Der 3. November war ein nebliger Tag. Selbst die Sonne gab es irgendwann auf. Am späten Nachmittag setzte zudem ein leichter Nieselregen ein. Auf dem Parkplatz des ZV Frohnbach fuhren zahlreiche PKW vor. Weitere Gäste kamen zu Fuß oder mit dem Rad. Auf der Tagesordnung stand eine Führung zur Pyrolyse-Anlage. Vor einem Jahr beging der ZV Frohnbach sein 30jähriges Gründungsjubiläum mit einer Tagung zum Thema Humus. Auf der Tagung wurde herausgestellt, dass die Biokohle, die beim Niederfrohnaer Pyrolyse-Verfahren übrig bleibt, in der Kombination mit Mist, Kompost o. ä. für die Humusbildung ihren idealen Bestimmungszweck gefunden hat. Daran sollte am 3. November erinnert und angeknüpft werden.

Dr.-Ing. Steffen Heinrich (3. v. li.) begrüßte die Gäste, die aus verschiedenen Berufsgruppen kamen: Handwerker, Gärtner, Landwirte, Obstbauern, Planer, Theologen, Mediziner, Chemiker, Metallurgen u.a. Selbst der öffentlichkeitsscheue Dichter Ludhardt M. Nebel war gekommen. Steffen Heinrich erklärte zu Beginn des Rundganges, dass seit sechsundeinhalb Jahren der kommunale Klärschlamm mit dem Pyrolyse-Verfahren ohne Zufuhr von Primärenergie und ohne Abfall zu einer stark phosphorhaltigen Biokohle verarbeitet wird. Dr. Heinrich verwies darauf, dass bei Temperaturen von etwa 750 Grad Celsius die Schwermetalle und auch die für den Menschen gefährlichen chemischen Verbindungen von Medikamentenresten und PFAS in ihre Bestandteile zerlegt werden. Alles »Organische« werde beseitigt, die Biokohle sei »steril« oder »tot«. Die mineralische Struktur blieben aber bei dem Verfahren erhalten. Zudem finden sich in der Biokohle Spuren von Selen, Molybdän, Mangan u.a

Bei einbrechender Dunkelheit erreichten die Besucher die Pyrolyse-Halle. Dort ist die Kommunikation aufgrund des Geräuschpegels der Trockner nur schwer möglich. Dennoch wurden Fragen gestellt. Etwa, wie hoch die Investitionskosten für die Anlage waren. Die Antwort Dr. Heinrichs war: für das Pilotprojekt etwa 3,5 Mio. Euro. Mit den Erfahrungen des Pilotprojektes könnte man heute mit etwa 2 Mio. Euro auskommen. Erst am Pyrolyse-Ofen vermochten alle Gäste wieder die Erklärungen Steffen Heinrichs zu hören. Eine Frage war hier, woher das Cadmium im Klärschlamm komme. Dr. Heinrich antwortete, dass im Einzugsbereich des ZVF der von der industriellen Landwirtschaft verwendete Mineraldünger der Ursprunge sei. Beim Mineraldünger gestatte der Gesetzgeber einen relativ hohen Cadmium-Gehalt. Gleichzeitig habe der Gesetzgeber die Toleranzgrenze von Cadmium bei Klärschlamm von 10 auf 1,5 mg/kg gesenkt und damit das weitgehende Ausbringungsverbot auf Felder bewirkt.

Nach dem Rundgang fanden sich alle Gäste im schlichten Beratungsraum des ZVF ein. Durch die Fenster sah man trotz der Dunkelheit die Kläranlage. Die Damen des Heimatvereins hatten einen kleinen Imbiss vorbereitet. Steffen Heinrich beantwortete hier noch einmal Fragen. Ein Gast erinnerte daran, dass Udo Schäfer auf der Humustagung vor einem Jahr den Begriff »Humus« mit »Weitergabe des Lebens« definiert habe. Im Laufe der Tagung habe der ZVF die Einsatzmöglichkeit der Biokohle ausdrücklich mit »Humusbildung« bestimmt. Er sehe zwar ein, dass man deutlich machen müsse, dass die Biokohle keine Reste von Medikamenten oder PFAS enthalte, aber die Beschreibung der Biokohle mit »steril« oder »tot« sei für ihn fragwürdig. Könne es überhaupt »tote« Materie geben?

Dr. Heinrich zeigte sich etwas überrascht von der Fragestellung. Es spricht für ihn, dass er keine schnellen Floskeln suchte, wie es üblich ist. Es sei daran erinnert, dass der ZVF für notwendige Untersuchungen nur über ein kleines Labor verfügt. Erst mit Hilfe der TU Bergakademie Freiberg konnte z.B. nachgewiesen werden, welche Spurenelemente in der Biokohle vorhanden sind. Die Freiberger Kollegen waren es auch, die darauf verwiesen, dass die Spurenelemente bei Belebungsprozessen eine entscheidende Rolle spielen.
Es sei auch an eine Rezension des Buches von Lynn Margulis »Der symbiotische Planet« in der Litterata erinnert (https://www.mironde.com/litterata/14097/reportagen/ist-die-erde-ein-lebewesen). Margulis zählte Bakterien neben Pflanzen und Tieren zu einer dritten Art des Lebens. Aus Bakterien haben sich alle weiteren Formen des Lebens entwickelt. Die einfachsten Bakterien sind anaerob, leben in Mineralschlamm und sind hitzebeständig. Bisher wurde in der Biokohle noch nicht nach Bakterien gesucht, auch weil keine analytischen Mittel zur Verfügung stehen. Aber wenn es um Regeneration, um Belebung, um Humusbildung geht, könnte auch dieser Aspekt eine Bedeutung besitzen. Dr. Heinrich versuchte eine vorläufige Antwort: In der Biokohle des ZVF findet sich die mineralische Nahrung für Bakterien, Pflanzen und Tiere. Das ist der Grund dafür, dass Biokohle Regeneration und Belebungsprozesse initiieren kann.

Mit Diskussionen und Meinungsaustausch ging der Besuch in der Kläranlage zu Ende. Den Organisatoren ist zu danken. Es war ein ganz besonders Ereignis. Dr. Heinrich vermochte seinen Besuchern den komplexen Prozess im neuen Licht zu zeigen. Einer nach dem anderen verabschiedete sich und trat den Heimweg an. Fahrräder und Autos rollten vom Parkplatz. Langsam erloschen die Lichter im ZVF-Klärwerk wieder.
Clara Schwarzenwald
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Ergebnisse der ZVF-Humustagung 2025: https://www.mironde.com/litterata/13264/interview/humus-3
Information: Das Making-of des Pyrolyse-Verfahrens
Karin Heinrich/Steffen Heinrich: Klärschlammveredlung mit Pyrolyse. Vom Abfall zum Gartengold.
Fester Einband, 23,4 × 0,5 cm, 400 Seiten, Fadenheftung, Lesebändchen, 226 farbige Fotos, 3 Karten, 56 Abbildungen, 43 Tabellen und Diagramme, Anhang mit digitalisierten ergänzenden Materialien (Filmaufnahmen, Dokumente, Versuchs-, Untersuchungs- und Labor-Prüfprotokolle).
VP 128,00 € ISBN 978-3-96063-017-3


Liebe Mitarbeiter des „Mironde-Verlages“, verehrter Dr.-Ing. Steffen Heinrich,
vorab: es war ein sehr spannender und informativer Nachmittag!
Zunächst war ich skeptisch, was mich in Sachen Klärschlamm erwartet, aber der Hinweis auf den kleinen Imbiss veranlasste mich dann doch zur beschwerlichen Reise nach Niederfrohna. Und ich muss feststellen, es hatte sich umfassend in jeder Hinsicht gelohnt. Dr. Heinrich brachte komplizierte chemische und technische Prozesse sehr anschaulich an die Gäste. Spannend waren auch die Hintergründe und Geschichte der in Deutschland einzigartigen Anlage. Auch das hier eine nachhaltige und effektive Kreislaufwirtschaft Realität geworden ist. Das sollten die politisch-wirtschaftlichen Verantwortlichen in der monopolisierten Abfallwirtschaft eigentlich aufgreifen und nach Kräften unterstützen, aber…
Ich wünsche Dr. Heinrich jedenfalls weiterhin Stehvermögen, Kraft und Durchsetzungsvermögen! Und Humor brauch es dabei, den hat er, wie der Nachmittag eindeutig belegte.
Herzlichen Dank sagt
Ludhardt M. Nebel