Rezension

Wie ich auf das Thema Weihnachten gekommen bin?

Gemeinhin heißt es ja, die Themen, gar die Geschichten dazu, lägen auf der Straße, man müsse sich nur bücken und sie aufheben. Meine Weihnachtsgeschichten lagen nicht auf der Straße. Soweit brauchte ich mich gar nicht fortzubewegen. Sie lagen viel näher: Sie befanden sich in der Stube. In der Stube meiner Kindheit …

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Karl Sewart während einerLesung in der Stadtbibliothek Chemnitz, am 24.Oktober 2010

 

Ja. Ich stieß auf das Thema Weihnachten, als ich versuchte, meine Herkunft, meine Kindheit, mein Heranwachsen, mein Erwachsenwerden zu verstehen und zu beschreiben. Das Weihnachtsfest mit seinen Sitten und Gebräuchen spielte da eine hervorragende Rolle. Schon in meinem Roman »Der Paradiesgarten« (der 1986 im Mitteldeutschen Verlag Halle/Leipzig erschienen und nun auch als E-Book zu lesen ist) nimmt das Thema Weihnachten einen bestimmenden Platz ein. Zunächst ging es dabei um die rein erzählerische Gestaltung der Erinnerungen, die ich ganz persönlich an dieses Fest hatte. Fragen von Lesern dieses Buches brachten mich dann dazu, mich mit Herkunft, Geschichte und Bedeutung des erzgebirgischen Weihnachtsbrauchtums näher zu befassen, darüber nachzuforschen und nachzudenken. Daraus entstanden volkskundliche Notizen, schließlich wissenschaftlich fundierte Abhandlungen, Betrachtungen, Aufsätze etwa über das »Neunerlei«, über die »Innernächte« und den Glauben oder Aberglauben, der diesem Brauchtum zugrundelag.

Zu DDR-Zeiten fand ich dafür freilich kaum eine Veröffentlichungsmöglichkeit. Erst 1992 konnte mein Buch »Christbaum und Pyramide« im Chemnnitzer Verlag erscheinen, dank der sachkundigen wie engagierten Unterstützung durch dessen damaligen Verlagsleiter, Dr. Klaus Walther, der bereits für die Veröffentlichung von »Der Paradiesgarten« gesorgt hatte. Dr. Walther ist auch der Mitherausgeber des Großen erzgebirgischen Weihnachtsbuches, in dem ich mit einigen Original-Beiträgen vertreten bin. Beide Bücher haben sowohl bei der »Kritik« wie beim »normalen« Leser eine breite, interessierte, ja ermutigende Aufnahme gefunden.

Das Thema Weihnachten ist zu einem wichtigen Teil meiner schriftstellerischen Arbeit geworden. Es vergeht kein Jahr, in dem ich nicht zwei, drei Weihnachtsgeschichten und ein halbes Dutzend Weihnachtsgedichte schreibe. Daß ich die ersteren in der Regel auf Hochdeutsch und die letzteren zumeist in Mundart verfasse, hängt sicher damit zusammen, daß ich zweisprachig aufgewachsen bin und mir eben dies in Hochdeutsch und jenes auf Erzgebirgisch »eikimmt«. Und natürlich hängt es damit zusammen, daß ich sowohl von meinen hochdeutschen wie von meinen arzgebirgschen Lesern »verstanden« werden möchte … Letzteres hoffe ich natürlich auch von meinem (bisher!) letzten Weihnachtsbuch, das den Titel »Zünd e Lichtel a« trägt und das Siegfried Rentzsch, Leiter des ALTIS-Verlags, auf bewährte Weise betreut hat.

Das Thema Weihnachten liegt und geht mir, sowohl persönlich als auch literarisch, in der Tat sehr nahe. Meine Eltern haben mich das ganze Jahr über nach dem Grundsatz Pestalozzis, »Erziehung ist Beispiel und Liebe«, aufgezogen. Zu keiner Jahreszeit aber habe ich ihre Liebe so tief gefühlt wie zu Weihnachten. Und heute empfinde ich nirgendwann so sehr als zu Weihnachten, wie ungerecht das Leben doch eingerichtet ist – weil ich meinen Eltern nicht mehr für all das, was sie ohne große Worte für mich getan haben, entsprechend danken kann … So bleibt mir nur, ihrer schreibend zu gedenken. Und zu hoffen, daß ich meinen Kindern und Kindeskindern, ja, daß ich allen Nachkommenden damit etwas davon weitergeben kann.

Karl Sewart 

 

Information

Karl Sewart: Zünd e Lichtl a. Weihnachtserinnerungen eines Erzgebirgers

Altis Verlag 2016; ISBN 978-3-910195-72-1

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One thought on “Wie ich auf das Thema Weihnachten gekommen bin?”

  1. Danke, lieber Karl!
    Ich denke noch oft an unsere schönen Abende und Begegnungen. Leider ist unser Verein auseinander gefallen…
    Ich las und lese Deine so menschlichen Erzählungen immer gern, gleich am Anfang, als wir uns kennenlernten, hast Du mir ein Buch geschenkt, das ich nie vergaß – Deine Erinnerungen, die auch beschreiben, wie Dein Kinderspielzeug verbrannte und Du Dir neues schnitzte mit den einfachsten Mitteln der Nachkriegszeit… es hat mich tief beeindruckt.
    Ich grüße Dich lieb und wünsche Dir und Deinen Lieben eine Frohe Weihnacht!
    Inzwischen bin auch ich Opa…
    Dein Kollege Utz Rachowski aus dem Vogtland!

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