Der 20. Juni war ein heißer Sommertag. Am Abend fanden sich Kultur- und Kunstliebhaber im Schloss Schlettau ein. Die Sammlung Erzgebirgische Landschaftskunst hatte zu einer Sonderausstellungseröffnung eingeladen. Der Titel lautete »Blick nach Böhmen. Künstlerische Sichten auf das böhmische Erzgebirge«. Gezeigt wurden Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken von Walter Arnold, Marianne Brandt, Roland Buschmann, Rudolf Manuwald, Walter Matzdorff, Werner Franz, Friedrich Näser, Arthur Fleckeisen, Jörn Michael, Alfred Hofmann-Stollberg, Carl Heinz Westenburger, Carsten Gille, Uwe Schwarz, Axel Wunsch u.a.

Jan Färber, der Leiter des Museums »KohleWelt« in Oelsnitz, begrüßte die Gäste im kühlen Rittersaal. Er machte darauf aufmerksam, dass die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří seit dem Jahre 2019 zum UNESCO Welterbe gehört. Damit wird die jahrhundertalte kulturelle Gemeinschaft von böhmischer und sächsischer Seite des Erzgebirges gewürdigt.

Für einen musikalischen Akzent sorgte Markus Teichler am Flügel. Er hatte Stücke von Robert Schuhmann, Betřich Smetana, Antonin Dvořák u.a. im Repertoire. Die Musik vermittelte eine eigene Vorstellung von der Landschaft.

Die Einführung in die Ausstellung gab wieder Alexander Stoll. Unter dem Goethe-Zitat »Genuss und Unterricht« verwies er auf die zahlreichen Reisen des Weimarer Dichterfürsten in böhmische Bäder und Bergbaustandorte. Insgesamt soll Goethe etwa 1300 Tage seines Lebens in Böhmen verbracht haben. Ähnlich wie Goethe zog es auch sächsische Künstler immer wieder auf die andere Seite des Erzgebirges. Der Bestand der Sammlung zeugt von den umfangreichen Ergebnissen dieser Besuche. So konnte die Ausstellung zum größten Teil aus dem Bestand ausgewählt werden. Einzelne Leihgaben ergänzen den Blick. Insgesamt gelang Alexander Stoll und seinen Helferinnen und Helfern eine grandiose Ausstellung: Eine Einladung zur Entdeckung unseres Nachbarlandes. Im Anschluss besichtigten die Gäste die neue Ausstellung im Obergeschoss.

Alfred Hoffmann-Stollberg (1882–1962): o.T./ 1920er Jahre (Blick zum Keilberg, Unterwiesenthal)

Rudolf Manuwald (1916–2002): Blick zum Keilberg/ 1948

Marianne Brandt (1893–1983): Kupferberg im Erzgebirge/ 1938

Arthur Fleckeisen (1874–1950): Schwarzenberg/ 1943

Robert Kluge (1890–1980: Blick zum Haßberg und Spitzberg/ 1959

Walther Matzdorff (1901–1951): Haus im Gebirge (Plavno)/ undatiert

Carl Heinz Westenburger (1924–2008): Grenzkammlandschaft – Böhmen/ 1991

Das Wasserschloss Schlettau im Sommerlicht
Die Künstlerinnen und Künstler, deren Werke in dieser Ausstellung gezeigt werden, unterzogen sich der Mühe einer soliden handwerklichen Ausbildung. Unsere Fotos können das, aufgrund schwieriger Lichtverhältnisse, leider nicht adäquat abbilden. Das Handwerk ist die unabdingbare Voraussetzung für Kunst. Das Erlernen erforder Zeit und Geduld. Walther Benjamin hatte vor 100 Jahren auf das Problem der mittlerweile erreichten technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken verwiesen. Der vorläufige Endpunkt dieser Entwicklung ist eine »künstliche Intelligenz«, die wie Picasso oder sonstwer malen kann. Mit Intelligenz hat das freilich nichts zu tun, mit Kunst auch nicht. Die Technik bildet aus der Aneignung allen heute vorhandenen künstlerischen Eigentums Simulationen von »Kunst« aus. Dem Anschein nach hat das Original ausgespielt. Doch der Eindruck täuscht. In Malerei und Plastik verfügt das Original in der originalen Umgebung über Eigenschaften, die selbst die beste Kopie nicht erreichen kann. Nach der Erfindung der Fotografie behauptete sich die Malerei bereits einmal erfolgreich gegen die technische Abbildung der Wirklichkeit. Die Voraussetzung für den künstlerischen Eigensinn war und ist das Handwerk.

Auf der Heimfahrt ging uns durch den Kopf, dass Günther Eckart bereits vor Jahren darauf verwies, dass das Erzgebirge seit der ersten frühbronzezeitlichen Kultur Europas, die sich im zweiten Jahrtausend v.u.Z. zwischen der Westslowakei und dem Harz erstreckte, eine wichtige Verbindung in Mitteleuropa herstellte. Es gab bereits damals keinen »undurchdringlichen Urwald« mehr. Kupfer aus dem Harzvorland und Zinn aus dem Erzgebirge wurden zu Bronze geschmolzen.
Gerhard Heilfurth fasste 1962, in der Einleitung zu »Der erzgebirgische Volkssänger Anton Günter. Leben und Werk. Wolfgang Weidlich-Verlag, Frankfurt/Main, den kulturellen Austausch in der Erzgebirgsregion auf einzigartige Weise zusammen: Die Grenze auf dem Erzgebirgskamm war über Jahrhunderte eine innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Kurfürst saß in Dresden und der Kaiser in Prag oder Wien. Die regionale Erzgebirgskultur wuchs unter diesen Bedingungen. In vielen sächsischen Flur- und Ortsnamen lebte die böhmisch-slawische Sprache weiter. Die böhmische Seite übernahm Bergbau, Bergbautechnologie und Bergmannssprache. Die sächsische Seite wurde durch die böhmische Volksmusik und die Wiener Wertschätzung dieses Genres bereichert. In böhmischen Gaststätten servierte man böhmisches Bier und Knödel, aber auch Tiroler oder Burgenländer Wein und Wiener Spezialitäten. Auch im religiösen Volksleben entspann sich ein reger Austausch. Jan Hus und die Religionsgemeinschaft der Böhmischen Brüder regten die Reformation mit an. Katholisches Krippenspiel gewann im Zuge der Gegenreformation auf die Weihnachtsbräuche in der gesamten Region Erzgebirge Einfluss. Aber bereits die Bildung des deutschen Nationalstaates von 1871, unter Ausschluss Österreichs, war mit kulturellen Verlusten verbunden. Auch im 20. Jahrhundert kam der gewachsene Zusammenhang der Erzgebirgsregion nicht zur Geltung: »… erst mit ihrer Ernennung zum UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří im Jahre 2019 wird diese, wenn auch vordergründig mit Blick auf die gewachsene Bergbaulandschaften und ihre Besonderheiten sowie Errungenschaften, wieder in ihre historisch Zusammenhang als Ganzes erfasst und wahrgenommen« (Michael Schuster).

Steffen Meyer, am Stehtisch links, gründete vor vielen Jahren gemeinsam mit Carl Heinz Westenburger die Sammlung erzgebirgische Landschaftskunst.
Klaus Walther, einer der letzten Kenner der Erzgebirgsliteratur, gab in der Kammweg-Reihe des Mironde-Verlages im Jahre 2010 ein Bändchen mit Reiserzählungen des heute leider vergessenen Edgar Hahnewald (1890–1961) heraus. (Mit »Linolschnitten aus dem Erzgebirge« von Hans Weiß aus Aue). Hahnewald, ein gelernter Dekorationsmaler, vermochte seine Reiseeindrücke eindrucksvoll zu formulieren. So verweist er in seiner Erzählung »Böhmische Dörfer« auf ergebnislose Fragen nach einem Kaffee in sächsischen Gaststätten, die nur Bier ausschenkten. In Böhmen dagegen kann man in das abgelegenste Dorf kommen, ohne enttäusch zu werden: »In diesem einsamen Kammwirtshaus brachte uns der Wirt, ein stiller, sanfter Mann, mit einem schwarzen Käppchen auf dem Kopf, nach kurzer Frist einen frisch bereiteten Kaffee im Glas. Mit Milch und Zucker war nicht gegeizt. Als wir nach einem Eierkuchen fragten, sagte die ländliche Wirtin ruhig, daß sie ja ein Omlett bereiten könne. Und sie fragte: einfach oder hoch? ›Hoch› hieß mit Schnee geschlagen. Und die Omletts kamen, tellergroß, ‹hoch› aus puren Eiern, wattelocker, dick mit Staubzucker bestreut, mit Preißelbeeren gefüllt. Und zwei Glas Kaffee und zwei Omletts kosteten zusammen nur so viel, wie daheim die halbe Menge und der viertel Güte. So war es überall: man bekam Kaffee, so herrlich, daß die Versuchung nahelag, sich eine gut funktionierende Koffeinvergiftung anzutrinken … Man schlürft das Getränk wie ein Gott. Und wenn man längst wieder im Quartier sitzt … so denkt man nocheinmal an diesen böhmischen Kaffee und schnalzt noch beim Erinnern und wundert sich, daß diese Böhmen keinen Mythus haben, in dem die Götter buttergebackene Buchteln statt Ambrosia schlecken und böhmischen Kaffe statt Nektar schlürfen.«
Wie hatte das von Alexander Stoll zitierte Goethe Motto für seinen Reisen nach Böhmen gelautet?: »Genuss und Unterricht«!
Information
Die Sonderausstellung ist noch bis zum 25. Oktober 2026 zu sehen.
Schloss Schlettau, Schlossplatz 8. 09487 Schlettau
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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