Reportagen

WILHELM OSTWALD UND DAS WELTWISSEN

Die Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland führt uns auch nach Großboten. Der in Riga geborene vielseitige Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisator Friedrich Wilhelm Ostwald (1853–1932) fand hier nach seiner frühzeitigen Emeritierung im Jahre 1906 ein Refugium. Auf einem mehrere Hektar großem Grundstück befand sich ein Wohnhaus, dass Ostwald mit „Haus Energie“ benannte. Das Umfeld eignete sich zur landwirtschaftlichen Nutzung. Auch ein Windrad zur Wasserförderung ist erhalten. Diese ländliche Konstellation ergab eine einzigartige Forschungsstätte mit Bibliothek (30.000 Bände), Laboratorium und Werkstatt. Als großer Chemiker ist Ostwald allgemein anerkannt. Seine Forschungen zum Weltwissen wurden bislang zu wenig beachtet. Dankenswerter Weise kann heute durch die Gerda und Klaus Tschira Stiftung am originalen Wirkungsort an den großen Erfinder erinnert werden.

Foto: Dieter Lehnhardt (Buchprojekt „Walther/Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?“)

Wilhelm Ostwald hatte an der Universität Dorpat in Ostpreußen Chemie studiert, war Assistent bei Arthur von Oettinger und wurde 1882 als ordentlicher Professor für Chemie an das Rigaer Polytechnikum berufen. Ihm wurden von seinem Doktorvater experimentelle, handwerkliche und ingenieurtechnische Fähigkeiten bescheinigt. Bereits 1885/87 veröffentlicht er zudem in Leipzig ein zweibändiges „Lehrbuch der Allgemeinen Chemie“. 1887 wurde er auf den einzigen Lehrstuhl für physikalische Chemie in Deutschland an die Universität Leipzig berufen. Dort begründete er eine wissenschaftliche Zeitschrift, veröffentlichte zahlreiche Zeitschriftenartikel und Bücher und begründete 1887 das Institut für physikalische Chemie. 

Die Oswaldsche Bibliothek. Foto: Dieter Lehnhardt (Buchprojekt „Walther/Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?“)

Ostwald legte in Leipzig den Schwerpunkt auf chemische Kinetik- und Katalyseforschung zur industriellen Anwendung. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Eberhard Brauer entwickelte er ein Verfahren zur katalytischen Umwandlung von Ammoniak in Salpetersäure und daraus das Ostwald-Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure, das wiederum die Grundlage für das Haber-Bosch-Verfahren darstellte. Ostwald war Gründungsvorsitzender der „Deutschen Elektrochemischen Gesellschaft“, der späteren „Deutschen Bunsen-Gesellschaft für physikalische Chemie“. 1901 hielt er an der Leipziger Universität Vorlesungen über Naturphilosophie, die das Interesse eines breiten Publikums fanden. In Anlehnung an Immanuel Kants kategorischen Imperativ entwickelte er einen „energetischen Imperativ“: „Vergeude keine Energie – verwerte sie!“ 

Ein Teil der Oswaldschen Schriften hinter Glas. Foto: Dieter Lehnhardt (Buchprojekt „Walther/Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?“)

1904 hielt Ostwald Vorlesungen in den USA an der Harvard-Universität, am Massachusetts Institut of Technology und an der Columbia-Universität. 1905 veröffentlichte er Untersuchungen zur Wissenschaftsorganisation. 

Ostwald war ein sehr guter Hochschullehrer. Er vermochte einen hohen Anteil an Experimenten und die Hinführung zum eigenständigen Arbeiten zu ermöglichen. Im engeren Sinne studierten zwischen 1887 und 1906 etwa 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 30 Ländern bei ihm. Er leitete 148 Promotions- und zehn Habilitationsverfahren. Bekannte Habilitanten sind Walter Nernst, Julius Eugen Wagner und James Walker. Aber 1906 nahm Ostwald Abschied von der universitären Lehre und Forschung und verlegte sein Leben nach Großbothen.

Die Oswaldsche Bibliothek. Foto: Dieter Lehnhardt (Buchprojekt „Walther/Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?“)

Ab 1906 baute Ostwald Großbothen zu einem Arbeits-, Wohn- und Meditationsort um. Es werden entfernte Ähnlichkeiten mit einer Klosterstruktur erkennbar. Er forschte unter den neuen Bedingungen unentwegt weiter. 1909 wurde ihm, als erstem sächsischen Wissenschaftler, der Nobelpreis für seine Arbeiten zur Katalyse verliehen. 

1911 gründete Wilhelm Ostwald  mit Kollegen den Verein „Die Brücke. Internationales Institut für die Organisierung der geistigen Arbeit“. Das Institut hatte das Ziel das gesamte Weltwissen zu katalogisieren und verfügbar zu machen. Es sollte eine Generalbibliografie erstellt werden. Als Methode nutzte er die Dezimal-Klassifikation des amerikanischen Bibliothekars Melvil Dewey. Gleichzeitig trat Ostwald für die Normierung von Druckerzeugnissen nach DIN ein. 

Die Oswaldsche Bibliothek. Foto: Dieter Lehnhardt (Buchprojekt „Walther/Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?“)

Wilhelm Ostwald trat auch für die Einführung einer internationalen Kunstsprache, das Reform-Esperanto – ido – ein. 1911 wurde er Nachfolger Ernst Haeckels als Vorsitzender des „Monistenbundes“. Ab 1914 betrieb er im Auftrag des Deutschen Werkbundes Untersuchungen zur Farb-Standardisierung in der industriellen Anwendung. 

Neben unzähligen anderen Aktivitäten gelang es Ostwald 1929, in Fortführung der Zielstellung des Vereins „Die Brücke“, ein kleines Büchlein mit dem Titel „Die Pyramide der Wissenschaften“ zu veröffentlichen. Er konstatierte die fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften, kritisierte die alphabetische Ordnung der französischen Enzyklopädisten und setzte dagen eine numerische Ordnung, um die Gesamtheit des Weltwissens zu erfassen. Diese Aktivität wird in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung oft unterschätzt.

Das Haus Energie von der Parkseite. Foto: Dieter Lehnhardt (Buchprojekt „Walther/Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?“)

Am 25. April wird Andreas Eichler im Wilhelm Ostwald Park in das Buch „Die Pyramide der Wissenschaften“ einführen. Eichler wird zudem den Bezug zu den Erfindern Ehrenfried Freiherr von Tschirnhaus und Manfred Baron von Ardenne herstellen. Es wird also an einem originalen Wirkungsort in einen Originaltext eingeführt. Interessierte sind herzlich eingeladen.

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Wilhelm Ostwald Park: https://www.wilhelm-ostwald-park.de

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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