Reportagen

Novalis neu lesen!

Im Schloss Oberwiederstedt wurde am 2. Mai des Jahres 1772 Friedrich Freiherr von Hardenberg geboren. Sein Studium absolvierte er 1790/91 in Jena, 1791/93 in Leipzig. 1793/94 in Wittenberg. Ab 1794 arbeitet er in verschiedenen Verwaltungen. 1796 wurde er beim Salinenamt in Weißenfels angestellt. 1797/99 gehörte er noch einmal zu den Studenten von Abraham Werner in Freiberg. 1800 wurde er zum Kursächsischen Amtshauptmann im Thüringischen Kreis mit Sitz in Weißenfels ernannt. Am 25. März 1801 verstarb er in Weißenfels, noch vor seinem 29. Geburtstag.

Friedrich von Hardenberg lernte während seines Studiums auch Friedrich Schiller, Caroline, Dorothea, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck und viele andere junge Leute aus dem Kreis der Romantiker kennen. Neben seiner Verwaltungs- und den Bergbauarbeiten widmete er sich der Literatur. Aus seiner Vielseitigkeit heraus versuchte von Hardenberg die Einseitigkeit der Aufklärung, die Philosophie auf Vernunft, und Vernunft auf Mathematik reduzierte, zu überwinden. (Das Wort Romantik geht bekanntlich nicht auf romantisch zurück, sondern auf romanhaft, wie von der Literatur behandelt.) Die »Poesie« nahm in seinem romantischen Konzept eine zentrale Rolle ein. Als Autor legte er sich das Pseudonym »Novalis« zu, mit dem er sich zur kulturellen Erneuerung bekannte. Unter diesem Pseudonym ist er noch heute bekannt.

Die internationale Novalis-Gesellschaft veranstaltete vom 2. bis zum 6. Mai 2012, aus Anlass des 240. Geburtstages ihres Namensgebers eine Festwoche. Am Sonntag, dem 6. Mai fand diese mit einer Festveranstaltung ihren Abschluss.

Bei sehr kühlem Frühlingswetter und verhangenem Himmel kamen so viele Gäste, dass sich die rührigen Organisatoren noch zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn dazu entschlossen, eine zusätzliche Stuhlreihe aufzubauen. Niemand wurde abgewiesen.

Dr. Reiner Haseloff, der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, eröffnete in einer furiosen Ansprache den Reigen der Grußredner. Er bezeichnete Schloss Oberwiederstedt als besonderen kulturellen Gedächtnisort von nationaler Bedeutung. Ausdrücklich dankte er allen, die sich seit vielen Jahrzehnten um die Bewahrung dieses Ortes bemühen. In freier Rede machte der promovierte Physiker glaubhaft deutlich, dass auch er selbst eine persönliche Beziehung zum reichen kulturellen Erbe seines Bundeslandes, und auch zu Novalis besitzt.

Dr. med. Arvid Grieshaber (vorn, stehend, rechts), der Gründer der Initiative zum Erhalt von Schloss Oberwiederstedt und der Novalis-Gesellschaft, überreichte dem Ministerpräsidenten nach der Rede einen Setzling von einer Linde aus dem Schlosspark, die zur Zeit von Novalis gepflanzt wurde.

Unter den Festrednern war auch Dr. Fischer, ein promovierter Chemiker und Unternehmer. Er spendete der Forschungsbibliothek 47 Jahrgänge einer bibliophilen naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift. Der erste Jahrgang ist von 1784. Mit hoher Wahrscheinlichkeit habe Novalis diese Zeitschrift gelesen. Er wolle darauf hinweisen, dass Novalis nicht nur ein Poet gewesen sei, sondern auch ein ausgezeichneter Naturwissenschaftler. Ihn begeistere die Vielseitigkeit von Novalis. In der heutigen Zeit erlebten viele Naturwissenschaftler ihre eigene Unfruchtbarkeit. Die »reine« Wissenschaft zeigte mitunter verheerende Folgen. Aber auch die »reine« Kunst sei unfruchtbar. Er verstehe Novalis so, dass wir Menschen Wesen der Liebe seien, im Spannungsfeld von Natur, Geist und Kunst. Novalis sei ein praktisch wirksamer Mensch und Poet zugleich gewesen. Um diese Verbindung gehe es auch heute und in Zukunft.

Prof. Dennis F. Mahonney, der Präsident der Internationalen Novalis-Gesellschaft, demonstrierte im Anschluss die Interpretationskünste der Germanistik. Er verglich Werke und Textstellen, bis in subtilste Deutungen hinein, zwischen Novalis und Eichendorff und umgekehrt. Ein weiterer Kommentar zum unendlichen Novalis-Kommentar.

Gabriele von Hardenberg, eine Vertreterin der Familie, überreichte dem Museum weitere Exponate aus Familienbesitz.

Freiherr von Hardenberg, ein Vertreter der Familie, hatte dem Museum ein Amulett aus Familienbesitz als Dauerleihgabe übereignet, was bereits ausgestellt wurde. Auch er erhielt eine Novalis-Linde.

Mit Fantasiestücken für Klavier und Klarinette ging dieser ereignisreiche Vormittag gegen 13.00 Uhr zu Ende.

Beim anschließenden Museums-Rundgang fiel uns dieses originelle Novalis-Porträt von Horst Janssen auf.

 

Kommentar

Man muss der Bürgerinitiative, den Gründern der Novalis-Gesellschaft und den Organisatoren der Veranstaltung danken, dass sie uns immer wieder an diesen originellen Menschen erinnern, der vor 240 Jahren in Oberwiederstedt geboren wurde.

Blick zur Kirche, in der Friedrich von Hardenberg getauft wurde.

 

Was macht Novalis so interessant? Wie konnte er mit nur 28 Lebensjahren ein Werk schaffen, das uns heute noch herausfordert?

Er war sicher kein Stubengelehrter, und wollte auch keiner sein. Sowohl der Ministerpräsident Dr. Haseloff als auch der Unternehmer Dr. Fischer lieferten in ihren Beiträgen vielleicht die adäquateste Interpretation des Jubilars. Man muss ein praktisch wirksamer Mensch und gleichzeitig Poet sein. Das galt damals, heute erst recht.

Aber was ist Poesie? Mitunter wird dieser Begriff auf Lyrik reduziert. In der Lyrik kann es selbstverständlich poetische Momente geben, aber nicht zwangsläufig und auch nicht ausschließlich dort.

Poesie geht auf den griechischen Begriff »Poisis« zurück. Der bedeutet Hervorbringen, Hervorbringen des Verborgenen. Es geht also um das Sichtbarmachen des Neuen, aber auf besondere Weise. Das Verborgene finden wir im Alltäglichen, Endlichen, Profanen, wenn wir es zu sehen vermögen, wenn wir über einen poetischen Blick verfügen. Johann Gottfried Herder, wie komme ich nur auf den (?), meinte, die Poesie sei die Sprache der Kinder und der Götter. Das poetische Verhältnis ist, darauf zielt Herder mit seinen Metaphern, das eigentlich menschliche Verhältnis zur Welt. In der Poesie fallen praktisch die Gegensätze von Religiosität und Vernunft, von Hoffnung und Skepsis zusammen. Humanität wir gestiftet, um einmal mit einem Goetheschen Begriff einen Herderschen Gedanken weiterzuführen, in der Polarität von Religiosität und Vernunft.

Damit wird deutlich, dass auch Wissenschaftler und Techniker in der Poesie arbeiten können, und dass es Lyriker geben kann, denen jeder Sinn für Poesie fehlt.

Solcherlei Anregungen für unser eigenes Verhältnis zur Welt und zu unserer Zukunft können wir bei Novalis finden. Wir sollten ihn deshalb wieder einmal lesen. Doch, wie könnte es anders sein, Novalis hat auch Grenzen. Wie nahezu alle jungen Romantiker glaubte Novalis eine Zeit lang, dass die Philosophie von Immanuel Kant und des jungen Johann Gottlieb Fichte sein Engagement befördern könnte. Zwar gaben sich Kant und Fichte als Vertreter eines neuen Denkens aus, doch beide hatten keine Ahnung von Poesie und für die Bewahrung war im Konzept der »kopernikanischen Wende« von Kant kein Platz. (In seinem Spätwerk korrigierte sich jedoch der studierte Theologe Fichte nocheinmal.)

Wir sollten Novalis heute, trotz oder gerade wegen unserer Wertschätzung, also nicht unkritisch lesen. Nur wenn man das Werk vorsichtig-kritisch weiterführt, kann man es auch bewahren. Die Gegensätze von Erneuern und Bewahren stehen im Zusammenhang. Eines ist nicht ohne das andere machbar.

Johannes Eichenthal

 

Information

Museum, Forschungsstätte, Novalis Gesellschaft und Novalis-Stiftung sind unter

www.novalis-gesellschaft.de erreichbar

 

Im Festsaal des Schlosses waren Gobelins sichtbar, von Frau Dagmar Varady-Prinich (Halle), bei deren Herstellung sie 1994 von Novalis »Hymnen an die Nacht« inspiriert wurde.

Nur noch antiquarisch ist leider die Auswahl von Novalis-Texten erhältlich, die der Aufbau-Verlag Berlin-Weimar in mehreren Auflagen herausgab. 1989 erschien die vierte (und letzte) Auflage, in blauem (!) Leinen. Herausgeber war Hans-Dierich Dahnke, der Kommentar stammte von Rudolf Walbiner.

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt machte die dreibändige Ausgabe von Novalis-Schriften, in rotem (!) Leinen, neu zugänglich, die ursprünglich der Hanser-Verlag in München erarbeitet hatte. Herausgeber waren Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel.

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One thought on “Novalis neu lesen!

  1. Lieber, sehr verehrter Herr Prof. Eichenthal,
    für Ihre produktive Umtriebigkeit – im Sinne der Erkundung und Erforschung / Neuester Stand – finde ich kein besseres Kompliment, als die Worte des Dichters Novalis selbst: „Ein wahrer Forscher wird nie alt …“
    ( Novalis, „Die Lehrlinge von Sais“ 1798/99 S. 273)
    Herzliche Grüße
    Ihr ars.
    PS.: Die Goethe-Gesellschaft Chemnitz besuchte auf ihrer jährlichen Exkursion am 15. September 2002 die
    Novalis-Forschungsstätte „Schloß Oberwiederstedt“.
    Aus den handschriftlichen Notizen von Sophie von Hardenberg (Novalis Schriften. Herausgegeben von
    Ludwig Tieck und Eduard von Bülow, Dritter Teil, Berlin, Verlag von G. Reimer. 1846:
    „Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte, – das Amen des Universums“.

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