Der 24. Februar begann als kühler Vorfrühlingstag. Die Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. hatte am Nachmittag zu einem Pressetermin in den Salon „Stadtpark“ des SenVital – Senioren- und Pflegezentrum Chemnitz/Niklasberg – eingeladen. Es kamen zahlreiche Interessierte, denen die Kultur am Herzen liegt. Siegfried Arlt, seit 30 Jahren der Vorsitzender, gab einen Überblick der 100jährigen Geschichte der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft. Im Anschluss besichtigten die Gäste die Goethe-Bibliothek, die in der dritten Etage des SenVital ihre Heimat gefunden hat.

Siegfried Arlt dankte für das Interesse der Gäste und erinnerte daran, dass sich die Goethefreunde über viele Jahre im Salon „Stadtpark“ des SenVital trafen. Mit den Corona-Modalitäten musste diese Tradition beendet werden. Insofern ermögliche die heutige Begegnung im Salon „Stadtpark“ eine angenehme Emotion.
In seiner Ansprache erinnerte Arlt an den Gründungsvorsitzenden Studienrat Prof. Otto Paul Happach (1878–1963), an den Sprachwissenschaftler und Schriftsteller Dr. Walther Schinke (1888–1973) und an den Romanisten, Anglisten und Herausgeber des Briefwechsel zwischen Friedrich Nietzsche und Peter Gast, Prof. Arthur Mendt (1887–1975), die das Profil der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft wesentlich mitbestimmten.
Arlt machte darauf aufmerksam, dass er selbst 1996 zum Vorsitzender gewählt und von der Geschäftsführerin Frau Dr. med. Helga Bonitz unterstützt wurde.
Siegried Arlt erinnerte auch daran, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche renommierte Gelehrte auf Einladung der Gesellschaft in Chemnitz mit Vorträgen auftraten. Anlässlich des 100. Gründungsjubiläums werde am 22. März eine Festschrift erscheinen. Neben Geleitworten des Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, des Präsidenten der Weimarer Goethe-Gesellschaft Professor Stefan Matuschek und des Chemnitzer Oberbürgermeisters Sven Schulze werden transdisziplinäre Beiträge von Prof. Dr. habil. Friedrich Naumann, Mag. Dr. phil. Thomas Schmuck, Dr. jur. Manfred Osten, Prof. Dr. Christof Wingertszahn, Prof. Dr. Dr. Christoph Cremer, Dr. phil. habil. Peter Arlt und Franz Josef Wiegelmann wiedergegeben.
Siegfried Alt machte am Ende seines Rückblickes darauf aufmerksam, dass im Jahre 2008 die Goethe-Bibliothek des Arztes Dr. Werner Heinz (1925–1986) im SenVital eine neue Heimat fand. Er lud alle Anwesenden zu einer Besichtigung der Bibliothek ein.

Mit dem Fahrstuhl ging es in die dritte Etage. Hier wurde man per Lautsprecher mit dem Hinweis „dritte Etage: Goethe-Bibliothek“ begrüßt. In der gesamten Etage konnte man Bilder und Dokumente sehen, die an Weimar und seine Größen erinnern. Hier der „Musenhof“ von Altherzogin Anna Amalia mit illustren Gästen.

Andreas Knoth, der Residenzleiter, bekräftigte in der Bibliothek die Entscheidung seines Hauses, die Goethe-Bibliothek, als kulturhistorischen Schatz, auch künftig an diesem Ort zu bewahren. Für die Zukunft denke man sogar daran Schulklassen zu diesem besonderen Bildungserlebnis einzuladen: Bekanntschaft mit der Weimarer Kultur und mit echten Büchern.

Im Mittelpunkt der Bibliothek ist eine Kopie des Gemäldes Rafaels „Die Heilige Cäcilie“ (1514) zu sehen. Goethe war 1786 bei seinem Besuch in Monte bei Bologna von diesem Bild stark beeindruckt. Cäcilies Blick macht deutlich, dass sie die vergängliche irdische Welt hinter sich lässt.

Siegfried Arlt ergänzte, dass er gern an zahlreiche Gesprächsrunden in der Bibliothek zurückblicke. Für die Zukunft werde diese Form der Begegnung in der Bibliothek weitergeführt. Damit werde die Tätigkeit der Goethe-Gesellschaft in einer veränderten Form fortgesetzt. Mit diesem optimistischen Plädoyer ging die Zusammenkunft zu Ende.

Der Nachmittag des 24. Februar ließ den Frühling bereits ahnen. Auf der Heimfahrt mussten wir daran denken, dass sich die Chemnitzer Goethe-Gesellschaft nach ihrem 100. Gründungsjubiläum aus Altersgründen auflösen wird. Gleichzeitig werden aber Gesprächsrunden in der Bibliothek weitergeführt. Gespräche unter Freunden gehören zu dem, was unser Leben lebenswert macht. Die Vergegenwärtigung der Weimarer Kultur nimmt eine andere Form an, unterliegt einer Metamorphose. Das ist nicht unwichtig. Bei „Goethe“ geht es nicht um die museale Erinnerung an einen einzelnen Gelehrten. Seit Bettina von Arnim und Rahel Varnhagen van Ense wird unter „Goethe“ die Gesamtleistung des kulturellen Weimar und der preußischen Reformer zusammengefasst. Es geht um nichts weniger als den „Kulturstaats-Gedanken“. Die Bedeutung dieses Mythos wurde nicht zuletzt 1871 offenbar. Mit noch so viel „Blut und Eisen“ wäre die Nationalstaatsgründung nicht gelungen, wenn es „Goethe“ und Weimar nicht gegeben hätte. Mitunter hat man den Eindruck, dass dieser Gedanke heute in Weimar selbst verblasst. In Chemnitz jedoch, dem einstigen „sächsischen Manchester“, in Chemnitz lebt der Gedanke weiter, in veränderter Form. Siegfried Arlt wurde mit dieser Metamorphose dem Werk seiner Vorgänger gerecht. Dafür gebührt ihm Dank.
Johannes Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
Hinweis. Die Funktion „Ausdruck als PDF-Datei“ ist im Moment nicht fehlerfrei möglich. Wenn Sie den Artikel ausdrucken möchten, dann markieren sie bitte den Inhalt (Text und Fotos) und fügen diesen in ein Textprogramm ein. Danach können Sie den Artikel ausdrucken.
Information
