Der 4. Juli war ein kühler Sommertag, der sonnig begann, und, auf Wunsch der gestressten Natur, vom Kollegen Wind immer mehr Regenwolken heranblasen ließ. Der Natur und Heimat Ortsverein Königshain-Wiederau e.V. hatte anlässlich der Neueröffnung des Museums Altes Schulhaus zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. Der Veranstaltungsreigen begann gegen 11 Uhr. Auch Besucher aus ganz Deutschland zog es an diesem Tag nach Wiederau.

Frau Voigt, Vorsitzende des Heimat und Natur Ortsverein Königshain-Wiederau e.V., begrüßte die Gäste zum Tag der offenen Tür anlässlich der Neugestaltung der Ausstellung des Museums »Im Alten Schulhaus«.

Ingrid Müller berichtete über die Sanierung des etwa 200 Jahre alten Schulgebäudes und dankte den Vereinsmitgliedern, der Gemeinde, dem Bürgermeister, der »Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte« und der Sparkasse Mittelsachsen.

Helga Steinert referierte zur Geschichte des Alten Schulhauses. Es wurde um 1830 auf den Grundmauern eines Vorgängerbaues neu errichtet und diente als Schule. Ein Lehrer und eine Hilfskraft unterrichteten damals 200 Schüler. 1853 wurde Gottfried Eißner als Lehrer und Kantor eingestellt und zog mit seiner Frau Josphine Vitale, der Tochter eines französischen Offiziers, hier ein. Am 5. Juli 1857 wurde beider Tochter Clara hier geboren. 1947 enthüllte man am Giebel des Hauses eine Gedenktafel. 1952 wurde das Museum im Geburtshaus in Anwesenheit des Kulturministers Johannes R. Becher eröffnet. Seit 1959 ist das Museum in Gemeindeeigentum. 1970 erfolgte eine Neugestaltung der Ausstellung und 1975 erfolgte die Aufstellung einer Zetkin-Plastik des Karl-Marx-Städter Bildhauers Harald Stephan. Nach 1990 wurde das Museum aufgelöst. 1995 entstand eine Interessengemeinschaft Heimat und Natur, aus der im Jahre 2000 der Heimat und Natur Ortsverein Königshain Wiederau e.V. entstand. Die Bewahrung der Erinnerung an die große Tochter der Gemeinde war ein Ziel des Vereins, der seine Aufgaben mit vollständig ehrenamtlicher Arbeit erfüllt. Frau Steinert räumte ein, dass keine Besuchermassen zu verzeichnen sind, jedoch interessierte Besucher aus ganz Deutschland, Europa und der Welt den Weg nach Wiederau finden.

Der Berliner Historiker Jörn Schütrumpf, der gemeinsam mit Marga Voigt die Briefe Clara Zetkins herausgibt, informierte die Gäste in 30 Minuten über seine Forschungsergebnisse. Der Stand der biographischen Forschung zu Clara Zetkin sei unbefriedigend. Clara Zetkin sei 1889 gewissermaßen aus dem Nichts in die Führung der internationalen Arbeiterbewegung gekommen, indem sie den Kongress der Internationale in Stuttgart organisierte und auf dem Kongress auch über die proletarische Frauenbewegung sprach. Aus dem vorliegenden Briefen verwies Schütrumpf darauf, dass Clara Zetkin nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihrer Freundin Rosa Luxemburg von einer Anti-Kriegs-Stellungnahme abriet, da die sie von der Bevölkerung isoliert hätte. Zetkin war auch 1918 gegen die Gründung einer »KPD«: »Was wollen wir mit einer Sekte?« Erst nach der Ermordung ihrer Freundin Rosa Luxemburg trat sie in die KPD ein. Dort wurde sie, so Schütrumpf, als »Rechte« eingestuft. Der Referent verwies auf massive Kritik Zetkins am Terror der Bolschewiki, ähnlich dem der Jakobiner. Er verwies auch auf einen Brief Clara Zetkins, den er ers kürzlich in einer Akte mit Unterlagen anderer Personen entdeckt habe. In dem Brief an die Führung der Kommunistischen Internationale listete Clara Zetkin Ende der 1920er Jahre Fakten zur Fehlentwicklung der Bewegung auf. Der Brief besteht aus zwei Teilen: 150 und 40 Seiten. Heute würde man es ein Gutachten über verfehlte Politik nennen. Diese Briefe werden im November 2026 in der Clara-Zetkin-Briefausgabe erscheinen und können als Grundlage einer zeitgemäßen Forschung dienen. Schütrumpf entwickelte ein Bild Clara Zetkins, die grundsätzliche Kritik auf internen Wegen übte, nicht über Zeitungsartikel, öffentliche Reden o.ä.

Auch Bürgermeister Johannes Voigt hob hervor, dass er den Vortrag Herrn Schüttrumpfs gern vor der Debatte im Gemeinderat gehört habe, obwohl dieser freundlicherweise ein Gutachten über die politische Entwicklung Clara Zetkins vorgelegt habe. Ein mündlicher Vortrag sei etwas anderes als eine schriftliche Information für die Gemeinderäte.

Es folgte ein Grußwort von Frau Annett Schrenk, der Gleichstellungs- und Ausländerbeauftragten des Landkreises Mittelsachsen.

Ebenso sprach eine Vertreterin der Grundschule, die seit diesem Jahr wieder den Namen »Clara Zetkin« trägt, und die ein im Schularchiv vergessenes Clara-Zetkin-Bild präsentierte. Sie dankte für den Vortrag Herrn Schüttrumpfs und bedauerte, dass in der DDR ein falsches Verständnis von Clara Zetkins geherrscht habe.

Nach der Eröffnung enthüllte der Vertreter der »Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte« eine Tafel am Museum.

Jeweils zur vollen Stunde ließ Kantor Eberhard Martin die Orgel in der benachbarten Kirche erklingen. Es handelt sich um ein Instrument der Firma Kreutzbach aus Borna. Die Orgelweihe erfolgte am 9. Juli 1851. Also vor 175 Jahren. Die Kirche war 1850 durch Anbau an eine kleine Vorgängerkirche (heute St. Pankratius-Kapelle) errichtet worden. Auf dieser Orgel spielte auch Gottfried Eißner und seine Tochter Clara hörte die Melodien Johann Sebastian Bachs und alter Kirchenlieder. Hier wird die christlich-humanistische Bildung Clara Zetkins hörbar.

Auf der Heimfahrt hatten wir immer noch die Orgelklänge im Ohr. Wenn das Clara-Zetkin-Bild in der DDR »falsch« war, ist dann das heutige »richtig«? Sicher ist unsere Sicht auf die Geschichte immer von der Gegenwart beeinflusst. Die gesamte Geschichte macht unser Erbe aus. Das Kulturerbe kann man nur als Ganzes annehmen oder ablehnen. Wenn man das Kulturerbe ablehnt, dann ist man kulturlos. Für ideologische Strömungen ist das sicher kein Problem. Aber eine kulturlose Gesellschaft wird auseinanderfallen. Ideologie beginnen dort, wo man selektiv auf das Erbe zugreifen zu können glaubt. Auch der Traditionsbegriff reicht nicht aus, ist zu eng. Die Selektion betrifft inzwischen ganz unterschiedliche Personen. Der Name Otto von Bismarck wurde vor wenigen Jahren als Namensgeber eines Saales im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland getilgt. Bismarck war ein entschiedener Gegner der sozialdemokratischen Partei. Clara Zetkin musste in der Zeit, als Bismarck versuchte die SDAP per Gesetz zu verbieten, in die Illegalität und ins Ausland flüchten. In der Sozialdemokratie stand Bismarck nicht hoch im Kurs. Wir erinnern uns jedoch daran, dass der DDR-Historiker Ernst Engelberg in den 1980er Jahren eine hoch geschätzte Bismarck-Biographie veröffentlichte, die auch im konservativen Westberliner Siedler-Verlag erschien. Engelberg stellte Bismarck, nach einem Ausdruck Friedrich Engels, als »Revolutionär von oben« dar. Dennoch ist unser heutiges Bismarck-Bild immer noch einseitig. Der große Philosoph und Bismarck-Verehrer Walther Rathenau sah Bismarck eher als Reformer in der Tradition des Reichsfreiherrn von und zum Stein, Scharnhorsts, Gneisenaus, Clausewitz’ u.a. Rathenau sah z.B. Bismarcks Vorstellung eines Volkswirtschaftsrates als zukunftsweisend an, obwohl die Großwirtschaft diesen Ansatz boykottiert.
In der kleinen Gemeinde Schönhausen an der Elbe, in der Otto von Bismarck am 1. April 1815 geboren wurde, hielt man zu allen Zeiten das Andenken des großen Sohnes hoch. Selbst zwischen 1945 und 1990 hieß z.B. der Dorfgasthof »Zum Reichskanzler«.
Nicht nur unser Bild von Clara Zetkin, sondern auch das Otto von Bismarcks, wie das unseres gesamten Erbes, bedarf also der ständigen Erweiterung. Insofern kommt vielleicht Vereinen in den Geburtsorten großer Persönlichkeiten in der Erbe-Diskussion, die über den künftigen Zusammenhalt unserer Gesellschaft entscheidet, eine überregionale Bedeutung zu. Für die geleistete Arbeit gebührt allen Vereinsmitgliedern großer Dank.
Clara Schwarzenwald
Information
Reportage des Regionalfernsehens: https://www.youtube.com/watch?v=mXPm1L0P_Lk
Natur und Heimat. Ortsverein Königshain Wiederau e.V.: https://www.mironde.com/litterata/12599/reportagen/clara-das-maedchen-aus-wiederau
Clara Zetkin-Briefe Bd. 1: https://dietzberlin.de/produkt/clara-zetkin-die-kriegsbriefe-3-bde-clara-zetkin-die-kriegsbriefe-band-1/
Clara Zetkin-Briefe Bd. 2: https://dietzberlin.de/produkt/clara-zetkin-die-briefe-1914-bis-1933-band-2-die-revolutionsbriefe-1919-1923/
Johannes Eichenthal: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Von Goethe bis Rathenau. Sprache und Eigensinn. Teil 3. Mit einem Kapitel über Clara Zetkin: https://buchversand.mironde.com/p/johannes-eichenthal-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-2-von-goethe-bis-rathenau
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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