Reportagen

Das Buch ist mehr

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Die Literarische Gesellschaft Saar e.V. MERIDIAN hatte für den Abend des 28. April zu einer Buchvorstellung in das Restaurant der Casinogesellschaft in Saarbrücken eingeladen. (siehe Foto)

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Frau Rosemarie Kelter (1. v. li.), die MERIDIAN-Präsidentin, begrüßte im Namen der Gesellschaft die Gäste und die Autoren des Buches »Haben Sie das alles gelesen? Ein Buch für Leser und Sammler«: Ministerpräsident i. R. Reinhard Klimmt (2. v. li.), Dieter Lehnhardt (3. v. li.), Dr. Klaus Walther (4. v.li.) und die Gestalterin des Buches Birgit Eichler.

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Reinhard Klimmt stellte den Gästen die Autoren zunächst mit persönlichen Worten vor. Klaus Walther nannte er »eine der großen Figuren der DDR-Literatur- und Buchliebhaber« und Dieter Lehnhardt einen der »Spätberufenen«, die erst mit den Jahren die Sammelleidenschaft entdeckten.

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Reinhard Klimmt formulierte in seinem Statement, dass es den Autoren des Buches darum gehe, dem Leser etwas von der Begeisterung des Büchersammelns zu vermitteln. Büchersammler seien Sammler, keine Jäger. Auf den ersten Blick sei ein Buch nur bedrucktes Papier. Erst durch die Aufnahme des Buches in die menschliche Kultur wird mehr daraus. Um das zu verdeutlichen kämen in dem vorliegenden Buch 16 Sammler zu Wort. Darunter seien solch berühmte Gestalten wie Prof. Reiner Speck aus Köln, Elmar Faber aus Leipzig und Wulf D. von Lucius aus Stuttgart. Man habe jedoch in der Autorenauswahl versucht die Breite der Sammelmöglichkeiten anzudeuten. Deshalb sei er mit seiner Taschenbuchsammlung der 1950er Jahre aufgenommen worden. Er stehe kurz davor alle bis zum 31. Dezember 1959 im deutschen Sprachraum erschienenen Taschenbücher, etwa 4500 Exemplare, in seiner Sammlung zu vereinen.

Über das Taschenbuch sei die Kulturgeschichte der Bundesrepublik zu erschließen.

Das Taschenbuch sei zunächst von den Vertretern der Buch-Hochkultur gering geschätzt worden, in der DDR noch länger als in der Bundesrepublik. Selbst Hugo Friedrich, der 1961 den Deutschen Taschenbuchverlag gründete, habe noch 1950 von einer Gefährdung der Buchkultur durch das Taschenbuch geschrieben.

Für ihn, so Klimmt, sei die Taschenbuchausgabe von Norman Mailers »Die Nackten und die Toten« ein Zusammentreffen der neuen Form mit einer Aufsehen erregenden Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg. Mit Literatur habe das Taschenbuch begonnen, dann seien die Wissenschaftsverlage und später die Ratgeber dazugekommen. Die ersten Ratgebertitel lauteten etwa »Was dem Mann am besten schmeckt«, »Fräulein zum Diktat« oder »Dein Baby«. Die Covergestaltung habe 1952 Einflüsse des Abstrakten erfahren, dann habe man sich an US-Filmplakaten orientiert und später seien die Comics dazugekommen.

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Klaus Walther erklärte, dass er im Buch über Kriminalliteratur geschrieben habe, weil er  wusste, dass viele Kollegen z.B. über Goethe schreiben wollten. Er selbst sei ein Liebhaber von altmodischen Krimis. Er bevorzuge weniger den sozialkritischen Krimi als die klassische Detektivgeschichte. Das Thema sei: ein Verbrechen wird begangen und der Täter wird gefunden. Dies sei vielleicht eine moderne Form des Märchens. (Von Klaus Walther erschien soeben der Kriminalroman »Romantische Lieder und eine Leiche« – je.)

Der Krimi gehöre für ihn zur unterhaltsamsten Literatur.

Reinhard Klimmt fragte hier dazwischen: Unterhaltung oder Literatur?

Klaus Walther antwortete: Literatur hat immer auch mit Unterhaltung zu tun. »Reine Literatur« oder »reine Unterhaltung« interessierten ihn weniger. Unter den Kriminalromanen gäbe es bedeutende literarische Werke.

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Dieter Lehnhardt, der in der Nähe von Wetzlar zu Hause ist, verfügt über eine große Goethe-Sammlung. Er versuchte dem Publikum deutlich zu machen, wie die Sammelleidenschaft im Detail entsteht. Er habe zum Bei­spiel eine Erst­aus­gabe von Goe­thes Wert­her aus dem Jahr 1774 erwor­ben, die in 1500 Exem­pla­ren gedruckt wurde. Diese Erstauflage hat während des Druckes verschiedene Fehler, so dass der Kenner die Exem­plare anhand der vorhanden oder schon eliminierten Fehler identifizieren und einschätzen kann. Zum Beispiel ist die Seite 39 versehentlich als 36 nummeriert. Und die Seiten 16 und 101 haben die sogenannten  Presskorrekturen  »durgelesen« statt »durchgelesen« und »härine« statt »härene«. Wäh­rend des Dru­ckes hät­ten die Dru­cker die Druck­platte zunächst von Seite 16 und dann von Seite 101 kor­ri­giert. Es gäbe also Erst­aus­ga­ben mit zwei Druck­feh­lern, mit einem und sol­che ohne Druckfehler.

Ebenso besitze er ein Exem­plar der Erst­aus­gabe der Goe­the­schen Far­ben­lehre von 1810 mit einer Inschrift des Philologen Gött­ling vermutlich aus dem Februar 1830, das die Bücher ein Geschenk von Goethe seien. Der Namenszug »Göttling« sei spä­ter durch­ge­stri­chen wor­den. Er habe aber aus dem Brief­wech­sel Goethe-​​Göttling ent­nom­men, dass Goe­the tat­säch­lich ein Exem­plar der Far­ben­lehre an die­sen ver­schenkt hatte. Samm­ler­glück sei für ihn mit der Ent­de­ckung sol­cher Zusam­men­hänge verbunden.

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Birgit Eichler gab einen Einblick in die technische Entstehung des Buches. Zunächst seien nur die Artikel von 16 Sammlern vorgesehen gewesen. An der Idee des Buches habe Klaus Walther viele Jahre gearbeitet, es sei so etwas wie sein Lebenswerk. Frühe Bücher zum Thema seien ohne Fotos ausgekommen. Fotografien der Sammler und der Sammlungen erschienen zunächst auch in diesem Projekt nicht möglich. Dann habe Dieter Lehnhardt jedoch bei allen Sammlern die Bereitschaft zu Fotografien geweckt. Von diesem Punkt an seien immer mehr sehr gute Dokumentarfotografien von den Sammlungen und den Sammlern eingetroffen. Eine einfache Abbildung eines Bücherregals sei von da an auf dem Titel nicht mehr möglich gewesen. »Die« Bibliothek gäbe es nicht. Deshalb habe sie das Thema graphisch abstrahieren müssen. Zudem habe sich in der Arbeit eine Erweiterung des Umganges von geplanten 160 auf 366 Seiten ergeben. Neben der Ausweitung der Darstellung der Sammlungen der privaten Sammler, die nicht öffentlich zugänglich sind, habe Klaus Walther noch öffentlich zugängliche Gelehrten- und Schriftstellerbibliotheken aufgenommen. Diesen zweiten Teil habe man auch in der Darstellung vom ersten abgesetzt, damit der Unterschied für den Leser erkennbar sei.

In der Diskussion fragte ein Zuhörer, ob es in 100 Jahren noch öffentliche und private Bibliotheken mit physisch existierenden Büchern geben werde oder ob dann alles digitalisiert sei.

Reinhard Klimmt antwortete, dass es schöne Bücher auch in 100 Jahren noch geben werde.

Klaus Walther ergänzte, dass es in 100 Jahren wahrscheinlich traditionelle Bücher nur noch in Privatbibliotheken geben werde. Walter Benjamin habe einmal vom Glück des Privatmannes geschrieben, der in der Nähe seiner Bücher leben könne. Der Einzelne, das Individuum seien gefragt. Reiner Speck habe im vorliegenden Buch geschrieben, dass es für ihn wichtig sei, an seinen Büchern entlang gehen und darin Blättern zu können. Es entstehe eine Art osmotisches Verhältnis zwischen Mensch und Buch. In diesem Sinne so Walther, sind wir alle Osmotiker.

Dieter Lehnhardt ergänzte, dass es schon eine Verschiebung geben werde. Junge Leute seien dem digitalen Texten gegenüber vielleicht aufgeschlossener. Aber lange Texte erforderten seiner Meinung nach ein traditionelles Buch.

Birgit Eichler fügte an, dass sich traditionelle Bücher besonders gut als Geschenk eigneten, E-Books eher weniger.

Eine Zuhörerin warf ein, dass es auch zu neuen Trends käme. Zum Beispiel fotografierten viele Menschen heute digital, fertigten dann aber klassische Fotobücher an.

Ein Zuhörer fragte nach, ob Bücher ausschließlich Träger von Wissen seien?

Reinhard Klimmt antwortete: Nein, das Buch ist mehr.

Mit diesem Satz ging die interessante Diskussion zu Ende.

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Auf unserer Heimfahrt hatten wir viel Zeit zum Nachdenken. Das Urbild für eine Bibliothek ist in unserer sozialen Erfahrung die Gemeinde- oder Stadtbibliothek. Hier lernen wir kennen, wie eine Bibliothek aussieht, hier treffen wir Freunde, hier lernen wir Neues kennen, hier sehen wir, welche Bücher in eine Bibliothek gehören, hier werden wir von den Bibliothekarinnen, in der Tat gibt es kaum Männer in diesem Beruf, in der Buchauswahl beraten. In der Allgemeinbibliothek wird das Fundament für unsere Bildung gelegt.

Beim Studium lernen wir die Fachbibliothek mit den Lesesälen und dem Ruhegebot im Lesesaal kennen. Diesen Fachbibliotheken mit ihrer immer teureren und immer enger spezialisierten Fachliteratur gilt die besondere Aufmerksamkeit der Kulturpolitik. Aber diese können wir uns am ehesten als digitalisierte Einrichtungen vorstellen.

Mit Spezialisierung allein kommen wir jedoch nicht durchs Leben. Wir müssen immer wieder zu unseren Fundamenten zurück. Von der Breite des Fundaments hängt am Ende die mögliche Höhe unseres Fachwissens ab. Eines bedingt das andere.

Deshalb ist die Existenz der öffentlichen Allgemeinbibliothek für die Bildung einer Gesellschaft unverzichtbar. Aber das reicht in unserer heutigen umbrechenden Welt nicht aus. Die Büchersammler haben gewissermaßen die Rolle des verschwundenen »Bildungsbürgertums« übernommen. Deshalb sind solche Beispiele, wie sie im Buch »Haben Sie das alles gelesen?« für uns Leser so wichtig. Es geht nicht darum, dass wir uns 30.000 Bücher zulegen. Aber wir können Anregungen und Erfahrungen aufnehmen, wie wir uns in der ungeheuren Bücherflut von jährlich 90.000–140.000 Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum behaupten können, wie wir aus dieser Masse die wenigen Körnchen von Klasse herausfiltern oder, wenn wir sie in der Gegenwartsliteratur nicht mehr finden, antiquarisch erwerben können. Am Ende steht die Orientierung für den Aufbau einer eigenen kleinen Bibliothek. In erster Linie um ein individuelles habituelles Verhältnis zu unserem kulturellen Erbe zu erwerben. Wie sagte Reinhard Klimmt: das Buch ist mehr als bedrucktes Papier!

Johannes Eichenthal

 

Information

Klaus Walther/Dieter Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen? Ein Buch für Leser und Sammler. 366 Seiten, 12,5 × 21,5 cm, gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen, zahlreiche farbige Fotos, VP 29,90 ISBN 978-3-937654-80-5

In jeder Buchhandlung erhältlich oder direkt beim Verlag: www.mironde.com

 

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