Reportagen

Bloch und Claus in Annaberg-Buchholz

Die Johannisgasse lag am Abend des 4. Mai in frühsommerlichem Sonnenschein. Man glaubte sich eher in Italien als im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz. Vor dem Gebäude eines ehemaligen Kinos, in dem der Künstler Carlfriedrich Claus (1930–1998) gelebt hat, versammelten sich etwa 50 Gäste. Claus war einer der wenigen Künstler von internationaler Bedeutung gewesen, die Zeit ihres Lebens im Erzgebirge lebten.

Frau Böttcher vom Verein »Kunstkeller Annaberg e.V.« eröffnete im so genannten »Studienraum« die Ausstellung »Kennung/en – Ernst Bloch im Werk von Carlfriedrich Claus«. Diese Ausstellung war Anfang des Jahres vom Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen eröffnet worden. Vertreter aus Ludwigshafen waren an diesem Abend zu Gast.

Die Besucher nutzten darauf die Gelegenheit, um die ausgestellten Sprachblätter von Claus zu begutachten. Ein großer Teil davon entstand im Rahmen des Briefwechsels mit der Familie Bloch. Oft sind auch Grüße aus Annaberg nach Tübingen verzeichnet.

 

 

 

 

In einer kleinen Prozession zog dann die Schar der Bloch-Claus-Jünger in den Kunstkeller Annaberg. Dort hielt Prof. Dr. Günter Peters die Laudatio. Mit seinen Schreib-Zeichnungen oder Laut-Sprechen habe Claus versucht die Verfestigungen in unserer Sprache aufzulösen, um das Verborgene sichtbar zu machen, Neues sprechbar zu machen, Zukünftiges sichtbar, hörbar und damit denkbar zu machen. Mit seinen Zerlegungen habe Claus die fragwürdigen Fehlleistungen in unserer Sprache in Frage gestellt. Mit seinen Experimenten habe Claus versucht den Prozess zu erforschen, der unter dem Schweigen liege. Claus habe den Dualismus von Bewusstsein und Körper, von Geist und Materie überwinden wollen, um nach vorn, ins Offene zu gelangen.

Bloch habe sich in seiner Prosa geweigert den rational-logischen Zwängen der Philosophie zu folgen, habe einen eigenen Duktus einer sinnlichen Sprache entwickelt, um die Welt der Erfahrungen zur Sprache bringen zu können.

Die Clausschen Sprachblätter seien wie Gedankensedimente, die doppelt gesehen, gedreht und gewendet wurden.

Was bei Bloch zu dicken Büchern geführt habe, das sei bei Claus zu Sprachblättern geworden.

Die enzyklopädisch-utopische Denklandschaft bei Bloch forderte zum Mitgehen in seinen Spuren heraus. Besonders Blochs Werk »Das Prinzip Hoffnung« habe Claus beeindruckt.

Bei Claus habe das Blochsche Werk zu permanenten Unterbrechungen, zum Vorarbeiten und experimentellen Umwandlungen geführt.

Blochs Suche habe sich auf Selbstexperimenten und Erfahrungen begründet, in »Um-die-Ecke-Blick-Sätzen«. Damit seien die Sprachgesten von Claus treffend charakterisiert.

Bei Bloch gehe es um die Darstellung des Prozesse vom Bewusstlosen Sein zum Bewusstsein. Dieser Prozess sei noch nicht abgeschlossen. Zukünftiges sei in der Materie latent, aber noch verborgen. Blochs Philosophie habe ins Freie, ins Offene gezielt.

Aber für das Zukünftige fehlen uns die Wörter und die Sprache.

Claus habe sich in seinen Pojektexperimenten darauf konzentriert die Latenz in der Sprache hervortreten zu lassen, habe im Niemandsland zwischen den Künsten und Wissenschaften gearbeitet. Claus habe zur Avantgard einer Geist-Materie, einer kommunistischen Zukunftswelt gehört.

Ihre Auffassung vom Zusammenhang von Natur-Geist und Individuum habe Bloch und Claus verbunden, in einer Freundschaft, wie es fast keine zweite im 20. Jahrhundert gab. Bis zu Blochs Tod habe Claus mit ihm im Briefwechsel gestanden. Beide seien von DDR-Ideologen bedrängt worden. Claus habe Experimente zum Weg vom Unbewussten zum Bewussten angestellt, und sich mit Phänomen des Schlafes und des Traumes befasst. So habe Claus einen Beitrag des geschichtlich nach vorne träumenden Geistes im Sinne von Ernst Bloch geleistet.

Jörg Seifert dankte Prof. Dr. Peters im Namen des Vereines Kunstkeller Annaberg und der zahlreichen Gäste. Es gab an diesem schönen Abend viel Stoff für Gespräche.

 

Kommentar

Man kann den rührigen Organisatoren aus Annaberg-Buchholz und Ludwigshafen nicht genug danken. Mit der Ausstellung erinnern sie nicht nur an eine große Freundschaft, allein das wäre es in unserer Zeit wert, gewürdigt zu werden.

Die Organisatoren erinnern an einen Einwohner von Annaberg-Buchholz, der die eigentlichen Stärken dieser Region, Grübeln,Tüfteln, Nachdenken, sein Leben lang thematisierte, und zudem Kontakte in alle Welt aufrecht erhielt, wirkliche Weltoffenheit praktizierte.

In einer Zeit, in der viele junge Leute die Region verlassen haben, in der ältere Leute zum Rückzug auf engen Grenzen neigen (»Derham is derham«), in der die populistische Massenkultur immer neue Blüten treibt, ist die Erinnerung an Carlfriedrich Claus und Ernst Bloch schon ein Wagnis.

Jetzt könnte man einmal weiter darüber nachdenken, wie man die Erinnerung an Leben und Werk von Carlfriedrich Claus lebendig halten kann. Schon die Frage, ob Claus als bildender Künstler, Literat oder als Philosoph zu zählen ist, reizt zur Diskussion.

Bemerkenswert ist auch, dass der zurückgezogen lebende, schweigsame Quasi-Einsiedler Claus permanent über Sprache nachdenkt. War das ein protestantischer Impuls? Allein die Schrift!? Zudem kommentierte er mit seiner Sprach-Orientierung die Blochsche Philosophie der Hoffnung in einem anderen Sinne als der Meister, ohne dass es beiden auffiel.

Bloch schloss zwar in seinen Leipziger Philosophiegeschichtsvorlesungen das musikalische, bildnerisch-künstlerische und das literarische Denken in seine Darstellung ein, die Eckpunkte waren aber von der auf Bewusstsein, reine Vernunft und Logik orientierten Linie Kant-Hegel-Marx bestimmt.

Bloch lobte zwar, wie sein Freund Georg Lukács auch, Gotthold Ephraim Lessing und Johann Gottfried Herder, machte sich aber nicht die Mühe, die Werke der Literaten für seine Philosophiegeschichte zu erschließen.

So entging Bloch, um einmal meinen alten Redaktor zu zitieren, den ich sonst gern dafür rüge, auch der Herdersche Ansatz, wonach wir uns als Menschen eben nicht in »Bewusstsein«, in »Vernunft« oder »reinem Denken« konstituieren, sondern in Sprache. Um die Sprache seiner Zeit zu analysieren, hatte Herder Literaturkritik betrieben, die bei ihm immer auch Sprachkritik war. Denn nicht in der Wissenschaft wird »Unsagbares« sagbar gemacht, sondern das vermag allein die Literatur. Ebenso kann die bildende Kunst »nicht Sichtbares« sichtbar machen. Bei diesem Sagen des Unsagbaren, sichtbar machen des nicht Sichtbaren, handelt es sich um Poesie.

Ernst Bloch verwechselte dem Anschein nach Hoffnung mit Poesie. Für seine Studenten waren diese poetischen Vorlesungen ein Glücksfall. Aber im Herderschen Sinne ist Hoffnung kein Warten auf einen »Sonnenaufgang«. Hoffnung ist vielmehr der Versuch, in einer Welt ohne Sinn einen Sinn zu finden. Auch, oder gerade in ausweglosen Situationen bedürfen wir solchen Trostes. Im tristen Alltag sowieso. Bloch versuchte ein Leben lang seine linken Freunde davon zu überzeugen, dass es keine Einbahnstraße vom Mythos zum Logos gibt, und dass Mythos und Religiosität nicht »überwunden« werden können, sondern »unsterblich« sind. Erinnert sei hier auch an Blochs Kritik jener Kollegen, die unter der Flagge der »Logik« die Philosophie auf Vernunft, und diese auf das Lösen von Rechnaufgaben zu reduzieren versuchten. Dies sei, so Bloch, nicht einmal Logik, sondern bloß Logistik.

Carl Friedrich Claus machte mit seinen Sprachexperimenten deutlich, dass noch viel mehr »Unabgegoltenes« in Blochs Denken zu finden ist, als dieser selbst glaubte. Insofern war das Claussche Werk auch eine freundschaftliche Bloch-Kritik, im Sinne von Weiterführung tragender Gedanken.

Eine museale Würdigung der beiden wäre daher heute, wie Michel Foucault gesagt hätte, wohl »die edelste Form des Verrats«. Kritik ist auch hier angebracht.

Der schöne Abend in Annaberg regte uns noch einmal dazu an, die Claus/Bloch-Wege weiter zu gehen, und nicht stehen zu bleiben. Deshalb unser Dank an den Verein Kunstkeller e.V. und die fleißigen Organisatoren. Es war ein Ereignis.

Johannes Eichenthal

 

 

Information

 

www.kunstkeller-annaberg.de

 

Zur Ausstellung erschien ein Katalog:

Kennung/en. Ernst Bloch im Werk von Carlfriedrich Claus. Ludwigshafen/Annaberg-Buchholz 2011.

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