Stadtbibliothek Zschopau
Reportagen

KARL STÜLPNER ALS LITERAT

Die Stadtbibliothek Zschopau, die nach ihrem Stifter Jacob Georg Bodemer benannt ist, begeht in der Woche vom 24. bis zum 30. April 2023 ihr 160. Gründungsjubiläum mit einer Reihe von Leseveranstaltungen.

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Am Abend des 24. April begrüßte die Leiterin der Stadtbibliothek, Silke Dost, die kulturell Interessierten aus Zschopau und den Mironde-Verlag zu einer Vorstellung des auf drei Bände angelegten Projektes „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“.

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Beginnend mit der Entstehung der mittelhochdeutschen Sprache um 1200, stellte Der. Andreas Eichler mit einer Fotopräsentation Persönlichkeiten vor, die in Mitteldeutschland, der Region zwischen Braunschweig und Görlitz, repräsentativ für Vielfalt und Zusammenhang des sprachlich-literarischen Überlieferungsprozesses sind. Die Überlieferung ist für unsere geistige Entwicklung, die wir nicht uns selbst verdanken, konstituitiv. Durch Nachahmung und Übung  müssen wir uns das Wissen und die Erfahrungen früherer Generationen aneignen. Die meisten Menschen verbleiben in der Aneignung „fremder“ Vernunft. Nur wenige sind zur eigenständigen Anwendung fähig. Zu diesen wenigen zählte der ehemalige Zschopauer Pfarrer Valentin Weigel (1533–1588). Er studierte in Leipzig und wurde in Wittenberg vom Dekan der theologischen Fakultät Paul Ebert promoviert. Er schrieb philosophische Traktate, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, die ihn in die Reihe der philosophischen Schwergewichte brachten. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) und Johann Gottfried Herder (1744–1803) hatten Weigels Bücher in ihren Bibliotheken, nahmen seine Gedanken auf, wagten aber aus Zensurgründen nicht, dessen Namen zu nennen.

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Gehört der im Erzgebirge verehrte Volksheld Karl Stülpner in die Reihe der Literaten? Das Leben des aus ärmsten Verhältnissen stammenden Karl Stülpner (1762–1841) ist vom Kampf um menschliche Emanzipation geprägt. Er musste sich mit 16 Jahren als Soldat verdingen. Es folgten mehrfache Desertion und Wiedereintritte in das Chemnitzer Regiment. Zeitweise wurde er auch in die preußische Armee gepresst, mit der er den Krieg gegen die junge Republik Frankreich, und auch die Schlacht von Valmy im September 1792, wie den Rückzug bis zur Schlacht von Kaiserslautern Ende 1793 mitmachen musste, eh er desertierte. 1795 unternahm der Herr auf Burg Scharfenstei, Abraham Graf von Einsiedel, einen Vermittlungsversuch hinter den Dresdner Kulissen. Stülp­ner trat darauf 1800 wieder in das Chemnitzer Regiment ein, um noch vier Jahre abzudienen. Sein Regimentskommandeur hielt sich nach dem Tod Graf Einsiedels aber nicht an die Abmachung. Stülpner musste 1806 die Schlacht bei Jena Auerstedt mitmachen und desertierte aus der französischen Gefangenschaft. Nach vielen Schicksalsschlägen war er 1834 eigentlich in seinen Emanzipationsstreben gescheitert. In dieser Situation trat Carl Heinrich Wilhelm Schönberg auf und veröffentlichte 1835 „Carl Stülpners merkwürdiges Leben und Abenteuer als Wildschütz im sächsischen Hochgebirge sowie dessen erlittene Schicksale während seines unter verschiedenen Kriegsperioden und Nationen gethanen 25jährigen Militärdienstes. Von ihm selbst der Wahrheit treu mitgetheilt und herausgegeben von Carl Heinrich Wilhelm Schönberg. Mit 2 lithographischen Abbildungen. Zschopau in Comission der Schönschen Leihbibliothek.“

Der Text der Lebenserinnerungen belegt, dass Stülpner ein großer volkstümlicher Erzähler war. Zu sagen hatte er einiges und seine mündliche Erzählfähigkeit trägt die gesamte Buchdarstellung. Dazwischen blitzt immer einmal wieder der Geist Schönbergs auf, der mit wenigen Sätzen wichtige historische Zusammenhänge erklärt. Erschütternd sind die Schilderungen der Kriegserlebnisse. Unter anderem erzählt er, wie aufgrund des Fundes der Leichen getöteter preußischer Soldaten, die in einem französischen Dorf geplündert hatten, das Dorf umstellt und mit Menschen und Tieren niedergebrannt wurde.

Schönberg finanzierte auch den Druck des Buches. Der Verkaufserlös der halben Auflage durch Subskribenten kam der Begleichung von Stülpners Schulden zugute. Mit dem Verkauf der anderen Auflagenhälfte wollte Schönberg die Druckkosten begleichen. Doch die Sächsische Staatsregierung verbot das Buch und konfiszierte im August/September 1835 die verbliebene Auflage. Der Widerspruch, den Schönberg im Oktober 1835 gegen Innenministeriums-Entscheid einlegte, wurde abgewiesen. Darauf wandte sich Schönberg an die Sächsische Ständeversammlung. Letztlich musste der Staat Schönberg eine Entschädigung zahlen. Die Entscheidung fiel jedoch erst nach drei Jahren.

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Das Buch Schönbergs wurde erstmals 1973 neu herausgegeben: Als Reprint des Zentralantiquariats der DDR in Leipzig mit einer Einbandgestaltung von Prof. Werner Klemke. Das kenntnisreich, informative Nachwort von Klaus Hoffmann, der Schönberg trotz einiger unexakter Zahlen auch eine notwendige Distanz zu Stülpner bescheinige, lässt nur eine Frage offen: wer war „Schönberg“. Erst 2013 konnte Britta Günther nachweisen, dass es einen Menschen Namens Schönberg gegeben hat. Dieser wurde 1805 in Dresden geboren, studierte Jura in Halle und Leipzig, ohne einen nachweisbaren Abschluss, war 1837 als Fabrikschullehrer in Willischthal, 1841 als Angestellter einer Chemnitzer Leihbücherei und 1847 als Besitzer einer Leihbücherei in Chemnitz nachweisbar. 1865 verstarb er in Chemnitz. Für einen Kontakt mit Karl Stülpner gibt es keine Belege. Schönberg wird als Autor von Stülpners Erinnerungen (1935) und einer Geschichte von Burg und Spinnerei Scharfenstein (1836) genannt. Danach trat er nie wieder als Autor hervor. 

Konnte der historische Schönberg den Druck finanzieren, einen Widerspruch gegen das Innenministerium durchsetzen und die fehlenden Einnahmen drei Jahre lang überbrücken? Eher nicht.

Wer kam für die Rolle „Schönbergs“ in Frage? 1825 hatten August Graf von Einsiedel (1754–1837) und seiner Frau Emilie (geb. von Münchhausen, 1757–1844) seinen Wohnsitz auf die Burg Scharfenstein verlegt, die er gemeinsam mit seinen drei Brüdern vom kinderlosen Onkel geerbt hatte. Einsiedel studierte Jura in Göttingen und Bergbau in Freiberg, war Offizier in niederländischen Diensten gewesen, neigte zu radikaldemokratischen Ansichten und vertrat einen naturwissenschaftlicher Materialismus. Zusammen mit Karl Ludwig von Knebel (1744–1834) gehörte er zum engsten Freundeskreis Johann Gottfried Herders und war Mitherausgeber der legendären Zeitschrift „Adrastea“ gewesen. August von Einsiedel wäre als Verfasser des Widerspruchs gegen das Königlich-Sächsische Innenministerium und der Intervention an die Sächsische Ständeversammlung denkbar. Er verfügte über das juristisches Wissen und die politischen Kontakte. „Schönberg“ war vielleicht ein Strohmann oder ein Pseudonym August von Einsiedels.

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Der Mironde-Verlag stellt das Projekt „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“ am Freitag, dem 28.4.2023, um 14.00 Uhr im Fachbuchforum der Leipziger Buchmesse, Halle 4, Stand E 100 vor. den Verlagsstand finden Sie in der Halle 4 / A 200.

Clara Schwarzenwald

Information

Das Programm der Festwoche der Stadtbibliothek Zschopau ist hier zu finden: https://zschopau.bbopac.de/event/Event/event_detail/182

Aus der Reihe Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland sind lieferbar:

Band 1. Von den Minnesängern bis Herder: https://buchversand.mironde.com/p/literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-von-den-minnesaengern-bis-herder-sprache-eigensinn1

Band 2. Von Goethe biss Rathenau: https://buchversand.mironde.com/p/literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-von-goethe-bis-rathenau-sprache-eigensinn-2-1

Vorankündigung (8/2024)

Band 3 Von Landauer bis Gundermann soll 2024 erscheinen: https://buchversand.mironde.com/p/literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-sprache-und-eigensinn-3-von-landauer-bis-gunderman

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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