Reportagen

Das Rüstungskommando Chemnitz

Am Abend des 16. Oktober 2013 begrüßte Dr. Stephan Pfalzer die beiden Autoren Jens Hummel und Dr. Andreas Eichler zu einem Vortrag über das Rüstungskommando Chemnitz im Saal des Chemnitzer Stadtarchives.

Eichler erläuterte, dass Jens Hummel und er seit einigen Jahren im Historiker-Arbeitskreis des Heimatvereines Niederfrohna e.V. zusammenarbeiten. Der Kreis aus Vertretern von Heimat- und Geschichtsvereinen der Region existiere seit 1993. Neben anderen Themen habe eine Sozialgeschichte der Region zwischen 1939 und 1960 eine Rolle gespielt. In diesem Zusammenhang sei auch die vorliegende Broschüre »Verlagerter Krieg« 2011 erschienen. Man habe drei Jahre an dieser Publikation gearbeitet. Das sei nicht durch das zunehmende Alter der Autoren bedingt gewesen. Die Thematik war so kompliziert. Während des Zweiten Weltkrieges habe man eine strikte Geheimhaltung erzwungen. Im Gegensatz zu großen Konzernen, die mit dem Aktiengesellschafts-Status immer auch internationale Akteure waren, seien die mittelständigen Unternehmen an ihren Standort gebunden gewesen. Schritt für Schritt habe man die gesamte zivile Produktion der mittelständigen Textilmaschinenbauer, der Textil- und Papierherstellung zur Herstellung von Rüstungsgütern gezwungen. Im Weigerungsfall sei der Firmeninhaber durch einen kommissarischen Leiter ersetzt worden. Fälle von Inhaftierungen und angedrohten Erschießungen sind dokumentiert.
Nach Kriegsende wurden in Sachsen 1945 zahlreiche mittelständige Unternehmen mit der Begründung der Rüstungsproduktion enteignet. Im Nachhinein führte man 1946 einen Volksentscheid mit der Frage durch: sind Sie für die Enteignung von Nazi- und Kriegsverbrechern?
Die Enteignung von mittelständischen Unternehmen durch die KPD/SED, die zur Rüstungsproduktion gezwungen wurden, sei auch nach marxistischen Maßstäben Sektierertum gewesen. Herbert Wehner habe argumentiert, dass Walter Ulbricht weder Lenin gelesen noch verstanden habe. Zudem habe man gegen den eigenen gesamtdeutschen Verfassungsentwurf, der ab 1949 als DDR-Verfassung in Kraft trat, und der die Existenz aller Eigentumsformen außer Monopolen garantierte, verstoßen.
Der Historikerkreis, so Eichler, sei sich bewusst geworden, dass man mit historischer Wissenschaft keinen Sinn stiften könne. Wenn man das versuche, so werde es Ideologie. Die Wissenschaft könne im besten Fall herausfinden, was gewesen ist. Sinn könne in unserer Welt ohne Sinn nur der Glaube stiften.
Zur Untersuchung von Jens Hummel sagte Eichler, dass der junge Mann, Preisträger des Landespreis der Sächsischen Heimatgeschichte von 2011 mit einer Arbeit zur Geschichte von Glauchau, mit der Einbeziehung der Kodierungsbücher, die er im militärhistorischen Archiv Freiburg fand, zur Versachlichung der Diskussion über Rüstungsproduktion von Unternehmen beitrug. Es sei nachvollziehbar, wer, wann, was und auf welcher Grundlage produziert habe. Damit werde eine Differenzierung der Beurteilung mittelständiger Zulieferer im Zweiten Weltkrieg möglich. Diese Leistung Hummels sei nicht hoch genug einzuschätzen.

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Jens Hummel leitete seinen Vortrag zum Rüstungskommando Chemnitz mit der Feststellung ein, dass Sachsen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund seiner Grenznähe kein ausgewiesener Standort für Rüstungsindustrie gewesen sei. In dieser Zeit durfte Deutschland nur in von den Siegermächten genehmigten Standorten Rüstungsgüter herstellen. Bereits in jener Zeit führte man in Deutschland ein Codierungssystem für Rüstungsgüter her. Die Kennzeichnung listete zunächst die genehmigten Rüstungsbetriebe auf. Die in von den Alliierten nicht genehmigten Unternehmen hergestellten Güter wurden mit Zusatzzeichen zu den bekannten Codes versehen. Man wollte somit den Eindruck erwecken, diese seien an genehmigten Standorten produziert worden.
Nach der Machtübernahme durch die NSDAP wurden die Beschränkungen der Siegermächte des Ersten Weltkrieges zu den Akten gelegt und in ganz Deutschland sofort große Bau- und Aufrüstungsprogramme in Angriff genommen.
Die zunehmende Rüstungsproduktion habe eine koordinierende Dienststellen als Bindeglied zwischen Militär und Wirtschaft notwendig gemacht.
Zum 01.04.1935 erfolgte eine vom Reichswehrminister angeordnete Neuorganisation der Wehrwirtschaft. Es entstanden auf Wehrkreisebene die Wehrwirtschaftsinspektionen, welchen die Wehrwirtschaftsstellen als regionale ausführende Dienststellen nachgeordnet waren.
Am 22.11.1939 wurden die Wehrwirtschaftsinspektionen in Rüstungsinspektionen und die Wehrwirtschaftsstellen in Rüstungskommandos (Rükdo) umbenannt.
Die räumliche Zuständigkeit der Wehrwirtschaftsinspektionen bzw. Rüstungsinspektionen entsprach anfangs den Wehrkreisen. Für Sachsen und das Sudetengebiet war die Rüstungsinspektion IV Dresden verantwortlich. 1942/43 wurden die Gebietseinteilungen der Rüstungsinspektionen den Gaueinteilungen der NSDAP angeglichen. Dadurch machte sich bei einigen der Rüstungsinspektionen, so auch bei der Dresdner, eine Teilung des Zuständigkeitsbereichs notwendig. Nunmehr gab es die Rüstungsinspektion IVa Dresden und die Rüstungsinspektion IVb Reichenberg.
Der Rüstungsinspektion IVa Dresden unterstanden drei Rüstungskommandos mit entsprechender regionaler Zuständigkeit. Dies waren das Rükdo Dresden, das Rükdo Leipzig und das für Westsachsen verantwortliche Rüstungskommando Chemnitz.
Das Rüstungskommando Chemnitz war für den Raum Westsachsen die ausführende Dienststelle des Rüstungsinspekteurs in Dresden und nahm in ihrem Zuständigkeitsbereich wehrwirtschaftliche Aufgaben war. Zu diesen Aufgaben zählten z.B. die Mobilmachung der Rüstungsbetriebe, die Zuteilung von Arbeitskräften und Produktionsmitteln je nach Priorität der Rüstungsaufträge, die Betreuung der laufenden Fertigung und die Kontrolle von Luftschutz- und Werkssicherheitsmaßnahmen in den Betrieben.
Das Rüstungskommando Chemnitz war in verschiedene Fachgruppen untergliedert.
Es bestand aus einer Zentralgruppe, die sich wiederum aus
Gruppe 1a  für Führungsangelegenheiten des Rükdos sowie Personalbewirtschaftung der Rüstungsbetriebe,
Gruppe 1b für Transportangelegenheiten wie Kraftfahrzeuge, Kraftstoffe usw.,
Gruppe 1c  für Abwehrangelegenheiten (Werkschutz, Beschäftigung von Kriegsgefangenen und Ausländern) und der
Gruppe 1 Wi  für Rechtsfragen zusammensetzte.

Neben dieser Zentralgruppe bestand noch die Gruppe 2 für den inneren Dienst (Adjudantur), die Gruppe 3 für technische Angelegenheiten der Betriebe (Energie, Maschinen, Bauvorhaben usw.) sowie die Gruppen Heer und Marine für die Betreuung der Unternehmen mit entsprechender Fertigung. Als letzte nahm im September 1940 noch die neu eingerichtete Gruppe Luftwaffe ihre Tätigkeit auf.
Dienststellenleiter und Kommandeur des Rüstungsbereichs war seit Februar 1938 Major Paul Spangenberg, welcher ab 01.06.1940 zum Oberstleutnant und mit Wirkung vom 01.04.1942 zum Oberst befördert wurde.
Das Rüstungskommando hatte seinen Sitz in Chemnitz in der Bahnhofstraße 2. Doch nach der allgemeinen Mobilmachung Ende August 1939, bei der auch der Mannschaftsbestand dieser Dienststelle durch zusätzliches Personal wie Fahrer und Schreibkräfte ergänzt wurde, reichten die Räumlichkeiten nicht mehr aus. Die Gruppen Heer und Marine bezogen als Erweiterungsunterkunft vorerst Räume im Carola-Hotel.
Im September 1940 erfolgt der Umzug in eine neue Dienststelle. In den Gebäuden Am Hauptbahnhof 7 und 9 waren nun alle Gruppen des Rüstungskommandos wieder vereint und auch die neu eingerichtete Gruppe Luftwaffe nahm dort die Arbeit auf.
Zu den Aufgaben der beschäftigten Offiziere und Angestellten gehörten auch Besuche in den Rüstungsbetrieben, deren Anzahl stetig zunahm. Um dem gerecht zu werden, auch vor dem Hintergrund der sehr stark eingeschränkten Kraftstoffzuteilung für die Heimatdienststellen, wurden zwei Außenstellen des Rüstungskommandos geschaffen. Ab Dezember 1941 bestand eine Außenstelle in Aue, die zweite gab es ab April 1942 in der Stadt Plauen.
Im Januar 1943 ergab sich noch einmal eine Änderung im Zuständigkeitsbereich. Die Betreuung des Kreises Freiberg ging in diesem Monat vom Rüstungskommando Chemnitz auf das Rüstungskommando Dresden über.
Die Rüstungskommandos unterstanden als kleinste ausführende Dienststelle dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition (ab 9/1942 Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion). In den Rüstungskommandos waren Offiziere der Teilstreitkräfte, Fachpersonal wie Ingenieure sowie Sekretärinnen und Fahrer beschäftigt. Die Anzahl der Mitarbeiter im Rüstungskommando Chemnitz hatte sich von ca. 50 Personen im Jahr 1939 auf über 80 Personen in den Folgejahren erhöht.
Das Rüstungskommando war die koordinierende und betreuende Dienststelle für alle Unternehmen, welche Aufträge für die Teilstreitkräfte der Wehrmacht ausführten.

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Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm die Anzahl der Kriegsmaterial produzierenden Betriebe stetig weiter zu. Ab 1943 begann man auch in großem Umfang kriegswichtige Betriebe in das weniger luftkriegsgefährdete Sachsen zu verlagern. All dies brachte dem Rüstungskommando Chemnitz stets weitere Aufgaben ein.
Die bedeutendsten Rüstungsbetriebe in Westsachsen waren die »Vomag«, die Vogtländische Maschinenfabrik in Plauen in welcher u.a. Kettenfahrzeuge wie Panzerkampfwagen, Panzerjäger und der Raupenschlepper Ost gefertigt wurden und die Werke der Auto-Union AG z.B. in Chemnitz und Zwickau. In den Auto-Union Werken wurden neben Kübelwagen, Motorrädern und LKW für die Wehrmacht auch Raupenschlepper Ost, Torpedos und Panzermotoren gefertigt. Diesen Großbetrieben galt natürlich das besondere Interesse der Offiziere und Angestellten des Rüstungskommandos.
Doch die Rüstungsindustrie war ein so komplexes Thema, dass sich unberücksichtigt gebliebene Kleinigkeiten oft über Zulieferverhältnisse im großen Rahmen negativ auswirkten.
Ab dem Jahr 1943 wurden Aufgrund des Erlasses über die Verlegung kriegswichtiger Betriebe und Betriebsteile vom 26.08.1943 zunehmend Unternehmen nach Westsachsen in den Rüstungsbereich Chemnitz verlagert. Auch die Lösung der damit verbundenen Probleme wie Bereitstellung von Transportkapazitäten, Energieversorgung usw. viel in den Zuständigkeitsbereich des Rüstungskommando Chemnitz.
Selbst nach Abschluss der unter erheblichem Zeitdruck durchgeführten Verlegungen machten sich oft noch Probleme bemerkbar. Die Aufnahmekapazität der vorgesehenen Aufnahmebetriebe war aufgrund der relativ geringen Größe vieler in Frage kommender Firmen begrenzt. So konnte oft nur die Produktion kleinerer Baugruppen in einzelne Betriebe verlegt werden oder es wurden mehrere Unternehmen von einem Rüstungsbetrieb belegt.
Die Betriebsverlagerungen hatten die Probleme innerhalb des Rüstungsbereichs Chemnitz noch verschärft. Die knappen Ressourcen an Energie, Gas, Kohle usw. mussten nun auch für diese Unternehmen noch zusätzlich bereitgestellt werden.
Dabei kümmerte sich das Rüstungskommando auch noch um zusätzliche Probleme, welche nicht direkt in ihren Aufgabenbereich vielen. So hatte sich z.B. schon Anfang 1942 ein Eingreifen bei der Chemnitzer Straßenbahn notwendig gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war der Waggonausfall so hoch, dass sich das Rüstungskommando zum Eingreifen veranlasst sah um eine reibungslose Anfahrt der Chemnitzer Rüstungsarbeiter in ihre Betriebe zu gewährleisten.
1943/44 waren die Jahre der höchsten Produktionszahlen. In einer Vielzahl von Sonderprogrammen setzte man letzte Reserven ein, oft ohne die mittelfristigen Folgen zu bedenken. Durch äußerste Konzentration der Mittel für die Kriegswirtschaft konnte der monatliche Ausstoß 1944 trotz der enormen Probleme in allen Bereichen erheblich gesteigert werden. Andere Bereiche der Industrie standen nach fünf Jahren Kriegswirtschaft äußerst schlecht da. So war die Lage für die ehemals dominierende Textilindustrie durch Entzug von Arbeitskräften und Betriebsstilllegungen dramatisch geworden.
Alle für die Rüstung relevanten Unternehmen produzierten auf Hochtouren. Fast alle noch bestehenden Betriebe waren 1944 direkt oder indirekt in die Rüstungsproduktion eingebunden. Oft mussten die Unternehmen Sonderaktionen durchführen. So sollte z.B. die Sächsische Textilmaschinenfabrik, vorm. Richard Hartmann AG, Chemnitz im Rahmen der „Gewaltaktion Stamm“ ihre Produktion von 15 cm Nb.W. 41 um ein Vielfaches steigern. Die monatliche Ausbringung von 36 Stück sollte auf 400 Stück erhöht werden.
Im Jahr 1944 wurde auch den Unternehmen, welche in die V-Waffenproduktion eingebunden waren, besondere Aufmerksamkeit zu teil. Auch hier sollten die eingeforderten Produktionssteigerungen um jeden Preis erreicht werden.
Die Spur des Rüstungskommandos Chemnitz verliert sich im letzten Quartal des Jahres 1944. Ab Oktober 1944 sind keine Unterlagen dieser Dienststelle mehr erhalten.
Jens Hummel ging ausführlich auf die Entwicklung der Codierungssysteme ein. Am Beispiel von Rüstungsgütern, die bei der Firma Elite-Diamant hergestellt wurden, veranschaulichte er die Veränderung in den Buchstaben- und Zahlencodes.
Zugleich machte er den enormen Aufwand deutlich, der mit der versuchten Geheimhaltung der Produktion verbunden war. Neben der Codierung seien auch »Briefkastenfirmen« mit erfundenen Adressen angelegt worden. Alle Beteiligten wurden zur Geheimhaltung gezwungen. Die Nichtbefolgung von Anweisungen durch die Rüstungskommandos durch die Eigentümer mittelständiger Unternehmen sei mit dem Kriegsverlauf immer strenger bestraft worden.
Jens Hummel ging auch ausführlich auf den Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern, wie auch von KZ-Häftlingen ein. Er thematisierte auch den Einsatz von Krankenhaus-, Lazarett- und Gefängnisinsassen für die Rüstungsproduktion.

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In der sachkundigen Diskussion unter Moderation von Dr. Stephan Pfalzer wurde nach Details gefragt und trotz der von Hummel praktizierten Differenzierung in Sachen Arbeitskräfte weiterer Differenzierungsbedarf festgestellt. Das heißt: zu diesem Thema wurden bislang zu wenig geforscht.
Die Veranstaltung in Chemnitz war ein Ereignis. Die Freie-Presse Lokalausgabe von Schwarzenberg vom 18.11.2011 bescheinigte Jens Hummel in einer ausführlichen Buchbesprechung einen neuen Forschungsstand. Dergleichen war in Chemnitz noch nicht zu lesen gewesen. Es ist dem Stadtarchiv Chemnitz zu verdanken, dass das Thema Rüstungskommando Chemnitz nun auch in Chemnitz angekommen ist.
Johannes Eichenthal

Information

Verlagerter Krieg. Umstellung der Industrie auf Rüstungsproduktion im Bereich des Rüstungskommandos Chemnitz während des Zweiten Weltkriegs.

Mironde-Verlag 2011. 14,9 x 21 cm, 112 S., Brosch. 9,50 €,  ISBN 978-3-937654-68-3

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