Karl Stülpner
Reportagen

FÜR UND WIDER KARL STÜLPNER

Am 1. Juni 1923 wurde Hermann-Heinz Wille in Chemnitz geboren und hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag begangen. Er absolvierte eine Schlosserlehre und ein Abendstudium zum Konstrukteur. Seine weiteren Lebenspläne wurden durch den Krieg verhindert. Nach der Wehrmachts-Desertion 1945 beherrschte ihn der Wille zum Aufbau eines friedlichen Landes. Über Jugendfunkredakteur und Volkshochschuldirektor kam er zur Schriftstellerei.  Aus seiner Feder stammen zahlreiche Bücher, die anschaulich und verständlich komplizierte Themen aus Wissenschaft und Technik behandeln. (Wunderwelt des Wassers, Geburt der Technik, Sternstunden der Technik u.a.) Ähnlich der sozialdemokratischen Bildungsgesellschaft Urania versucht er Disziplingrenzen zu überschreiten und Fachwissenschaftler wie Allgemeininteressierte miteinander ins Gespräch zu bringen. Wille war auch führend in der Herausbildung eines neuen Genres der Regionalliteratur. Oft arbeitete er mit dem Fotografen Christoph Georgi zusammen und legte dem Leser die Entdeckung seiner eigenen Heimat in Erzgebirge, Vogtland oder auf Usedom nahe. Wille schuf den Text eines einzigen Weihnachtsliedes – „Still senkt sich die Nacht hernieder“. Das wiegt aber ganze Gedichtbände auf. Romane schrieb er nur wenige. Aber einer lag ihm besonders am Herzen: „Der grüne Rebell. Historischer Roman um den Freijäger Karl Stülpner“. Hermann-Heinz Wille starb 2002 in Limbach-Oberfrohna.

Karl Stülpner

Die Erstausgabe von „Der grüne Rebell“ erschien 1956 im Verlag Neues Leben Berlin. Bis 1989 folgten 13 weitere Ausgaben. Die Neuausgabe erschien im Oberbaum-Verlag Berlin 1997.

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des „Grünen Rebell“ beteiligte sich Hermann Heinz Wille im Dezember 1953 mit einem Artikel in der Chemnitzer „Volksstimme“ unter der Überschrift „Die Zentralgestalt im historischen Roman. Eine kritische Untersuchung der Stülpner-Literatur als Diskussionsbeitrag zur Vorbereitung des 4. deutschen Schriftstellerkongresses“ an der Diskussion. Die apodiktische Themenwahl und der Diskussionsstil erinnern an das ruppige Auftreten des Weltkriegsheimkehrers Arno Schmidt. Die junge Generation meldet sich zu Wort. Das ist ihr Recht. Doch Wille verriss mit seinem Beitrag ausgerechnet den Stülpner-Roman des großen Kurt Arnold Findeisen (1883–1963). 

Karl Stülpner

Die Erstausgabe von „Der Sohn der Wälder“ erschien 1954 im Verlag der Nation Berlin. Die Abbildung zeigt die dritte Auflage von 1974.

1987 nahm Wille im Karl Marx-Städter Almanach Nr. 6 den Diskussions-Faden noch einmal auf. Aber er wiederholte seine Vorstellung, dass mit einer „wissenschaftlichen Stülpner-Forschung“ der „latenten Gefahr“ entgegengewirkt werden müsse, „daß sich in der literarischen Darstellung Stülpners die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit erneut verwischen“. Der „Trivialliteratur“ gab er einen Teil der Schuld für die „Verwischung der Grenzen“, aber auch Kurt Arnold Findeisen?„So trug selbst Findeisen dazu bei, dass, wenn Stülpner, herausgelöst aus den zeitgeschichtlich und sozial-ökonomischen Zusammenhang, nach 1945 ins Kreuzfeuer der Meinungen geraten, sich darauf prüfen lassen mußte: Räuberhauptmann, Deserteur und Raubschütz oder Wohltäter und Anwalt der Armen, Außenseiter der Gesellschaft oder Volksheld und Hoffnungssymbol?“

Hier widerspricht sich Wille in seiner sozial-ökonomischen Determination selbst. Ein Umbruch, wie der von 1945, macht das ganze kulturelle Erbe des Fragens würdig, also frag-würdig. Die Neubewertung Karl Stülpners war keine Ausnahme. Aber Hermann Heinz Wille setzte seine Hoffnung auf das 1952 gegründete „Stülpner-Forschungskollektiv“ des Zschopauer Kulturbundes und glaubte, dass man nun bei dessen Ergebnissen „verweilen“ könne: „Im Prinzip hatte das Forschungskollektiv den übernommenen Auftrag innerhalb von vier Jahren erfüllt und ein Stülpner-Bild vorgelegt, das in seinen Gründzügen das ganze Leben des Freijägers erfaßte, das ihn in seiner Bedeutung wie in seiner Begrenztheit einordnete in die Regionalgeschichte.“

Einigermaßen unverständlich blickte Wille auf Theaterstücke oder eine Fernsehserie von 1973, die sich nicht nach dem Zschopauer „Stülpner-Bild“ richteten. In seinem Fazit akzeptiert Wille aber zumindestens „Ergänzungen“: „Inzwischen hat die Stülpnerforschung, von jüngeren Historikern und Heimatfreunden betrieben, ihre Fortsetzung gefunden und Erkenntnisse gebracht, die das Gesamtbild ergänzen. Das spricht dafür, daß der Stülpner-Karl, trotz aller Unbill, die ihm in der Literatur widerfahren und zuweilen immer mal wieder angetan wird, in der Erinnerung des Volkes weiterlebt als einer, zu dem wir uns ohne Wenn und Aber bekennen können.“ Ja, hier hat Wille seine Größe wieder. Der Stülpner-Mythos lebt mit und in der Erinnerung des Volkes. Das schließt Umbrüche und Neubefragungen ein.

Karl Stülpner

Umschlag der Reprint-Ausgabe der Stülpnerschen Lebenserinnerungen. Zentralantiquariat Leipzig 1973. Gestaltung: Prof. Werner Klemke.

Bekanntlich erschien 1835 in Annaberg von Carl Wilhelm Schönberg „Carl Stülpner merkwürdiges Leben und Abenteuer als Wildschütz im Sächsischen Hochgebirge.“ Das Buch beruhte auf der mündlichen Erzählung Karl Stülpners. Es wurde vom königlich-sächsischen Innenministerium sofort beschlagnahmt und seine Verbreitung verboten. „Schönberg“ erreichte jedoch auf juristischem Wege, dass der Sächsische Staat, wenn auch erst nach drei Jahren, eine Entschädigung zahlen musste. Der überhaupt erste Nachdruck der Stülpnerschen Lebenserinnerungen erfolgte durch das Zentralantiquariat der DDR in Leipzig im Jahre 1973, 138 Jahre nach der Erstveröffentlichung. Herausgegeben und mit einem sachkundigen Nachwort versehen wurde dieser Band von Klaus Hoffmann. In den Sächsischen Heimatblättern veröffentlichte Klaus Hoffmann 1974 einen ausführlichen Artikel unter der Überschrift „Volkstümliche Literatur über den Wildschützen Carl Stülpner“. Besonders interessant ist, dass Hoffmann nach dem Überlieferungszusammenhang zwischen Karl Stülpner und Karl May fragte.

Karl Stülpner

Die Stülpner-Biographie von Karl Sewart erschien im Chemnitzer Verlag. Die Erstausgabe trug den Titel „Mich schießt keiner tot“. Bis 2004 folgten zwei Auflagen.

Karl Sewart befasste sich sein Leben lang mit dem Schicksal des Wildschützen. Der passionierte Jäger kannte die Wälder und Orte, in denen sich das Leben Karl Stülpners ereignete, sehr genau. Im Nachgang warf Sewart die Frage nach der Rolle der Scharfensteiner Burgherren auf. Schließlich lebte der revolutionäre Demokrat und studierte Jurist Johann August von Einsiedel (1754–1837) in der Zeit auf Scharfenstein, in der Stülpners Lebenserinnerungen entstanden.

Karl Stülpner

Das Porträt des über 70jährigen Karl Stülpner im Jahre 1835.

Johannes Eichenthal widmet Karl Stülpner im 2021 erschienen zweiten Band seiner „Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland. Von Goethe bis Rathenau“ ein Kapitel. Karl Stülpner wird aufgrund der Niederschrift seiner mündlichen Lebenserinnerungen in die Reihe der Literaten aufgenommen. Gleichzeitig betont Eichenthal die wichtige Korrekturfunktion der mündlichen Erzählfähigkeit für die Verschriftlichung. Im genetisch aufgebauten Buch folgt Stülpner (Jg. 1762) direkt auf Goethe (Jg. 1749). Dabei macht Eichenthal deutlich, dass Stülpner, wie Goethe, an der Schlacht von Valmy im Jahre 1792 teilnahm. (Die feudalen Interventionstruppen wurden hier erstmals von der französischen Revolutionsarmee gestoppt.) Goethe tröstete die schockierten Generalstabsoffiziere mit den Worten, dass von hier und heute eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehe. Sie könnten sagen, sie seien dabei gewesen. Dagegen musste Karl Stülpner die Schlacht als gepresster preußischer Soldat ausfechten. Eichenthal glaubt, dass Stülpner deshalb wichtige Erlebnisse zu erzählen hatte. Aber Eichenthal glaubt nicht, dass das Leben Stülpners „wissenschaftlich“ völlig erforscht sei. So ist inzwischen zwar nachgewiesen, dass es einen Herrn „Schönberg“ gab. Doch es ist nicht nachgewiesen, ob und wie dieser Student und spätere Fabrikschullehrer mit Stülpner bekannt geworden, den Buchdruck finanzieren und einen Rechtsstreit mit dem Staat gewinnen konnte. Aber, so Eichenthal, das ist auch nicht so wichtig. Das Thema des Erzählens laute nicht: „Es war so und nicht anders“. Das Thema des Erzählens lautet „Es hätte so gewesen sein können“. Beim Erzählen geht es um glaubhafte Träume. Wir bedürfen solcher Träume. Insofern ist Karl Stülpner ein Erzähler, wie Hermann Heinz Wille schrieb, der „in der Erinnerung des Volkes weiterlebt als einer, zu dem wir uns ohne Wenn und Aber bekennen können.“

Clara Schwarzenwald

Information

Karl Stülpner

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

One thought on “FÜR UND WIDER KARL STÜLPNER

  1. Liebe Clara S c h w a r z e n w a l d von Eichenthal,

    herzlichen Dank für die prägnante Zusammenfassung der aktuellen Forschungslage, Ihre literatur- und erzähltheoretischen Einordnungen zur Disziplin S t ü l p n e r i a n a.

    Meine archetypische Verortung wäre wohl die eines frühmodern-romantisch-obersächsischen Robin Hood. Karl Stülpner ist sicher die prominenteste Räuberfigur in Saxonia Superior, insbesondere zwischen Vogtland und östlichen Erzgebirge. Der historische Mythos begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich bin mir aber nicht sicher, was ich damals gelesen habe und konnte diese Ausgabe bislang auch nicht wieder finden.

    Etwas rätselhaft ist mir allerdings Ihre Erstausgabe-Abbildung von KAF »Sohn der Wälder«?

    1954 veröffentlichte der VdN die Erzählung a l s: Taschenbuch – Roman – Band 41, etwas über Reclam-Format und mit dramatisch illustriertem Einband. (Der zeigt den martialischen Wildschütz mit Dreispitz und Flinte wie »Z i e t e n aus dem Busch«.) Gerne stelle ich Ihnen das Bändchen zur Verfügung. Die Darstellung Findeisens ist noch immer lesenswert.

    Johannes E i c h e n t h a l s – nur auf den ersten Blick irritierende Stülpner-Einordnung in »Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland« – ist jedoch ein literaturgeschichtliches Novum. Stülpner wird damit kultursoziologisch zwischen Goethe und Jean Paul gestellt, steht für »Geschichte von unten«. Das ist ein überfälliger und durchaus überzeugender Ansatz.

    Allerdings, der originär sächsische Autor Kurt Arnold Findeisen harrt nun seit Jahrzehnten einer angemessenen Monografie.

    Es grüßt
    Detlef Manfred Müller

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