Reportagen

Wieland in Chemnitz

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Siegfried Arlt, der Vorsitzende der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft, begrüßte am Donnerstag, dem 20. März, dem Beginn des diesjährigen Frühlings, Prof. Dr. Klaus Manger von der Universität Jena zu einem Vortrag über »Wielands Metamorphosen«. In unserer Zeit, die dem Anschein nach allen Ernstes von Tablet-Computern den Ersatz nicht vorhandenen Geistes erwartet, ist allein ein solches Thema schon lobenswert.

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Die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft und einige Gäste warteten gespannt auf den Beginn des Vortrages.

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Professor Manger, Autor zahlreicher Artikel über Christoph Martin Wieland, (5.9.1733–20.1.1813) gemeinsam mit Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma seit 2008 Herausgeber der Historisch-Kritischen Wieland-Werk Ausgabe, der Ossmanstedter Ausgabe, von der bereits zehn Bände erschienen sind, und 29 weitere Bände folgen sollen, und Herausgeber der Wieland-Werkausgabe im Deutschen Klassikerverlag, bestimmte am Anfang »Metamorphosen« mit »Verwandlungen«. Der Referent stellte die rhetorische Frage, ob man die »Verwandlungen« Wielands an seine wechselnden Wohnsitze binden könne, kam aber dann auf »innere Wandlungen«, auf »Schritte seiner Werkentwicklung« und auf den Übergang zum »Nachleben« zu sprechen. Zwischendurch meinte der Referent, dass man die »Verwandlungen« bei Wieland gar nicht ausschöpfen könne. In der Folge stellte er dem Publikum zahlreiche Details der Wielandschen Biographie dar, erwähnte hier den neu gefundenen Namen einer Gaststätte, in der sich Wieland mit Goethe traf, oder dort einen eben veröffentlichten Artikel mit neuen Details.
Christoph Martin Wieland erschien in der Darstellung von Prof. Manger in einer Folge von Superlativen: »Der Erfinder Weimars«, »der größte Dichter seines Zeitalters«, »der Universalkomparatist«, »niemand hat je besser deutsch geschrieben als Wieland« (Friedrich Nietzsche), der Erfinder des Wortes »Weltliteratur« (wenn auch nur handschriftlich, nicht gedruckt), der Ideengeber für die Berufung Herders nach Weimar, bekanntester Autor im Deutschland des 18. Jahrhunderts … und und und …
Das gesunkene Interesse an Wielands Werk führte Prof. Dr. Manger auf die Germanistik des 19. Jahrhunderts und auf die enorme Gelehrsamkeit des Autors zurück (»Wer das humanistische Gymnasium nicht hinter sich hat, dem muss man unheimlich viel erklären …«). Ich fühlte mich für einen Moment »unwürdig« zur Wieland-Lektüre. So kann es gehen, man setzt sich, nichts ahnend, in einen Vortragsraum, und dann das. Mit einem solchen Gymnasium kann ich leider nicht aufwarten. Ist es vielleicht vergebliche Mühe? Hier verlor ich den Faden …

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Als ich aus meinem Traum erwachte, da dankte Siegfried Arlt bereits dem Referenten für seine Vortrag und verabschiedete ihn. Der Vortrag hatte mich zum Träumen gebracht. Wir waren am Abend des 200. Todestages Christoph Martin Wielands an sein Grab im Ilmbogen des Gutes Ossmannstedt gefahren. Die verschneite Parklandschaft und das Werk Wielands verschmelzen in unserer Erinnerung zu einem einzigen schönen Bild. Jeder hat eben einen anderen Zugang zum Werk von Christoph Martin Wieland. Der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft und dem Referenten sei für diese Anregung gedankt.

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Kommentar

Muss man wirklich alle Aspekte eines Textes kennen, um ihn mit Gewinn lesen zu können? Eher nicht. Man muss auch nicht die Logik studiert haben, um denken zu können, meinte Hegel. Einerseits hat gute Dichtung Oberfläche und Tiefe. Man taucht in einen Text ein, muss sich öffnen, seine Vorurteile ablegen. Andererseits ist gute Dichtung an assoziative Sprache gebunden. Jeder wird Wielands Texte daher anders lesen. Heute anders als gestern oder morgen. Letztlich sagt uns die Lektüre eines guten Textes mehr über uns selbst als über den Autor. Die eine, die »gültige« Interpretation, die kann es nicht geben. Jedes Buch findet seinen Leser und jeder Leser findet sein Buch (Klaus Walther). So verschieden die Zugänge zu Wieland, so auch die Lieblings-Werkausgaben. In meinem Buchregal steht die vierbändige Wieland-Ausgabe vom Aufbau-Verlag Berlin und Weimar., 3. Auflage von 1984, Leineneinband, Verkaufspreis 20,– Mark. Bei vielen meiner Freunde findet sich diese Ausgabe auch im Regal und wird immer noch gelesen. Geht es nicht gerade darum?
Johannes Eichenthal

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Literaturhinweis:

Arno Schmidt: »Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!« Über Wieland – Goethe – Herder. Mit einem Essay von Jan Philipp Reemtsma. Reclam Verlag. Stuttgart . ISBN 978-3-15-018979-5

PS. In Chemnitz gibt es noch einen anderen, heute völlig vergessenen Wieland. Kurt Wieland wurde am 3. Februar 1871 in Chemnitz geboren. Er besuchte das Königlich-Sächsische Lehrerseminar in Zschopau. Nach Hilfsslehrertätigkeit in Oberrabenstein und Chemnitz wurde er 1903 fest angestellter Lehrer an der Höheren Mädchenbildungsanstalt Chemnitz (HÖMBA). Er starb am 16. Februar 1931 in Chemnitz. Mehr ist heute von seinem Leben nicht mehr bekannt.
Einige Zeit war in Chemnitz eine Straße nach Kurt Wieland benannt.
Aus der Feder Kurt Wielands ist ein einziges Werk überliefert: Cornelius von Rüxleben – Jägermeister zu Zschopau.
Vor einigen Jahren gaben der Schriftstellerverein Chemnitz-Erzgebirge e.V. und der Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen dieses dramatische Erzählung in der Edition Kammweg des Mironde-Verlages wieder heraus. VP 8,90 ISBN 978-3-937654-39-4
www.mironde.com

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