Reportagen

The Xchanging 2012

London, Samstag 7. April, 158. Ruderregatta zwischen Oxford und Cambridge auf der Themse.

Nahe der Putney Bridge ist der Start und über rund vier Meilen weiter flussaufwärts die Ziellinie. Die Flut hat schon länger eingesetzt und in eineinhalb Stunden geht es los. Viele wollen sich schon jetzt einen guten Platz zum Beispiel auf einer der Brücken oder am Ufer sichern. An vielen Orten sind Livescreens aufgebaut. Es riecht nach Grillgut und jeder Zweite hat ein Pint Bier in der Hand. Nahezu volksfestartig herrscht sehr ausgelassene Stimmung, trotz bedecktem Himmel und ziemlicher Kälte.

Ich entscheide mich für die Hammersmith Brücke, die nahezu auf der Hälfte der Regattastrecke liegt. Gerade so ergattere ich noch einen Platz direkt an der Brüstung. Die Brücke wackelt bei jedem Auto das sie quert. Die Holzplatte, die mit einer leichten Teerschicht überzogen ist, ist das einzige, das mich von der Themse trennt. Lieber nicht drüber nachdenken.

Die Sonne kommt ‚raus aber gleichzeitig fallen auch leichte Fadenregentropfen vom Himmel. Ein Raunen geht durch die Menge, auf einmal zwei Ruderachter, die Menge feuert ihre jeweiligen Favoriten an, und alle zücken ihre Fotoapparate. Die Dunkelblauen, Team Oxford, liegen vorn. Viel zu früh, denk‘ ich noch, als sie hinter der nächsten Flussbiegung verschwunden sind, und es die Erklärung von ein paar Britinnen hinter mir gibt. Das waren die zweiten Teams, die trainieren genauso viel, haben es aber leider nicht in die erste Auswahl geschafft.

Der Himmel ist wieder bedeckt, der Wind ziemlich kühl, und dann kommen sie, recht gleich auf, die Menge tobt.

Team Cambridge in hellblau und Oxford in dunkelblau.

 

Kurze Zeit später sind sie schon wieder hinter der Flussbiegung verschwunden.Und nun? Ich entscheide mich am Ufer der Themse wieder Richtung Innenstadt zu spazieren. Ein Pärchen lehnt an der Hauswand, sie scheinen das Rennen live auf seinem Smartphone zu verfolgen. Doch auf meine Frage wer gewonnen hat kommt eine überraschende Antwort: Keiner. Ein Schwimmer hat das Rennen gestoppt und es wird einen Neustart geben. Entlang des Themsepfades komme ich an Künstlerstudios vorbei, die diesen Tag und Massenauflauf nutzen um ihre Kunst zu präsentieren. Doch auch hier, am Tag der offenen Tür, herrscht wieder nur ein Thema: Gibt’s was neues zur Regatta? Nein. Ein paar Häuser weiter ein Pub mit Liveübertragung. Ich reihe mich in die Zuschauer ein. Das Rennen läuft bereits wieder, aber Oxford hat ein Ruderblatt verloren. Sie sind kurz vor dem Ziel, Cambridge mit Abstand in Führung. »Puh Oxford« tönt es neben mir, und weiter »Das sind doch alles Torys!« Diese Dame hat demnach weder dem amtierenden Premierminister, noch dem Londoner Bürgermeister ihre Stimme gegeben, und generell nicht viel für die Konservativen übrig zu haben.

Eines der ereignisreichsten Regatten in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Dazu der Kommentar des Trainers von Cambridge: »Es war kein Sieg, wie man ihn sich idealerweise vorstellt.« Das zielt wohl vor allem auf den Verlust eines Ruderblatts im Team Oxford. Eine kontroversielle Entscheidung des Schiedsrichters für manche. Für andere fair, da dieser Verlust einer Attacke von Oxford auf Cambridge folgte und einige Abmahnung durch den »Umpire« vorangegangen waren. Mit einem Ruderer des Gegnerteams in medizinischer Behandlung, war die Siegerstimmung dann aber doch eher getrübt und auf die sonst üblichen Riten wie den Cox, Steuermann, in die Themse zu werfen, wurde verzichtet. Der Schwimmer, der für eine Unterbrechung der Regatta gesorgt hatte, bekam die gewünschte Aufmerksamkeit für seine nach eigenen Aussagen »Tat des zivilen Ungehorsams gegen das Elitedenken« und wurde von der Polizei abgeführt. Doch am Ende wird nur eines in die Statistik und die Geschichte dieser Regatta eingehen: Sieg für Cambridge.

Beatrice Stude

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3 thoughts on “The Xchanging 2012

  1. Zum Störenfried zitiert die Welt in
    „Oldfields Gründe für Boat-Race-Possen sind allenfalls weitläufig“, kommentierte süffisant die „Daily Mail“ und schloss listig: „Man kann sich nicht helfen, aber stellen Sie sich mal vor, wie weit dieser verwirrte junge Mann mit dem Versuch kommen würde, seine politischen Ideen zu erklären, wenn er in einem Raum mit der Oxford-Crew eingeschlossen wäre…“

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