Reportagen

In Gottes eigenem Land

2012 spricht die halbe Welt von Karl May. Am 25. Februar jährte sich der Geburtstag des Meisters zum 170. Male und am 30. März war der 100. Todestag. Der Hohenstein-Ernstthaler Verein »Silberbüchse – Förderverein Karl-May-Haus e.V.« hatte dem großen Sohn der Stadt am 12. April eine ganz besondere Veranstaltung im Saal des Gasthauses »Drei Schwanen« gewidmet.

Es ging um Eberhard Görners Buch »In Gottes eigenem Land«. Schon vor Beginn der Buchvorstellung und Lesung standen Autor Eberhard Görner und Häuptling Gojko Mitić im Focus zahlloser Fotografinnen und Fotografen.

Dann ging es endlich los. Der Verein begrüßte beide Akteure und die etwa 100 Gäste.

Prof. Eberhard Görner erläuterte kurz den Titel seines Buches »In Gottes eigenem Land. Heinrich Melchior Mühlenberg – der Vater des amerikanischen Luthertums.« Mühlenberg sei von Gotthilf August Francke, dem Sohn des Gründers der Franckeschen Stiftungen, 1741 nach Pennsylvanien geschickt worden, um Ordnung in die deutschen und schwedischen lutherischen Gemeinden zu bringen, und um zu missionieren.

Prof. Eberhard Görner und Häuptling Gojko Mitić boten eine szenische Lesung, mit verteilten Rollen. Die Zuschauer lauschten gebannt dem Schauspiel.

Die ausgewählten Dialoge konnten nur einen Ausschnitt der Handlung vermitteln. So vermochten die Zuschauer, die das Buch noch nicht kannten, nicht zu wissen, dass Mühlenberg unter dem Einfluss seines Schwiegervaters Conrad Weiser, auf Missionierung unter Indianern verzichtete, obwohl er ausdrücklich zu diesem Zweck von der streng pietistisch orientierten Franckeschen Stiftungen entsandt worden war.

Görner dramatisiert die Darstellung nocheinmal, indem er Nikolaus Graf Zinzendorf, den Begründer der Herrenhuter Gemeinde, der zu dieser Zeit bereits ein überkonfessionelles Christentum vertrat, aber die Indianer zu missionieren versuchte, als einen Gegenspieler Mühlenbergs auftreten lässt.

So vermag Görner die eigenartige Konstellation zu vermitteln. Mühlenberg begriff, dass die anarchischen Verhältnisse, in die man ihn schickte, andere Strukturen erforderten, als man ihm in Halle beigebracht hatte. Mühlenberg hatte den Mut, seine pietistischen Traditionen zu verändern, und so lebendig zu erhalten. Zinsendorf, der zwar den Mut zum Überschreiten der Konfesionsgrenzen hatte, vermochte dies nicht.

 

Prof. Görner erfand für sein an historischen Ereignissen angelehntes Buch die Rolle eines Delaware-Häuptlings »Fliegender Pfeil«. In bisherigen Darstellungen deutscher Auswandererschicksale spielten die Indianer leider keine angemessene Rolle. Es sei heute an der Zeit, so Görner, dies zu ändern.

Nach dem Ende der Buchlesung stellte Häuptling Gojko Mitić Indianische Gedanken vor. Die hörten sich an, als ob sie für unsere Zeit gedacht wären: Wann wird der weiße Mann begreifen, dass man Geld nicht essen kann? Warum sammlt der weiße Mann drei Körbe Flusskrebse, obwohl er nur einen Korb braucht? Ist nicht Euer Gott derselbe, wie der unsere? Sind wir am Ende nicht doch Brüder?

Die Zuschauer waren sichtlich bewegt und spendeten Beifall auf offener Szene.

In der Karl-May-Stadt Hohenstein Ernstthal waren Eberhard Görner und Gojko Mitić mit ihrer Lesung am richtigen Ort. Selbst martialisch gekleidete Trapper, mit Ledersachen und Colt, waren von den beiden begeistert.

Nach dem Abschluss der Vorträge stürmten die Zuschauer zu den beiden Akteuren, um sich Bücher, Fotos und Plakate signieren zu lassen. Selbst nach einer halben Stunde war der Andrang noch groß.

Mancher Zuschauer hatte sogar das Glück, mit dem Häuptling in ein Vier-Augen-Gespräch zu kommen.

Am Ende bleibt den Organisatoren zu danken. Es war wieder ein Ereignis. Alle Hohenstein-Ernstthaler, denen Karl May am Herzen liegt, waren gekommen, zudem Gäste aus nah und fern. Wir bedauern alle, die nicht dabei waren.

 

Kommentar

Während der Rückfahrt, das Radio-Programm ist wieder einmal inakzeptabel, bleibt uns Zeit zum Nachdenken. Im Grund erfuhren wir heute eine lebendige Ehrung Karl Mays. Gewiss, der Buchtitel Görners »In Gottes eigenem Land«, deutet zunächst nicht darauf hin. Der Titel ist aber, darauf machten die Einlassungen Gojko Mitićs aufmerksam, mindestens doppeldeutig. Denn wenn unsere Erde keinem Menschen gehört, wieso konnten die Europäer, die nach Amerika kamen, sich dieses Land dann aneignen. Die Berufung auf den christlichen Gott machte die Sache nicht besser. Fernand Braudel prägte für die Art und Weise des Vorgehens der Europäer in den 1980er Jahren den Ausdruck »Zusammenprall (clash) der Kulturen«. In den letzten 300 Jahren setzten sich die Europäer mit ihrer auf der Industrie basierenden militärischen Macht gegen die Naturvölker durch. Heute, da die Folgen des von der großen Industrie dominierten Verhältnisses zur Natur für die, die Augen haben, unübersehbar sind, können uns die Weisheiten der Naturvölker helfen, aus unserem Irrglauben, der Westen verkörpere universelle Werte, wieder herauszufinden. Keine besondere Kultur kann universell sein. In jeder besonderen Kultur steckt Universelles, aber die universelle Kultur an sich, die Kultur im Allgemeinen, die kann es nicht geben.

Karl May transportierte mit seinen Abenteuergeschichten solche Gedanken in der Literatur. In einer Zeit, in der die Herrschenden Europas aus Dummheit und Verantwortungslosigkeit zum Ersten Weltkrieg taumelten, hielt Karl May Friedens-Reden.

Eberhard Görner und Gojko Mitić knüpfen an solchem Engagement an. In unserer Zeit, die auf dramatische Weise jener vor dem Ersten Weltkrig ähnelt, plädieren Görner und Mitić für Aussöhnung, inneren Frieden und die Achtung der Kulturen der Naturvölker. Wenn es einen Karl-May-Preis 2012 gäbe, dann wären die beiden unsere Erste Wahl.

Johannes Eichenthal

 

 

Information

Eberhard Görner: In Gottes Eigenem Land : Heinrich Melchior Mühlenberg – der Vater des amerikanischen Luthertums. Historischer Roman. Mitteldeutscher Verlag 2011. Geb. 324 S. ISBN 978-3-89812-766-0

 

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