Der 17. April war ein sonniger und warmer Frühlingstag. Die Gaststube der Eisenbahnergaststätte „Zum Prellbock“ erstrahlte in abendlicher Sonnenwärme. Nach und nach fanden sich zahlreiche Besucher ein. Sie besichtigten zunächst die Galerie, in der gerade eine Cartoon-Ausstellung mit Werken von Peter Buschkow zu sehen ist, und begaben sich dann in die Gaststube. Der Wirt der Gaststätte „Zum Prellbock“, Matthias Lehmann, und der Mironde-Verlag hatten zu einem Bildvortrag unter dem Titel „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn“ eingeladen. Die Gaststätte füllte sich immer mehr, schließlich waren alle Stühle besetzt.

Gastwirt Matthias Lehmann, gleichzeitig fiktiver Bürgermeister der ehrenamtlichen Stadt Groß-Mützenau (oder umgekehrt?), begrüßte zwischen seiner Arbeit als Kellner, zwischen Bier und Rouladen, die Gäste und erteilte dem Referenten das Wort.

Andreas Eichler, ein promovierter Philosoph, zeigte im Kontrastprogramm sein Startbild mit dem Untertitel „Sprache und Eigensinn“. Der Untertitel sei gewählt worden, weil wir uns in Sprache zur Humanität bilden, nicht in Denken oder Denkbewusstsein. Mit der SprachVernunft (Logos) erfassen wir den Zusammenhang unserer Sinneswahrnehmungen, können sie festhalten und wieder aufrufen: Sprache widerspiegelt nicht nur die Wirklichkeit sondern schafft sie auch. In der bezeichnenden Sprache unterscheiden wir uns von Tieren und von Maschinen. Weiter Eichler: Neben der Zusammenführung der Sinneseindrücke und als Kommunikationsmittel fungiert die bezeichnende Sprache als unsere innere Handlungssteuerung. Über selbstbestimmte Sprache ist Bildung zur Humanität möglich. Aber der Mensch kann über Sprache auch fremdbestimmt werden. Die Unterhaltungsindustrie versuche zu diesem Zweck unsere Sprache maschinenlesbar zu machen. Damit verbunden sei eine Verkünstlichung, Erstarrung und Verarmung der Sprache und der Verlust von Fantasie. Die Resultate dieses „Dataismus“ seien massive Bildungsverluste, Rückgang der Ausbildung von Ingenieuren und Handwerkern u.v.a.

Der Eingang zur Gaststube „Zum Prellbock“
Als Alternative bezeichnete Eichler die bewussten Aneignung des sprachlich-literarischen Erbes Mitteldeutschlands. Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Gottlieb Klopstocks und Johann Gottfried Herder nannte er als seine Gewährsleute. Die Aneignung des Erbes der Region zwischen Braunschweig und Görlitz sei zugleich der besonderer Zugang zum Welterbe. Dies ist möglich, weil wir alle Menschen sind. Deshalb finden sich in den Besonderheiten der Regionen auch allgemeine Züge. Unter dem Stichwort Sprachlandschaft Mitteldeutschland ging Eichler ausführlich auf die Vorgeschichte ein. Bereits vor 4000 Jahren erstreckte sich die erste frühbronzezeitliche Kultur Europas zwischen der Westslowakei und dem Harz. In dieser Linie erstreckte sich damals der Weg von Nord- und Mitteleuropa in den Orient. Er verwies auf Forschungsergebnisse von Dr. Dominique Görlitz, Günter Eckardt und Jens Richter. Von Haselünne im Emsland bis nach Byzanz erstreckte sich das Wegesystem. Befördert wurden aus Europa vor allem Bergbauprodukte und Bergbau-Know-how in den Orient. Mitteldeutschland lag im Schnittpunkt dieser Handelsroute mit einer Wegführung aus Ostpreußen in Richtung Südfrankreich. Es sei kein Zufall, dass eine Himmelsscheibe und anderen bronzezeitliche Relikte hier gefunden wurden. Die Region Mitteldeutschland ist seit Jahrtausenden ein Schnittpunkt von Handel und Wanderungsbewegungen.

Eingang zur „Koffer-Galerie“
Die Erfindung des Hochdeutschen zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, führte Eichler auf eine Gegenreaktion zur Existenzkrise des östfränkisch-deutschen Kaiserreiches und seines gescheiterten lateinimperialen Anspruchs zurück. Aber die Möglichkeit für diese Gegenreaktion, so Eichler, sei bereits im 10. Jahrhundert mit der Expansion des Reiches von Niedersachsen in Richtung Schlesien gelegt worden. Die Vermischung verschiedener deutscher und europäischer Einwanderer mit der slawischen Bauernbevölkerung sei die Ursache für die Erfindung des Mittelhochdeutschen gewesen. Diese Menschen waren es, die in Mitteldeutschland die neue Sprachentwicklung vorantrieben, die in den anderen Teilen des ostfränkisch-deutschen Kaiserreiches zunächst nicht mitvollzogen wurde. Die Minnesänger waren Pioniere in der Erfindung des Hochdeutschen. Über weitere herausragende Persönlichkeiten versuchte Eichler den Prozess der 800 Jahre Überlieferung fassbar zu machen.

Prellbock-Galerie im Haus Obergräfenhain
An diesem Abend verweilte er bei der 1901 in München geborenen Altertumswissenschaftlerin Elisabeth Charlotte Welskopf, die sich als Romanautorin Liselotte Welskopf-Henrich nannte, etwas länger. Sie habe 1959 eine Habilschrift zum Problem der Muße bei den Helenen erfolgreich verteidigt. Im Verlag „Rütten & Loening“ erschien die Arbeit 1962. Bei der Lektüre wird deutlich, dass Welskopf-Henrich eine Kennerin der altgriechischen epischen Literatur war. 1960 war ihr eine Professur an der Berliner Humboldt-Universität verliehen worden und sie sei 1964 als erste Frau in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden. Auch nach ihrer Emeritierung realisierte sie internationaler Großprojekte (Geschichte der griechischen Poleis1973/74 in vier Bänden u.a.) An einem Roman über einen jungen Dakota der Teton-Oglala-Stammesgruppe arbeitete sie bereits anfang der 1920er Jahre. Für weitere Entwürfe fand sie keinen Verlag. Endlich erschien 1951 im Altberliner Verlag der Roman unter dem Titel »Die Söhne der großen Bärin« in einem Band, später in 3 und 6 Bänden. Die Autorin erhielt 1951 den Preis für Jugendliteratur und 1968 den Friedrich Gerstäcker-Preis. Das Buch wurde in zwölf Sprachen übersetzt und in einer Auflage von mehr als 6 Millionen veröffentlicht. Später verliehen ihr die Dakota die Ehrenmitgliedschaft als »Lakota Tashina« (= Schutzdecke).

Eichler fasste zusammen: Der Roman lebt von der Erfindung einer Häuptlingsfigur und der Erfindung der Fabel: Häuptling Tokei-ihto nimmt nicht an der erfolgreichen Verteidigung gegen ein versuchtes Massaker durch General Custer vom 25. Juni 1876 am Little Bighorn teil, weil er in einem Militärstützpunkt von der US-Armee gefangen gehalten wird. Nach seiner Befreiung stößt er zu seinem Stamm im Reservations-Lager und führt ihn am gleichen Tag, mitten im härtesten Winter, auf die Flucht nach Kanada, um zahme Büffel zu züchten und Mais anzubauen,
Welskopf-Henrich lässt ihn diesen Rückzug wählen, weil der Häuptling begriffen hatte, dass die Yankees trotz aller Tapferkeit seiner Krieger, militärisch nicht zu besiegen sind.
In der Wirklichkeit flüchteten einige Tausend Teton-Oglala unter der Führung des Häuptlings und Heiligen Mannes Tatanka-Yotanka (Sitting Bull) nach Kanada in die Woodmountains. Sie vermochten sich aber nicht schnell genug auf die Sesshaftigkeit umzustellen. Als die Büffel ausblieben, die auf Betreiben der US-Armee fast ausgerottet wurden (von 50 Mio. auf 1000 Büffel im Jahre 1890), kehrte Tatanka-Yotanka 1881 in das Reservations-Lager zurück. Dort wurde er 1890 von einem Lager-Kapo erschossen.
Eichler wies darauf hin, dass Welskopf-Henrich durch die Verbindung von Geschichte und Erfindung ein Epos der Dakota mit größter Wahrhaftigkeit schuf, in altgriechischer Tradition, so, wie es hätte gewesen sein können. Sie lässt im Roman Tokei-ihto zu seinen Brüdern und Schwestern in Kanada sagen: „Auch die Tier sind unsere Brüder, und wir wollen nicht vergessen, mit dem Blütenstaube der Morgendämmerung, mit dem Regenwinde und mit den Teichen in grünen Wiesen zu sprechen. Für die starken Wölfe unter den weißen Männern ist alles Land nur Gold und Macht. Wir aber lieben es wie eine Schwester.“
Das sei, so Eichler, fast wörtlich Franz von Assisi.

Blick auf die angrenzende Werkstatt des Künstlers P. Bock
Die nächste Station machte Eichler bei Vicco von Bülow (Loriot), der in Brandenburg als Nachkomme eines traditionsreichen Adelsgeschlecht, dessen Herkunft bis ins 12. Jahrhundert nachweisbar ist, im Jahre 1923 geboren wurde. Die der Familientradion entsprechende Offizierslaufbahn begann 1942 unter Kriegsbedingungen und endete 1945. Nach einer Tätigkeit als Holzfäller und dem Nachholen des Abiturs studierte er 1947–1949 in Hamburg Malerei und Grafik. Danach wirkte er als Karikaturist für verschieden Zeitschriften. Später wurde er als Trickfilm- und Kurzfilmproduzent im Fernsehen sehr populär. Er wirkte als Schauspieler in drei Anti-Kriegsfilmen mit (»Die Brücke«, »Das Wunder der Malachias«, »Der längste Tag«). 1988 produzierte er seinen ersten Kinofilm »Ödipussi« und 1991 »Pappa ante Portas«. Die Drehbücher dieser Filme belegen, dass es sich bei den Texten um dramatisierte Romane handelt. Man müsse ihn, so Eichler, auch als großen Roman-Autor begreifen. Loriot vermochte die Mentalität der alten Bundesrepublik weit zeitgemäßer darzustellen als viele heutige Autoren. Diese Romane stellen liebevolle Alltags-Komik dar, kommen ohne Beleidigungen aus und sind sprachliche Dialog-Meisterschaft, vergleichbar mit Billy Wilder. Trotz oder gerade wegen seines Sprachbewusstseins war er sich der realen Lage bewusst: »In einigen Generationen wird es genügen, sich grunzend zu verständigen«.

Einige Gäste bekamen noch eine Führung Matthias Lehmanns durch die „Koffer-Galerie“ geschenkt.
Eichler führte seinen Vortrag zu Ende. Die Gäste applaudierten, Matthias Lehmann fügte melancholisch an, dass in der Prellbock-Galerie leider eine Ausstellung mit Loriot fehlte. Das sei immer sein Traum gewesen, habe sich aber nicht realisieren lassen.

Nach dem traditionellen „Mützenfoto“, bei dem der Wirt dem Referenten oder Künstler eine Mütze aus seiner umfassenden Sammlung „aufsetzt“, klang der Abend langsam aus.
Auf der Heimfahrt mussten wir daran denken, wie oft wir schon an Ausstellungseröffnungen und Vorträgen im Lunzenauer Prellbock teilnahmen. Fast 30 Jahre werden hier Kulturveranstaltungen auf hohem Niveau organisiert. Die Cartoon-Szene und viele bildende Künstler waren zu Gast. Wir erinnern nur an die Ausstellung anlässlich des 90. Geburtstages Henry Büttners. Einzig im Prellbock gab es eine Büttner-Ausstellung. Aber auch Bergsteiger, Weltenbummler, Vogelkundler, Literaten u.v.a. kehrten hier ein.
Das Modell „Prellbock“ zeigt, dass zwei Personen mit hohem Engagement eine überregionale Kulturwirkung hervorbringen können, von der manche öffentliche Einrichtung nicht einmal träumen kann.
Theoretisch sind Maritta Trommer-Lehmann und Matthias Lehmann im Ruhestand, praktisch aber nicht. Momentan wird nur zu Ausstellungseröffnungen und zu privaten Veranstaltungen geöffnet. Aber der Abend zeigte, dass ein volles Haus immer vollen Einsatz erfordert. Immer wieder versetzt der Wirt seine Gäste auch ob seiner zahlreichen Kunstprojekte in Erstaunen. In der Zusammenarbeit mit dem Kollegen P. Bock entstehen interessante Werke. Woher nimmt er seine Kraft? Mitunter erschien es an diesem Abend, als ob er Flügel hat. Sollte uns vielleicht gar nicht Matthias Lehmann begegnet sein, sondern der bekannte Dichter Ludhardt M. Nebel?
Clara Schwarzenwald
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Information
Gaststätte zum Prellbock: https://www.prellbock-bahnart.de
Ludhardt M. Nebel: Wenn ich flügel hätt’. LyrikCartoons: https://buchversand.mironde.com/p/ludhardt-m-nebel-wenn-ich-fluegel-haett-lyrikcartoons
Literarische Wanderung
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3
Links zu einigen älteren Litterata-Reportagen von Veranstaltungen im Prellbock
Ausstellungseröffnung Henry Büttner
Vorstellung des Kleinkläranlagen-Handbuches
Zum 25jährigen Jubiläum der Umsetzung des Gebäudes Haltepunkt Obergräfenhain nach Lunzenau
Ausstellungseröffnung mit Ulrich Forchner und Werner David
Fotoausstellungseröffnung mit Wiegand Sturm
Ausstellungseröffnung mit Holger Koch
Ausstellungseröffnung mit Matthias Kiefel
Buchpremiere mit Ludhardt M. Nebel
Buchvorstellung „Not macht erfinderisch. Zur Geschichte der Industrie in der Region. 1945–1990–2015
Ausstellungseröffnung mit dem Werner-Klemke-Kenner Matthias Haberzettl


Der Abend im „Prellbock“ mit der Buchvorstellung durch Herrn Dr. Eichler vom Mironde-Verlag war nicht nur interessant und sehr informativ, sondern dank der Gastgeber auch kulinarisch ausgezeichnet und außerordentlich humorvoll.
Besonders die Führung durch die Kunstobjekte im „Koffermuseum“ von Familie Lehmann hat uns tief beeindruckt.
Herzlichen Dank dafür!
Edda und Bernd Luckner