Reportagen

Lessing und die Zensur

 

Der Abend des 19. Februar war vom Nachscheinen des Vorfrühlingstages erfüllt. Die Landschaft am Rande der Autobahn versank langsam im Dunkel. Nach der Abfahrt über Landstraßen. Dann taucht endlich, wie auf einem Berg, Kamenz vor uns auf. Die Fenster des Röhrmeisterhauses neben Bibliothek und Lessingmuseum leuchten hell. Das Licht lässt Aufklärung erhoffen, zumal in diesen Tagen mehrere Veranstaltungen an den großen Sohn der Stadt, Gotthold Ephraim Lessing erinnerten.

 

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Foto: das Kamenzer Lessing-Denkmal, rechts das Röhrmeisterhaus

Horst Strebe aus Braunschweig, Autor einer Publikation der Lessing-Akademie in Wolfenbüttel, wollte an diesem Abend die Erinnerung an Lessing aus der Unbestimmtheit entreißen und in konkrete Worte fassen: »Lessing und die Zensur« war das Thema.

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Foto: Horst Strebe bei seinem Vortrag

Er knüpfte an Erfahrungen Lessings an und leitete dann zu einer allgemeinen Erläuterung über. Im 18. Jahrhundert ging die Zensur im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation von der Kirche auf den Kaiser über. Die Zensoren waren fortan keine Theologen mehr sondern Juristen. Doch religiöse Belange spielten nach wie vor eine große Rolle beim Verbot von Textstellen, Texten oder Büchern.
Die extremste Form der Zensur sei die »Bücherhinrichtung« durch den Henker gewesen, also eine Verbrennung, eine physische Vernichtung des Buches. Doch die Aufnahme auf den Index verbotener Bücher wirkte zugleich verstärkend als Leseempfehlung. Die Nachfrage nach dem Index stieg. So kam es, fügte Strebe an, dass die Liste verbotener Bücher zeitweise selbst auf den Index kam.
Lessing sei der Meinung gewesen, dass das, was gedruckt wurde, nicht wieder vernichtet werden dürfe. Zensur aus »Religionsgründen« war Lessing besonders unverständlich. Es sei nicht bekannt, dass Diskussionen um Religionsdinge jemals Unheil gestiftet hätten. Zudem sei für Lessing das Streben nach Wahrheit höher einzuschätzen als die Illusion des Besitzes der Wahrheit. Endgültige Wahrheiten könne der Mensch nicht erfassen.
Lessing habe grundsätzlich jede Art von Zensur verurteilt. Zugleich vermochte er aber, sich auf jede Art von Zensur einzustellen. Strebe fügte an, dass die Theaterzensur strenger gehandhabt wurde als die Buchzensur. In den »Freimaurergesprächen« habe Lessing auch darüber geschrieben, dass man manches besser verschweige. Lessing habe also auch die Belange der Zensur berücksichtigt.
Die Aufklärer, so Strebe, kamen aber auch selbst in die Rolle eines Zensors. So habe Lessing als Dramaturg, in seinem Bemühen um ein bürgerliches Theater, auch zensierend gewirkt. Lessing argumentierte damit, dass es ja ein neues, gutes, besseres Theater werden sollte.
Zudem habe Lessing auch als Zensor und Korrektor einer von Friedrich Nicolai herausgegebenen Zeitschrift gearbeitet. Friedrich Gottlob Klopstock habe dem Wiener Hof Lessing als eine Art von Generalzensor für das Theaterwesen vorgeschlagen.

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Lessing habe aber schließlich einen großen Konflikt mit der Zensur erleben müssen. Ursache war die Veröffentlichung der so genannten »Reimarus-Fragmente«. Diese Fragmente waren dem Herzoglich-Braunschweigischen Bibliothekar Lessing von den Kindern des Hamburger Gymnasial-Professors Reimarus, mit der ausdrücklichen Bitte zur Nichtveröffentlichung übergeben worden. Die Fragmente enthalten eine rationalistische Kritik der Biblischen Überlieferung. Gegen eine simple Ideologisierung des Glaubens versuchte Reimarus Widersprüche, Unstimmigkeiten und offensichtliche Fehler der Überlieferung herauszustellen.
Diese Sichtweise war nicht die von Lessing. Dennoch wollte er die Fragmente veröffentlichen. Viele gute Freunde rieten ihm davon ab. Lessing schlug den guten Rat in den Wind. Ohne den Herzog, der Lessing von der Zensur befreite, oder auch die Familie Reimarus zu informieren, veröffentlichte Lessing die Fragmente in einer Schriftenreihe der Bibliothek. Er bemühte sich die »Fragmente eines Ungenannten« in eine mysteriöse Entdeckungsgeschichte einzubinden, die sich heute noch literarisch modern liest. Lessing habe sich durch die Veröffentlichung der Fragmente eine Verständigung zwischen den Neologen und den Text-Dogmatikern erhofft. Die Wirkung war aber ganz anders. Lessings Hauptfeind, ein Hamburger Pastor, setzte zu erbarmungsloser Polemik an. Der Herzog ließ die Drucke beschlagnahmen, entzog Lessing die Zensurbefreiung und verbot ihm die Polemik. Lessing vereinsamte in der Folge der Auseinandersetzung um die Fragmente. Viele Freunde trennten sich von ihm. Diese Katastrophe wirkte, so Strebe, bis zu Lessings kaum besuchter Beerdigung.
Der Referent legte ausführlich die Verteidigungsstrategie Lessings, der mit dem juristischen Begriff der »Billigkeit« operierte, dar. Doch trotz der professionellen Verteidigung konnte Lessing an der Sachlage nichts ändern. Nach einer Frist gab der Herzog Lessing alle beschlagnahmten Drucke zurück und beschützte ihn auch vor dem Verdikt protestantischer Geistlicher, beauftragte Lessing sogar mit einem Gutachten in »Religionssachen«.
»Nathan der Weise« sei nicht als direkte Folg des Fragmenten-Streites entstanden. Lessing habe schon länger an dem Stoff gearbeitet. Das Theaterstück wäre im Extremfall auch ohne die bitteren Erfahrungen im Fragmentenstreit geschrieben worden. Der Referent fügte an, dass der »Nathan« seinerzeit in Wien auf den Index gesetzt wurde. Auch in Sachsen habe es solche Versuche gegeben.
Abschließend spannte der Referent den Bogen bis in die Gegenwart. Damit kam er wieder an seinem Ausgangspunkt an. Horst Strebe hatte seinen Vortrag unter ein Wort von Kurt Tucholsky gestellt: »In der Schweiz gibt es keine Zensur – aber sie funktioniert.«

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Kommentar
Wir erlebten einen vorbildlich nüchternen wissenschaftlichen Vortrag. Der Referent reflektierte die Thematik sehr gründlich und mit einem gewissen Humor. Es schloss sich auch eine kleine Diskussion an.
Die Thematik hätte vielleicht noch differenzierter erschlossen werden können, wenn der Referent die Diskussion von Lessings-Grundsatzpositionen mit wichtigen Zeitgenossen und umgekehrt eingeschlossen hätte. Vielleicht sogar den Briefwechsel.
So war es dem heutigen Zuhörer schwer vorzustellen, dass Lessing ein Jünger der Vernunft war, jedoch eine Gottesvorstellung hatte. Strebe versuchte das Religiöse bei Lessing, im Unterschied zur Vernunft, als »Gefühl« zu bezeichnen. Im strengen Sinne ist das »Ge-Fühl«, wie Herder es schrieb, seit Leibniz ein Moment der Vernunft. Vernunft wurde von Leibniz als innerer Zusammenhang unserer Sinne gefasst. Ge-Fühl ist der Tastsinn. Wenn Lessing also von einem »religiösen Gefühl« spricht, dann meint er noch etwas anderes als die Vernunft.
Aus heutiger Sicht taucht dann die Frage auf: war Lessing ein Atheist oder ein Gläubiger? Ursprünglich war der diffamierende Ausdruck »Ungläubiger« von selbst ernannten »Rechtgläubigen« eingeführt worden. Wir haben den rechten Glauben und die anderen sind ohne Glauben. Im 19. Jahrhundert wurde der ursprünglich abwertende Ausdruck »Atheist« als Antwort auf zunehmende Ideologisierung des Glaubens von Kirchenkritikern als Eigenbezeichnung aufgenommen. Die eine Einseitigkeit wurde durch eine andere ersetzt. Für das Leben taugen weder der Ausdruck »Rechtgläubigkeit« noch »Atheismus«.
Für jeden Menschen ist ein anderer Glaube der rechte und Menschen ohne Glauben gibt es nicht.
Doch wie können wir Lessing verstehen? Lessing sah, wie Spinoza und Leibniz, Gott nicht in einer vermenschlichten Gestalt, sondern als Wesen des Universums.
Schon Meister Eckhart hatte um 1300 in deutscher Sprache gepredigt, dass wir Gott nur in der Natur und in uns finden können, weil Gott das immanente Wesen sei.
Also Pantheismus? Im wissenschaftlichen Diskurs wird heute in Bezug auf Spinoza eben nicht mehr der Ausdruck »Pantheismus« verwendet, denn diese Denkweise ist an die griechische Kultur gebunden. Man bezeichnet sein Denken als Immanenzdenken.
Ähnlich könnte man vielleicht Lessing verstehen, dessen Nähe zu Spinoza heute bekannt ist.
Herder hebt an Lessing dessen »Scharfsinn« hervor. In der Tat erörtert Lessing die »Religionsdinge« auf der Grundlage seiner herausragenden Kenntnisse der Aristotelischen Logik. Vielleicht ist er aber zu scharfsinnig? Es wirkt mitunter als ob jemand mit den Mitteln der Scholastik gegen Scholastik kämpft.
Herder brachte Verständnis für die Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente auf, obwohl es ihm, wie er schrieb, nicht leicht fiel. Er führte Lessings Entscheidung auf dessen Streben nach Wahrheit zurück. Es sollten nicht nur unterschiedliche Meinungen »toleriert« werden, sondern Lessing wollte die Diskussion über unterschiedliche Meinungen erzwingen.
Wir erinnern uns, dass Hugh Barr Nisbeth vor einigen Jahren in Kamenz sagte, dass das Wort »Toleranz« im Lessingschen Werk nur drei Mal vorkomme und davon zwei Mal pejorativ gebraucht wird. Toleranz sei Lessing zu wenig gewesen. Er habe immer Gutes tun wollen, praktisch tätig sein. Der Sinn des »Nathan« kann demnach nicht in der Proklamation einer solchen »Toleranz« gesucht werden, sondern im Hinweis darauf, dass alle die verschiedenen Gottesvorstellungen in einem Wesen ihren Grund finden.
Das Immanenzdenken war also eine Stärke Lessings. Mitunter schlagen gerade die Stärken eines Menschen in Schwächen um. Wir kennen alle Lessings Satz aus seinen Fabel-Erörterungen: Das Allgemeine existiert nur in dem Besonderen und kann nur in dem Besonderen anschauend erkannt werden.« Das ist Immanenzdenken.

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Herder zitiert in einem Adrastea-Aufsatz weiter aus Lessings Ausführungen zu Fabeln:
»Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen, diesem besonderen Fall die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel.« Herder fragt darauf: »Wie ist möglich, dass ich einen allgemeinen Satz in einem besondren zur Geschichte gedichteten Fall anschauend erkenne? da dies immer doch nur ein besondrer, dazu erdichteter Fall bleibt, in welchem das Allgemeine einer moralischen Lehre nie anschaubar werden kann?« (Frankfurter Herder Werke Ausgabe in zehn Bänden, Bd 10, S. 242f)
Lessing hatte versucht das Besondere aus dem Allgemeinen abzuleiten, wie in einem Aristotelischen Syllogismus. Herder widerspricht diesem Verfahren.
Die Frage ist, wie wir wirklich darstellen können, dass das Allgemeine nur im Besonderen existiert, dass das Allgemeine, das Universelle, keine separate Existenz hat?
Herder führte in der Einleitung zu den »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« seine genetische Methode an: Er deduziert vom Allgemeinem zum Besonderen und gleichzeitig induziert er vom Besonderen zum Allgemeinen. Am Ende kann Herder ein Annäherung an das Wesen entwickeln, ähnlich dem mathematischen Differenzieren.
Herders literarische und philosophische Entwicklung ist ohne die Auseinandersetzung mit Geistesgrößen wie Gotthold Ephraim Lessing nicht denkbar. Er führte Lessings Ansatz zur Einsicht weiter, dass die Humanität auf zwei Säulen ruhe, der Vernunft und dem Glauben. Dieses Bild aus der Freimauererei (der Tempel mit zwei Säulen) hätte Lessing bestimmt verstanden. Herder gebrauchte diesen Ausdruck aber unseres Wissens nach erstmals in den »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit«, die drei Jahre nach dem Tode Lessings erschien. Für Herder sind Vernunft und Glauben Gegensätze, die sich zugleich bedingen. Vernunft ist zugleich Un-Glaube. Glaube ist Un-Vernunft. Humanität kann aber nur beiden Polen entspringen. Doch das ist schon wieder ein anderes Thema.
Geistesgrößen wie Lessing »wachsen« in Sachsen nicht wie Pilze aus der Erde. Es ist der kleinen Stadt Kamenz um so höher anzurechnen, dass sie das Andenken an ihren großen Sohn pflegt. Gerade der Disput, die Diskussion ist im Lessingschen Sinne. Mit Wehmut denken wir an einstige Diskussionsrunden der Internationalen Lessinggesellschaft in Kamenz zurück. Gewiss, acht oder neun Besucher, die dem Vortrag von Horst Strebe am 19.2.2014 in Kamenz lauschten, sind besser als keine. Doch waren ausschließlich allgemein interessierte Laien erschienen. Der Referent hätte auch eine Diskussion mit Fachleuten verdient gehabt. Gibt es in Sachsen keine Lessing-Kenner mehr? Oder wussten diese nichts von der Veranstaltung?
Johannes Eichenthal

Information
Horst Strebe: Lessing und die Zensur. Wolfenbüttler Vortragsmanuskripte. Heft 11
ISBN 978-3-942675-10-9

www.lessingmuseum.de

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