Reportagen

URAUFFÜHRUNG TRABANT-DOKUMENTARFILM

Professor Eberhard Görner stellte am 18. Februar 2017 in Zwickau seinen neuen Dokumentarfilm über Entwicklung und Bau des DDR-Automobils Trabant vor.

 

Wir, Petra und Frieder Bach, besuchten die Uraufführung des Films »Wolle auf Asphalt« im Haus der Sparkasse in Zwickau am 18. Februar 2017. Die Fahrt in die Stadt der sächsischen Autobauer erfolgte an diesem Samstagabend unter dem Eindruck, dass wir zwar nicht mit dem ersten, aber dem einzigen Auto auf der Welt unterwegs seien. Dadurch trafen wir über eine Stunde vor dem Termin dort ein, was wir als sehr angenehm, aber außergewöhnlich empfanden. Wir genossen die Ruhe vor dem Sturm im Gespräch mit Frau Hertel von der gleichnamigen Zwickauer Buchhandlung, die trotz stark angeschlagener Gesundheit die Bücher von Dr. Werner Lang und das noch sehr junge Buch von Dr. Carl Hahn (VW-Hahn) über das Leben seines Vaters Dr. Carl Hahn (DKW-Hahn) zum Kauf anbot. Die geladenen Gäste erschienen zumeist auch ein ganzes Weilchen vor dem Beginn der Veranstaltung, da die meisten ehemalige Sachsenring-Mitarbeiter sind, sich als Ruheständler natürlich lange nicht trafen und sich demzufolge viel zu berichten hatten. Der im DDR-Autobau einst vielbeschäftigte Formgestalter Prof. Clauss Dietel hatte sich in einer hinteren Sitzreihe niedergelassen und wurde von einem der Veranstalter darauf hingewiesen, dass für ihn doch ein Platz in der ersten Reihe reserviert sei.

Pünktlich und akkurat wie immer erschien Prof. Dr. Hahn, dem keinerlei biologische Ermüdungserscheinungen anzusehen sind, obwohl er schon über neunzig Jahre in dieser schwierigen Welt wandelt und in seinem Leben viele gewiß nicht leichten Aufgaben zu lösen hatte.

Die Begrüßung erfolgte durch die Zwickauer Oberbürgermeisterin Frau Dr. Findeiß, woran sich ein kurze Erläuterung des Schöpfers des Films Prof. E. Görner anschloss.

 

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© Carl-Clauss Dietel / BASEG-Werbeproduktion Chemnitz

 

Der Film begann mit einer technischen Panne. Er lief mit falscher Geschwindigkeit, zu langsam und das etliche Minuten lang. Das schien aber den zuständigen Techniker nicht zu beeindrucken. Erst nach einer Intervention von Prof. Görner wurde die richtige Geschwindigkeit und damit auch der rechte Ton hergestellt. Vorher klangen die Stimmen des Sprechers und von Dr. Lang, als ob sie aus dem Grab kämen.

Alles noch mal von vorn. Der Film beginnt mit einer südländischen Wasser- und etwas Landszene. Für den Zuschauer zunächst etwas unverständlich und schwer ein Bezug zu Trabant oder Dr. Werner Lang herzustellen. Die Sache klärt sich am Ende des Films, als Dr. Hahn mit seinem Trabi in Sardinien, seinem Urlaubsaufenthalt, fährt und hält und kommentiert.

Der Film ist keineswegs langweilig, was ja mancher 08/15 Besucher im normalen Kino später vielleicht befürchten könnte, falls der Autobau nicht gerade sein Thema ist. Es wechseln kurze erläuternd rückblickende Kommentare von Dr. Werner Lang, dem Technischen Direktor des VEB Sachsenring, denen dann Einblicke in die Originalproduktion des Trabant folgen. Originalwerbung aus DDR-Fernsehen und -Kino wurden reichlich eingearbeitet und kommen gut beim Zuschauer an; Sicher aus unterschiedlichen Gründen. Gestern abend bei dem sachkundigen Publikum älteren Semesters sicher vieles aus nostalgischer Sicht. Später im normalen Kino bei jüngerem Publikum vielleicht auch als Comedy. Egal, es sind Dokumente! Der Film folgt der chronologischen Entwicklung in Zwickau bis zum Neubau des Werkes in Mosel incl. beeindruckender Luftaufnahmen des Werkes. Im letzten Teil kommen ausführlich wechselnde Bilder bzw. filmische Szenen der Gegenüberstellung von Trabant-Produktion und VW-Polo-Produktion, die eindrücklich die enorme Entwicklung darstellen, die der Automobilbau in dieser Region in diesen zwanzig Jahren erlebt hat. Ab und zu kommt im Film auch Professor Carl Hahn zu Wort und erläutert die Gründe, die ihn damals veranlasst haben, seine Kompetenz bedingungslos dafür zur Verfügung zu stellen, dass in Sachsen wieder eine Fahrzeugindustrie entsteht, die höchstes Niveau verkörpert. Er sprach dem handwerklichen Können der Zwickauer sein volles Vertrauen aus. Dies bestätigte er auch noch mal in einer kurzen Ansprache nach dem Film.

Viele Szenen im Film führen den Film-Untertitel ad absurdum. Ein Auto was in mehr als drei Millionen Exemplaren gebaut wurde, das wird auch gezeigt, war kein »Experiment« mehr. Der Film zeigt anhand der zahlreichen bisher stattgefundenen internationalen Trabantfahrer-Treffen, dass dieses Auto inzwischen Kult ist. Ausführlich wird der Trabi-Club der Schweiz gezeigt und erläutert, dass es in der ganzen Welt derartige Vereine gibt, die sich dem kleinen Zwickauer verschrieben haben. Das Wort Experiment ist also hier fehl am Platze.

Interessant sind die Äußerungen Dr. Langs im Rückblick auf die Arbeit der Zwickauer Autobauer. Er spricht meist in der »Wir«-Form, was auch richtig ist, denn diese Arbeit war immer Teamwork. Trotzdem kommen für mein Empfinden recht wenig die Namen der anderen am Gesamtwerk »Auto« genauso beteiligten zu Gehör. Hier hätte der Regisseur und Produzent vielleicht etwas mehr sachkundige Beratung gebraucht. So ist der Film wohl in erster Linie eine Dokumentation des Wirkens von Dr. Werner Lang geworden, was seine Witwe nach der Aufführung auch dankend zum Ausdruck brachte.

Für einen im Autobau jener Zeit aktiven Mitarbeiter, wie ich es war, war besonders interessant die Deckungsgleichheit der Meinungen zu hören, die er und ich und wohl die meisten Mitarbeiter über die Entscheidungen der SED-Oberen hatten und damals den ostdeutschen Fahrzeugbau in den Abgrund führten. Ein solcher Satz aus dem Mund von Dr. Lang, wie gestern abend gehört, zu jener Zeit, und der DDR-Autobau hätte wieder eine Führungskraft weniger gehabt! Es tut mir aber ungeheuer gut, trotz aller aktuellen Probleme, dass ich eine Zeit miterleben darf, in der man seine Meinung äußern kann, ohne die Befürchtung, dass morgen früh zwei unbekannte Herren vor der Tür stehen und einen unwiderstehlich zum Mitkommen auffordern.

Offen über das Vergangene reden, daraus lernen und mit dem Gelernten das Morgen etwas besser gestalten; dem wird der Film gerecht, auch wenn es kein Experiment war und keine Wolle, die sich über den Asphalt bewegte, sondern Baumwolle!

Frieder Bach

 

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