Carlfriedrich Claus
Reportagen

CARLFRIEDRICH CLAUS

Der 26. November war ein nasskalter Spätherbsttag. Die Vorboten des Winter rieselten leise herab und überzogen Wiesen und Bäume mit einer dünnen weißen Schicht. Am Abend hatten die Kunstsammlungen Chemnitz zur Eröffnung einer Ausstellung des Werkes von Carlfriedrich Claus (1930–1998) eingeladen, dessen Nachlass hier seit 1999 im Carlfriedrich Claus Archiv betreut wird. Claus war in Annaberg-Buchholz geboren worden und verbrachte den überwiegenden Teil seines Lebens in dieser traditionsreichen Erzgebirgsstadt.

Carlfriedrich Claus

Florence Thurmes, die Generaldirektorin der Städtischen Kunstsammlung, begrüßte die Gäste. Sie hob u.a. hervor, dass sich Claus als bildender Künstler und Literat verstand. 

Carlfriedrich Claus

Im Anschluss erläuterte Marie Winter, die Leiterin des Carlfriedrich Claus Archives, ihr Ausstellungskonzept. Sie verwies u.a. darauf, dass Claus seine Schrift-Grafiken als Denkexperimente verstand.

Carlfriedrich Claus

Nach den Eröffnungsreden durften die Gäste die Ausstellung besichtigen. In einigen Räumen wurden chronologisch Informationen zu Leben und Werken auf Schrifttafeln und Fotos neben einmaligen Sprachblättern, Grafiken und Schriftexperimenten gezeigt. Sehr interessant waren einige wenige Bücher aus der etwa 10.000 Bände umfassenden Bibliothek des Meisters, u.a. solche sogenannter „Mystiker“ Paracelsus, Jacob Böhme, wie den Mystik-Historiker Gershom Scholem. Den Abschluss bildete ein „Klangraum“, eine Installation, die 1995 schon einmal in der Kunstsammlung Chemnitz zu sehen und zu hören war. Durch ihre Bewegung lösen Besucher einzelne emotional gefärbte Töne aus, die Claus zu Versuchszwecken selbst auf Tonband aufgenommen hatte. Die Besucher hörten sich das Tongemisch mehr oder weniger belustigt und eher verstört an. Am Ende stand die Frage nach dem Zusammenhang dieser Klangexperimente mit dem grafischen und literarischen Werk des Carlfriedrich Claus.

Carlfriedrich Claus

Frage nach Bewusstsein anorganischer Materie / Ausschnitt (1972)

Auf der Heimfahrt ließen wir uns alles noch einmal durch den Kopf gehen. Welche Rolle spielten Claus’ sprach- und philosophigeschichtlichen Studien für sein Werk? Der „Klangraum“ ist vielleicht nur verstehbar, wenn wir den Hintergrund kennen. Ohne Zweifel hatte sich der Autodidakt und Außenseiter Claus hermeneutische Fähigkeiten angeeignet, um den Sinn historischer Texte erfassen zu können. Obwohl er auf dem Boden der Hegel-Blochschen Bewusstseinsphilosophie stand, ahnte Claus, dass wir uns als Menschen nicht wirklich in Denk-Bewusstsein konstituieren. Deshalb spielte das „Unbewusste“ für ihn auch eine große Rolle. Dem Anschein nach kannte er nicht Johann Gottfried Herders Essay zum Sprachursprung und dessen Erkenntnis, dass sich die Menschen in bezeichnender Sprache konstituieren. Eine Emotionale Sprache gestand Herder 1770 auch den Tieren zu, ebenso die Fähigkeit zu denken. Warum widmete Claus seine Sprach-Experimente dem Transport von Emotionen in der menschlichen Sprache, obwohl es nicht deren Spezifik ist? Vielleicht, weil er dem Missbrauch von Sprache in seiner Jugend erlebt hatte? 

Carlfriedrich Claus

Konjunktion. Antizipatorisches in schamanischer Naturbeziehung / Ausschnitt (1982/83)

Carlfriedrich Claus

Zugang zum „Klangraum“

Kein geringerer als Thomas Mann konstatierte nach den Reichstagswahlen von September 1930 in seiner „Deutschen Ansprache. Appell an die Vernunft“ , dass die Wirkungen der Unterhaltungsindustrie den Wahlausgang bestimmt hatten. Victor Klemperer, dem nach 1933 vom SS-Staat der Zugang zur akademischen Literaturgeschichtsforschung entzogen wurde, analysierte um des geistigen Überlebens willen Filme, Wochenschau-Berichte, Radio-Nachrichten und Radio-Ansprachen. In seinem Tagebuch notierte er am 20. Juli 1933: „… eine Tonfilm-Aufnahme Hitlers, wenige Sätze vor großer Versammlung – geballte Faust, verzerrtes Gesicht, wildes Schreien“. Und am 19. Februar 1938: „… gestern, als er die Auto-Ausstellungin Berlin eröffnete und von dem Wirtschafts-Aufschwung und den ‚Fehlern und Verbrechen der früheren Regierung‘ sprach, ging mir das Grundprinzip der gesamten Sprache des dritten Reiches auf: Das böse Gewissen; sein Dreiklang: sich verteidigen, sich rühmen, anklagen – niemals ein Moment des ruhigen Aussagens.“

Carlfriedrich Claus

Zu Hause vertieften wir unser Nachdenken bei einer Flasche sehr guten „Zweigelts“ aus dem österreichischen Burgenland. Dem Anschein nach war Claus nicht nur Künstler und Literat, sondern auch empirischer Sprachforscher und vieles andere. Den Zusammenhang aller seiner Lebenstätigkeiten finden wir in dessen Philosophie. Sein existenzielles Thema ist die Selbstbefreiung. Deshalb kommen den Clausschen Bemühungen zur „Selbstaktivierung des Individuums“ eine zentrale Rolle zu. Trotz aller „ideologischer Trümmer“, so Claus, sei genügend Material zur Selbstaktivierung des Individuums vorhanden. Seine Sprachexperimente zeigen, dass Sprache mit Emotionen aufgeladen werden kann. Die Unterhaltungsindustrie nutzt diese Möglichkeit der Massenbeeinflussung seit mehr als 100 Jahren. Das alles fasste Claus unter „ideologische Trümmer“. Die Selbstaktivierung gelingt also nur, wenn sich das Individuum von der Dominanz der Sprache der Unterhaltungsindustrie frei machen kann. Dabei ist zu beachten, dass selbst entschiedene Ablehnung nicht ausreicht, weil sich durch Negation die Botschaften um so tiefer in unserem Unterbewusstsein festsetzen. Nein, Selbstaktivierung heißt, eine eigene Sprache zu finden. Ähnliche Gedanken hatten die großen Lyriker Bert Papenfuß und Gerhard Gundermann. Der Autodidakt und Außenseiter Carlfriedrich Claus war, wie sein Bruder im Geiste Heiner Müller, einer der wichtigsten Philosophen seiner Zeit. Sein Werk, das noch viel „Unabgegoltenes“ enthält, ist und bleibt für alle interessant, denen es um „Selbstbefreiung“ geht.

Den Organisatoren der Chemnitzer Ausstellung ist zu danken.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Information

https://www.kunstsammlungen-chemnitz.de/haeuser/carlfriedrich-claus-archiv

Im Mironde-Verlag erschien 2025 der dritte und letzte Band „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“ mit einem Kapitel über Carlfriedrich Claus in Annaberg-Buchholz.

Das Buch ist in jeder guten Buchhandlung erhältlich oder direkt beim Verlag.

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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