Essay

Meine Überfahrt nach Pennsylvanien

Der Weg von Halle nach Bremen war beschwerlich. Nasser Schnee, der schon im Oktober fiel, hatte die Straßen aufgeweicht. Wie wird wohl erst der Winter in Pennsylvanien werden? Doktor Francke hatte mir in Halle mit auf den Weg gegeben, dass das Klima dort ähnlich dem unseren sei. Aber jeder Winter ist anders. Was wird mich in den Gemeinden erwarten. Man wollte mich in Halle sicher nicht entmutigen. Dem Anschein nach schönte man die Berichte deshalb etwas auf. Aber dennoch mahnte mich Vater Francke wiederholt, dass die Lage der Gemeinden in Pennsylvanien ernst sei. Man habe mich berufen, um dort wieder das Gesetz zur Geltung zu bringen. Solche Gedanken gingen mir währen des langen Fußmarsches durch den Kopf.

Als ich am 6. November an Bord des Schiffes der Hapag Lloyd ging, vermisste ich die Segel. Eigenartig. Ein Schiff ohne Segel?? Aber es bewegte sich doch. Auch der Name des Schiffes war eigenartig »Columbus 2«. Ich dachte, dass mir Doktor Francke für ein Schiff anderen Namens die Überfahrt bezahlt hatte. Aber das Datum stimmte.

Man hatte mir das Innere des Schiffes wie ein rustikales Wirtshaus beschrieben. Doch auf diesem Schiff war alles anders. Solche Tische und Stühle hatte ich noch nie gesehen. Aber die Leute saßen und aßen und tranken, wie in einem Wirtshaus. Zur Nacht bekam ich eine eigene Kammer mit einem kleinen Fenster. Man hatte mich in Halle gewarnt. Auf den Schiffen herrsche die Sittenlosigkeit. Völlig fremde Weiblein und Männlein müssten zusammen in riesigen, schmutzigen Schlafsälen übernachten. Ratten und Mäuse seien mit der Ladung an Bord gekommen und liefen durch die Reihen der Schlafenden. Nichts dergleichen stimmte.

Bald erreichte unser Schiff den Atlantischen Ozean. Ich gewöhnte mir an, mein morgendliches Gebet an Deck zu verrichten. Die Weite des Meeres und des Himmels, die sich in der Morgendämmerung noch umarmten, erinnerten mich jeden Tag an die Schönheit der Schöpfung.

Dann lief unser Schiff in den Hafen von Madeira ein. Ich nahm an, dass wir frisches Wasser aufnehmen wollten. Doch staunte ich nicht schlecht, was die Küche hier alles bunkerte: Gemüse, Milch, Eier, Fleisch, Fisch, Wein, Bier …

Man hatte mich gewarnt, dass bei ungünstigem Wind das Süßwasser zur Neige gehen könne. Es sei unheimlich in einem unendlichen Meer von Salzwasser nichts trinken zu können. Ich hatte mich darauf vorbereitet und konnte fast ohne Wasser auskommen. Aber verdursten und verhungern würde auf diesem Schiff wohl keiner.

Noch eigenartiger waren zwei Passagiere, die der Kapitän Jörn Gottschalk hier an Bord nahm und persönlich begrüßte.

Der eine, ganz in Schwarz gekleidet, groß, blond, war sicher ein Pastor, wie ich.

Der andere, drahtig und muskulös, mit gebräuntem Teint, mit dunklem Hut, sah aus wie ein Krieger.

Ich maß meinen Beobachtungen keine Bedeutung bei. Bald zog stürmisches Wetter auf. Jeder hatte mit sich zu tun. Auch mir drehte sich der Magen um. Mir war hundeelend. Aber genauso hatte man mir die Sache beschrieben. Wenigsten das stimmte.

Dann beruhigten sich der Himmel und die See. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Novembertag noch einmal so warm werden könnte. Alle Passagiere genossen die Sonne. Ich dankte dem Schöpfer, dass er uns den Sturm hat überstehen lassen.

Am Abend sah ich einige Bekannte unter den Passieren noch nach dem Essen im »Schiffsgasthaus« sitzen. Es war mir, als ob sie auf etwas warteten. Und siehe da, die zwei neuen Passagiere traten auf. Beide trugen ein Buch mit sich. Es war nicht die Heilige Schrift, nur so viel konnte ich erkennen. Dann begann der große blonde »Pastor«, wie ich ihn insgeheim nannte, mit einer Art von Predigt, wie ich sie nicht kenne. Doch war das, was er sagte, nicht uninteressant. Im Gegenteil. Mir wurde plötzlich heiß und kalt zugleich. Er erzählte eine Geschichte von Pastor Melchior Heinrich Mühlenberg, der im Jahre 1742 von Halle nach Pennsylvanien reiste. Ich musste mich setzen. Wir leben doch im Jahre 1742. Woher wissen die beiden, dass ich nach Pennsylvanien … Es ging noch weiter. Dieser große blonde Pastor erzählte all den Leuten die kleinsten Details aus meiner Jugend. Er wusste auch, dass Doktor Francke mir einen geheimen Auftrag zur Ordnung der Gemeinden gegeben … Dann ergriff der andere das Wort. Wenn ich richtig verstand, dann war er ein Indianer-Häuptling vom Stamme der Delawaren aus Pennsylvanien. Auch er behauptete mich zu kennen. Jedenfalls meinen Namen. (Zum Glück hatte ich mich den Passagieren nicht vorgestellt.) Es ging noch weiter. Dieser Indianerhäuptling »Fliegender Pfeil« hatte ganze Gespräche mit mir erfunden. Ich hatte Mühe, mich zurückzuhalten. Wer steckte hinter diesen beiden Passagieren. Die Herrnhuter? Die Katholiken? Ich zog mich in eine abgelegene Ecke des Schiffsgasthauses zurück. Ein Rum half mir beim Nachdenken. Es blieb nicht bei dem einen. Am Ende wusste ich nicht mehr, wie ich in meine kleine Kammer und ins Bett gekommen war. Im Traum verfolgte mich eben dieser große blonde Pastor und wollte mir immer wieder Fragen stellen, die ich schon tausendmal beantwortet hatte. Schweißgebadet erwachte ich am anderen Morgen. Die See war ruhig. Wir lagen im Hafen. Alle waren schon von Bord gegangen. Ich musste mich beeilen. Wir schrieben den 15. November 1742. Und unser Schiff hatte Segel, wie es sich gehörte. Es war wohl alles nur ein Traum gewesen. Jetzt bin ich endlich in Gottes eigenem Land angekommen.

Heinrich Melchior Mühlenberg

Dest. Prediger nach Philadelphia

 

 

Wer wissen will, wie die Geschichte von Heinrich Melchior Mühlenberg weitergeht, dem sei folgendes Buch zur Lektüre empfohlen:

Eberhard Görner: In Gottes eigenem Land. Heinrich Melchior Mühlenberg – der Vater des amerikanischen Luthertums. Historischer Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2011.

ISBN 978-3-89812-766-0

 

Vorankündigung

Am Donnerstag, dem 20. Dezember 2012 lesen Prof. Eberhard Görner und Häuptling Gojko Mitić in der Stadtbibliothek Chemnitz, Moritzstraße 20, aus diesem Buch. Beginn: 19.00 Uhr

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