Reportagen

Finisage Gold-Herbst-Ausstellung in der Galerie Mitte/Dresden

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Am 21. März, einen Tag nach dem Frühlingsanfang des Jahres 2014, trafen sich am Abend Freunde der Kunst zur Finissage einer Gold-Herbst-Ausstellung in der Dresdner Galerie Mitte. Else Gold und Wolfgang E. Herbst, der sich mit Blick auf seine schlesische Herkunft den Beinamen Silesius gab, hatten seit dem 21. Februar Objekte und Collagen bzw. Malerei, Zeichnungen und Holzschnitte ausgestellt.
Mit etwas Wehmut verabschiedeten wir die Ausstellung.

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Karin Weber (li.), die Leiterin der Galerie, eröffnete gemeinsam mit Else Gold die Finissage.

 

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In diesem Raum konnten die Gäste Arbeiten von Else Gold sehen.

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Die Arbeiten von Wolfgang Herbst nahmen mehr Platz ein. Hier ein Querschnitt seiner Vielseitigkeit.

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Ein Selbstporträt von Wolfgang E. Herbst (Ausschnitt). Höhepunkt der Finissage war das gemeinsame Hören der »Testament 75«-CD. Wolfgang E. Herbsts Stimme, die Musikalität seiner Sprache, die Weisheit seiner pointierten Gedanken und die Klänge der Querflöte von Grit Leiteritz beeindruckten die Gäste. Man wurde an die »Poesie & Poesaune« von Günter Saalmann und Helmut »Joe« Sachse erinnert, manchmal auch an Helge Schneider.

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Foto: Dr. Wolfgang Melzer (re.), der Produzent des Hörbuches

Es ist Karin Weber und ihren Mitstreitern nicht hoch genug anzurechnen, Else Gold und Wolfgang E. Herbst in Dresden eine künstlerische Heimat zu stiften. »Fremd« war Wolfgang E. Herbst einst aus Schlesien ausgezogen. Lange dauerte seine Wanderschaft, bis er vor einigen Jahren in Meißen ankam. Die Kulturaktivisten der Galerie Mitte sorgten dafür, dass Wolfgang E. Herbst nicht »fremd« bei uns einzog. Der Künstler ist in Sachsen angekommen. Dafür gilt der Galerie Mitte unser Dank.
Johannes Eichenthal

Wir geben abschließend die Laudatio von Karin Weber auf Else Gold und Wolfgang E. Herbst Silesius vom 20. Februar wieder:
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Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich freue mich sehr, dass sie meiner Einladung gefolgt sind, dem Künstlerpaar Else Gold und Wolfgang E.Herbst Silesius heute ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung zu schenken.
Ich bin beglückt über dieses Ausstellungsensemble, das insgesamt  139 künstlerische Arbeiten zusammenfasst. Es ist unglaublich!
Wolfgang E. Herbst Silesius ist  ein wunderbarer Geschichtenerzähler, er ist ein leidenschaftlicher Mensch, der sich den sinnlichen Genuss zu gestalten mit Empathie zuwendet und diese seine Freude und Lust sind spürbar und übertragen sich auf den Betrachter. Er ist ein sensibler, kritischer Geist auf der Suche nach Harmonie und Klang in den Dingen, der auch Bitterkeit in einen erträglichen Zustand zu fassen vermag. Er weiß, dass die Welt Risse bekommen hat und leidet darunter und setzt dem seine Bildwelt entgegen.
Und so zeigen seine Arbeiten, Malereien auf Leinwand und Pappe, Zeichnungen, Holzschnitte und Aquarelle, Künstlerbücher, Hinterglasbilder und Rohrfederzeichnungen das Auf und Ab von Melancholie und Euphorie, von Himmel und Erde, von hier und da, zeitlich, zeitlos.
Sein Lebensmittelpunkt ist die Kunst des Bildermachens, die Kunst, innere Beunruhigung, Freude, Hoffnung, dieses Sehnen und Träumen, das sich reibt am Außen in einem niemals endenden Kampf einzukreisen, die Sprachlosigkeit zu überwinden mit Formen, Farben, Linien, Flächen, mit Licht und Schatten.
Wolfgang E. Herbst Silesius rollt den Stein des Anstoßes in wahrhaftiger Sysiphosarbeit tagtäglich. Er zeichnet auf, notiert sich alles, was sichtbar ist, um es so einsehbar wie möglich zu machen.  Er macht sich ein Bild von der faßbaren Realität und der kosmischen Weite des Universums und fragt sich, was vom Tage übrig bleibt, erliegt seinen Hoffnungen, beschwört seine Tagträume und bewegt mit innerer Leidenschaft seine Farben, in denen sich Lebenszeit eingeschrieben hat, all die Irrtümer, der ganze Wahnsinn, das Treten und Getretenwerden, mit musikalischem Nachklang und Sprache als Ton, Rhythmus und Laut. Sprache spielt immer eine Rolle, selbst wenn ich denke, da müßte noch etwas Rot hinzu geben, sagte er mir. Er beredet sich, auch mit Zerbrochenem und lässt Hoffnungszeichen aufleuchten. Er spachtelt auf Glas und lässt den Pinsel einem gestischen Impuls folgen, erweckt Linien zum Leben und setzt Farbflächen, lässt Farben aufleuchten in kosmischen Klangbildern und verlöschen, treibt Buchstabenfolgen voran, lässt alles offen, befriedet widerstreitende Kräfte und lässt sich den gesamten Kosmos von Nähe und Ferne ereignen. Alles hängt mit allem zusammen. Das Eine ergibt sich aus dem Anderen. Er arbeitet auf sich selbst zurückgeworfen in seinem Wohnatelier in Meißen im Goldgrund und liebt das Musizieren,  umgeben von Wissen und einem weiten Horizont und bespiegelt sich und die Welt und arbeitet der gegenwärtigen Gedankenlosigkeit entgegen, indem er seine Gedanken manifestiert als künstlerische Notate.  Er ist ein Sinnsucher, der sich nicht manipulieren lässt,  Sein Zentrum, ist ein Reich der inneren Mitte, in dem Geist, Seele und alle Sinne miteinander verwoben sind. Er fand den Mut zur Stille, er fand den Mut still zu stehen und über Farbe und Form nachzudenken, mit ihnen zu philosophieren und zuzulassen, was sich da auf den Bildträgern herauskristallisiert. Malerisch zeichnend umschloss er sein Sehnen, seine unstillbare Freude am Leben, auch leisen Spott, eine undefinierbare Wehmut, eine Heiterkeit, eine Leichtigkeit, einen Anfang und ein Ende und wieder einen Anfang.
Die Arbeiten scheinen den Atem der Vergänglichkeit in sich aufgesogen zu haben und berühren gleichzeitig die Ewigkeit.  Eine Farbe wird oftmals in allen möglichen Nuancen und delikaten Schattierungen durchkomponiert und zuweilen bis zu Schwindel erregender Kostbarkeit gesteigert auch die Bleistiftlinie, die in Schwärzen Landschaftsphänomene so einprägsam beschreibt.
Ein eigenartiger Schwebezustand dominiert die Werke manchmal, den man als Gegenwart diffuser Erinnerungen bezeichnen möchte, die einen Menschen prägen. Wolfgang E. Herbst Silesius ist ein Künstler, der sich keinem Stildiktat unterwarf. Von daher unabhängig und selbst bestimmt, ist seine Kunst das Ergebnis eines still und hartnäckig durch Erfahrung erarbeiteten Bildes von der Welt. Dahinter steckt sicherlich die alte Sinnfrage nach dem »Woher?« und »Wohin?«.  Seine  künstlerische Haltung insistiert auf einer wahrnehmbaren Bildbotschaft. Alles ist im Fluss, das Gesehene und das Erinnerte und immer wieder die Selbstvergewisserung in Bildnissen. Wolfgang E. Herbst Silesius ist ein philosophierender Feingeist, ein Ästhet, der die Welt in sich und um sich herum, mit  Demut  und Hingabe  betrachtetet hat und in den sensiblen Augenmenschen unter uns Feuerherde zu legen vermochte.
Es ist ein langer Weg zurück zu den Wurzeln, zu dem, was wichtig ist im Leben und das ist wohl die grundlegende Botschaft, die sich mit seinem Bilderreigen verknüpft, authentisch zu bleiben. Ein bewegtes Leben liegt bereits hinter ihm. 1935 in Weißstein in Niederschlesien geboren, verdingte er sich 10jährig bei galizischen Bauern, wo er beim Weiden von Kühen ein Schlüsselerlebnis hatte. Er hat immer noch dieses Bild vor Augen, die steinige Böschung mit rostiger Erde, wo er ein Stückchen Plaque sah, grau mit Steinen, rostig, mit Wegerich und Gras bewachsen und mit Steinnelke, seiner Lieblingsblume. Dieser Rhythmus und diese Farbe waren prägend ebenso erinnert er sich an das Erschaudern nächtens, als er die Kühe trieb und in den schwarzen, unendlich weiten Sternen Himmel schaute. Er konnte sich nicht vorstellen, was sich hinter dieser Weite verbirgt. Im Zwischenraum von Unendlichkeit und Nähe, dazwischen in der Auseinandersetzung hat sich mein Leben abgespielt, sagte mir der Künstler. Ich bewege mich zwischen zeitlich erfahrbar und fühlbar und der Unendlichkeit. Ich habe mich immer am Gegenstand vergewissert. Wolfgang E. Herbst Silesius. Er erlernte das Bäckerhandwerk und das des Schriftsetzers, arbeitete als Korrektor bei der Süddeutschen Zeitung, dem Berliner Tagesspiegel und den Westfälischen Nachrichten, studierte Gesang an der Staatlichen Hochschule für Musik in München und studierte Freie Grafik an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Prof. Sackenheim, war Tutor und Meisterschüler, gründete mehrere Handpressen, reiste durch Deutschland und Rumänien und lernte 2004 Else Gold kennen und lieben.
Die Arbeiten sind eine ganz persönliche Liebeserklärung an das Leben. Das Schwarz umschließt, kreist ein, lässt Farben kostbar aufleuchten wie ein geheimnisvolles Orakel. Manchmal glaubt man einem kleinen Welttheater gegenüberzustehen, mit all den unermesslichen Komödien und Tragödien.
Das Wasser der Erinnerung fließt weiter. Im Reigen zwischen Himmel und Erde wird die Trägheit der Masse eingeschlossen und aufgebrochen. Die dynamische Potenz des Werdens ist das helle Zeichen am Horizont seiner Bildwelt, deren ursprünglicher Sinn Imagination ist.
In der Stille dieser Ausstellung werden seine Reflexionen zum Jetzt und Hier hörbar. Seine bildnerischen Tatsachen vermitteln einen verschwörerischen Gleichklang mit den ewigen Geheimnissen des Universums und sprechen somit eine Einladung zum Phantasieren aus, und zwar an einem Ort, geschützt vor der Zeit und dem Grau des Alltags. Gleichzeitig denunziert er auch das angebliche Versprechen von Heilsideen, deckt kulturelle Klischees auf, entlarvt den Infantilismus unserer erinnerungslosen Gesellschaft, die blinde Täuschung unter dem Gesetz der Ökonomie, diese von Farben und Unpässlichkeiten satte Welt. Andre Breton meinte einmal: »Warum sollte ich dem Traum nicht zubilligen, was ich manchmal der Wirklichkeit verweigere, den Wert der Gewißheit in sich selbst.«
Ein wunderbarer Übergang zur Kabinettausstellung mit Objekten und Assemblagen von Else Gold, die mit unermesslicher Fabulierkunst und Phantasiereichtum, das Material Porzellan sprechen lässt, sich an Märchen reibt, Gefundenes zu integrieren vermag, Objekte schafft, in die man so viel hineinlesen kann, die mit sinnlichem Witz, die Welt zu beschreiben vermögen und vor kitschigen Auswüchsen, die das Auge verzaubern, auch nicht Halt macht. Sie weiß zu reduzieren, zu komponieren und zu inszenieren. Die Dramaturgie bezieht die Betrachter der Objekte lustvoll mit ein.
Else Gold wurde 1964 in Karl-Marx-Stadt geboren. Die Kindheit verlebte sie in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Sie studierte an der Fachschule für angewandte Kunst in Heiligendamm und war als Kunstvermittlerin im Otto-Dix-Haus in Gera tätig. Sie engagiert sich in Meißen im Kunstverein als Kuratorin und ist Herausgeberin des Zündblättchens, der überelbischen Blätter für Kunst und Literatur.
Ich wünsche Ihnen eine genussvolle Eroberung beider Ausstellungen.
Karin Weber

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Information
www.galerie-mitte.de
Galerie Mitte, Striesener Straße 49/ 1. Etage, 01307 Dresden
Öffnungszeiten Di–Fr 15–19 Uhr, Sa 10–14 Uhr und nach Vereinbarung

Wolfgang E. Herbst: Testamente 75. Gedichte und Aphorismen. Zwischenmusik Grit Leiteritz (Hörbuch)

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One thought on “Finisage Gold-Herbst-Ausstellung in der Galerie Mitte/Dresden

  1. Wahnsinn, küsse meine Seele – wie kann es sein, dass ich sie, von denen hier so wunderbar geschrieben, gesprochen wird, nie gesehen habe und doch meine, sie zu kennen. Es gibt sie also doch, – die Sinnverwandtschaft – wir scheuen uns nur, sie in aller Öffentlichkeit einzugestehen. Denn wer so spricht ist verletzbar. Und im Wissen darum – sucht die verletzbare Seele die Stille. O Kraft der Stille, du schenkst uns
    den Frieden – der uns beglückt.
    Vielen Dank! ars.

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