applaus dankte das Publikum dem Künstler.

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Im Anschluss stellte Dr. Andreas Eichler (Mironde-Verlag) die Neuausgabe des Bandes »Herkunft + Zukunft. Bodenreform und LPG-Gründung in der Region Chemnitz-Rochlitz-Glauchau-Borna« vor. Er sei 23 Jahre Heimatvereinsvorsitzender in Niederfrohna und als solcher Moderator eines Diskussionskreises gewesen. Von 1993 bis 2015 hätten sich Vertreter von etwa 25 Heimat- und Geschichtsvereinen der Region regelmäßig in Niederfrohna getroffen. Man habe nüchtern konstatieren wollen, was sich historisch ereignete. Zu diesem Zweck habe man Zeitzeugeninterviews und analytische Artikel kombiniert, sich von zwei Seiten den historischen Ereignissen genähert. Die objektive Darstellung der Geschichte sei anzustreben, jedoch nicht möglich (Christa Wolf). 1994 sei erstmals über das Kriegsende in der Region diskutiert worden. Daraus habe sich ein ganzes Programm zur Erforschung der Lage der Bevölkerung zwischen 1939 und 1960 entwickelt. Neben den letzten militärischen Auseinandersetzungen sei es um Alltag im Krieg, Luftkrieg und Zivilbevölkerung, Reparationen, das Rüstungskommando Chemnitz, Ankunft der Evakuierten, Flüchtlinge und Vertriebenen, Geschichte der Industrie und eben auch um Bodenreform und LPG-Gründung gegangen. Das vorliegende Büchlein dokumentiere Tagungsbeiträge von 2005 und sei erstmals 2006 erschienen. Für die Neuausgabe sei es überarbeitet und erweitert worden. Sinn der von Superintendent Arnold Liebers beförderten Neuausgabe sei es, Anregungen für eine erneute Befragung der historischen Ereignisse zu ermöglichen, um der Zukunft gerecht zu werden. In der Folge stellte Eichler alle Beiträge und deren Autoren vor.

Eichler verwies darauf, dass der Historikerkreis die Zielstellung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) zur Durchführung der Bodenreform im Jahre 1945 während der Vorbereitung der Druckausgabe diskutiert habe. Aufgrund von Erlebnissen Wolfgang Leonhards, die dieser in »Die Revolution entlässt ihre Kinder« veröffentlichte, habe man die Vorstellung einer monolithischen Politik in der sowjetischen Besatzungszone überwunden. Dem Anschein nach habe es Interessenunterschiede zwischen SMAD und KPD-Führung gegeben, die auch in Sachen Bodenreform zur Geltung kamen. Eichler entwickelte die These, dass die Bodenreform von der SMAD im Herbst 1945  in erster Linie zur Sicherung der Ernährung der deutschen Bevölkerung in einer Notlage befohlen und durchgesetzt wurde. Die kleinen Flächeneinheiten von 2 bis 5 Hektar seien für die Selbstversorgung in Notzeiten ausreichend gewesen. Die KPD-Führung habe dem Anschein nach die Bodenreform jedoch als ersten Schritt zu Sozialismus und Kollektivierung verstanden. Die Kollektivierung wurde von KPD/SED-Seite im Zuge der Proklamation eines »Aufbaus des Sozialismus« dann im Jahre 1952 angeordnet. Eichler unterschied aber die konkrete Situation von 1945 und die von 1952. Aus einer historischen Resultante schloss er gerade nicht auf eine einzige Ursache. Im Buch stützt er sich bei der Differenzierung zwischen SMAD und KPD/SED auf den Essener Historiker Wilfried Loth (»Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges«. München 1980; »Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte«. Reinbeck b. Hamburg 1994).

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Im Anschluss an den Vortrag brachten Gäste einzelne Statements oder Diskussionsbeiträge vor. Der Moderator dankte am Ende allen Beteiligten und dem Referenten für die Anregungen zum Nachdenken, die er gegeben habe. Schließlich erklang noch einmal das Akkordeon.

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Selbst nach dem Ende der Veranstaltung kam es zu Begegnungen und Diskussionen. Der Staatsminister für Landwirtschaft und Umwelt, der geduldig der Diskussion zuhörte, hier im Gespräch mit dem Referenten, interessierte sich auch für die Dokumentation.

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Der Christophorus-Tagungsraum war durch eine Tür direkt mit der umgebenden Natur verbunden. Hier diskutierten einige Gäste bereits vor Veranstaltungsbeginn.

Auf der Heimfahrt durch die schöne Landschaft und den klaren Frühsommerabend ging uns die Veranstaltung  noch einmal durch den Kopf. Christa Wolf hatte in den »Kindheitsmustern« darauf verwiesen, dass Vergangenheit nicht vergeht. Gleichzeitig dränge sich immer die Gegenwart in unsere Erinnerungsversuche, so dass es eben nicht so gewesen sei, wie wir uns erinnern. Jeder Mensch besitzt eine andere Erfahrung. So verbirgt sich hinter der einfachen historischen Erinnerung eine Herkulesaufgabe. Die Tagungsteilnehmer von 2005 wollten lediglich die zu ihrer Zeit möglichen Erkenntnisse festhalten und weitergeben. Dem Anschein nach wurden die Besucher in Kohren-Sahlis, unter ihnen auch mittlere und jüngere Jahrgänge (!), gerade dadurch zum Weiterdenken angeregt. Allen Beteiligten ist deshalb zu danken.

Johannes Eichenthal

Information

Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis: https://hvhs-kohren-sahlis.de

Die Publikation »Herkunft + Zukunft. Bodenreform und LPG-Gründung in der Region Chemnitz–Rochlitz–Glauchau–Borna« ist in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag erhältlich: https://buchversand.mironde.com/p/herkunft-zukunft-bodenreform-und-lpg-gruendung-in-der-region-chemnitz-rochlitz-glauchau-borna

Am 13. April erinnerte Dr. Andreas Eichler unter dem Thema »Erinnerungen an den Frühling 1945« an weitere Publikationen des Historikerkreises an deren Autorinnen und Autoren. Die Reportage in der Internetzeitschrift LITTERATA ist unter folgendem Link lesbar: https://www.mironde.com/litterata/12646/reportagen/erinnerungen-an-den-fruehling-1945

Im April 2020 erinnerte die Internetzeitschrift LITTERATA an das Kriegsende in der Region am 14. April 1945. Dabei werden die Publikationen des Arbeitskreises im Detail genannt. Der Artikel ist unter folgendem Link lesbar: https://www.mironde.com/litterata/8555/feature/am-14-april-1945-endete-der-krieg-in-der-region-chemnitz-zwickau

Die LITTERATA – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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