Bauhaus
Reportagen

GEIST UND UNGEIST

Für den 11. September lud das Schwarzenberger Atelier Hans Brockhage zur Eröffnung einer Ausstellung mit »Malerei und Skulptur« Marianne Brandts (1893–1983) und Hans Brockhages (1925–2009) ein. Brockhage war ein Schüler der Formgestalterin Marianne Brandt, die ab 1923 in Weimar und Dessau am Bauhaus studierte und arbeitete. Sie verließ allerdings das »Büro Gropius«, um schließlich 1932, ähnlich wie Gunda Stölzel, außerhalb des inzwischen entstandenen Dogmas zu den ursprünglichen Zielen des Bauhauses zurückzukehren. Anna Franziska Schwarzbach, eine Tochter Brockhages, wollte der Frage nachgehen, ob das Bauhaus »romantisch« war. 

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Die Adler-Apotheke, die heute auch leer steht, wurde von 1901–1905 von Dr. Ernst Jünger betrieben. Dessen Sohn, der Schriftsteller Ernst Jünger (1895–1998), verbrachte Kinderjahre in Schwarzenberg. An seiner Sprachmelodie konnte man es mitunter erkennen.

Der 11. September war ein sonniger Spätsommertag. Die Schwarzenberger Innenstadt war mit Stadtfest-Vorbereitungen erfüllt. Auf Plätzen und in Gassen luden Tische und Bänke bereits zum Verweilen ein. Selbst ein kurzer Spaziergang durch das Zentrum vermittelt uns das Bild eines von Gründerzeit und 1920er Jahren geprägten Industrie- Handwerks und Handelszentrums im Erzgebirge. Hier wurde Hans Brockhage 1925 geboren, in einer Zeit, in der die Schwarzenberger Krauß-Werke die innovative Blechverarbeitungstechnologien international dominierten. In Schwarzenberg wurden z.B. Ende der 1930er Jahren Volkswagen-Karosserien im Tiefzieh-Verfahren hergestellt.

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Schwarzenberger Künstler bringen sich in das Innenstadtbild ein.

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Das Atelier Brockhage befindet sich am Rande der Innenstadt.

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Anna Franziska Schwarzbach begrüßte die zahlreichen Gäste, deren Zahl auch nach Veranstaltungsbeginn wuchs, und begann ihre angekündigte Rede, die auf persönlichen Erinnerungen an Gespräche ihre Vaters mit Marianne Brandt basierten. Ausgangspunkt war der Satz Brockhages »Das Bauhaus war romantisch«. Schwarzbach erinnerte sich an eine Diskussion, in der Hans Brockhage nach dem Geist des Dessauer Bauhauses fragte. Marianne Brandt habe darauf geantwortet, dass der Geist des Bauhauses ein »Ungeist« gewesen sei. Die Referentin reihte Geschichten an Anekdoten und regte die Zuhörer damit zum Nachdenken an. 

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Die Ausgangsfrage Hans Brockhages lautete, ob das Bauhaus romantisch war. Suchte er nach dem Wesen des Bauhauses? Die Gründungsideen des Bauhauses wurden in von Walter Gropius 1919 in einem Manifest ohne jeden Bezug zur Romantik des 18. Jahrhunderts formuliert: »Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Bauens wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste erfüllen, den sie in der Salonkunst verloren […] Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! […] Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende  Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.«

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Das war der Gründungsgedanke, der Marianne Brandt, wie viele andere junge Menschen anzog. Im Laufe der Jahre musste sie jedoch konstatieren, dass mit dem »Erfolg« der Gruppe um Gropius die Frage nach dem »architektonischen Geist« immer mehr durch »Berechnung von Durchschnittswerten« ersetzt wurde. In ihrem Brief an die junge Generation stellte sie 1966 fest, dass sie erst spät begriff, dass die Persönlichkeit des Künstlers im Gestaltungsprozess den letzten Ausschlag geben muss.

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Diese Problematik wurde bereits auf der Werkbundtagung von 1914 in Köln diskutiert. Der Architekt und Bauplaner Hermann Muthesius (1861–1927) war der Meinung, dass nur noch industriell anwendbare Kunst eine Existenzberechtigung habe und dass die Technik Standardisierung, Typisierung und Vereinheitlichung der Kunst erfordere. Henry van der Velde (1863–1957) widersprach ihm, obwohl er auch die angewandte Kunst vertrat. Van de Velde warf ein, dass die Individualität des Künstlers einen Gegensatz zur vereinheitlichenden Effizienzforderung der Technik darstelle. Man könne die Kunst nicht abschaffen, sondern müsse die Gegensätze Technik und Kunst so vereinigen, dass beide erhalten blieben. International setzte sich allerdings die Effizienzforderung der Technik durch. Walther Rathenau (1867–1922) führte diese Entwicklung auf die Verbindung der Industrie mit berechnender Vernunft zurück. Aus dieser Verbindung entsteht die Forderung nach Effizienz, die das ganze menschliche Leben durchdringt und zu einer materiellen Gewalt wird. Das Handwerk, schrieb Rathenau 1916/17, legt sein Herzblut in die Produkte, das aber wird heute nicht mehr bezahlt.

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Marianne Brandt kehrte 1932 nach Chemnitz zurück, um auch als Formgestalterin von vorn zu beginnen. Dabei beteiligte sie sich an Volkskunstwettbewerben, die der Schwarzenberger Industrielle Friedrich Emil Krauß ins Leben gerufen hatte. Krauß absolvierte als junger Mann bei Henry Ford und dessen extremer Rationalisierung durch Fließbandarbeit ein Praktikum. Im Unterschied zu Ford wurde Krauß jedoch klar, dass diese mächtige Effizienzforderung einer Ergänzung bedarf. Effizienz, so notwendig sie im Produktionsprozess ist, fördert nicht nur menschliche Gemeinschaft nicht, sie zerstört sie sogar. Wenn bei Ford ein Modell auslief, dann wurde die an der Herstellung beteiligte Belegschaft entlassen und erst zum Start eines neuen Modells wieder eingestellt. Krauß, der auch selbst Gedichte, wie »Dr Himmel is e Lichterbugn« schrieb, wollte jedoch qualifizierte Facharbeiter an sein Unternehmen binden. Er wurde u.a. zum größten Förderer erzgebirgischen Volkskunst-Handwerks, um die einseitige Fließbandarbeit zu ergänzen. Auch Hans Brockhage nahm im Kindesalter als Schnitzer an diesen Wettbewerben teil.

Die Bemerkung Marianne Brandts, dass der Geist des Bauhauses ein »Ungeist« gewesen sei, bezieht sich dem Anschein nach ausschließlich auf das späte, dogmatisch erstarrte Bauhaus. An die Stelle eines neuen »architektonischen Geistes« war das bloß quantifizierende Denken, das Kalkül, die Berechnung getreten. Nur wenige Kritiker vermochten der materiellen Gewalt der Effizienz-Berechnung etwas entgegenzusetzen. Der große Architekt, Werkbund-Aktivist, Bauhaus-Absolvent und universelle Geist Hermann Henselmann (1905–1995) schätzte in diesem Punkt besonders seinen Kollegen Lewis Mumford (1895–1990) aus New York. Dieser hatte 1964 in einem großformatigen 860 Seiten-Buch die »Automatisierung des Wissens« und die damit verbundene Degeneration des Menschen analysiert, um die Notwendigkeit des Geistes für die menschliche Existenz zu begründen. (Lewis Mumford: »Der Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht«. Deutsche Ausgabe: 1974, Europaverlag Wien) 

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Um den menschlichen Geist ging es dem Anschein nach auch Marianne Brandt. Sie vermochte ihre lebenslange Suche und Wachheit an ihre Schüler zu vermitteln. Hans Brockhage dachte bis an sein Lebensende über das Verhältnis von Architektur, Plastik und Malerei, über die notwendige Vereinigung der Gegensätze Kunst und Technik nach. Die Überwindung selbstgefälligen »Erfolgsdenkens«, die Suche nach dem lebendigen Geist, das ist es, was Marianne Brandts und Hans Brockhages Lebensleistungen vermitteln. In einer Zeit, in der die fatale Illusion epidemisch um sich greift, man könne Entscheidungen über das eigene Leben und das der Menschheit künstlichen Rechenmaschinen übertragen, gewinnt die Wachheit, die Brandt und Brockhage praktizierten, an Bedeutung. Wie heißt es bei Matthäus: »Deshalb wachet, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde.« (Matthäus 25;13)

Den Organisatoren und Besuchern der Veranstaltung gebührt Dank.

Johannes Eichenthal

Der Mironde-Verlag stellt am 24. Oktober in der Stadtbibliothek Schwarzenberg, um 16 Uhr, seine Reihe »Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland« vor. Schwerpunkt wird das Kapitel über Marianne Brandt sein.

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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