Wilhelm Ostwald
Reportagen

DER EXISTENZGRÜNDER OSTWALD

Der 25. April war der „erste Sommertag“ des Jahres 2026. Der Himmel blaute auf, die Sonne arbeitet mit voller Kraft und fast alle Bäume und Sträucher ergrünten, wie auf ein Kommando. Selbst der alte Baumbestand erstrahlte im allerfrischesten Grün im Wilhelm Ostwald Park in Großbothen. Die Tür des Hauses „Glückauf“ ist offen. Im lichtdurchfluteten Vortragssaal wurde gerade ein Bildvortrag vorbereitet: „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn“ lautete der Titel auf dem Plakat. Das war unser Ziel.

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Langsam füllt sich der Saal mit Besuchern. Eine wunderbare Nachmittagsstimmung stellte sich ein. Dann begrüßte Dr. Ralf Gottschlich, der Leiter des Wilhelm Ostwald Parks, voller Freude die zahlreichen Gäste und den Referenten Dr. Andreas Eichler vom Mironde-Verlag. Dieser verwies in seiner Vorstellung darauf, dass er gemeinsam mit seiner Frau seit 27 Jahren einen kleinen Verlag betreibe, der mit Heimatsagen und Regionalgeschichte begonnen habe und heute die Sachbücher Frieder Bachs über die Innovationen des DKW-Gründers Rasmussen in der Region Erzgebirge-Chemnitz-Zwickau, die Forschungsergebnisse der TU Wien zu einem neuen Bauwirtschafts-Steuerungssystem (BIM) und die Forschungsergebnisse des ZV Frohnbach zur Klärschlammveredelung mit Pyrolyse verlege. Die „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“ sei die konservative Seite des Verlages, das notwendige Gegengewicht zu den Innovationen.

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Das Haus „Glückauf“ wurde 1914 für Sohn Walter Ostwald erbaut.

Eichler begann den Vortrag, wie immer, mit ausführlichen historischen Exkursen zur Sprachentwicklung. Aus der Personenreihe des ersten Bandes hob er Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651–1708) heraus, dessen Mutter eine geborene Freifrau von Stirling war. (Der Erfinder des Stirlingmotors kam dem Anschein nach auch aus dieser Familie.) Tschirnhaus widmete sein ganzes Leben der Erfindung des europäischen Hartporzellans. Er nahm den gesamten europäischen Forschungsstand in Augenschein, gründete eine Glasmanufaktur, um Linsen herstellen zu können, entwickelte Brennspiegel aus Kupfer für Brennprozesse, erkundete die Ressourcenlage Sachsens und verbrauchte sein gesamtes Privatvermögen für seine Forschungen. Im Sommer 1708 experimentierte er im Festungsbereich Dresden erstmals mit Kaolin aus Aue (Schnorrsche Erde) und Alabaster aus Nordhausen. Anfang Oktober 1708 gelang ihm erstmals die Herstellung eines Hartporzellan-Gefäßes, das höchsten Anforderungen entsprach. Doch wenige Tage später verstarb er. Der Dresdner Hof erstatte, entgegen eines an Tschirnhaus gegebenen Versprechens, der Familie nicht den Forschungsaufwand, machte die Porzellanherstellung zum Staats-Monopol und verbreitete die Legende, dass ein gewisser Böttger das europäische Hartporzellan erfunden habe.

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Auf dem Foto ist der Titel von Ostwalds Buch über die Naturphilosophie zu sehen. Er ersetzte in seinen Vorlesungen von 1901 den mechanischen Kraft-Begriff durch den Energie-Begriff. Die Vorlesungen in Leipzig wurden von einer breiten Öffentlichkeit besucht.

Im zweiten Band hob Eichler endlich Wilhelm Ostwald (1853–1932)  hervor. Ostwald: Bereits mit 29 Jahren sei dieser zum ordentlicher Professor für Chemie an das Rigaer Polytechnikum berufen worden. Drei Jahre später veröffentlicht er in Leipzig ein zweibändiges „Lehrbuch der Allgemeinen Chemie“. 1887 wurde er auf den einzigen Lehrstuhl für physikalische Chemie in Deutschland an die Universität Leipzig berufen. Dort begründete er auch mindestens eine wissenschaftliche Zeitschrift, veröffentlichte zahlreiche Zeitschriftenartikel und Bücher. 1897 begründete er in Leipzig das „Institut für physikalische Chemie“ und legte den Schwerpunkt auf chemische Kinetik- und Katalyseforschung zur industriellen Anwendung. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Eberhard Brauer entwickelte er das Ostwald-Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure, das wiederum die Grundlage für das Haber-Bosch-Verfahren darstellte. Ostwald war in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinen tätig, zum Teil als Gründungsvorsitzender. Im Jahre 1901 hielt er an der Leipziger Universität Vorlesungen über Naturphilosophie, die das Interesse eines breiten Publikums fanden. 1904 setzte Ostwald diese Vorlesungen in den USA an der Harvard-Universität, am Massachusetts Institut of Technology und an der Columbia-Universität fort. Zwischen 1887 und 1906 studierten etwa 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 30 Ländern im engeren Sinne bei ihm. Er leitete 148 Promotions- und zehn Habilitationsverfahren. Bekannte Habillitanten sind Walter Nernst, Julius Eugen Wagner und James Walker. Aber 1906, im Alter von 53 Jahren, nahm Ostwald Abschied von der universitären Lehre und Forschung und verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Großbothen.

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1929 veröffentlichte Ostwald ein Buch über die Erfassung des Weltwissen und die notwendige Klassifikation der Wissenschaften.

Gemeinsam mit seiner Familie baute Ostwald Großbothen zu einem Arbeits-, Wohn- und Forschungsort um. Das Anwesen erinnert entfernt an eine Klosterstruktur. Hier findet man Naturmeditation, Werkstatt, Bibliothek, eine kleine Land- und Gartenwirtschaft zur Selbstversorgung. In Großbothen konnte Ostwald als freiberuflicher Wissenschaftler weiter forschen. Mit Sohn Walter entwickelte er zum Beispiel Kraftfahrzeug-Katalysatoren. Er selbst unternahm große Anstrengungen zur Farbstandardisierung. 1909 wurde ihm, als erstem sächsischen Wissenschaftler, der Nobelpreis für seine Arbeiten zur Katalyse verliehen. Die Existenzgründung wirkte sich positive auf die Erfindertätigkeit Ostwalds aus. Dem Anschein nach führte der Schritt vom Angestellten zum freiberuflichen Wissenschaftler aber auch auf eine wirtschaftlich gute Basis.

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Aus der Reihe der Persönlichkeiten des dritten Bandes hob Eichler Manfred von Ardenne (1907–1997) hervor. Frühzeitig habe sich dieser durch Experimente und Literaturstudium autodidaktisch gebildet. Er interessierte sich ausschließlich für die Fächer Mathematik, Physik und Chemie. Die damaligen Gymnasien waren für eine solches Talent nicht eingerichtet. Deshalb verließ er die Schule ohne Abitur, um eine Elektroniker-Lehre zu beginnen. Doch mit Unterstützung des Nobelpreisträgers Walter Nernst, des Habilitanten Wilhelm Ostwalds, durfte Ardenne ein Grundlagenstudium an der Berliner Universität nachholen. 1928 gründete er dann, im Alter von 21 Jahren, ein eigenes Forschungsinstitut und entwickelte zahlreiche Innovationen in der Radio- und Fernsehelektronik. 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde er zu geistigen Reparationsleistungen in die UdSSR verpflichtet. Nach seiner Rückkehr entschied er sich für Dresden als Arbeits- und Wohnort und gründete das einzige private Forschungsinstitut der DDR. Unter dem Einfluss des Biochemikers Otto Warburg entschied er sich im Alter von 52 Jahren für eine grundsätzliche Neuorientierung seiner Forschung, widmete sich tatsächlichen Lebensprozessen und entwickelte Verfahren zur Krebsforschung.

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Das Publikum hatte bereits während des Vortrages ab und an eine Frage oder ein Statement eingeworfen. Nach dem Ende des Vortrage schloss sich noch einmal fast eine Stunde Diskussion im milden Nachmittagslicht an. Mit Gesprächen auf der Terrasse des Hauses „Glückauf“ klang die Veranstaltung aus. Auf der Heimfahrt ging uns alles nocheinmal durch den Kopf. Welchen Mut zur Selbstständigkeit brachte Wilhelm Ostwald 1906, im Alter von 53 Jahren, auf, seine sichere Anstellung an der renommierten Leipziger Universität aufzugeben, um auf das Land zu ziehen und eine freiberuflichen Existenz zu gründen. Sicher gingen ihm die beruflichen Kontakte nicht verloren. Gewiss war seine umfangreiche Bibliothek (insgesamt etwa 30.000 Bücher) bereits zum Großteil aufgebaut. Das Wissen um die Bedeutung der Selbstversorgung mit Obstbäumen, Gemüseanbau, Windrad u.ä. kannte er vielleicht noch von Eltern und Großeltern. Dennoch war es für ihn, seine Frau und die Kinder ein Schritt aus Leipzig ins Ungewisse. Aus heutiger Sicht können wir das entspannter sehen, doch damals war es sicher nicht leicht. Das Grundstück in Großbothen wurde zum Beispiel erst spät an die öffentliche Stromversorgung angeschlossen. Das nebenbei. Aber Ostwald ist es, der uns heute bei der Entscheidung helfen kann, aus vermeintlich sicheren Verhältnissen auszusteigen, um eine eigene, sinnvolle Existenz aufzubauen. Allein deshalb ist Großbothen eine Reise wert. Die Verbindung der historischen Wirkungsstätte Wilhelm Ostwalds mit einer einzigartigen Naturlandschaft macht den Wilhelm Ostwald Park zu einem Ort der Inspiration. Unser Dank gilt Veranstaltern und Gästen für dieses schöne Nachmittagsereignis.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Wilhelm Ostwald Park: https://www.wilhelm-ostwald-park.de

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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