In der Ausgabe vom 4./9.4.2026 veröffentlichte die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ einen Artikel von Michael Beleites, in dem der Autor die städtischen Leser zum „Osterspaziergang“ auf dem Land einlud. Das, was früher als Selbstverständlichkeit angesehen wurde, ist dem Anschein nach heute zur Ausnahme geworden. Die Großstadt und die Landkreise haben sich zu getrennten Milieus entwickelt. Dabei bedingen sich beide Seiten. Zudem leben etwa 70 Prozent der deutschen Bevölkerung in kleinen Städten und Dörfern – also in den Landkreisen. Der New Yorker Architekt Lewis Mumford hatte bereits in den 1950er Jahren analysiert, dass die Metropolen das größte Umweltproblem der Menschheit darstellen. Er dachte an die versiegelten Flächen und die Baumasse, die letztlich entscheidend zur Erwärmung des Klimas führen. Die deindustrialisierten Großstädte haben heute nur noch Wohn- und Spektakelfunktion. Es ist ein großer Aufwand notwendig, um diese Metropolen vom Land aus mit Nahrungsmittel, Energie und Wasser zu versorgen. Ebenso ergießt sich eine Flut von Abfall aus den Großstädten auf das Land. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften offerierte vor einigen Jahren den Vorschlag, dass die deindustrialisierten Städte mit ihrem Umland zusammenarbeiten sollten, um gemeinsam alternative Energie zu erzeugen. Damit könnten günstige Rahmenbedingungen für Handwerk- und Gewerbe geschaffen werden. Michael Beleites hat nun, ähnlich der Akademie, Reformgedanken für die Landkreis-Räume vorgestellt. Unter dem Titel „Der Gärtnerhof“ gab er Texte von Reformlandwirten heraus, die zur Umsetzung in unserer Gegenwart einladen.

Michael Beleites erinnerte mit seinem Buch »Der Gärtnerhof. Selbstversorgung – Ein Weg ins Freie« daran, dass ein neuer Selbstständigkeitsgedanke auf dem Land seit mehr als 100 Jahren entwickelt wurde. Die Lebensreformbewegung der Zeit um 1900 verband sich in diesem Punkt mit Selbstversorgungsgedanken in der Folge des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Beleites macht den Prozess am Lebensweg des Landschaftsarchitekten Max Karl Schwarz (1895–1963) aus Worpswede deutlich. Schwarz arbeitete zunächst auf dem »Sonnenhof« des Gartenbauarchitekten Leberecht Migge (1881–1935). Später machte er sich mit dem »Barkenhof« in Worpswede selbstständig. Er nahm u.a. an dem landwirtschaftlichen Kurs teil, bei dem Rudolf Steiner (1861–1925), der Begründer der Anthroposophischen Schule, Pfingsten 1924 auf dem Gut von Gräfin Johanna (1861–1966) und Carl Wilhelm Graf Keyserlingk (1869–1928) in Koberwitz (Schlesien) die Grundlagen für eine anthroposophisch orientierte Landbewirtschaftung vermittelte. Der Initiator des Kurses war der aus Breslau stammende Erhard Bartsch (1895–1960) gewesen. Unter dessen Leitung wurde das Gut »Marienhöhe« bei Bad Saarow ab 1928 zum Zentrum der biologisch-dynamischen Bewegung. Erhard Bartsch und Ernst Stegmann (1882–1943) prägten den Ausdruck »biologisch-dynamische Landwirtschaft«. Hellmut Bartsch übernahm die Leitung des Gutes 1950 von seinem Bruder. Seit 1965 besuchte, so Beleites, der Dresdner Gärtner Veit Ludewig (1934–2022) regelmäßig Gut »Marienhöhe«, um sich über die Grundlagen der organischen Düngung und der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise zu informieren. (S. 28 f.) Von Ludewig erhielt Michael Beleites in der Überlieferung die Kenntnisse.

Der Landwirt Michael Beleites. Er wurde 1964 in Halle/Saale geboren und war ein bekannter Akteur der Umweltbewegung in der DDR und von 2000–2010 Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Als Zoologischer Präparator und Landwirt hat er ein praktisches Fundament für seine biologischen Studien. Seine Arbeiten am wissenschaftlichen Nachlass des Ornithologen Otto Kleinschmidt in Wittenberg inspirierte ihn seit 1994 zu einer grundlegenden genetisch-ökologischen Analyse. Die Ergebnisse veröffentlichte er unter den Titeln »Umweltresonanz, Grundzüge einer organismischen Biologie« (Manuscriptum-Verlag 2020) und »Lebenswende. Degeneration und Regeneration in Natur und Gesellschaft« (Manuscriptum-Verlag 2020).
Im Fortgang macht Beleites zunächst auf die Schwerpunktsetzung aufmerksam: Die Grundidee des von dem Gartenarchitekten Max Karl Schwarz konzipierten Gärtnerhof-Modells besteht in einer Kombination aus Gärtnerei und Kleinbauernhof auf einer Fläche von zwei bis fünf Hektar. Im Unterschied zu Kleinbauernwirtschaften soll die gärtnerische Komponente (der intensive Anbau von Gemüse, Obst und Kräutern) den finanziellen Ertrag des Hofes und den Selbstversorgungsgrad seiner Bewohner deutlich steigern. Und im Kontrast zu herkömmlichen Gärtnereien soll die landwirtschaftliche Komponente für einen ausgewogenen »Hoforganismus« im Sinne einer ökologischen Kreislaufwirtschaft sorgen. Dabei wird in der Düngung eine Eigenversorgung mit organischem Kuhmist angestrebt. Für die Haltung von ein bis zwei Kühen sind zugleich ein nennenswerter Grünlandanteil an der Nutzfläche und ein ausreichender Getreideanteil (auch für eigenes Stroh als Einstreu) in der Fruchtfolge Voraussetzung (S. 13). In der Folge macht Beleites einen originalen Artikel Max Karl Schwarz’ aus dem Jahre 1933 zugänglich: »Ein Weg zum Praktischen Siedeln« (S. 45 ff.). Nach einer Einführung in die Thematik fasst Schwarz sein Programm zusammen. Dabei konzentriert er sich auf die Vermeidung von Kunstdünger bei der Urbarmachung des Landes, weil die Humusgrundlage viel zu gering ist und die darin vorhandenen kärglichen Kräftewirksamkeiten sonst in kurzer Zeit völlig aufgezehrt würden (S. 71 ff.).
In den heutigen Landkreisen dominieren großflächige Landwirtschaftsbetriebe, die industrielle Landwirtschaft betreiben. Im Vergleich mit diesen Giganten erscheinen Unternehmungen, die sich auf 2 bis 5 Hektar beschränken, quantitativ bedeutungslos. Aber hier geht es nicht nur um Quantität sondern auch um Qualität. Weltweit sind es Kleinbetriebe, die die Ernährung der regionalen Bevölkerung sichern. Sie produzieren vor Ort und beliefern regionale Kunden und regionale Märkte. Es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass Papst Franziskus daran erinnern musste, dass die Vielfalt der Eigentumsformen für die Stabilität einer Gesellschaft genauso wichtig ist, wie die Vielfalt in Natur und Kultur: Damit es weiterhin möglich ist, Arbeitsplätze anzubieten, ist es dringend, eine Wirtschaft zu fördern, welche die Produktionsvielfalt und die Unternehmenskreativität begünstigt. Es gibt zum Beispiel eine große Mannigfaltigkeit an kleinbäuerlichen Systemen für die Erzeugung von Lebensmitteln, die weiterhin den Großteil der Weltbevölkerung ernährt, während sie einen verhältnismäßig niedrigen Anteil des Bodens und des Wassers braucht und weniger Abfälle produziert, sei es auf kleinen landwirtschaftlichen Flächen oder in Gärten […] Die Verantwortungsträger haben das Recht und die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um die Kleinproduzenten und die Produktionsvielfalt klar und nachdrücklich zu unterstützen (Papst Franziskus: Enzyklika LAUDATO SI’ über die Sorge für das gemeinsame Haus. Bonn 2015, S. 94).

Michael Beleites macht darauf aufmerksam, dass es in einer Zeit übermäßiger Zentralisierung auf die Organisation einer Dezentralisierung ankommt. Gerade kleine Unternehmen in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe können die bestehenden Strukturen ergänzen. Diese Schicht der Wirtschaft ist die Basis unserer Zivilisation, wie es der große französische Historiker Fernand Braudel ausdrückte.
Johannes Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Information
Michael Beleites: Der Gärtnerhof: Selbstversorgung – Ein Weg ins Freie. Manuscriptum-Verlag, Neuruppin 2022. ISBN 978-3-048075-29-3

