Reportagen

Peter Kerschgens: Der Kopf des Archivs

Die Nachricht von der Einstellung der Brockhaus-Enzyklopädie, die vor zwei oder drei Wochen durch die Zeitungen rauschte, bewegte noch einmal die Minderheit, die sich heute noch den Luxus des eigenen Nachdenkens gönnt. Einige Kommentatoren stellten fest, dass die Jugend schon lange nur noch digitale Enzyklopädien verwende, an denen auf »demokratische« Weise jeder mitschreiben könne. (In der Tat sind solche Internet-Lexika bei Schülern heute sehr beliebt. Vielleicht, weil sie sich mit »Schubladen-Wissen« begnügen?) Hinweisen auf solche Praktiken fehlten wiederum nicht bei den Warnern, die das Ende der Brockhaus-Enzyklopädie als Indiz für den bereits einsetzenden kulturellen Niedergang und eine allgemeine Verblödung werteten.

Klaus Walther verwies in der Chemnitzer Freien Presse darauf, dass die Internet-Enzyklopädien nicht wirklich zuverlässig seien, und dass uns der Duden als seriöses Nachschlagewerk der Wortbedeutung bleibe. In der Tat kann wohl die beste und umfangreichste Enzyklopädie nicht den eigenen Anspruch erfüllen, mit der Entwicklung der Wirklichkeit Schritt zu halten. Wenn man das Werk auf viele Bände ausdehnt, dann wird die notwendige Überarbeitung immer schwieriger. Es nützt auch wenig, wenn die Enzyklopädisten in den Vorworten betonen, dass sie keine Vollständigkeit beabsichtigen und sich auf das »Wesentliche« beschränkten. Das Problem liegt an einer anderen Stelle. Wissen wird hier nach einer allgemeinen Vorstellung der mathematischen Logik erfasst: als Klasse gemeinsamer Merkmale. Nach dem Muster der Schmetterlingsjäger wird hier Wissen in Schubladen geordnet. Die Präsentation erfolgt nach den Buchstaben des Alphabets. Kann uns aber starres Schubladenwissen helfen Zusammenhänge und Entwicklung zu begreifen? Warum sollen ausgerechnet die Buchstaben des Alphabets der rote Faden unseres Wissens sein? Vermitteln Enzyklopädien nicht eher eine Illusion von einem sicheren Wissen? Sind Enzyklopädien nicht vielleicht der untaugliche Versuch etwas festzuhalten, was sich in Entwicklung und Veränderung befindet? Mein Chef zitierte an solchen Stellen immer Johann Gottfried Herder, der das Anliegen der französischen Enzyklopädisten, mit den Worten kommentierte: wenn die Leute anfangen Enzyklopädien zu schreiben, dann sei sowieso schon alles zu spät.

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Peter Kerschgens könnte auch eine »ultimative Enzyklopädie« schreiben, er macht es aber nicht. Statt dessen legte er ein Kunstarchiv an. Was heißt hier Archiv? Er sammelt unablässig, ordnet, stellt Querverbindungen her, verwirft frühere Ansätze, korrigiert, stellt um und ordnet neu. Er kann seinen Horizont ständig erweitern. Er bezeichnet sein Anliegen selbst als »Arbeit im Fortschreiten«.

Besucht man Peter Kerschgens, so kommt das Gespräch unweigerlich auf Bildende Kunst. Das ist sein Metier. Davon ist er so fasziniert, dass er zwei Häuser prall gefüllt mit Dokumenten aus allen Bereichen der Bildenden Kunst sein Eigen nennt. Da stehen tausende Ausstellungskataloge wohlgeordnet in Räumen mit Regalen entlang der Wände. Hier und da entdeckt man beim Rundgang durch das Archivhaus auf Tischen und am Boden Bücherstapel und Kartons mit vorsortierten Einladungskarten, Faltblättern, Pressetexten und Ausstellungsplakaten. Alles hat P. K. durchgestöbert, angesehen, zugeordnet und abgelegt. So ist er in der Lage umgehend etwas zu holen, vorzulegen und Zusammenhänge herzustellen. Der Mann ist ein wandelndes Lexikon in seinem Bereich: der Bildenden Kunst und der Welt der Künstler. P. K. saugt täglich neue Informationen rund um die Kunst auf. Das ist seine geistige Nahrung,  ohne diese kann er nicht leben. Ein Tag ohne Nachrichten aus der Kunstwelt. Undenkbar!

Seit seiner Gründung im Jahre 1975 hatte sein Archiv verschiedene Standorte. Nun ist es in zwei Häusern mit 17 Räumen unterschiedlicher Größe untergebracht. Die genutzte Gesamtfläche beträgt insgesamt ca. 350 qm.

Seit mittlerweile mehr als 40 Jahren bewegt sich der Sammler unaufhörlich in rheinischen Ateliers, Galerien und an anderen Ausstellungsorten. Sein Netzwerk ist sorgsam aufgebaut, gut gepflegt, weit verzweigt und absolut zuverlässig. Nur so konnte es zu einer Informationsflut von diesem ungeheuerlichen Ausmaß kommen, die sich im Archiv wohl geordnet dem Besucher präsentiert. Alles ist auch ohne Computer für den Sammler in wenigen Minuten abrufbar. Dieser Mann ist ein Phänomen. Leise und kontinuierlich arbeitet er an seiner Materie. Seine Person und sein Archiv, die unweigerlich zusammen gehören, sind in der Kunstszene weit bekannt und wohl geschätzt. Dies ist kein Wunder zumal der Archivar auch jenseits des Mainstream äußerst aktiv ist. So finden sich in seinen dichten Beständen, ordentlich sortiert in maßgefertigten Kartons, reichlich Informationen zu noch wenig bekannten oder bereits vergessenen KünstlerInnen aus dem 20./21. Jahrhundert. Kerschgens geht es vorrangig um das Retten von künstlerischen Energien. Sein erklärtes Ziel ist es, einen wohl einmaligen Informationsfundus zusammenzutragen, zu verdichten und zu bearbeiten. Kunsthistorisch betrachtet ist dies die Archäologie der Jetztzeit.

Um seinem Vorhaben eine adäquate Plattform zu bieten, ist das Kunstarchiv Kerschgens seit knapp zwei Jahren mit einer ausladenden Präsentation unter www.kunst-archiv-peter-kerschgens.de im Internet vertreten. Beim Besuch dieser Seite kann man die Räumlichkeiten des Archivs bewundern. Durch das exemplarische Vorstellen einzelner Sammelgebiete erschließt sich unweigerlich die Struktur des Archivs. So dringt man immer tiefer in den Kerschgens-Kosmos ein. Hunderte von Fotos aus der Kunstszene der siebziger/achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts – als Kerschgens noch aktiv mit der Kamera unterwegs war – sind der lebendige Beweis eines Lebens mit Kunst und Künstlern. Seit einigen Jahren hat der Dokumentarist das Fotografieren mit einer digitalen Kamera wieder aktiviert. Festgehalten werden so Künstler in ihren Ateliers und viele Besucher des Archivs. Da spürt man unweigerlich, wie umtriebig Peter Kerschgens ist. Die Nähe der Künstler liegt ihm am Herzen. Er möchte mit ihnen zusammen sein. Deshalb organisiert er jährliche Symposien mit ZeichnerInnen. Dann ist er in seinem Element, bewirtet die Künstler und bereitet in der Küche Hausmannskost, Kaffee, Tee und Kuchen zu, während die KünstlerInnen in ihren temporären Ateliers dem Zeichnen frönen. Neuerdings empfangen Peter Kerschgens und seine Frau – die Künstlerin Astrid Karuna-Feuser – in ihrem Haus, abseits der Hektik der Großstadt regelmäßig ZeichnerInnen als »artist in residence«. Für die eingeladenen Künstler bietet sich so, eine Gelegenheit, sich für einige Zeit den häuslichen Alltagspflichten zu entziehen, sich ganz ins Zeichnen zu vertiefen und sich in der Bibliothek über andere Künstler zu informieren. So sind die Anstöße vielfältig und der Aufenthalt im Hause des Sammlers wird zum unvergesslichen Erlebnis.

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Abschließend einige Zahlen zum Bestand:

ca. 310.000 Ausstellungseinladungen, Faltblätter und Pressetexte

ca. 90.000 Zeitungsberichte

ca. 40.000 Ausstellungskataloge und Kunstbücher

ca. 1.000 Kunstmagazine

ca. 6.000 Ausstellungsplakate

ca. 600 Künstlerbücher

ca. 300 Künstlerplakate

ca. 300 CD-Roms

ca. 5.000 analoge Fotografien

ca. 6.000 digitale Fotos,

sowie andere Materialien rund um die Bildende Kunst

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Foto: Der Kunstsammler Peter Kerschgens im Gespräch mit dem Krefelder Künstler und Vorsitzenden des Vereins der großen Düsseldorfer Kunstausstellung Axel Vater (links) auf der Huntenkunst-Messe 2007  in den Niederlanden.

 

Den größten Teil seiner Sammlung hat Peter Kerschgens mit Taschen, Rucksäcken und Beuteln aus den rheinischen Kunstmetropolen Köln/Düsseldorf und aus anderen Kunststädten mit dem Zug nach Hause geschleppt. Aber er erhält auch Unterstützung von befreundeten Künstlern und Sammlern. Das sind viele Tonnen bedruckten Papiers aus dem Kunstkosmos. Aber ohne den Kopf Peter Kerschgens wäre das tonnenschwere Archiv wohl nicht zusammen-denkbar. »Archiv« ist wirklich untertrieben. Eigentlich betreibt Peter Kerschgens ein Unternehmen zur Vergegenwärtigung und Erneuerung von Tradition. Anders als traditionelle Museen oder Archive beschränkt er sich nicht auf Bewahrung. Aber gerade weil er gleichzeitig an der Erneuerung arbeitet, kann er auch bewahren.

Das klingt paradox. Ist aber gar nicht anders möglich. Das wusste schon Johann Gottfried Herder. (Damit mein Chef zufrieden ist. Er kritisierte meinen letzten Artikel, weil nicht ein Mal Herder zitiert worden sei …)

Es sind wohl Sammler und Liebhaber wie Peter Kerschgens, bei denen heute Kunstwerke oder Bücher am besten aufgehoben sind.

Johannes Eichenthal 

 

Information

www.kunst-archiv-peter-kerschgens.de 

 

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