Reportagen

Kleist lesen

Selten scheint ein Jubiläum der Literaturgeschichte schon so lange vor. Bereits 2010 wurden mehrere Kleist-Biographien neu herausgegeben oder neu aufgelegt. In den letzten Monaten erschienen immer wieder Rezensionen dieser Bücher und Artikel zum Leben des Dichters, der am 21. November 1811 am Berliner Wannsee Selbstmord beging. Man kann in den deutschsprachigen Feuilletons der letzten Wochen in endlosen Wiederholungen Berichte über die letzten Stunden Heinrich von Kleists lesen. Aber es gibt auch einige Ausnahmen.

In der FAZ vom 18.11.2011 stellte Wolfgang Schneider mehrere neu produziert Hörbücher mit Werken Kleists vor. Am 18.11.2011 erschien in der Wiener Zeitung »Die Presse« eine kenntnisreiche Rezension der vorliegenden Kleist-Literatur von Reinhard Urbach. Am 19.11.2011 veröffentlichte die FAZ ein Interview mit dem Schauspieler Ulrich Matthes auf der Wannseebrücke, über die Kleist seinerzeit … Auf eine entsprechende Frage, wie er Kleists Selbstmord spielen würde, antwortete Matthes »Es kommt mir plötzlich so merkwürdig vor, dass ich Kleist wirklich spielen müsste. Es ist mir irgendwie unangenehm …« »Sie wollen Kleist nicht zu nahe kommen?« »Den Texten schon, aber ihm … Mein Respekt ist so groß, dass ich es anmaßend fände …« Klaus Walther schreibt in der Chemnitzer »Freien Presse«  vom 18.11.2011, im Untertitel seines Artikels, dass Kleists Leben ein einziges Scheitern gewesen sei, dass aber seine Dramen heute zum klassischen Repertoire deutscher Bühnen gehören. Andrea Köhler überschreibt ihren Kleist-Artikel in der NZZ vom 19.11.2011 mit dem Untertitel: »Er spürte den Umsturz der Ordnungen und war dazu ausersehen, mit seiner Dichtung den modernen Menschen aus der Taufe zu heben. Doch Heinrich von Kleists kurzes Leben … war von Scheitern geprägt.« Auch Frau Köhler beschreibt Kleist als widersprüchlich und zerrissen. Am 21.11.2011 erschien in der »Jungen Welt« ein Artikel zu Kleist von Kai Köhler. Der Autor stützte sich in seinem Urteil auf alte Thesen von Peter Hacks, der bekanntlich die Romantiker-Generation nicht verstehen wollte.

In Bührnheims Literatur-Salon trafen sich am Abend des 19. November 2011 etwa 20 Leipziger, die über Heinrich von Kleist und dessen Erzählung »Michael Kohlhaas« diskutieren wollten. Dieter Bührnheim (Mitte) hatte den Journalisten Michael Hametner (li.) vom Kulturradio des MDR und den Literaturwissenschaftler Dr. Jürgen Krätzer (re.) eingeladen. In der Einladung wurde man, in alter Salon-Tradition, aufgefordert, seine Kohlhaas-Kenntnisse noch einmal aufzufrischen und abzuwägen, ob man »auf der Seite von Kohlhaas oder der Vernunft« sei?

Zunächst arbeitete man also am Kohlhaas-Text. Michael Hametner las einen Ausschnitt und fragte die Gäste nach ihrer Erstlektüre und nach ihren Empfindungen beim Wiederlesen. Es passierte, was in solchen Situationen oft unausweichlich erscheint: die Leser identifizierten Kleist mit der Figur seiner Erzählung. Fleißig wurde auch nach den Details aus dem 16. Jahrhundert gefragt, als ob man damit Kleist beurteilen könne. Den Zwiespalt, in den Kleist seinen Michael Kohlhass stellte, übertrug das Publikum auf den Autor selbst. Schnell wurden Vergleiche zu »Terroristen« angestellt.

In seiner Not fragte Moderator Hametner, ob ein Jurist anwesend sei, so wie man bei einem Unfall nach einem Arzt … Leider war in diesem Fall ein Jurist zugegen. Aber dieser konnte wiederum nur, was wollte man anderes erwarten, juristisch argumentieren. In der Literatur kommt man damit nicht weiter.

Ein anderer Zuhörer übernahm darauf die Rolle des »Richters« und glaubte auf Grund der vorliegenden »Indizien« Heinrich von Kleist, weil er eben nicht »normal« gewesen sei, als »Psychopathen« aburteilen zu können.

Die Wellen schlugen hoch an diesem Abend. Der Text von Kleist hat nach mehr als 200 Jahren noch eine solche Verstörungskraft, dass er uns in die Verwirrung führen kann. Aber langweilig war es nie. Der Literaturwissenschaftler räumte am Ende ein, dass er Kleist nicht verstanden habe, dieser werde ihm ein Rätsel bleiben … Was soll der gemeine Leser dann sagen? Zumindest regte uns dieser Abend an, endlich einmal wieder das ganze Werk Kleists zu lesen. Was will man eigentlich mehr erreichen? Dem Literatursalon Bührnheim und den beiden Akteuren Michael Hametner und Dr. Jürgen Krätzer ist für diese abendlichen Anregungen zu danken.

Kommentar

Auf der Heimfahrt führten uns die zahlreichen Umleitungen durch Waldenburg. Hier tauchten Erinnerungen auf. Fürst Günther von Schönburg-Waldenburg war ein Liebhaber Heinrich von Kleists gewesen. Er, der als zweitgeborener Sohn lediglich für die Verwaltung der Güter vorgesehen war, musste nach dem frühen Tod seines militärisch und juristisch ausgebildeten Bruders auf dem Schlachtfeld des Weltkrieges in die Rolle des Familienoberhauptes aufrücken. In seiner Jugend begeisterte er sich für die Texte Heinrich von Kleists. Im Jahre 1920 wurde Fürst Günther Gründungsmitglied der »Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft«. Bücherfreunde und Literaten besuchten von nun an Waldenburg. Prof. Werner Deetjen (Leiter der Weimarer Landesbibliothek), Prof. Max Hecker (Direktor des Weimarer Goethe-Schiller-Archives), Prof. Anton Kippenberger (Chef des Leipziger Insel-Verlages), Prof. Georg Lührig (Direktor der Dresdner Kunst-Akademie) Prof. Dr. Georg Minde-Pouet (Direktor der Deutschen Bücherei in Leipzig, Kleist-Kenner und Herausgeber einer der wichtigsten Kleist-Werke-Ausgaben) und viele andere kamen in den so genannten »Waldenburger-Tafelrunden« zusammen.

Fürst Günther initiierte auch 1925 die Gründung der Deutschland-Gruppe des »Deutsch-Europäischen-Kulturbundes e.V.« auf Schloss Waldenburg.

Binnen weniger Jahre entstand eine Bibliothek mit mehr als 25.000 Bänden. Am 28. Oktober 1928 wurde Fürst Günther zum Gründungspräsidenten der »Deutschen Kunstgesellschaft e.V. – Gemeinnützige Gesellschaft für die künstlerischen Beziehungen zum Ausland« gewählt. Allein 1930/31 führte diese Gesellschaft 234 Ausstellungen in ganz Europa durch. Käthe Kollwitz und Ernst Barlach gehörten zu den vertretenen Künstlern. Am 8. Februar 1933 legte der Fürst seine Präsidentschaft nieder. Die Kleist-Rezeption führte hier nicht nur zu genauen Textkenntnissen und interessanten Diskussionen sondern auch zum tätigen Humanismus.

Wenn man heute nach den Gründen fragt, warum die Werke des großen Heinrich von Kleist vor allem für junge Leute von solcher Aktualität sind, dann sollte man zunächst Kleists Briefe lesen. Hier findet man am ehesten Andeutungen, die uns den unsteten Lebenswandel des jungen Mannes zu verstehen helfen. Mit fünfzehn Jahren wurde er zum Militär geschickt. Mit sechzehn Jahren musste er am Krieg gegen die junge französische Republik teilnehmen. Die alten Mächte Europas hatten sich nach 1789 verbündet, um die bürgerliche Republik zu isolieren und militärisch zu vernichten. Kleist war, wie andere Romantiker, zu jung, und zu konservativ erzogen, um sich für die Revolution begeistern zu können. Er vermag auch keine distanzierten Kriegsberichte zu schreiben, wie der Geheimrat Goethe. Kleist erlebte als halbes Kind das brutale und unmenschliche Chaos mit, was man »Krieg« nennt.

Gleichzeitig muss der von Rousseau begeisterte junge Mann erleben, dass die französische Republik, die mit dem Anspruch der »Vernunft« antrat, unter Napoleon zu einer Kriegsmaschine wurde, die ganz Europa mit Verwüstung und Zerstörung überzieht. Millionen Menschen und Tiere verloren dabei ihr Leben, Städte und Dörfer wurden niedergebrannt.

Unsere Verstörung wächst, wenn wir daran denken, dass ausgerechnet Napoleon »die Vernunft«, d.h. modernes Recht und Gesetz in Form des Bürgerlichen Gesetzbuches verordnete. Michel Foucault erinnerte uns nach 1968 daran, dass auch Vernunft in ihr Gegenteil umschlagen kann.

Heinrich von Kleist erlebte, wie alle stabil geglaubten Verhältnisse seiner Zeit ins Kippen gerieten und ihr Gegenteil umschlugen. Aber selbst die scheinbare Alternative, die bürgerliche Republik, die Vernunft und das bürgerliche Gesetz schlugen in den Wahnsinn des Raffens, Eroberns und Tötens um. Kleists Versuch, sich mit »der Vernunft« wissenschaftlich zu befassen, endete in der Enttäuschung. Schon damals glaubten Politiker und Beamte ernsthaft, dass man Vernunft auf Zahlen reduzieren könne, um damit die Welt zu begreifen und das Volk zu regieren.

In Briefen an Freunde riet Kleist mitunter, es mit der Wissenschaft nicht zu ernst zu nehmen, sondern sich auf das Gefühl zu verlassen. Gleichzeitig war er zu nüchternen Einschätzungen fähig. Am 13. November 1805 schrieb Kleist an seinen Freund Otto Rühle von Lilienstern »Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts als bloß den Umsturz der alten erleben.«

1807 kam Kleist nach Dresden. Hier lernte er einen Kreis junger Menschen kennen, die im Überschwang der Gefühle die Welt aus den Angeln heben wollten, und die mit den Kreisen in Jena und Heidelberg Verbindung hielten.

Doch bald zog die Ernüchterung ein. Der Physiker und Poet Johann Wilhelm Ritter (geb. 1776) starb bereits 1810. Gotthilf Heinrich Schubert (1780–1860), der mit Ritter und Kleist befreundet war, schrieb am 9. März 1810 an Emil Herder »Ritters Tod hat mich ungemein erschüttert. Seit Deines und später meines Vaters Tod weiß ich keinen Moment, der so entschieden auf mich gewirkt hätte. Der Zeitgeist geht streng mit uns um. Die anscheinend so vielsprechende, rüstige Jugend, die noch vor etwa 6 Jahren den Geisterhimmel stürmen wollte, die tüchtigen Kämpfer der neuen Schule die Deutschland ein neues goldenes Zeitalter, glänzender als das erste, eine neue Blütezeit der Poesie und Wissenschaften bringen wollte, wo sind sie hin? Sieh einmal um dich her! Was ist aus Tieck, den beiden Schlegels, Steffens, Görres, und wie sie sonst heißen geworden? Glaube mir, Ritter hat unter allen noch die honetteste Auskunft gefunden! Ja die Zeit geht ein wenig ernst mit uns um. Es war nicht bloße Vermutung, es wird Gewissheit, dass der bisherigen europäischen Geisteskultur der Herbst naht, und schon gekommen ist. Wir aber hielten einige milde Tage des Spätsommers schon für den Frühling.«

Eine ganze Generation erlebte das Scheitern ihrer Ideale. Das Umschlagen von Vernunft in Wahnsinn, von Recht in Unrecht, von Hoffnung in Enttäuschung. Die Konsequenzen waren unterschiedlich. Keiner vermochte jedoch die Dramatik, die Widersprüchlichkeit, Zerrissenheit und Absurdität dieser Zeit besser auf die Theaterbühne zu bringen als Heinrich von Kleist. Dabei erfasste er auch menschlich Allgemeines. Hier liegt wohl das ewige Geheimnis seiner Anziehungskraft auf junge Menschen begründet.

Johannes Eichenthal

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