Die Althistorikerin Prof. Dr. Elisabeth Charlotte Welskopf (1901–1977), die sich als Autorin des Romans »Die Söhne der großen Bärin« Liselotte Welskopf-Henrich nannte, reiste im Jahre 1963 nach Kanada, um sich in Wood Mountains mit Vertretern der Teton-Oglala zu treffen, die vor 150 Jahren mit dem großen Geheimnismann Tatanka Yotanka (1834–1890) aus den USA geflüchtet waren. In Wood Mountains begegnete Welskopf-Henrich dem Häuptling John Okute Sica (1890–1964). Er erzählte ihr, dass er in seiner Jugend noch mit Stammesvertretern sprach, die mit dem Geheimnismann [Heiligem Mann] Tatanka Yotanka und den Häuptlingen Crazy Horse und Red Cloud am Little Bighorn dem versuchten Massaker durch das 7. Kavallerie-Regiment der US-Armee widerstehen konnten. Nach dem Tod des Häuptlings übergab seine Witwe gemäß des letzten Wunsches ihres Mannes, Liselotte Welskopf-Henrich ein Manuskript zur Buchveröffentlichung. Das Manuskript versammelte historische Erinnerungen, Sagen und Märchen. Das Vorwort Welskopf-Henrichs stammt von 1965. Erst 2015 wurde der Text unter dem Titel »Das Wunder von Little Bighorn« veröffentlicht. Da sich das Ereignis in diesem Jahr zum 150. Male jährt, wollen wir weitere Informationsquellen erschließen, um uns ein Bild von dem vereitelten Massaker zu machen.

Prärie-Landschaft am Little Bighorn
Der Wiener Artist, Indianerforscher, Schriftsteller und Museumsleiter Patty Frank, mit bürgerlichem Namen Ernst Tobis (1876–1959), war ein großer Freund der Dakota. Zudem war er Mitbegründer und Leiter des Karl-May-Museum in Radebeul. Im Jahre 1957 veröffentlichte er das Buch »Die Indianerschlacht am Little Bighorn«. Der Autor stützt seine Darstellung auf wissenschaftliche Recherche. Als Quelle für »Indianeraussagen über die Custer-Schlacht« diente ihm Joseph Kossuth Dixon: The Concept of Rodman Wanamaker, National American Indian Memorial Association Press, Philadelphia 1925. Weitere Quellen sind: H. H. Bancroft: History of the Pacific States. Bd. 33 und Bd. 22; E. A. Brininstool: A Trooper with Custer, 1926; E. F. Van de Water: The Glory Hunter, 1934; Barron Brown: Comanche, 1935; R. J. Dodge: Our wild Indianer; H. H. Jackson: A Century of Dishonour, 1881; W. A. Graham: The Story of the Little Bighorn. Für wertvolle Hinweise dankt der Autor Frau Prof. Dr. Eva Lips (Leipzig), Herrn Joseph Balmer (Zürich), Herrn Prof. Hayes (New York), Herrn Brinnstool (Los Angeles), Captain Luse (Montana), und Colonel Graham (California).
Das Buch umfasst 190 Seiten und ist in vier Kapitel gegliedert: 1. Die Indianerschlacht am Little Bighorn; 2. Das Ende der indianischen Freiheit; 3. Als die Indianer ihr Schweigen brachen; 4. Sitting Bull und 5. Anhang.

Zu Beginn des 1. Kapitels umreißt Frank die Ausgangslage. Die Regierung der USA hatte auch den Stämmen der Dakota in einem Vertrag mit unbegrenzter Laufzeit ihre traditionellen Stammesterritorien zugesichert. Er zitiert Barron Brown: »Der feierliche Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und den Indianern aus dem Jahre 1876 behielt den letzteren ausschließlich und für immer ein Gebiet vor, das jetzt die Dakotatsaaten [Nord- und Süddakota] und Wyoming umschließt. Ein Passus dieses Vertrages lautet: ‹Die Regierung der Vereinigten Staaten wünscht Frieden und hiermit ist ihre Ehre zum Pfand gesetzt, ihn zu halten›« (S. 20).
Bereits 1875 befahl die Regierung der USA allen Dakota, sich bis zum 31. Januar 1876 in den Reservations-Lagern einzufinden. Ebenso hatte die Regierung der USA in einem Verstoß gegen den geschlossenen Vertrag 1874 Expeditionen zur Gold- und Silbersuche in den Black Hills, den Heiligen Bergen der Dakota, unter Führung des Titular Generals Oberstleutnants George Armstrong Custer (1839–1876) befohlen, der im amerikanischen Bürgerkrieg schnell militärischen Ruhm erworben hatte, seither aber glücklos agierte. Die konkrete Situation des Jahres 1876 schätzte Frank wie folgt ein: »Die USA-Regierung nahm im Jahre 1876 entschieden Kurs auf eine gewaltsame Unterwerfung der Indianer, die aber aus allen Kräften einen Krieg zu vermeiden suchten« (S. 22).
Die Dakota mussten die Vertragsverstöße der US-Regierung, die illegale Besetzungen ihres Landes durch Goldsucher und die Vernichtung ihrer Lebensgrundlage – der Büffelherden – zur Kenntnis nehmen. Custer hatte im Dezember 1869 ein friedliches Cheyenne-Lager überfallen und 800 Pferde erschießen lassen. Oberst Reynolds überfiel am 17. März 1876, in einem harten Winter und im Schneesturm, eine Gruppe von friedlichen Dakota, Oglala und Cheyenne, die sich auf dem Weg in das Reservationaslager verspätet hatten. Die Gruppen wurden im Schlaf überrascht und flohen nur unzureichend bekleidet in den Wald. Die US-Armee verbrannte das ganze Lager, alle Ausrüstung, Bekleidung und alle Vorräte. Die 700 Pferde, die Reynolds erbeutet hatte, jagten ihm die nur mit Lendentuch und Beinlingen bekleideten Cheyenne wieder ab (S. 23). Solche und andere Vorkommnisse riefen Widerstand und einen Zustrom zur Sammlungsbewegung Tatanka Yotankas hervor. Die US-Regierung befahl deshalb einen »Straffeldzug« der Armee. Die Generäle Sheridan, Crook, Gibbon und Terry führten diesen Befehl aus.

Der Oberkommandierende der »Nordabteilung«, General Terry, traf am 10. Mai 1876 im Fort »Abraham Lincoln« auf dem rechten Missouri-Ufer, der Garnison des 7. Kavallerieregiments ein (S. 26 ff.). Ihm wurde Oberstleutnant Custer unterstellt. Dieser wurde mit dem Posten eines Kommandeurs des 7. Kavallerie-Regimentes mit etwa 600 Mann betraut. Dazu kamen fünf Kompanien Infanterie und eine Batterie leichte Artillerie. Insgesamt etwas über 1000 Mann. Am 17. Mai 1876 setzte General Terry seine Truppe in Bewegung. Zunächst ging es längs des Heart River aufwärts. Am 29. Mai wurde der Little Missouri erreicht. Am 30. Mai 1876 unternahm Custer mit einigen Arikara-Scouts einen Aufklärungsritt, ohne Spuren der Dakota zu finden. Am 31. Mai überschritt die Truppe den Little Missouri. Am 7. Juni wurde der Powder River erreicht. Am 11. Juni brach General Terry mit der Hauptmacht seiner Truppe zur Mündung des Yellowstone-River auf. Am 16. Juni erreichte Custer mit dem 7. Kavallerie-Regiment den Tongue River. Major Reno hatte am Rosebud River Spuren der Dakota entdeckt, die ins Tal des Littel Bighorn führten. Am 20. Juni trafen die verschiedenen Abteilungen des Regiments zwischen Tongue-River und Rosebud-Mündung zusammen und campierten unterhalb der Rosebud-Mündung in den Yellowstone-River. Custer erhielt von General Terry den Befehl die von Major Reno gefundene Spur zu verfolgen, und ins Tal des Little Bighorn zu marschieren. Am 22. Juni zog das 7. Kavallerie-Regiment vom Lager General Terrys auf dem rechten Ufer des Rosebud-Flusses stromaufwärts. Die Aufklärung wurde von 40 Arikara- und Crow-Scouts geleistet, die der US-Armee dienten. Bald waren Spuren der Dakota gefunden.

Am Abend es 24. Juni kamen die Crow-Scouts zu Custer zurück und berichteten, dass die Dakota das Gebirge hin zum Tal des Little Bighorn überschritten hätten (S. 38 ff.). Frank verweist hier auf Custers Motivation: »Nach dieser Mittteilung befahl er [Custer] denn Marsch während der Nacht fortzusetzen. Er wollte das Tal des Little Bighorn unbedingt vor Tageslicht erreichen. Das war für seinen Plan wichtig. Seine alte, vielversprechende Methode war der sogenannte Überraschungsangriff … Sobald das indianische Lager festgestellt war, wollte er es dann bei Tagesanbruch überfallen, wie er es schon in seinem letzten ‹erfolgreichen› indianischen Feldzügen, beispielsweise bei Washita im Dezember 1869, getan hatte« (S. 38). Am 25. Juni hatten die Crow-Späher gegen 2 Uhr morgens von einem Ausblickspunkt das Dakota-Lager gesichtet. In einer Entfernung von 15 Meilen [etwa 24 Kilometer] hatte »Mitch« Bouyer im Tal des Little Bighorn den Rauch zahlreicher Tipis und große Pony-Herden entdeckt. Custer ließ seine Einheit halten und begab sich zum Ausblickspunkt. Aber trotz seines Feldstechers sah er nichts (S. 40). Andere Scouts berichteten von Dakota-Spuren in unmittelbarer Nähe des Lagers des 7. Kavallerieregiments. Custer verzichtet deshalb auf jede weitere Tarnung und befahlt den schnellen Trab in Richtung Little Bighorn-Tal. Gegen Mittag ließ er halten, um der Truppe, die fast zwei Tage und eine Nacht ununterbrochen marschierte, eine kurze Pause zu gönnen. Custer teilte das Regiment in drei Bataillone auf. Das erste stand unter Kommando von Major Reno, das zweite unter Rittmeister Beente und das dritte übernahm Custer selbst. Reno sollte auf dem linken Flussufer, Custer auf dem rechten Ufer des Flusses marschieren. Rittmeister Beentes Bataillon mit dem Gepäck etwas abseits. Plötzlich meldeten die Späher etwa 40 Dakota in unmittelbarer Nähe. Reno verfolgte sie und wurde sogleich in den Kampf gegen eine überraschend auftauchende Übermacht verwickelt. Custer kam ihm nicht zu Hilfe sondern sprengte an der Spitze seiner Einheit in der Richtung des Dakota-Lagers.

Das Bataillon von Major Reno, dass die 40 Dakota verfolgte, verlor im Kampf gegen eine plötzlich aus einer Staubwolke hervorbrechenden Übermacht die Hälfte seiner Mannschaft (S. 43 ff.). Doch aus einem für Reno zunächst unbekannten Grund zogen sich die Dakota plötzlich zurück. Da stieß das Bataillon von Rittmeister Beente zu ihm. Man bereitete sich gemeinsam auf die weitere Verteidigung vor. Am Abend begannen weitere Angriffe der Dakota, die zu weiteren Verlusten der US-Armee führten. Die beiden Bataillone entgingen jedoch der vollständigen Vernichtung. Die Dakota stellten, nachdem ihre Späher das Nahen von Soldaten mit »dicken Gewehren« [Kanonen] gemeldet hatten, die Angriffe ein, brachen ihr Lager ab und zogen Richtung Norden. Es waren etwa 15.000 Tipis, 15.000 bis 18.000 Pferde, 5.000 bis 8.000 Krieger und ebensoviele Frauen und Kinder (S. 54). Die verbliebenen Reste des 7. Kavallerie-Regimentes richteten sich auf weitere Verteidigung ein. Am Morgen des 27. Juni erreichte dann die Einsatzgruppe General Terrys mit Infanterie und Artillerie die geschlagene Truppe.

Grabsteine für gefallene Soldaten der US-Armee
Vom Schicksal des Bataillons Custers gibt es keine militärischen Berichte (S. 55 ff.). Dem Anschein nach ließ er Reno im Stich, um auf eigene Faust das Dakota-Lager anzugreifen und den Ruhm des Siegers zu erhaschen. Durch Aussagen der Späher, die von Custer vor dem Angriff entlassen wurden [Um nicht in einen Kampf mit den Dakota verwickelt zu werden], konnte rekonstruiert werden, dass nach Custers Beobachtungen das Dakota-Lager von allen kampffähigen Männern entblößt gewesen schien. Danach gab dieser den Angriffsbefehl. Siegesgewiss ritt Custer an der Spitze seiner Truppe. Dennoch sollte sich der Angriff nicht so einfach gestalten. Nach späteren Aussagen von Dakota-Zeitzeugen war es eine winzige Gruppe von vier Cheyenne, die das Lager solange verteidigten, bis die Krieger eintrafen, die bis dahin den Kampf gegen die Einheit Major Renos geführt hatten. In kurzen Zeit, man spricht von einer halben oder dreiviertel Stunde, vernichteten die Dakota das Bataillon. Alle Soldaten, auch Custer, wurden getötet. Als einziges Wesen dieses Bataillons wurde am 27. Juni das Pferd Rittmeister Keoghs mit dem Namen »Comanche« vorgefunden. [Andere Pferde wurden von den Dakota über den Fluss getrieben und von den Squaws aufgefangen.] Von den ursprünglich 600 Mann des 7. Kavallerieregiments überlebten nur 300.

Grabsteine für gefallene Soldaten der US-Armee
Frank fasst zusammen, dass Custer die Übermacht der Dakota mit eigenen Augen gesehen hatte: »Diese Übermacht zu zerschlagen schien ihm eine nicht sobald wiederkehrende Gelegenheit, Beförderung und Lorbeeren zu ernten … Sein absoluter Mangel an strategischer Weitsicht und an Urteilskraft im ganzen gesehen also seine militärische Unfähigkeit verursachte Custers Untergang« (S. 66). Frank zitiert einen zeitgenössischen Bericht hinsichtlich der tieferen Ursachen: »Custer wurde besiegt, weil man die indianischen Ureinwohner betrog und ihre Rechte verachtete, die ihnen von amerikanischer Seite selbst in durchaus rechtsgültigen Verträgen zugesichert worden waren. Und niemand darf sich darüber wundern; denn skrupellos vertraten die amerikanischen amtlichen und militärischen Stellen den wenig ehrenhaften und kaltschnäuzigen Standpunkt: Ein guter Indianer ist ein toter Indianer. Auf solch brutaler Grundlage entwickelte sich stärkster Haß gegen das indianische Volk, das tatsächlich weit davon entfernt war, aus ‹blutdürstigen Teufeln› zu bestehen, wie es manche hinzustellen belieben.« Frank fährt fort: »Alle, die über die Verhältnisse genau Bescheid wissen, betonen eindringlich, daß sie die Indianer immer als anständige, achtenswerte Menschen kennengelernt haben, die ihre eigenen Ideale und Bräuche besitzen« (S. 66).

Grabsteine für gefallene Soldaten der US-Armee
»Diese einfache Wahrheit«, so Frank weiter, »war aber für jene unbrauchbar, die gegen die Indianer zu Felde zogen. Sie verbreiteten in Presse und Literatur die Legende von den ‹barbarischen Wilden›. Die amerikanische Geschichtsschreiber taten alles, um eine Niederlage in der Custer-Schlacht zu vertuschen oder zumindest zu verschleiern. Die Washingtoner Regierung half ihnen dabei, die Kämpfe am Little Bighorn Fluss und General Custer mit allen Mitteln fast ins Überdimensionale zu glorifizieren … Auf dem Schlachtfeld in Südost-Montana auf dem Kamm der Hügel wurde ein riesiges Denkmal aus weißem Marmor als Nationaldenkmal aufgebaut, das ganze, meilenweit sich ausbreitende Gebiet der Kampfhandlungen wurde unter erheblichem finanziellen Aufwand in eine parkähnliche Anlage verwandelt, die bis in die Schluchten hineinreicht. Weiße Marmorblöcke mit den Namen der in der Schlacht gefallenen Soldaten und Offiziere kennzeichnen die einzelnen Stellen, wo die Toten lagen, deren Gebeine mit denen der in früheren Kämpfen Gefallenen in einem künstlerisch ausgestalteten, prunkvollen Nationalfriedhof beigesetzt wurden. Dazu kam noch der Bau eines umfangreichen Custer-Schlachfeld-Nationalmuseums … Dieses wurde am 25. Juni 1952 feierlich eröffnet (S. 67). In diesem Zusammenhang entstand die rassistische Konnotation des Wortes »Indianer« in den USA, während der Ausdruck in Deutschland bis heute ausschließlich positiv besetzt ist.

Der polnische Bildhauer Korczak Ziolkowski hat mit der Arbeit an einer Reiterskulptur von Crazy Horse begonnen
Aber wie verhielten sich die Sieger von Little Bighorn? Die Häuptlinge Crazy Horse und Tatanka Yotanka (Sitting Bull) wählten am 26. Juni 1876 unterschiedliche Fluchtrouten. Crazy Horse wurde zusammen mit 2500 Stammesangehörigen am 7. Januar 1877 von der US-Armee mit dem Einsatz von Geschützen besiegt und begab sich in ein Reservations-Lager. Bei Verhandlungen wurde Crazy Horse von einem Lager-Kapo ermordet.
Tatanka Yotanka, war eigentlich ein »Geheimnismann« der Hunkpapa-Dakota (S. 129 ff.). Mitunter wird er auch als »Heiliger Mann« bezeichnet. Die Dakota bezeichnen Gott nicht als Person, sondern als die Kraft der Kräfte, als das »große Geheimnis«. In der Verteidigung gegen den Angriff des 7. Kavallerie-Regiments avancierte Tatanka Yotanka in die Rolle eines Kriegshäuptlings, der seine Krieger anfeuerte und strategische Entscheidungen fällte, die zum militärischen Sieg führten. Er war es dem Anschein nach auch, der in der Ratsversammlung die Entscheidung zum Abbruch des Lagers anregte. Er führte seinen Stamm in Richtung Kanada. In einem strategischen Meisterstück wich er immer wieder den überlegenen Kräfte der US-Armee aus, die die Dakota nach der Niederlage Custers verfolgten, und fügte ihnen teilweise schwere Verluste zu. Die Dakota-Krieger und sechtausend Frauen und Kinder erreichten im September 1877 kanadischen Boden und schlugen ihr Lager in den Wood Mountains auf. Der Übergang zur Sesshaftigkeit gelang ihnen jedoch nicht so schnell, wie notwendig. Die Dakota blieben immer noch auf Büffelherden angewiesen. Doch diese Herden wurden auf Weisung der US-Regierung abgeschlachtet. Der ursprüngliche Bestand von 50 Millionen Büffel wurde auf weniger als 1000 reduziert, so dass kaum noch Büffel bis nach Kanada kamen. Als immer mehr seiner Krieger aufgaben und in die US-Reservationslager zurückkehrten, entschloss sich Tatanka Yotanka 1881 auch zur Aufgabe.

Tatanka Yotanka fand sich mit seinen Anhängern am 20. Juli 1881 im US-Armeestützpunkt Bifort ein und übergab dem Kommandanten sein Gewehr. Am 29. Juli wurde die Stammesgruppe in den Armeestützpunkt Yates und am 10. September zum Armeestützpunkt Randall gebracht. In dessen Nähe teilte man Tatanka Yotanka und seiner Familie eine Blockhütte zu. Ende November/Anfang Dezember 1890 lehnte Tatanka Yotanka in einer Rede vor einer US-Regierungskommission weitere Gebietsabtretungen der Dakota ab. Frank zitiert aus seiner Rede: »Ich bin ein Indianer, und was ich bin, will ich bis zu meinem Tode bleiben. Warum sollte ich ein ‹weißer Mann› sein? Ihr Weißen habt euer großes Buch, das euch führt. Ihr sagt, es sei Gottes Werk. Ihr verlangt, daß ich euch folge auf eurem Weg. Es war uns nicht möglich, dem weißen Mann zu glauben in vielen Dingen, die er uns gesagt hat, als er uns unseren Besitz wegnahm. Wie können wir an euren Gott glauben? Wenn euer Gott gewünscht hätte, daß wir euch ähnlich wären, warum wurden wir nicht so geschaffen? Ihr kamt mit eurem Buch von Gott und mit eurem Whisky. Seit wir den weißen Mann kennen, haben wir alles verloren, was wir hatten. Jetzt bin ich alt, lebe wie ein Coyote in einem Erdhaufen, mein Bett ist die Erde; wenn ich hungere, muss ich herumwühlen wie ein wildes Tier oder verhungern. Arm bin ich, alt und leidend … Laßt mich allein, das ist alles, was ich verlange. Geht, vertraut eurem eigenen Gott. Ich fühle, da ist etwas, was ihr versucht, mir zu nehmen. Mein Leben ist das einzige, was mir blieb, und dieser Fleck Erde. Hier wurde ich geboren, und hier werde ich sterben … es gab einen Tag, wo wir zehntausend berittene Krieger ins Feld schicken konnten. Damals fürchtetet ihr uns. Jetzt, in meiner Hilflosigkeit, verachtet ihr mich. Und wenn ich auf den Punkt bin zu sterben, sagt ihr mir, ich müsse ein weißer Mann sein …. Nein, sagt der Regierung in Washington, Sitting Bull sagt nein. Ergreift mich, setzt mich gefangen, tötet mich! Hier bin ich, von hier gehe ich nicht weg. Warum laßt ihr mich nicht allein? Ich verlange nichts vom weißen Mann. Ich bin niemals in euer Land gegangen, um euch zu belästigen. Warum verfolgt ihr mich bis ans Ende der Welt … Ich wünsche niemandem Böses. Ich werde sein, was ich bin, wenn ihr mir auch das Leben nehmt … Welchen Vertrag, den die Weißen je mit uns machten, haben wir gebrochen, habt ihr gehalten? Nicht einen! Wo ist unser Land? Wer hat es gestohlen? … Ist es ein Unrecht von mir, meine eigenen Leute zu lieben? Ist es Schlechtigkeit von mir. weil meine Haut eine andere Farbe hat als die eure? Ist es unrecht von mir, daß ich geboren wurde, wo meine Väter lebten, oder weil ich sterben wollte für mein Volk und mein Land?« (S. 142 f.),

Tatanka Yotankas Hütte wurde in den frühen Morgenstunden des 15. Dezember 1890 von 43 Lagerpolizisten und 100 Soldaten des 8. Kavallerie-Regiments umstellt. Die Lagerpolizei durchsuchte das Haus und verhaftete Tatanka Yotanka. Die Kunde davon verbreitete sich schnell. Die Getreuen des Häuptlings versammelten sich vor dem Haus. Als die Lager-Polizei Tatanka Yotanka aus dem Haus führen wollte, kam es zu einem Handgemenge und Schusswechsel. Ein Lager-Kapo erschoss in der Auseinandersetzung den unbewaffneten Tatanka-Yotanka von hinten. Seine Leiche wurde anonym in der Nähe des Militärstützpunkts Yates beigesetzt (S. 143 ff.). Im Jahre 1973 erreichten die Nachfahren des Häuptlings die Umbettung des Leichnams nach Süd-Dakota, in die Nähe seines Geburtsortes. Der polnische Bildhauer Korczak Ziolkowski wurde mit der Anfertigung einer Büste Tatanka Yotankas in doppelter Lebensgröße beauftragt. Der gleiche Skulpturist begann auch ein Denkmal Crazy Horses in einen Felsen in der Nähe des Little Bighorn Nationalmuseums zu hauen (S. 160 f.).

Kevin Costner, der Hauptdarsteller des Filmes »Der mit dem Wolf tanzt«, realisierte eine umfassende Filmdokumentation zum Schicksal der »500 Nationen« in Süd- und Nordamerika. Costner erklärt eindrucksvoll die Besonderheit und das Existenzrecht indianischer Kultur. Johann Gottfried Herder hatte vor 250 Jahren betont, dass die Kultur jedes noch so kleinen Volkes existieren können muss: Wir sind alle Menschen leben aber jeweils unter besonderen Bedingungen. Diese Besonderheiten machen den Reichtum der Menschheitskultur aus. Franz Boas hatte 1911, an Herder anknüpfend, hervorgehoben, dass jede Kultur einen Eigenwert besitzt, und dass es die eine Entwicklungslinie, die die Europäer behaupten, und an deren Spitze sie sich wähnen, nicht gibt: Von verschiedenen Ausgangspunkten, auf verschiedenen Wegen sind ähnliche Leistungen der menschlichen Kultur möglich.

Leslie Marmon Silko schreibt in seinem Vorwort zu »Hüter der Weisheit. Bilder und Berichte von Indianern heute«: »Europäer waren erschüttert darüber, mit welcher Geschwindigkeit und Leichtigkeit die Indianer Fremdes und Neues verschmolzen und sich aneigneten. Die Indianer Mexikos hatten Jesus, Maria, Joseph und die Heiligen so gut wie ohne Verzögerung zu den ihren gemacht; sie hatten die christlichen Gottheiten fröhlich auf ihre Altäre gesetzt, wo sie sich zu den Heerscharen älterer amerikanischer Geister und Götter gesellten. Die Europäer verstanden den inklusiven Charakter indianischen Weltsicht völlig falsch, und die vermeintliche Schwäche und Treulosigkeit der Indianer ihren eigenen Göttern gegenüber entrüstetet sie. Für Europäer war es gänzlich unvorstellbar, daß sich Quetzalcoatl und Jesus jemals den gleichen Altar teilen könnte … Verzweifel versuchen die Euro-Amerikaner zu leugnen, was bereits seinen Anfang genommen hat: eine unerbittliche Kraft, die auf dem ganzen amerikanischen Doppelkontinent freigesetzt worden ist. Hopi, Azteken, Maya, Inka – es sind die Völker, die nicht sterben wollten. Völker, die sich nicht ändern, weil sie sich ständig verändern« (S. 6 f.).

Rebecca Netzel, eine promovierte Sprach- und Übersetzungswissenschaftlerin, die an der Universität Heidelberg unterrichtet, veröffentlichte 2009 im Wissenschaftlichen Verlag Trier eine mehr als 1000 Seiten umfassende Sammlung von Mythen, Märchen und Legenden der Dakota. Ihre »Übersetzungstechnischen Anmerkungen« sind frei zugänglich. Ausdrücklich hob die Autorin hervor, dass es keine Auswahl, sondern der Versuch einer umfassenden, repräsentativen Darstellung der Mythen sein soll (Anmerkungen, S. 13). Die Übersetzung umfasste nicht nur den Text im engen, sondern auch den kulturellen Kontext im weiten Sinn: »Am ehesten kommt man den spirituellen Vorstellungen der Dakota nahe, wenn man mit tibetobuddistischem und hinduistischem Denken ebenfalls einigermaßen vertraut ist: Denn im Weltbild der Dakota gibt es mit Wakán Tánka ein mysteriöses, unfassbares Höchstes Wesen, das als Inyan die Schöpfung aus sich hervorbrachte und in den 16 Höchsten Manifestationen als Vielheit auftritt: Wakán Tánka … zeigt sich also in der Form der kosmischen Urenergie und der materiellen Manifestation der Himmelskörper, Erde, Naturphänomene. Die Umschreibungen dieser einzelnen Manifestationen als ‹Himmelswesen Shkan›, »Mutter Erde« usw. werden daher stets als allegorische Vorstellungshilfen für den beschränkten menschlichen Geist verstanden, nie als konkrete ‹Gottheiten› … (Anmerkungen, S. 8 f.). Netzel verweist auch darauf, dass in den USA der Ausdruck »Indianer« rassistisch konnotiert ist.

Rebecca Netzel hob Ähnlichkeiten der Dakota- Spiritualität mit der anderer Völker hervor. Da die Wanderung über Jahrtausende der Normalzustand der Menschheit war, dürfte es Überlieferungszusammenhänge geben. Es wäre interessant, wenn die Autorin eine Verbindung zur »Religionsgeschichtlichen Schule« herstellen könnte. Im Lexikon »Religion in Geschichte und Gegenwart« (RGG) sind grundsätzliche Erkenntnisse zu finden. Unter dem Stichwort »Religion IV B Einheit und Mannigfaltigkeit der Religion« wird vom inneren Zusammenhang aller besonderen Religionen ausgegangen: »… der Sioux weiß sein Leben von Anfang und stetig in Wakonda gebunden, dem so unpersönlich wie persönlich gedachten Energiezentrum; der Buddhist erstrebt in der stufenweisen Entschlackung seines Bewusstsein seine fortgehend engere Teilhaberschaft an dem aller Sinnenfälligkeit enthobenen und daher bewußtlosen Sein … In den antiken Mysterien-Religionen ist bei aller magischen Verbrämung der Riten und Vorstellungen doch das unmittelbare Leben aus dem Urquell die unverkennbare Tendenz. Im Unterschied von allem äußerlich Peripherischen, das sich in Riten und Anschauungen vorlagert und in der volkstümlichen Kultreligion gewöhnlich den breiteren Raum einnimmt, ist das treibende Religiöse immer die Metabiontik, die seelische Gerichtetheit auf ein den fatalen Schranken und Gesetzen entnommenes Leben« (RGG, Band IV, S. 1887).
Ebenso wäre es interessant, wenn die Autorin mit ihrer Sammlung von Sagen und Märchen der Dakota, Kontakt zur vergleichenden Erzählforschung aufnehmen könnte. Kurt Ranke (Göttingen) fasste mit weiteren renommierten Gelehrten 150 Jahre Erzählforschung zusammen. Das Ergebnis erschien als »Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung« in 14 Bänden und einem Registerband. Im Vorwort wird darauf verwiesen, dass 1960 die »International Society for Folk-Narrativ Research« gegründet wurde. Unter dem Stichwort »Indianer« finden wir einen Bericht zum Stand der Erforschung der Erzähltradition der eingeborenen Völker Amerikas (Band 7, S. 118 ff.).

Tatanka Yotanka
Liselotte Welskopf-Henrich hatte ihrem Roman-Helden Tokei-ihto wesentliche Züge Tatanka Yotankas verliehen. Auch Tokei-ihto führte seinen Stamm, trotz mächtiger Verfolger und schwieriger Witterungsverhältnisse, mitten im Winter nach Kanada. Dort ließ die Autorin Tokei-ihto eine Rede an seinen Stamm halten, um die Notwendigkeit des Übergang zur Sesshaftigkeit zu begründen. Er beschwört dabei auch eindringlich die indianische Religiösität, wie es der Heilige Mann Tatanka Yotanka getan haben könnte: »Auch die Tiere sind unsere Brüder, und wir wollen nicht vergessen, mit dem Blütenstaube der Morgendämmerung, mit dem Regenwinde und mit den Teichen in grünen Wiesen zu sprechen. Für die starken Wölfe unter den weißen Männern ist alles Land nur Gold und Macht. Wir aber lieben es wie eine Schwester« (Die Söhne der großen Bärin. Berlin 1951, S. 496). Welskopf personifizierte mit Tokei-ihto (Tatanka Yotanka) die Kraft der Religiösität zum Überleben. So leben die Dakota weiter.
Johannes Eichenthal
© Fotos: Lucky Bear (Lakota)
Information
Liselotte Welskopf-Henrich: Die Söhne der großen Bärin. Altberliner Verlag Lucie Grosser. Berlin 1951
John Okute Sica: Das Wunder von Little Bighorn. Erzählungen aus der alten Welt der Dakota. Palisander-Verlag, Chemnitz 2015. ISBN 9783938305102
Patty Frank: Die Indianerschlacht am Little Bighorn. Militärverlag der DDR, Berlin 1957
Kevin Costner: 500 Nations. Die Geschichte der Indianer. 2 DVD. TIG Productions und PATHWAY Productions 1994. ISBN 7321921962974
John Gattuso (Hrsg.): Hüter der Weisheit. Bilder und Berichte von Indianern heute. Verlag Frederking & Thaler, München 1993. ISBN 3894053240
Harvey Arden/Steve Wall (Hrsg.): Hüter der Erde. Begegnungen mit Indianern Nordamerikas. Verlag Frederking & Thaler, München 1993. ISBN 3894053070
Rebecca Netzel: Mythen, Märchen und Legenden der Dakota. CD. Wissenschaftlicher Verlag Trier. Trier 2009, ISBN 9783868211719
Hermann Gunkel/Leopold Tscharnack (Hrsg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 2. Auflage, fünf Bände und ein Registerband. Tübingen 1927 ff.)
Kurt Ranke (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Walter de Gruyter-Verlag. Berlin, New York 1999 ff.
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mittedeutschland. Von den Minnesängern bis Herder. Sprache und Eigensinn. Teil 1«. Niederfrohna 2019. Mit einem Kapitel über Johann Gottfried Herder.
Johannes Eichenthal: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Von Goethe bis Rathenau. Sprache und Eigensinn. Teil 2. Niederfrohna 2021. Mit einem Kapitel über Franz Boas.
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Von Thomas Mann bis Gundermann. Sprache und Eigensinn. Teil 3«. Niederfrohna 2025. Mit einem Kapitel über Liselotte Welskopf-Henrich.
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Ich komme zu dem Schluß, mit US-Amerikanern braucht man keine Verträge zu schließen. Sie kündigen sie beizeiten oder halten sie nicht ein.