Reportagen

Ohne kulturelle Kompetenz keine interkulturelle Kompetenz

161207chemnitz2503

Am Abend des 7. Dezember begrüßte Professor Stefan Garsztecki vom Institut für Europäische Studien der TU Chemnitz und Dekan der Philosophischen Fakultät (re.), Professor Matthias Theodor Vogt (li.), den Leiter des Görlitzer Institutes für kulturelle Infrastruktur Sachsen, im »Alten Heizhaus« zu einem Vortrag. Das (etwas umfangreich formulierte) Thema »Ankommen in der deutschen Lebenswelt. Migranten-Enkulturation und regionale Resilienz in der Einen Welt.« nimmt Bezug auf die gleichnamige Studie, die am 6. Oktober 2016 in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Matthias Theodor Vogt hob zunächst die paradoxen Rahmenbedingungen hervor. Einerseits seien Universitäten gegründet worden, um ein differenziertes Denken zu erlernen. Andererseits würden aktuell – in Reaktion auf die Einbräunung des sächsischen Außenbildes durch die mediale Darstellung der anhaltenden Bürgerproteste – die Studentenzahlen aus den Altbundesländern sinken. In der Folge erläuterte der Referent die Eckpunkte und Handlungsvorschläge der Studie.

 

Handlungsempfehlung I: Vorstellungswelten der Aufnahmegesellschaft »Innovation und Integration«

Vogt sieht kulturelle Kompetenz als Kern der regionalen Resilienz, d.h. der Fähigkeit Krisen selbständig zu bewältigen. Um die sächsische Innovationstradition zu begründen, ging er von der Annahme eines im 9. Jahrhundert noch menschenleeren Raumes aus, der dann aus allen Himmelsrichtungen besiedelt worden sei.

Doch eine solche heuristische Annahme ist nicht nötig. Richtig ist, dass es keine »ethnischen Sachsen« gibt. Das Sächsische Archäologie-Museum in Chemnitz stellt die Zeugnisse dafür aus, dass Mitteldeutschland auch schon zuvor Durchzugsraum vieler Völkerschaften war. Der Name »Sachsen« kam nur durch die Übernahme der Kurwürde hierher. (Der Kaiser entzog einer Adelsfamilie aufgrund des Fehlens männlicher Nachkommen die Kurfürstenwürde und übergab sie an die Markgrafen von Meißen.) Mit der Völkerschaft der Sachsen im heutigen Niedersachsen hat Sachsen nichts zu tun. Das historische Kursachsen hatte die Dimension des heutigen Mitteldeutschlands. Die Industrialisierung erfolgte in »Obersachsen«, wie es lange genannt wurde, wesentlich früher als in den sogenannten alten Ländern (die meist jünger sind als die östlichen Länder der Bundesrepublik). Dadurch kamen Menschen aus ganz Europa hierher. Auch deshalb, weil die Industrie noch einen extensiven Arbeitskräftebedarf hatte.

Vogts Forderung nach einer »Ermutigung der Menschen zur Kultur der Selbständigkeit« ist ein Hinweis darauf, dass man dem Strukturwandel nach dem Ende des Industriezeitalters nicht mit mehr Zentralisierung und Aufgabe der Fläche begegnen kann, sondern mit aktiver Dezentralisierung und aktiver Kulturpolitik gestalten muss. Bei seinem Chemnitzer Vortrag wies er darauf hin, dass heute 70 Prozent der Bevölkerung in Kleinstädten und Dörfern wohnt.

Auf den wichtigen Hinweis, dass in einem auf bloßen Verfassungspatriotismus gegründeten Staat die (vertikale) Beziehung des Menschen zum Raum keine wesentliche Rolle mehr spielt, ging er aus Zeitgründent nur kurz ein.

 

Handlungsempfehlung II: Vorstellungswelten der Migranten, Bundesfreiwilligendienst Integration

Ausführlicher ging Vogt auf die Differenzierungen innerhalb der Migranten und die Probleme beim Einleben in eine andere Kultur ein. »Übersetzungen« helfen da nicht weiter, die der Sprache zugrundeliegenden Wertmuster müssen sinnlich vermittelt erlebt und verinnerlicht werden. Hierin, und dies ist der Kern von kultureller Bildung, liege der Bedarf für den Enkulturationsansatz. Prof. Vogt stellte hier Überlegungen vor, dass auch erwachsene Einwanderer das kindliche, unbewusste Einleben in die neue Kultur durchlaufen sollten.

161207chemnitz2510

 

Handlungsempfehlung III: Eckpunkte für die Diskussion einer sächsischen Staatsbürgerschaft

Mit Bezug auf Carlo Schmid, der am 8. September 1948 explizit von einem »räumliche[n] Offensein«, das »nicht durch sich selber ausgeschlossen« sei, gesprochen habe, deutete Vogt kurz an, wie er sich die Überwindung der heutigen abstrakten Staatsbürgerschaft vorstellt. »Mit unserem Handlungsvorschlag III wollen wir in aller Behutsamkeit anregen, über eine Leerstelle zu diskutieren, die nichts mit den Flüchtlingen zu tun hat, aber durch die sogenannte Flüchtlingskrise offen zutage getreten ist. Eine abstrakt-immaterielle, solidarische Rechtsgemeinschaft bedarf ihrer Verortung im Raum.« Vogt schlug hier eine Diskussion über eine eventuelle Wiedereinführung der Länder-Staatsbürgerschaften vor, wie sie bis zur nationalsozialistischen Abschaffung der Staatsbürgerschaft und deren (bis heute nicht revidierte) Ersetzung durch eine Reichsbürgerschaft 1934 der Normalfall waren; er wies darauf hin, daß die Bevölkerungszahl Deutschlands praktisch die gleiche wie die der elf (!) west- und südslawischen Nationalstaaten von Polen bis Montenegro sei.

 

Handlungsempfehlung IV: Erarbeitung eines komplexeren Zugangs zu Integrationsfragen und zur interkulturellen Öffnung

Professor Vogt wies auf den erheblichen Forschungs- und Methodenbedarf hin, wenn denn die Bundesrepublik die durch die Reaktion auf die Flüchtlinge ausgelöste Krise verstehen und bewältigen will.

 

Handlungsempfehlung V: Gründung einer »Eine-Welt-Universität«

Hier schloss sich der Kreis des Vortrages. Vogt hob abschließend hervor, dass es darum gehe, Hilfe zu leisten für den Aufbau einer gemeinwohlverantwortlichen Zivilgesellschaft in den Ländern des globalen Süden durch Gründung einer »Eine-Welt-Universität«. In der Zukunftscharta der Bundesregierung sei das Notwendige aufgezeigt: Sozialethik, Komplexitätsreduktionskompetenz, Alteritäts- und Alienitätskompetenz, Ambiguitätskompetenz jenseits binärer Schwarz-Weiß-Logik sowie Kenntnisse der kulturellen und religiösen Vielfalt unserer Welt. Vogt schloss mit dem Fazit: Ohne kulturelle Kompetenz keine interkulturelle Kompetenz.

161207chemnitz2517

 

In der Diskussion fragten die Zuhörer nach der Methode der Studie. Der Referent verwies auf Interviews mit Verantwortungsträgern, die zunächst das einzige Ziel der Studie gewesen seien. Im Verlauf der Arbeiten stellte sich aber immer mehr die überkomplizierte Grundlage staatlichen Handelns als Problem heraus. Man sei auf  strukturelle Schwächen des Staates gestoßen, die sich in der Extremsituation zeigten. Insbesondere mussten die Autoren aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die bisherigen theoretischen Voraussetzungen für eine solche Studie unzureichend waren. Man habe neben der empirischen Arbeit deshalb auch große methodologische Anstrengungen unternehmen müssen und aus den geplanten lockeren vier Monaten seien hochintensive zwölf Monate geworden.

Eine Frage zielte darauf, ob man die Aneignung der Kultur nicht in zwei Richtungen sehen müsse, ob die Zuwanderer nicht auch Neues beitragen könnten.

Eine andere Zuhörerin knüpfte am leichten Dialekt des Referenten an, um zu fragen, ob sich nicht die deutsche Kultur aus vielen regionalen Kulturen zusammensetze.

Auch hier zeigte es sich, dass die Titelformulierung der Studie »Ankommen in der deutschen Lebenswelt« klug gewählt ist.

161207chemnitz2521

 

Professor Vogt übergab dem Dekan zum Abschluss ein Exemplar seines Buches für die Universitätsbibliothek. Dem Dank des Dekans an den Referenten und das Publikum können wir uns anschließen. Es war ein Ereignis, eine wichtige geistige Debatte. Wir bedauern alle, die nicht dabei waren.

 

Kommentar

Nicht nur die Thematik des Vortrages war interessant, auch der Stil des Referenten regt zum Nachdenken an. Auf dem Heimweg mussten wir daran denken, dass im Jahre 1990 führende Altbundesrepublik-Intellektuelle vor dem wiedervereinigten deutschen Kulturstaat eine Flucht nach vorn, in die Welt-Universalkultur antraten. Als Begründung für den Paradigmenwechsel führte Jürgen Habermas die Dok­trin von der »postnationalen Konstellation« ein. Volker Caysa beschreibt diesen Prozess in seiner Studie »Vom Ende des Thomas-Mann-Zeitalters«. Nicht nur der Ausdruck »Verfassungspatriotismus« sondern auch der Ausdruck »Multikulturalismus« erlebte damals eine Blüte. Im Gefolge des »Endes der Geschichte« von Francis Fukuyama verstand man unter Multikulturalismus eigentlich eine bunte Vielfalt von Kulturen, die im Zuge des »Fortschritts« hin zur »Universalkultur« tendierten. Der Westen habe diese Stufe der »Universalkultur« bereits erreicht. Die Tendenz zum »Weltstaat«und zum »Weltrecht« wollte man bereits deutlich gesehen haben. Der nichtwestlichen Welt tolerierte man großzügig das Nachholen des Weges zur Universalkultur. »Zivilisierung wider Willen« hieß ein Buchtitel von Dieter Senghaas (Frankfurt/Main 1998). Darin machte der Autor deutlich, dass dem Rest der Welt nichts weiter übrig bleibe als so zu werden wie der Westen. Mit dem Ausdruck »Universalkultur« glaubte man das Allgemeine der Menschheitskultur erreicht zu haben. Tatsächlich wurden auf analytischem Wege nur eine Tendenz unter mehreren überinterpretiert und zum Inhalt der Epoche erhoben.

Doch bereits 1996 erschütterte der konservative Harvard-Politologe Samuel P. Huntington diese schöne neue deutsche Intellektuellen-Welt. »Kampf der Kulturen« hieß der deutsche Titel des Huntington-Buches. Doch das amerikanische Original verwendete das Wort »clash«, also nicht »Kampf«, sondern »Zusammenprall«. Huntington, der ausdrücklich betonte, dass er nur einen politikwissenschaftlichen Ansatz vorlege, dass er von Kultur- und Sozialwissenschaften zu wenige Kenntnis habe, übernahm den Begriff »Zusammenprall der Kulturen« von dem französischen Annales-Historiker Fernand Braudel. Jener hatte in seiner Geschichte des Kapitalismus und der materiellen Zivilisation ein Kapitel mit: »Der Zusammenprall der Kulturen« überschrieben.

Wir können hier nicht darauf eingehen, dass Huntington mit seinem Buch vor dem simplen »Weiter so!« und den katastrophalen Folgen des neokonservativen/neoliberalen »Neue-Weltordnungs-Konzeptes« der Bush-Administration warnen wollte. (Das Konzept wurde erst 1999 durch die Veröffentlichung von Z. Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategien der Vorherrschaft. Frankfurt 1999,« zugänglich.)

Wichtig ist für uns hier nur, dass Huntington aus der Sicht des Politologen die Bedeutung des Kulturellen erkannte, auch wenn er Kultur vorwiegend unter dem Aspekt der »Softpower« analysierte. Aber er war einer der wenigen, die den Hang der Politik (und des Managements) zu so genannten »analytischen Methoden« überwinden wollten. Die Phänomene der Kultur, deren Besonderheiten, sind nicht mit dem abstrakt-allgemeinen Vergleich der »Analytiker« zu erfassen.

Statt dessen betonte Hungtington, dass die westliche Kultur nicht das »Allgemeine« repräsentiere, also keine Universalkultur sein könne. Sie sei etwas Besonderes, wie alle regionalen Kulturen.

Wie wurde der Ansatz Huntingtons im wiedervereinigten Deutschland aufgenommen? Ulrich Menzel (Frankfurt/Main, 1998) konstatierte, dass sich erstaunlich viele Wortmeldungen zu Huntingtons Buch ergaben. Die absolute Mehrzahl sei aber undifferenziert, einseitig und ablehnend gewesen. Es habe kaum sachlich-differenzierende Erörterungen gegeben. Ein interessantes Detail: weil Huntington nicht dem Dogma von der westlichen Kultur als Universalkultur folgte, zieh man ihn des »Kulturrelativismus«.

An der Debatte nahmen ausschließlich Wissenschaftler mit altbundesdeutscher Sozialisation teil. Warum versagte die vielgerühmte bundesdeutsche Debattenkultur bereits hier? Weil Huntington nicht in das schöne Bild von der westlichen Kultur als der Universalkultur und in die frischgebackene Doktrin vom postnationalen Zeitalter passte.

So müssen wir fragen: Was soll »Post-National« heißen? Nach-National? Die nationale Kultur sei überwunden, verschwunden, es gäbe sie nicht mehr?

Aber kann man den historischen Prozess mit solchen dürren Abstraktionen überhaupt begreifen? Kann man mit der Silbe »Post-« die Besonderheit einer Gesellschaft oder einer Epoche angemessen erfassen? Existieren in der Gesellschaft nicht immer gleichzeitig mehrere, ältere Kultur-Schichten? Hat nicht die Wissenschaft die Aufgabe abstrakte Sichtweisen zu überwinden und den Reichtum der Mannigfaltigkeit zu erschließen?

Von Georg Friedrich Wilhelm Hegel stammt der Satz: »Die Geschichte lehrt uns, dass Völker und Regierungen aus der Geschichte nichts gelernt haben.« Als Ursache benennt Hegel das Verbleiben des Denkens im Abstrakten. Es geht in der Wissenschaft um die konkrete Analyse der konkreten Situation (Georg Lukács).

Alle Kulturen haben neben besonderen auch allgemeine, universelle Züge. Aber kann das Universelle, das Allgemeine »an sich«, »rein« existieren?  Viele Menschen in Ostdeutschland wissen auch ohne Hochschulstudium, dass das Inter-Nationale immer das Miteinander der Nationen, der Zusammenhang der Nationen und Nationalitäten ist. Das Interkulturelle hat keine separate Existenz. Ohne national-kulturelle Kompetenz kann es deshalb keine international-kulturelle Kompetenz geben! Die bisherigen theoretischen Vorstellungen von »Integration«, die auf das bloße »Nachholen« westliche Kultur ausgerichtet waren, versagen spätestens seit dem Herbst 2015.

Es ist das Verdienst von Matthias Theodor Vogt und seinen Mitstreitern, mit ihren empirisch-soziologischen Untersuchungen an den abstrakten theoretischen Dogmen des »Papstes der Frankfurter Kirche« gerüttelt zu haben. Erst in solchem Lichte können wir die Dimension des Umbruches, in der sich unserer Welt befindet, erahnen. Ist diese Erleuchtung eine Einstimmung auf das Reformationsjahr 2017?

Johannes Eichenthal

 

Information

Link zur Buchvorstellung in Berlin: https://www.mironde.com/litterata/5653/allgemein/ankommen-in-der-deutschen-lebenswelt-migranten-enkulturation-und-regionale-resilienz-in-der-einen-welt

Matthias Theodor Vogt, Erik Fritzsche, Christoph Meißelbach. Mit Beiträgen von Siegfried Deinege, Werner J. Patzelt, Anton Sterbling und zahlreichen Verantwortungsträgern in Wirtschaft, Politik und Kultur.

Geleitwort von Rita Süßmuth und Nachwort von Olaf Zimmermann.

Ankommen in der deutschen Lebenswelt.

Migranten-Enkulturation und regionale Resilienz in der Einen Welt.

Europäisches Journal für Minderheitenfragen Vol. 9 No. 1-2 2016

Berliner Wissenschafts-Verlag 2016, 526 S., 72 s/w Abb., 1 farb. Abb., kart.

ISBN: 978-3-8305-3716-8, 78,10 €

E-Book-PDF: ISBN: 978-3-8305-2975-0, 78,10 €,

ISSN Print: 1865-1089, ISSN Online: 1865-1097

Weitere Informationen unter http://kultur.org/forschungen/merr/. Eine Vorschau mit Auszügenaus der Studie finden Sie unter http://kultur.org/wordpress/wp-content/uploads/Vogt_Ankommen_Auszug-Kulturrat_EJM-2016.pdf

Drucken & PDF

Hier Klicken um den Artikel Ohne kulturelle Kompetenz keine interkulturelle Kompetenz als PDF zu erhalten.


Schreibe einen Kommentar