Reportagen

Gert Hofmann im Wien

Im Limbacher »Stadt Wien« war am 4. Juli eine kleine Gemeinde zusammengekommen, um einem kulturellen Ereignis erster Klasse beizuwohnen. Aus Anlass des 19. Todestages des in Limbach, in unmittelbarer Nachbarschaft von »Stadt Wien« geborenen Schriftstellers Gert Hofmann (29. Januar 1931 bis 1. Juli 1993), begrüßte Andreas Eichler, ein promovierter Philosophiehistoriker, die Gäste, darunter auch Bürgermeister Klaus Kertzscher aus Niederfrohna. Eichler erinnerte daran, dass Gert Hofmann, ein promovierter Anglist, einer der meistübersetzten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart ist. Am heutigen Abend werde aus einer der Novellen Hofmanns gelesen: Casanova und die Figurantin.

Der junge Virtuose Hannes Heinrich, der gemeinsam mit seinem Bruder Max (beide im Bild am Tisch im Vordergrund) an diesem Abend musizierte, ließ auf der Geige eine irische Melodie erklingen. Kaum waren die letzten Töne verklungen, trat Siegfried Arlt ans Pult. Er las Auszüge aus der Novelle. Die Zuhörer begriffen an diesem Abend den Unterschied zwischen Lesen und Lesen. Arlt vermochte den Buchstaben und Wörtern Leben einzuhauchen, er sprach leise, dann wieder laut, gestikulierte, verfiel in ein Französisch mit italienischem Akzent … kurz und gut: an diesem Tag verwandelte sich Stadt Wien in eine große Bühne, auf der zum ersten Mal ein Schauspiel aufgeführt wurde. Ein einziger Schauspieler vermochte die Zuschauer in eine Welt von vor 250 Jahren zu versetzen.

Zunächst begann Siegfried Arlt tatsächlich mit dem Anfang der Novelle:

 

»In einem kürzlich ans Licht gekommenen Brief an den Portugiesischen Gesandten Da Silva schreibt der Fürst von Ligne (1735 bis 1814) über seinen Freund Giacomo Casanova (1725 bis 1798) unter anderem, wie dieser an einem bestimmten Punkt seines Lebens eine bestimmte unheimliche Begegnung gehabt habe, die sein Leben gewiß geändert hätte, wenn sein Leben an diesem Punkt noch zu ändern gewesen wäre. Denn Ihr müsst Euch, schreibt er, vorstellen, daß er nach seiner Flucht aus den Bleikammern und seiner Verbannung aus Venedig ja immerzu unterwegs und ein Flüchtling und lange wie vor den Kopf gestoßen war und diesen Zustand nur immer wieder durch starke Zerstreuungen hat überwinden können. Und gleich nach seiner Flucht, an einem schönen Junitag, von einem englischen Major, der sein Vermögen im Spiel verloren hatte, in Mailand einen leichten gutgefederten Reisewagen und zwei kräftige Füchse gekauft hat, und in diesem Wagen, hinter diesen Pferden spielt sich nun sein Leben ab, welches ja gut dokumentiert ist. In diesem Wagen also habe er, nach Betätigung eines klug verborgenen Mechanismus, der die breite Sitzbank in ein Bett verwandelt hat, geschlafen, seine Mahlzeiten, meist Suppen, eingenommen, an seinenKomödien, später an seinen Memoiren gedichtet oder sich alle zweit Tage mit viel Schaum vor dem Mund rasiert. (Und natürlich, nach Betätigung des gleichen Mechanismus, seine Damenbesuche empfangen.) … Und dann fällt uns ein, hat er natürlich auch sein inzwischen schon an allen Höfen Europas berühmtes und beredetes lockiges braunes, nun allerdings schon etwas schütteres und angerautes, angeschimmeltes, wie man schon sagte, Haar immer in diesem Wagen gewaschen, der mit seinen steifen Leinenvorhängen und den schwarzen Lederpolstern also nun seine Heimat ist. Doch ist er noch kein alter Mann, auch gesund ist er noch, wenn auch leicht ermüdbar, und wenn er sich in den Vorzimmern dann übernächtigt, aber frisch rasiert präsentiert und seine Komplimente macht, hat er nun manchmal schon Mühe, seine Verzweiflung über den ständigen Wechsel, der nirgends hinführt, zu verbergen, zumal er nicht reich ist und es ihn immer mächtiger zurückzieht nach Venedig. Ja, es zieht ihn nach Venedig, das ist in seinem Leben nun die größte Kraft. Und nun die erwähnte unheimliche Begegnung, die aber auch einen ganz unbeabsichtigten Zug ins Komödienhafte hat und von der sonst keiner weiß, von der er uns aber selber erzählt hat. Eine ganz außergewöhnliche Begegnung natürlich, etwas ganz Einmaliges, aber makaber, doch ergreifend, welche sich an einem heißen Augusttag in Genf, wenn wir uns nicht irren, zutrug, als er ein bereits stark zerknittertes und vergilbtes und in den Falten ganz brüchig gewordenes Empfehlungsschreiben von einem Grafen Bonafede aus Parma in der linken Rocktasche stecken hat, mit dem er vor fünfzehn oder zwanzig Jahren einmal eine Woche lang seine damalige Geliebte, die Podstoli, auch im selben Bett, geteilt hat. (Daß das Schreiben noch in seiner Rocktasche stak, hatte er übersehen.) An eine Baronin Memma, der man gute Beziehungen zu einigen einflußreichen Kaufleuten in Venedig nachsagt, und darum ging es ihm jetzt. Er hat also, wahrscheinlich mit rotem Gesicht und mit leicht offenstehendem Mund – er ist zu schnell gelaufen – in dem Salon der Memma, ungefähr in der Mitte, wie immer ziemlich breitbeinig (wegen eines kleinen Leidens) Aufstellung genommen, hat eine nicht zu tiefe Verbeugung (wegen seines Stolzes) gemacht und in seinem vollkommen korrekten, wenn auch nicht jedem verständlichen Französisch sich wie immer mit dem folgenden Spruch präsentiert: Ich bin Giacomo Casanova von Seingalt aus Venedig, Gelehrter aus Neigung und unabhängig aus Gewohnheit. Ich reise zu meinem Vergnügen, ich bin reich genug, ich muß keinen um etwas bitten. Ich bitte empfangen zu werden. So, in dieser Positur steht er nun eine Weile da. Also gut, also gut! Aber da sei plötzlich etwas geschehen, was noch nie geschehen sei. Da habe es nämlich auf einmal geheißen, die Baronin bedauere, aber sie habe nicht die Ehre, mit einem Signor Casanova bekannt zu sein. Was soll das? Wieso denn nicht bekannt? Aber ihn kennt ja jeder! Ja, hat man ihr denn nicht das Empfehlungsschreiben des Grafen Bonafede nicht überreicht, ruft Casanova, der die Welt nicht mehr begreift, und stößt mit seinem Stock, der einen Silberknauf hat, den er schon zweimal versetzt hat, zweimal auf den Boden. Doch, aber den Grafen kennt sie auch nicht.«

Casanova musste erfahren, dass sein Ruf bei reichen Gönnern verblasste. Man lässt ihn einfach nicht mehr vor. Das passiert ihm von nun an öfter. Auch bei Frauen macht er keinen Eindruck mehr. Gert Hofmann wäre aber nicht Gert Hoffmann, wenn er nicht mit einigen exakten Lebensdaten historische Authentizität vortäuschte. Die ganze Geschichte ist jedoch dem Anschein nach von A bis Z  erfunden, wie wir es von Gert Hofmann kennen. Die unerwartete Wendung, die dem Genre der Novelle eigen ist, die kommt erst, als Casanova seiner Mutter begegnet. Die Lesung jener Szene war vielleicht das Glanzstück des Auftrittes von Siegfried Arlt. Allein wie er Casanovas »Maman« aussprach, Hilferuf und Protest zugleich, war des Zuhörens wert. Das muss man selbst gehört und gelesen haben.

Wir machen deshalb einen Sprung zum letzten Kapitel.

»Und dann, nachdem er die Mutter ohne Zögern ihrem niedrigen Zimmer, das er nun nicht einmal saubergemacht hat, überlassen hat … allein in seiner Kastenkutsche, schwer in das schwarze Polster hineingewühlt, es geht einen Hang entlang, und auf der Wange dieses Hanges …

Wohin, ruft der Kutscher.

Geradeaus.

Da schreibt Casanova, ohne daß er ihn halten läßt, ein paar Sätze in seine Memoiren, die er, da er persönlich nun keine Illusionen mehr erzeugt, zu schreiben begonnen hat. (Unter anderem möchte er den Beweis erbringen, daß er gelebt hat.) Also: ein paar Sätze, die er, ihrer Düsterkeit wegen, dann aber gleich wieder streicht. Er präsentiert sich nämlich am liebsten so, wie er am Anfang war, also heiter, an der Oberfläche. Zum Beispiel schreibt er: Hinter meiner Bemühung, in meine Heimat zurückzukehren, liegt natürlich der Wunsch, zu meinen Anfängen zurückzukehren, und die Begnadigung, nach der ich mich so sehnte, bestünde darin, noch einmal von vorne … Eine Wiederholung also, schreibt er, als die der Erinnerung entgegengesetzte Bewegung. Ein Verlangen, mich fortwährend zu erinnern, aber in die Zukunft hinein. Aber das streicht er dann wieder.

Oder er schreibt und streicht sofort: Nicht nur von meinen Sorgen hat die Mutter bei dieser merkwürdigen Begegnung, die ich nun schnell vergessen will, dann nicht mit mir gesprochen, auch diese Essenz für mein Haar, die sie mir versprochen hat und die mir, wenn auch nicht geholfen, so doch auch nicht geschadet hätte …

Oder er schreibt und streicht: Bei der Gegend, in welcher wir mit unserer Kutsche nun kommen, handelt es sich um ein weites und steiniges Land ohne Menschen, über dem schwarze Vögel (Dohlen?) krächzend ihre Kreise ziehen. So daß der Kutscher dann wieder fragt, welche Richtungen er einschlagen soll, wir aber alle möglichen Richtungen schon eingeschlagen und versucht haben und damit gescheitert sind, wir aussteigen und noch einen letzten Blick in die möglichen Richtungen werfen, auch noch eine Weile zwischen den möglichen Abgründen und Schluchten, auf ihren Kanten, schreibt er, dahingehen, um dann mutlos auf das Geröll zu sinken, aus dem dort die Welt besteht, bis die schwarze Wolke über uns ihre schwarzen Tropfen auf uns … Es ist klar, schreibt er, daß es nur darum geht, mit einiger Kunst einen Abstieg erträglich zu machen, an dessen Ende, völlig kunstlos, der Tod steht.«

Das Publikum war förmlich hingerissen. Noch nie hatte man einen Gert-Hofmann-Text hier auf solche Weise gehört. Der Schauspieler und Sprecher Siegfried Arlt machte auf das Potenzial aufmerksam, welches in den Novellen Hofmann steckt. Diese Texte schreien geradezu nach Hörspielfassungen.

Birgit Eichler dankte den jungen Musikern und Siegfried Arlt. Dabei verlas sie eine Karte von Eva Hofmann, der Witwe Gert Hofmanns.

Das Wirtsehepaar Petra und Siegfried Hoyer dankten Siegfried Arlt mit dem Ehrenwohnrecht in Hoyers Heimathaus.

Zu vorgerückter Stunde stellte sich der harte Kern des Stammpublikums noch einmal dem Fotografen.

Andreas Eichler machte darauf aufmerksam, dass die Novellen wahrscheinlich die Stärken Gert Hofmanns am besten hervorheben. Auch in der Casanova-Novelle resultierte das Amüsement für den Hörer daraus, dass er den Namen Casanova als den unsterblichen Verführer kennt, und die Schilderung von Altersschwäche und Erfolglosigkeit als einen ironischen Gegensatz begreift, der beim Hörer/Leser zu tragikomischen Assoziationen führt.

Dies sei auch der Unterschied zu einer anderen großen Casanova-Novelle. Arthur Schnitzler hatte diese 1918 unter dem Titel »Casanovas Heimfahrt« veröffentlich. Anders als Hofmann sei Schnitzlers Text, ähnlich einer Gustav-Mahler-Symphonie, von einem Hauch von Abschied durchdrungen. Abschied von einem untergehenden Zeitalter.

Gert Hofmann verweist uns statt dessen darauf, dass auch »Unsterbliche«, wie der ewig junge Verführer Casanova, einmal alt und schwach werden. Aber, hier stellt Hofmann das Heldentum Casanovas am Ende heraus, trotz aller Misserfolge und des Alters, besitzt Casanova eine hohe Denkversessenheit und Wachheit. So die letzten Worte Casanovas, die er in sein Notizbuch schreibt: das Leben, nach dem Aufstieg zum Gipfel, ein allgemeiner Abstieg, der lediglich durch Kunst etwas gemildert werden kann.

Um nicht zu pessimistisch zu enden, uns und Casanova zum Trost ein Ausspruch Gustav Mahlers: Man muss nicht unbedingt dabei sein, beim Unsterblichwerden.

Johannes Eichenthal

 

Information

Das Werk Gert Hofmanns wird vom Carl-Hanser-Verlag München/Wien betreut.

www.hanser.de

Taschenbuchausgaben der Werke Gert Hofmanns sind beim Deutschen Taschenbuchverlag München erhältlich

www.dtv.de

Im Mironde-Verlag erschien 2011, anlässlich des 80. Geburtstages Gert Hofmanns seine Novelle »Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga.«

www.mironde.com/Buchversand

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