Rezension

Femme fatale

Wer am Abend des 28. November, dem Montag mach dem ersten Advent, aufmerksam durch Zwickau ging, dem konnten die vielen Menschen nicht entgehen, die sich um Buden und Wagen mit der Aufschrift »Imbiss« versammelten hatten. Durch Lautsprecher ertönten lautstark Weihnachtliche Ohrwürmer, wie etwa »Stille Nacht …« Man schlürfte Glühwein und aß so ziemlich alles, was die Imbissbuden zu bieten hatten. Die Zeit des weihnachtlichen Essens und Trinkens ist wieder angebrochen. Für andere Dinge bleibt da keine Zeit. Schließlich müssen wir auch noch Geschenke einkaufen. So ist auch die Stimmung an den Buden von einer eigenartigem Zwiespalt geprägt: eine gemütliche Hektik oder eine hektische Gemütlichkeit.

Wenn man aber den Trubel meidet, und den Zwickauer Domhof ansteuert, kommt man zu Wenzels Prager Bierstuben. Von außen sieht es so als, als ob wir uns verlaufen hätten. Kaum hat man jedoch die Tür geöffnet, da wird man freundlich begrüßt. Im ersten Stock hören wir schon eine sonore Männerstimme erzählen. (Wir sind, wie immer, etwas spät.)

Oben, wir trauen kaum unseren Augen, sitzen etwa 50 Gäste und hören dem aufmerksam zu, was Ingrid Zeuke und Prof. Dr. Reiner Neubert erzählen. Beide haben das 2011 erschienene Buch von Jiři Kratochvil »Femme fatale« in tschechischer Sprache gelesen. Abwechselnd lesen sie eine Passage in der Übersetzung. Der Professor kommentiert hin und wieder. Die Geschichte handelt von einer jungen Frau, die aus der Umbruchzeit von 1989 Freiheit vor allem als sexuelle Freiheit begreift. Die auf diese Weise gewonnen Beziehungen mit einer größeren Zahl an Männern vermarktet die junge Frau auf zeitgemäße Weise. Ein Manuskript von ihr wird nun wie von selbst zum internationalen Bestseller. Man spricht von einem der bedeutsamsten und spannendsten Texte seit … sie sei eine der größten Schriftstellerinnen seit … An irgendeiner Stelle kippt das Beziehungsgeflecht allerdings und die junge Frau wird schließlich bereits Mitte der 1990er Jahre umgebracht. Beinahe wäre sie vergessen worden, wenn nicht Feministinnen im zweiten Teil des Buches … Aber dazu kamen beide Akteure aus Zeitgründen nicht mehr.

Ein eigenartig tragikomischer Text, der vielleicht nicht nur im direkten Sinne zu verstehen ist?

Das Publikum dankte mit Applaus. Persönliche Worte wurden gewechselt. Schließlich war die 80. Leseveranstaltung seit Februar 2003 schon wieder vorüber.

Auf dem Heimweg sah ich wieder die Glühweintrinker und Bratwurstesser. Ich empfand Mitleid. Sie haben einfach keine Zeit, um einmal ein Buch zu lesen. Das sind echte Sachzwänge … und, es betrift dem Anschein nach die Mehrheit dieses Volkes. Wenn Demokratie einen Sinn macht, dann sollte man eigentlich auch den Deutschunterricht abschaffen!? Glühwein oder Wurst kann man auch ohne Goethe und Schiller bestellen!? Ist doch wahr. Alles andere ist Verschwendung von Steuermitteln, die eigentlich zur Rettung der Banken gebraucht werden!

Johannes Eichenthal

 

Information

Die Lesung vorwiegend tschechischer Literatur findet am 4. Montag im Monat im Wenzels Prager Bierstuben statt. (Außer im Dezember) Beginn 17.00 Uhr. Dauer etwa eine Stunde. Der Eintritt ist frei.

www.wenzel-prager-bierstuben.de

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